Ausgabe 
21.7.1915
 
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gliicksjahr Frankreich auch noch, ersäuft werden solle. Herr Jules Baroche stand, in einen seidenen Schlasrock gehüllt, aber sonst fertig zum Ausgehen angekleidet an dem hohen, breiten Fenster seines eleganten Frühstückszimmers und starrte in den trüben Morgen hinaus. Er war groß und hager und hatte ein schmales, faltiges Ton Quichotte-Gesicht, von dessen Kinn ein weißer Kne­belbart wie ein dicker Eiszapfen heruntertropfte.

Tas Frühstück stand unberührt. Tie flackernden Flammen des Kaminfeuers warfen zitternde Reflexe auf beit kostbaren Perser- tcppick, sie spiegelten sich in dem schweren Silbergeschirr, das auf der Tainastdeckc des Tisches stand und in ihrem Schein golden anfglühte. Jules Barockst sah nichts von der ganzen Herrlich­keit. Seit einer Stunde starrte er hinüber nach dem Städtchen Bcauville, das er bis vor kurzer Zeit als Bürgermeister beherrscht batte. Seine Billa lag etwas von der Stadt entfernt neben seiner Fabrik auf einer Anhöhe. Er tonnte ganz Beanville überblicken. Las, in einen feuchten Tampf gehüllt, trüb, schwarz und melair- cholisch vor ihm lag mit deni viereckigen Rathausturm m der Mitte. Wie ein drohend erhobener Finger sah dieser Turm von ferne aus. Jules Baroche stöhnte. Jetzt war es halb zehn Uhr und er hatte sich feierlich) verpflichtet, um zehn Uhr den Major Rochow zu erschießen, den die Deutschen als Ortskommandanten eingesetzt hatten und der jetzt ahnungslos dort im Rathaus saß.

Wie ein wüster Traum erschien ihm das jetzt. Immer lmeder fuhr er sich mir der seu ästen Hand über die Stirne, als ob er damit seine Gedanken wegwischen könnte, aber sie wichen nichts Wie ganz anders hatte er sich diesen Winter vorgestellt! Als der Krieg ansbrach, war er eben im Begriff gewesen, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen. Tie Leinwandfabrik, die er aus kleinen Anfängen zu hoher Blüte gebracht hatte, sollte sem Schwiegersohn übernehmen, der jetzt irgendwo in einem Schützen­graben lag. und er selbst ivollte einmal aufatmen, zum erstenmal seil dreißig Jahren einen vergnügten Winter in Paris verlebe::. Alles war nichts, alles halten ihm die Preußen verdorben mit ihrem Krieg. Wenn sie durchaus die Welt erobern wollten, so konnieir sie damit doch wenigstens warten. bis er gestorben war^ Wie er sie haßte, diese Preußen, diesen dicken, alten Major, der da drüben in seinem einstigen Amtszimmer saß und mit einem Tutzcnd Uandwehrleutcn ganz Beanville in der Hand zu haben glaubte. Glaubte! Baroche pfiff durch die Zähne. Glaubte!! Ter dicke Major wußte nicht, wie es unter der ruhigen Oberfläche gährte, nickst, daß l)eute schon der Aufruhr losbrechen würde. Seit Wochen war die Patriotnüiga heimlich am Werk, jeder Mann in Beanville ivnßte, was er zu tun hatte, wenn die Sturmglocke läutete. Wie ein Blitz mußte:: sie über die kleine Besatzung kommen, die hilflos war. wenn der Kommas deur fehlte. Mit Begeisterung hatte er gestern abend, als die entscheidende Sitzung der Patriotenliga in seinem Hause statt­fand, sich? selbst erboten, den Major auf sich zu nehmen. Es war der schönste Augenblick seines Gebens gewesen. Mle jubelten ihm zu. drückten ihm die Hände, umarmten ihn. Gvnz Frankreich würde dem Beispiel von Becuwille folgen mrd sich erheben wie ein Mann, wenn erst einmal an einen: Platz reiner Tisch gemacht lvar, wenn sie sahen, wie leicht es ging.

