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Damit verschwand der Förster im Gehölz. Der Baron schlich vorsichtig bis an den Waldrand vor und wartete. Endlich trat aus der gegenüberliegenden Schonung, argwöhnisch sichernd, ein starker Rehbock. Und schon rollte ein scharstr Schulz über die Blöße. Das Wild inachte einen Sprung und lag. Dann rührte sich eine ganze Weile Nichts. Rach einer Biertelstuiide erschien der Müller. Geduckt, die Büchse nachschleppend, schob er sich über das Feld. Jetzt ging der Baron vor. Ohne Unfall gelangte er in eine Entfernung von zwanzig Schritt. Der Müller sah ihn nicht. Fritz von Winkelberg hob die Flinte, um sich zu sichern. Da knackte unter der Sohle des Försters, der sich durch die gegenüberliegende Schonung heranpirschte, ein Zweig. Blitzschnell fuhr der Müller herum, bemerkte den Baron, riß die Büchse an die Wange und drückte ab. Fast gleichzeitig dröhnten zwei Schüsse durch die Stille der Hcrbstnacht. Fritz von Winkelberg fühlte plötzlich einen scharfen, stechenden Schmerz neben seinem Herzen und sank ohnmächtig zu Boden. Das war die Kugel des Müllers. D-er aber siel eine Sekunde später, von bcu Rehposten des Försters übel zugerichtet, auf das Wildbret. Ueber ihn hinweg sprang Karl Ruppert zum Baron, der sich erholt hattie, sich mühsam aussetzte und die.Hand auf die Wunde preßte. Der Förster riß ihm Weste und Hemd mit einen! Schnitt entzwei und untersuchte die Wunde. Das Blut rann nur schwach. Eine Rippe auf der rechten Seite war zerschmettert. Die Kugel war dadurch von ihrer Bahn abgelenkt worden. Das Herz schlug sehr kräftig, aber auch sehr unregelmäßig. A.us den Fetzen des Hemdes und den beiden Gewehrriemen machte Karl Ruppert einen Notverband, mit dem er das Blut glücklich zum Stehen brachte. Dann hüllte er den Verwundeten in seinen Rock und lief ins Dorf nach Hilfe. Währenddessen kam Christian Reuschel auf die Beine und schleppte sich, gestützt auf seine Büchse, zu seiner Mühle hin. Nus einer Leiter wurde der Baron, der in tiefer Ohn- macht lag, ins Schloß getragen und sorgsam auf das Bett gelegt. Thomas Hauschild sprengte in Karriere nach Zdurot- schin zu Doktor Bielschowsky. Der Förster blieb bei dem Verwundeten, bis er von Moritz Gassel, den mau noch mitten in der Nacht von dem Unglückssall benachrichtigt hatte, abgelöst wurde.
Unter Sturm und Regen dämmerte ein trüber Morgen herauf.
XXV.
Bleich und regungslos, mit geschloffenen Augen, ruhte Fritz von Winkelberg in den Kissen. Die Ohnmacht wollte noch immer nicht von ihm weichen. Kurz vor sieben Uhr, um welche Zeit die Schule anfing, kam der Förster wieder. Moritz Gassel sprang schnell das Dorf hinunter, gab den Kindern ein paar schriftliche Arbeiten, ermahnte sie zur Ruhe und lief wieder ins Sckfloß zurück. Hier mußte er zunächst Cäcilie und den kleinen Günther beruhigen, die schon nach dem Vater schrien. Dann schlich er wieder ins Krankenzimmer. Flüsternd fragte er den Förster, wer den Schuß abgegeben hatte. Der wollte nicht mit der Sprache heraus und sah furchtsam nach dem Baron hinüber, der eben mit der rechten Hand eine schwache Bewegung machte. Gleich darauf öffnete er die Augen. Wirr und matt schweiften seine Blicke im Kreise. Er mußte sich erst zurechtfinden. Endlich dämmerte ihm eine schwache Erinnerung auf.
,-Jst Knorreck schon da?" fragte er tonlos.
Moritz Gassel schüttelte den Kopf.
„Kirorreck soll kommen!" befahl der Baron und schloß die Augen.
Mer Förster lief sofort hinunter, um einen Boten nach Zdurotschin zu schicken.
Als er zum Gesindehause hinüber wollte, prallte er mit Thomas Hauschild zusammen, der eben im Galopp durch das Hoftor kam.
„Dei^Doktor ist schon unterwegs!" rief er und wollte aus dem Sattel springen.
„Der Inspektor soll kommen!" sprach der Förster. „Er hat eben nach ihm verlangt."
Thomas Hauschild riß den Gaul auf der Stelle herum, daß er stkg, und preschte wieder zum Tore hinaus. Karl Ruppert klomm die Treppe hinauf, ging aber nicht ins Krankenzimmer, sondern setzte sich ins Arbeitszimmer und ließ lßSn Kopf hängen. Denn er hatte ein schweres Gewissen wegien der Rehposten, die er dem Müller in die linke Seite gesetzt hatte.
