aber sonst recht wenig Sinn für offene, mitteilsame Kameradschaft zeigte.
Auch heute morgen, bei diesem furchtbareil Granathagel, hockte er allein in seinem kleinen Erdloch, duckte sich, wie all d:^ anderen, unwillkürlich, wenn solch riesiger, stählerner Todesvogetr allzutiei über den Graben dahinsauste und dann fünfzig oder hundert Meter hinter ihn: den Boden zerwühlte.
Leutnant B. beobachtete von seinem Unterstände aus den seltsam scheuen und verschlossenen Menscl>cn. Jetzt trat Günther m den Schützengraben und blickte mit sinnendem Auge rückwärts in der Richtung auf das Granathäu^-ck-eu. Ein Schrapnellregen hatte gar arg in der Fliederhecke gehaust und die lieblichen Blüten streben wie angstvcrstörte Frühlingsgcisterchen umher. Da duckte sich Soldat Günther und gebückt kroch er im Schützengraben entlang und trat in den Offiziersunterstand.
„Nanu. Günther! Wo fehlt's denn?!"
„Herr Leutnant ich möcht' um etlvas bitten!"
„Da schießen Sie mal los!"
„Heut' ist Psingstsonnabend. Herr Leutnant, und da haben wir zu Hause einen alten, guten Brauch."
„2lha! Pfingstmaien stellen Sie in Stub' und Haus, gelt?"
Er nickte heimatversonnen.
„Das tun wir auch. Günther! Ein schöner, alter Brauch. Aber was hat das mit Ihrer Bitte zu tun?"
„Hier gibt es keine Jungbirken. Herr Leutnant, aber da driiben an: Granatenhäuschen, da zausen die Schrapnells die schönen Fliederbüsche ^ Jammerschade um die herrlichen Blüten. Und damit wir wenigstens unsere Unterstände ein bissel wie Pfingsten Herrichten können, wollt ich Herrn Leutnant bitten, daß ick mich einmal da hinüberpirschen und ein paar Arme voll Flieder holen darf. Die Kameraden würden sich freuen."
Leutnant B. besann sich einen Augenblick, dann sagte er: „Nein, das erlaube ich nicht. Es tuitj mir leid, daß ich Jhnerr die erste Bitte, die sie mir stellen, seit Sie bei der Kompagnie sind, abschlagcn muß. Aber um des Flieders willen darf ich Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen, und außerdem kommt ja, »vie Sie vielleicht noch nicht wissen, der Kaiser heut nach unfern: Gesechts- abschnitt, sogar vielleicht bis in die vorderste Linie. Was meinen Sie, lvas Majestät sagen würden, wenn er Sie mit Fliederbüschen im Arm hinter der Front herumkrauchen sähe?"
Ta ging Soldat Günther kleinmütig von dannen, und Leut- nartt B. erschien es, als habe der Brave feuchte Augen ob des! Versagens der Bitte.
Immer furckstbarer funkten die jenseitige:: Batterien in unsere Stellungen, außerdem bekäme:: :vir seit einer Stunde aus einen: zerschossenen Gehöfte l-albrechts Flankenfeirer aus englischen Maschinengewehre::. In einen: fort pinkte es längsseitig in unsereU Graben, und die am meisten nach recksts zu gelegenen Schulterwehren »vurden nicht übel mit Blei gespickt.
Da husckste wieder Soldat Günther in: Schützengraben entlang und sprang in den Offiziersunterstand. Er war aufgeregt und verlegen. Leutnant B. rief ihn: zu: „Mann, sind Sie vost Sinnen, bei diesem scheußlichen Flankenfeuer, hier spazieren zu Hüpfen?!"
„Herr Leutnant, ich wollt' bloß noch einmal fragen, ob heute wirklich der Kaiser kommt?"
„Cs ist heilte früh in: Morgenbefehl gekommen von der Division: Se. Maj. der Kaiser sind auf den: Sckstachtfelde eingetroffew und bcabsickstigen. einzelne Gesechtsabschnitte zu besuchen. Weiter weiß ich natürlich auch nichts."
„Ob er auch in unsere Stellungen kommt?"
„Vielleicht. Mer tagsüber natürlich wohl kaum. Der hohe Herr hat selbstredend wichtigere Pflichten, als sich de::: schweres Feuer der vordersten Linie auszusetzen. Möchte:: Sie Majestät gern sehen?"