Jetzt, im kalten Licht des.Myrgens stiegen dem Bürgermeister allerlei Bedenken auf. Er war seiner Sache nicht mehr so ganz sicher wie am Abend vorher, als der schwere Wein die Begeister­ung mächtig aufflammen ließ. Ohne daß er sichs selbst recht eur- geslehen mochte, bedauerte er fast, sich so sehr in den Vordergrund gedrängt zu haben. Er hatte noch nie einen Menscher: ersclioffen das mar auch so eine Sache. Würden seine Hände nicht zittern, würde er nicht der: Mjut verlieren? Und dann wußte mar: nie sicher, rvie so etwas ausging. .Wenn etwa der Major z u e r st schoß? Jules Baroche wurde ganz kalt bei diesem Gedanke::.

Tie Uhr über derr: Kanrin schlug dreiviertel zehn Uhr. Mit einem energischen Entschüch schlüpfte Jules Baroche aus seinem Sckstafrock und kleidete sich vollends an. Ter Diener brachste den Ueberzieher, die Gummischuhe nnd einen Regenschirm. Als er das Zimmer wieder verlassen hatte, steckte Jules Barocke einen kleinen, niedlicher: Revolver :n die Tasche, die sich komisch bauschte, als stecke ein Llpfel drnmen. Gut, daß er sich rvenigstens von nie­mandem zu verabschieden brauchte. Frau u:ck> Tochter waren im Süden. Er roarf einen langen, schmerzlichen Blick auf den ihm lieb gewordenen Raum und dann ging er. Ms die Haustür hinter ihm: ins Schloß fiel, schauerte er nervös zusammen. Er rvar fertig mit dem Leben. Mit zögernder: Schritten ging er hinab zur Stavt. Nur ein ganz aufmerksamer Beobachter hätte merken können, daß fick) in Beanville etwas vorbereitete. Es standen trotz des Regerl­wetters mehr Männer als sonst auf der: Straßen uml-er, die Jules Baroche mit gespaunter Aufmerksamkeit rmchblickterr. Bor der Kirche, dem Rathaus gegenüber. traf er Jean Labarbe. Er rvar ein kleiner dicker Mensch mit einen: scharf geschnittene:: Ge­sicht. der sich einbildete, ein Doppelgänger des ersten Napoleon zu sein und der nicht lvenig stolz darauf war. Er hatte die Auf- aabe, im rechten Moment, sobald der Leinerveber mit dein deut­schen Major fertig war, das Zeick-en zum Läuten der Sturmglocke yu geben. Darauf wartete er, die Arme über die Brust vcrschrärrkt, und starrte in die Lust. Jules Baroche begrüßte ihn.

Biel Glück," sagte Labarbe. Darur zog er die Brauen hoch), es fiel ihm auf, daß Baroche kreidebleich war.

Nun?" fragte er verwuichert.

Jules Baroche hörte die Frage gar nicht, es lag ihm wie ein Nebel auf allen Sinnen. Eine rmgeheure Aufregung hatte sich seiner bemächtigt, er zitterte an allen Gliedern und befaß nur noch soviel Selbstbeherrschung, daß er geradeaus lief. Er wußte, daß er um kehren würde, wenn er jetzt nur erst stehen blieb. Sein Herz schlug :vie ein Hammer. Er stolperte die Rathaustreppe empor, sah wie durch einei: Borhaug die Landwehrleute, die in einem Dartcrrezimmer die Wach? hatten und klopfte endlich :M ersten Stock an die Tür seines einstigen Amtszimmers.

Herein!" schrie drinnen jemand so laut und energisch, daß der Bürgermeister znsammenfuhr.

Ter Major war eben mit dem Frühstück fertig. Ter Tiener stellte das Porzellan auf einem Seroierbrett zusammen, als Jules Baroche eiutrat. Major Rochow verknüllte die Serviette, tvarf sie auf den Tisch Und erhob sich-. Er war groß nnd breit, mit einem glatt rasierten, irttelligenten Gesichit.

Ah. welche Ueberraschung!" sagte er liebenswürdig in aus- ausgezeichneten: Französisch.Willkommen, Herr Bürger­meister !"

Er schob dem Besucher selbst einen Stuhl zurecht, wahrend der Tiener Hut und Schirm des Bürgermeisters nahm und schüttelte ihm kräftig die Haud. Baroche setzte sich ängstlich und widerlvillig und deckte die Linke über die gebauschte Tasche, welche den Revol­ver barg. Rochow schob ihm die gefüllte Zigarrenkiste zu. Ter Franzose wollte abwehren, aber feine Zigarre brannte, ehe er selbst lvußte, wie.

