— 438
hinterher nicht einmal einen Dank kriege. Kann man's denn wissen bei ihm?" , , .
„Ihr müßt es dem Herrn Baron melden!" sprach der Inspektor. „Das darj mcht so weiter gehen, ohne daß er es weiß. Ter ganze Wildstand wird ruiniert. Denn wenn's wirklich der Miller ist, dann sitzt jeder Schuß."
„.Hol ihn der Teufel!" knirschte der Förster wütend. „Aber was schert sich der Baron um den Wildstand. Abschießen, immer abschießen, daß das Viehzeug nicht in die Felder kommt! Wenn's dabei bleibt, gehe ich nächstes Jahr in Pension!" .
„Das ist ganz gleich!" sagte August Knorreck unwirsch. „Bis dahin müßt Ihr Eure Pflicht und Schuldigkeit tun."
„Das tu ich auch!" begehrte der Waldmensch aus.
„Unten hat's geknallt!" sprach der Inspektor ernst. „Ihr müßt dem Herrn Baron davon Meldung machen. Braucht ja den Müller nicht zu nennen. Und unten bei Altsorge sind wieder zehn Stangen abgesägt!"
„Diese verfluchten Hunde!" schimpfte der Förster. „Aber was hilft's, wenn ick's ihm melde? Die paar Stangen? Lassen Sie doch den Leuten das Suppenholz! Das ist dann der Dank!"
„Dank hin, Tank her!" meinte August Knorreck ärgerlich und saßte fester den Stock mit der linken Hand, denn die rechte trug er noch in der Binde. „Hab ich vielleicht einen Dank gekriegt?"
Dann schritt er in den Wald hinein.
Am nächsten Abend legte sich Karl Ruppert mit dem Hunde hinter einen Hagebuttenousch dicht beim Schulgarten und behielt die Mühle im Auge. Das Lichtlein in der Luke brannte bis an den Morgen. Christian Reuschel schlief wohl in der Mühle, aber für den Rehbockanstand war ihm das Wetter doch zu unfreundlich. Es regnete die ganze Nacht, und Karl Ruppert wurde bis auf die Haut naß. Er schlich am Morgen nach Hause, stärkte sich durch einen steifen Grog und ging zum Baron. August Knorrecks nächtliche Predigt hatte doch Eindruck gemacht.
Fritz von Winkelberg saß an seinem Schreibtisch, als der Förster eintrat, und revidierte die Lohnbücher. Karl Ruppert überhörte die Ausforderung zum Setzen und legte sofort los. Zuerst die gestohlenen Stangen im Südrevier. Der Baron hörte ihm lächelnd zu.
„Drücken Sie ein Auge zu, lieber Ruppert!" bat er ihn freundlich. „Ein Dutzend Stangen kann ich schon verschmerzen !"
„Herr Baron!" rief der Waldmensch und ging aus sich heraus. „Es blaibt nicht bei dem einen Dutzend. So gebt's nicht weiter. Da muß fest durchgegrisfen werden. Das Volk ist das nicht anders gewohnt."
„Warum reaen Sie sich auf?" fragte Fritz von Winkelberg. „Eigentlich ist das doch Ihre Sache, den Schuldigen herauszufinden."
„Ich Hab voriges Jahr meinen Verdacht herausgesagt!" verteidigte sich der Förster. „Aber der Herr Baron ist mir, mit Verlaub zu melden, übers Maul gefahren!"
„Na, Ruppert!" lachte Fritz von Winkelberg. „So arg wird das nicht gewesen sein. Ich habe mich aber überzeugt, daß man die Bauern auch zu hoch einschätzen kann. Suchen Sie Beweise, und ich bringe den Dieb zur Anzeige!"
„Und dann ist da noch der Reuschel!" platzte der Förster heraus. „Der wildert!"
„Was?" rief der Baron überrascht. „Das ist ja unglaublich."
„Beweise habe ich nicht!" fuhr Karl Ruppert fort. „Aber ich weiß, es/ ist kein anderer. Und dem muß das Handwerk gründlich gelegt werden!"
Fritz von Winkelberg hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und schüttelte wortlos den Kopf.
,',Herr Baron!" rief der Förster wild. „Sie müssen gegen ihn Vorgehen. Er ruiniert uns den ganzen Wildstand!"
„Mag er!" meinte Fritz von Winkelberg leichthin. „Das wäre noch kein Grund."
„Herr Baron, das kann ich nicht verstehen!" sprach Karl Ruppert, und es kochte in ihm vor Wut. „Ich bin ein Weidmann!"
„Und ich ein Landwirt!" erwiderte der Baron trocken.
„Wollen Sie mich auch so wegschicken, wie Sie den Knorreck weggeschickt haben!" rief der Förster. „Wenn ich übrig bin, dann geh ich von selbst."
„Beruhigen Sie sich nur, Ruppert!" lächelte der Baron und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie bleiben. Und
Herr Knorreck ist gegangen, ohne daß ich ihn fortgeschickt habe. Aber ich wollte Ihnen nur zeigen, daß jedes Ding zwei Seiten hat. Mir als Landwirt ist ein zahlreicher Wildstand nicht angenehm. Jeder Hase, der den Winter über den^Fel- dern bleibt, frißt mir fünf Sack Getreide weg, jedes Stück Rotwild zehn Sack. Das bißchen Wilderei ist lange nicht so arg wi>e der Waldfrevel, das sehen Sie doch ein."