„Nicht bloß sehen, ich möchte ihn: eine Freude machen!" Und dabei sah er betreten zu Boden, :var ganz verlegen und zitterte ein wenig.
„Ja. Günther, das wollen »vir ja alle, den: Kaiser Freude machen."
„Jawohl, Herr Leutnant. aber ich, ich, ja, ich habe noch etlvas gut zu macken an unser::: Kaiser."
„Sie?"
„Jawohl, Herr Leutnaitt! Ich Hab' vor drei Jahren 'mal zwei Monate gesessen wegen Majestätsbeleidigung, es »var auch gerade am Psingstsonnabend, und jetzt, in diesen: Kriege habe ich erst so recht erkannt, »vas für ein großer, herrlicher Mensch unser Kaiser ist, und »oenn er zu uns in die Stellung kommt, da wollt ich ihm zeigen, daß ich jetzt ganz anderer Ansicht bin wie früher, und daß ich de:: letzten Tropfen Blut für den Kaiser hingeben null."
Leutnant B. hatte Soldat Günther ausreden lassen, dann reichte er ihn: die Hand und sagte: „Sie sind ein braver Keck, Günther. Und daß Sie voll und gairz Ihre Pflicht getan für Ihren Kaiser, kann Ihnen niemand besser bezeugen als ich, Ihr Kompagnieführer, aber »venn Sie meinen, daß Sie noch ein- besonders wackere Tat unter de:: Augen Ihres Kaisers vollbringen» müßten, um Ihr Geivissen zu beruhige:: und vor sich fcfbft wieder die alte Achtung zu gewi::nen, so tun Sie es in Gottes Namen."
Und jetzt glänzten des lieben Jungen A::gen in Stolz und Eifer und er huschte in seiner: Unterstand, tauschte den Helm mit der
Feldmütze, schwang sich dann rücklvärts aus dem Schützengraben und kroch in der Richtung nach dem zerschossenen Gehöft davon.
Nach etwa dreistündigen:, mühseligem Schleichen und Kriechen befand er sich dicht vor dem Wäldchen, in welchem das mit dem Maschinengewehr besetzte Gehöft lag. Das Wäldchen aber waren junge, frische, in: linden Mittagswinde sanft rauschende Birken.
„Pfingstmaien!" jubelte Güntl-er. und er hätte sich vor Freude säst verraten. Sofort faßte er den Entschluß, von dem frischen Grün soviel zu kappen und zurückzuschleppen, als er erraffen konnte Der Schützengraben sollte pfingstlich geschmückt werden, Heimatstrant den Kameraden zur Freude. Wupp! Wupp! sauste sein scharfes Seitengewehr in die Bäumchen und zahllose Aefte und Zweige, .frischgrün, fielen zu Boden. Nach langer, mühevoller Arbeit hatte er einen großen Buschen der Zlveige gekappt und band^ sie mit einem Strick zusammen. Dann stteß er, von Stamm zu Stamm, von Busch zu Busch huschend, durch den Wald, bis er dicht unter der Mauer des zerschossenen Hauses stand, und da säße»: im Giebel drei englische Burschen, hatten ein Maschinen^- gewehr in den Sims eingestellt und funkten in kurzabgehacktem Rattern recht fröhlich flankierend in die deutschen Schützengräben. Sie pafften dabei sorglos Zigaretten, witzelten und lachten und ahnten nicht, daß ein wackerer deutscher Musketier ihnen auf den Pelz rückte.
Günther schob vorsichtig sein Gewehr durch den gegen Sicht schützenden Busch, legte au und zielte. Kaum vierzig Schritt entfernt, saßen die Halunken. Aber noch ehe er abkrümmte, durchslog ihn der Gedanke: Wenn nun noch mehr solcher englischer Brüder in der Bude sitzen? Dann würde er rnchts erreichen, dann kömttc er zwar zwei oder drei der Burschen abschießen, aber das Maschinengewehr würde er nimn:ermehr bekommen, höchstens selbst eins damit ausgebrannt. Er zog deshalb sein Gewehr »vieder zurück, sicherte und suchte sich in der zerschossenen Mauer eine Bresche, durch die er in das Gehöft einstieg. Als er sich durchgezwängt« kroch er Zoll um Zoll auf den: Bauche über den mit Geröll und Schutt und brandigen Balken angefüllten Hof. Da scholl ihm ein Lachen und Johlen entgegen und ein klatschend Geräusch, als »venn Karten auf den Tisch geklftscht »vürden. Der Lärm kain aus einem Keller des Hauptk-auses, dessen Tür weit offen stand. Und vor der Tür stand eine P»iramide zu fünf Gewehren. Jetzt überlies es Soldat Günther heiß und kalt. Er saß zwilchen zwei Feuern. Wie gut, daß er vorhin die drei Burschen hinter dem Fenstersims nicht abgeschossen!