Jules Baroche fühlte sich immer unbehaglicher. Ans dem mächtigen bartlosen Gesicht des Offiziers sahen ihn ein Paar graue, scharfe Angen ruhig und durchdringend an. Nervös wandte er den Blick weg imd sah auf die Hand des Alten, welche die Zigarre hielt. Es war eine große, schvere Hand, wohlproportio-' merk, mit starken Sehnen. Wen diese Hand ergriff! Der Bürgermeister schauderte, wenn er das zu Enoe dachte.

Nun darf ich wohl fragen, was Sie zu mir führt?" Jules Barockst fuhr aus, als ob er eben aus einen: Traum erwachte^ Er fühlte, daß er erblaßte, aber er nahm sich zusammen.

Er hatte sich eine große Rede zurechtgelegt. Nicht ime ein Räuber wollte er den Major überfallen, den ganzen Schmerz Frankreichs, die ganze Wut des Volles wollte er ihm ins Gesicht schleudern, ehe er zum Revolver griff.

Herr Major," sagte er und versuchte, sich droheiw zu räus­pern,Nordsrankreich ist verwüstet, die Bewohner verarmt, die Industrie ve:m:chet.

Ja, ja," erwiderte stiochow, als der Franzose eine kurze Pause mache,das ist traurig, ich weiß es; aber wir beide werden es wohl nicht ändern könne::/'

Unsere Industrie ist vernichtet," wiederholte Baroche, der den Faden seiner Rede in der Erregung plötzlich verloren hatte.

Ter Major blies eine mächtige Rauchwolke gegen die Tecke.. Er verstand nickst, worauf der Franzose hinaus wollte. Er :var dock) nwhl nich nur deshalb gekominen, um sich Trost zuspreck-en zu lassen.

Bei Ihnen hier ist es übrigens nicht einmal.so schlimm," sagte er.

stttckst schimm?" Baroche reckte sich empor.Nicht sästimm? Wie könne:: Sie das sagen! Wissen Sie, was ich sonst verdiente und :oas ich jetzt verdiene?"

Wenn Sie cu:ch jetzt nur fünfzig Prozent..."

Fünfzig Prozent!" Ter Bürgermeister wurde rot wie cin Krebs und rang die:che.Wie können Sie daS sagen. Ich» fetze zu! Sehen Sie ^

Er fanrb auf, um näher an den AÜajor heran zu kounnen, hielt diesem die gespreizten Finger vor die Llugen und begann zu reden, zu rechnen. Er rechnete feine Ausgaben vor und feine Einnahmen, Punkt für Punkt. Je länger er sprach, desto mehr geriet er in Eifer. Er l>atte die Patriotenliga. den Revolver in seiner Tasckst. die Befreiung Frankreichs alles vergesse::. Er lvar mir Geschäftsmann.

Und so steht es mit allen von :ms, wir gehen zugrunde," jammerte er.und roer hilft unS?"

Ter Major begann zu verstehen.

Tas ist ein inerkwürdiger UnfaU," sagte er, nackfidem er eine Weile geduldig zugehört hatte.Ich habe heute morgen," er nahm ein großes Kuvert von einem Seilentisch,-luftrag er- l)alten, große Warenvorräte zu requiriere::, und ich dachte eben daran, Sie zu mir bitten yu. lassen, als Sie selbst kamen. ES handelt sick; um große Warenposten verschiedenster Art."

Damit entfaltete er einen großer: Bogen vor Jules Barocks, den: plötzlich das Sonderbare der Situatior: zum Bewußtsein kam^ Statt diesen Mann zu erscksteßen.. 2lch :vas. dachte er. Und dann zog er sein stiotizbivch, um sich die Mlfträge zu notteren, die ihn persönlich an gingen.

Eine Stunde später ging es im Nebenzinlmer des ersten Weinrestaurants von Beanville sehr erregt zu. Jean Labarbe tobte vor Wut u:tt> nannte der: Bürger:neister eine:: Berräter Und einen Spion, es fehlte :venig, so iväre zuletzt hier noch Mut geflossen. Aber gelang, die beiden zu trenne:: nnd als Barocks Ungefähr auszählte, :oas der Major alles brauchte gegei: bares