Karl Ruppert nickte, ihm lag der Wald auch mehr am Herzen als das Wild.
„Trotzdem kann cs nicht so weiter gehen!" fuhr der Baron fort. „Lassen wir den Kerl weiter wildern, so haben wir nächstes Jahr das Dutzend voll, und noch ein Jahr weiter, da wildert das ganze Torf. Und für die Freiheit sind diese Leute noch nicht reif. Suchen Sie also den Kerl, der es ist. Und wenn Sie genügend Anhaltspunkte haben, dann kommen Sie zu mir. Ich werde ihn dann beiseite nehmen. Vielleicht läßt sich die Sache im guten aus der Welt schaffen. Ist es aber der Reuschel, dann —"
Fritz von Winkelberg ballte die rechte Faust.
„Er ist's!" rief der Förster. „Ich weiß es bestimmt. Und der Knorreck sagt's auch. Er hat ihn gesehen, in der Nacht!" >*3 t
„Knorreck?^ forschte überrascht der Baron. „Ist der nicht in Zdurotschin?"
„Das wohl!" meinte Karl Ruppert ohne Arg. „Aber m der Nacht läuft er immer hier auf den Feldern herum."
„Hier auf den Feldern herum?" wiederholte Fritz von Winkelberg die letzten Worte und dachte dabei an das schwarze Loch im sechsten Getreideschober.
„Ja!" stotterte der Waldmensch, der sich plötzlich seiner Ungeschicklichkeit bewußt wurde. „Er gehl hier herum auf den Feldern spazieren und sieht nach dem Rechten."
Lange starrte der Baron vor sich nieder. Tann hob er den Kopf und schüttelte dem Forstmanne die Hand.
„Also es bleibt dabei!" sprach er freundlich. „Sie spüren es heraus, ob es der Reuschel ist. Dann laß ich ihn kommen und bringe die ärgerliche Sache ohne Aufsehen aus der Welt. Es genügt schon, wenn Sie mir sagen können: Ich bab ihn gesehen um die und die Zeit an der und der Stelle."
Karl Ruppert ging und legte sich jeden Abend hinter den Hagebuttenbusch. Doch die Nächte waren finster und regnerisch, und wie nahe er sich auch an die Mühle heraus pirschte, der Müller ließ sich nicht sehen
(Fortsetzung folgte
Der Kaiser kommt.
Von Leutnant.Böttcher, Chemnitz.
Pfingstsonnabend!
In goldenem Glanze glühte der Morgen empor und taufrische Winde wiegten das bald ährenstarke Korn hinter der Front wie sanftbewegtes Meer. An der hohen Kunststraße nach Keiberg- Molen trieb des Lenzes Säuseln die letzten Apfelblüten von Ast und Zweig, und die Blättchen tanzten einen maitrunkenen Reihen.
An der Hecke des „Granathäuschens" blühte in üppiger Pracht lilaroter Flieder — und sein süßer Duft, von psingstfreudigeu Winden getragen, stimmte heimatsweh und friedenssehnsuchtsvoll. Aber drüben am Poligonwald pläsfte und plaffte es. bald mit wüstem Schlagdonner, bald dumpf rollend und grollend, und dann schwang sich in majestätischem Bogen der Granate wildsausendes Surren über die friedvolle Flur und schlug mit berstendem Krach klaftertiese Löcher in die samensehnsuchtsvolle, in der vordersten Front unbestellte Ackerkrume.
Das war die alltägliche Morgenmusik, die „Willkomm san- saren" für die aufsteigende Sonne, und die unzähligen Schrapnellwölkchen im goldblauen Luftgcwölbe schwammen wie wcißsilberne Himmelsseelchen dahin, und säten doch so schmerzvolle Not. so grausen Tod?
„Heute gibt's Festsalut. Psingstschießen!" meinte Hildebrandt, der allzeit wohlgemute Feldwebel der Kompagnie, und die Kanonade ward wirklich so arg, wie feit Tagen nicht.
Alle Mannschaften lwckten in den bombensicheren Unterständen, nur die Wachen standen an den Schießscharten und übcr- spähten das Vorgelände, platzten hier und da einen Schuß hinaus, um ein allzufreches Französlein drüben im jenseitigen Graben in die gebührenden Schranken zurückzuwcisen; sonst aber blieb uio- ser Schützengraben recht still.
Ganz für sich allein, wie er immer tat, hockte Soldat Günther in seinem kleinen, armseligen Unterstand. Er war ein stiller, scheuer Mensch, den ein Herzeleid oder ein tiefer Grain zu drücken schien, der kaum mit jemanden sprach, seine Pflicht aber unter Hintair- setzung seiner eigenen Person bis aufs letzte Tüpfelchen peinlichst erfüllte, der nie murrte, nie klagte, mit allem zufrieden war.