Er versteckte sich hinter einen große»: Schutthaufen und überlegte. Was »var jetzt zu tun? Ei»:er gegen mindestens acht! Besser 2 kehrt gemacht und Verstärkung geholt! Ta gedachte er seines Kaiser ! Er hatte ja eltvas gut zu machen an ihm. Und wenn er ihft heut oder morgen vielleicht gar zu sehen bekäme, den allerhöchsten Kriegsherrn, wollte er nicht die Augen Niederschlagen müssen. .Also draus? Und »venn es dabei mit ihin zu Ende pinge!
Aber dabei die Besonnenheit und Ruhe n:cht verlieren! Er sah sich die Kcllertür an. Eine feste, eichene Tür ohne Schloß. An der Pfoste »var nur ein Rundeisen, an einem Nagel darüber hing gn einen: Kettchen ein sogenannter Stecker, ein dicker, eiserner Stift. An der Tür selbst »var eine eiserne Oese, die tu das Rundeisen einschlug, »venn »nan die Tür schloß, und dann wurde der Stecker .durch die Oese geschoben. Also konnte dann die Tür »:ur von äußen, nicht aber von innen geöffnet werden. Das war alles sehr gü»:stig. Dam: prüfte Gültther mit seinen Blicken die Kellerfenster. Es »varen derer: drei da, niedrig, mit je einem Krenzeisen verwahrt. Wennt der Keller nur den einen Engang hatte, konnten die drin Befindlichen leicht gefangen »verden. Aber sie würden Lärm schlagen und die drei an: Maschinengewhr arbeitenden Kaineraden alarmiere::. Es »var eine verflixte Sache! Wenn er nur wenigstens noch einen einzigen Kameraden mitbehabt hätte. Er überlegte sich nun ganz genau die Reihenfolge seiner Handlungen. Zuerst die Tür zuschla- gen und den Eisensttft in die Oese gestoßen, dann mit einein Satz um die Hausecke, daß er die drei ain Maschinengewehr vor die Flinte bekam, die unschädlich nmchen, dam: zurück zur Gewehrpyramide und die Schlösser aus de:: Gewehren nehmen und in den Wald sckstendern. Und nun ging er ans Werk. Ganz, ganz^leise, mit verhaltenem Atem, Zoll um Zoll, auch ängstlich seinen Schatten beobachtend, daß dieser ja nicht den Kettereingang traf, schlick) er hinter die Tür.
Teufel, da lag auch noch ein Stein vor der Tür, der sie am Zuschlägen hinderte.
Da bückte er sich, griff »vie ein Dieb um die Tür und stchob ganz, gan§ vorsichtig den Stein beiseite, aber einer im Keller mußte doch die Hand gesehen haben.
„A liand!" schrie es drunten auf Englisch. Mit Tumult sprang mai: auf, da krach, flog die Tür zu u»H> just in: letzten, aller-, allerletzten Teil eines Augenblicks stieß Günther den Eisenzapfen in die Oese. Sei »varen gefangen. Mit riesigen Sprüngen flitzte er um das HcuB. Da saßen die Drei an: Maschinengelvehr und lcnlschten, denn sie hatten das wüste Schreie»: vernommen., Gelvehr an die Schulter, abgezogen, einer stürzte vornüber in den Hof. Geladen! Auch der zweite fiel, geladen! ah, der Dritte »var ver- schwu»:den! Zurück zu»:: Hof. Da tromlnclte»: die Gefangenen von innen ait die Tür. Und der Dritte von: Maschinengelvehrfenster reckte schon die Hand nach dem Eiseiyapfen. da ereilte ihn Güi: - thers Geschoß. Gctvelnptirannde auseinandergerissen! Schwupp und schwupp, die Schlösser raus ruck) in hohe:»: Bogen in de»: Wald.