™ ^ ^uterdessen hatte der Baron zu trinken verlangt. Moritz Gassel hob ihm den Kopf und hielt ihm ein Glas Wasser an
die Lippen. Durch diese Bewegung wurden die verwundeten Luftwege beunruhigt, und der Atem ging Plötzlich ruckweise und röchelnd. Endlich kanl ein starker Bluthusten, der schnell Erleichterung schaffte.
Zwei Glas Wasser trank der Baron, dann sank er in Kissen zurück. Geschlossenen Auges begann er zu sprechen. Nur mit den Lippen bildete er die Laute. Moritz Gassel mußte ganz nahe h-eranrücken, um dieses tonlose Flüstern zu verstehen.
„Ich muß sterben!" sprach Fritz von Winkelberg ruhig. „Ich fühle cs in meinen: Herzen. Die Kugel drückt daraus. In ein paar Tagen wird sie es erdrückt haben!"
Moritz Gassel wußte nichts daraus zu erwidern und ließ traurig den Kopf hängen.
„Ich kenne mein Herz genau!" fuhr der Baron fort. „Ich habe es zwanzig Jahre lang studiert. Morgen, spätestens übermorgen wird es aufgehört haben zu schlagen!"
„Herr Baron!" preßte sich Moritz Gassel durch die widerspenstige Kehle und schluckte die Tränen hinunter. „Sie dürstn nicht die Hoffnung verlieren!"
„Was haben wir Menschen für eine Hoffnung?" antwortete der Baron. „Nur eine: das Grab."
„Der Arzt ist schon unterwegs!" meinte Moritz Gassel kleinlaut.
„Gegen mein Herz kann er nichts ausrichten!" flüsterte der Baron hastig. „Es geht seinen Weg, ich fühle es deutlich Bis jetzt hatte ich es in meiner Gewalt gehabt. Nun ist es mir entschlüpft."
Erschöpft schwieg er, und Moritz Gassel trat zum Fenster, um nach, dem Arzt auszuschauen. Endlich sah er eine Kutsche aus dem Walde rollen. Das konnte Doktor Bielschowsky sein. In einer Viertelstunde mußte sie da sein. Plötzlich wurde der Baron unruhig.
„Ich muß mein Testament machen!" sprach er lebhafter und suchte sich aufzusetzen. „Stecken Sie mir ein paar Kissen hinter den Rücken. Und dann Papier und Feder!"
Moritz Gassel brachte das Verlangte, aber Fritz von Winlelberg war nicht imstande, die Feder zu führen. Er reichte sie Moritz Gassel und lehnte sich in die Kissen zurück.
„Soll ich die Kissen wieder sortnehmen?"
„Nein!" flüsterte der Baron. „Das Sitzen ist mir zuträglicher. Schreiben Sie, ich werde Ihnen diktieren. Holen Sie den Förster herein, damit er zeugen kann, wenn's not tut."
Karl Ruppert trat an das Fußende des Bettes und hörte genau zu, was der Baron diktierte.
„Mein letzter Wille. Ich ordne an, daß das Majorat Britzkawe bis zur Großjährigkeit meines einzigen Sohnes von meinem Inspektor August Knorreck verwaltet wird. Ich lege in seine Hände sämtliche Vollmachten, die mir als Majoratsherr zu Gebote stehen. Ich übertrage ihm ferner die Vormundschaft über meine beiden unmündigen Kinder Cäcilie und Günther und bestimme ausdrücklich, daß sie niemals mit meiner Stiefmutter in Berührung gebracht werden dürfen. Jich befehle, daß dieser Frau unter keinen Umständen das Betreten des Gutes Britzkawe gestattet wird. Die Erziehung meiner Kinder übertrage ich .Hedwig Knorreck."
Hier machte Fritz von Winkelberg eine lange Pause, und der Förster wischte sich verstohlen über die Augen.
„Da für meine persönlichen Verbindlichkeiten," fuhr der Baron fort, „das Majorat nach meinem Tode nicht hastet, lege ich meinem Sohne hiermit die ernste Pflicht ans Herz, am Tage seiner Großjährigkeit meine Schulden zu tilgen mit Zinsen und Zinseszins."
Dann mußte Karl Ruppert das Testament laut vorlesen, und Fritz voi^ Winkelberg setzte mit vieler Müh>e die steilen, eckigen Schristzüge seines Namens darunter. Noch konnte er Moritz Gassel bitten, das Blatt in den Geldschrank zu legen, dann war's mit seiner Kraft zu Ende, und er verlor wieder die Besinnung.
(Fortsetzung folgt.)
Die patriotenllga.
Skizze von M. Johannes.
Die Erde dampfte und der Regen rauschte eintönig tvk dtf Gießbach vom dunkelgrauen Himmel. Seit Tagen, feit Wochen gm- das so, vran konnte glauben, daß zu alfem andern in diesem


