Ausgabe 
14.7.1915
 
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ferne Gedanken zu sammeln. T-ie waren draußen in der Ferne, bei denen, die fürs Vaterland kämpften. Viele von fernen Ge­rn eindekindern tvaren ausgezogen. Einige hatte er noch rn den letzten Tagen getraut. Bei diesen waren seine sorgen. a.s ec jetzt zu dem grauen Himmel aufblickte. Nicht ein Sonnenstrahl drang hindurch: es war ein trüber Oktober morgen.

Ta klang die Pforte. Zwei Leute traten behutsam naher. Sie kamen aber nicht zur Haustür hinein, sondern wählten den Um- weg durch die Hintertür. ^ (1 ,, m ,

Was wollten denn die beides? Voran trippelte die Wa,cy- katrein mit rundlici)em, gerötetem Sonnenantlitz und glattgeramm- tenl säuerte!, die schwarze, altmodische Scho st racke über dre blau­leinene Kück>enschürze gezogen, wie es sich für eine ehrbare TZaich- frau an besonderen Tagen geziemt. Ihr folgte mit gewichtigem Schritt Jan Raßmus, der Kirchendiener, Leichenbitter und Kulen-

Jan war im Sonntagsrock. Sein Gesicht aber sah noch faltiger und griesgrämiger als sonst aus. . . f ^ r

Pastor Tormählen schüttelte den Kopf. Wre kam <zan Rah- mus mit der Waschkatrein zusammen? Was wollten ne.

Es pocht an die Tür, behutsam und energisch zugleich.

Herr-rein!" , _ . . ..

Vor ihm stand die WasäMtrein, blitzsauber, strahlend wre die liebe Sonne; es ging von ihr ein Geruch von Seife und Reinlichkeit

Sie trat näher und machte hintereinander einen Knix, eine Verbeugung und einen Kratzfuß. .. . .

Mit Verlaub, Herr Pastor," sagte sre bezcherden und dreist

zuglnch^ sah sie durch seine scharfen Brillengläser nicht ge­

rade freundlich an. Tann fiel sein Blick auf Jan, der jetzt, wre aus einer Versenkung, hinter chr auftauchte.

Na, Rastmus, was bringt Er denn? _

Mit Verlaub, Herr Pastor." Ehe Jan Ratzmus sich be­sinnen konnte, hatte seine Gefährtin schon gesprochen. ,'Wrr kom­men, von wegen von wegen die Nottrauung. Wenn Herr battor nichts dagegen hat, wollten wir uns gern notlrauen lassen/ g&i_as

Ter Pastor sah den Alten fast entsetzt an. Ter nickte und

^"^Pastor"Tormählen setzte sein strenges Amtsgesicht auf. -Wißt Ihr denn, was eine Notrrauung bedeutet?"

wenn Not an Mann ist. Bei uns tut cs not, das kann Herr Pastor glauben." ^ ^ .

Er will wohl ins Feld, Jan Ratzmus?" ..

,^Ja. Herr Pastor, ivenn sie mir nehmen. Mit dre Runen neym ick es noch alle Tage auf. Aber sie sagen, ich bün zu alt."

Das ist Er auch. Und zum Heiraten ist Er erst recht zu alt." Pastor Tormählens Stirn verfinsterte sich immer mehr Er war Vorsitzender der Armenkommission: das war, namentlich letzt rn der Kriegszeit, kein leickstes Amt. Wenn hernach das alte Paav der Gemeinde zur Last fiel, schob man die Schuld auf ihn. Er hätte sie warnen müssen. Einzeln kamen sre leichter durch; da mußten die Angehörigen sich ihrer annehmen.

Wo ist denn die Not bei Euch?"

Ja, sehn Sie, Herr Pastor, solange als Jan fern Sohn noch da war. ging es an, aber der ist doch m Belgien gefallen, und seit der Zeit setzt seine Schwiegertochter ihm zu, da haben Sie kerne, Ahnung von. Den ganzen Tag heißt es:Der alte Kerl, und, wenn den die Kosaken holen möchten! Jan kriegt knapp was anders zu schmecken als trocken Brot und Pellkartoffeln, und für sich und ihre Gören und die sind auch wahre Banditen da backt sie Eier Pfannkuchen. Denken Sie an, Herr Paltor, bei btcje teure Zeit. Eierpfannkuchen!" t

Ter Pastor wurde unruhig. Er winkte, daß fie ichweigen möchte. Tas hielt Katrein für eine Aufforderung, sich frei aus­zusprechen. .... - .

,^>a, so ist es, Herr Pastor. Jan hat nrc nrch lerne Ordnung. Er wird nicht bestopft und nicht beflickt. Kein Mensch kümmert sich um i^i, daß^er Sonnlagsmorgens, mit Erlaubnis zu sagen, ein reüi Hemd anzieht. Ta tut es woll not. baß er 'ne Frau kriegt, die auf ihn paßt. Und wir dachten, mit 'ne Nottrauung, das war' doch nun Mode, und da brauchten wir nicht erst vierzehn Tage in den Kasten hängen, und Irin könnte gleich bei mir zuziehen."

Tormählen schüttelte energisch den Kopf.Nottrauen kann ich nur die Leute, die ins Feld ziehen."

Tie beiden Men sahen sich an.Sie nehmen mir man nrch, meinte Jan. Ä _ r ,

..Schlagt Euch die Sache nur aus dem Kops," sagte der Pastor, solche Tumml)eiten sind nichts in Eurem Alter."

Tummlreiten," wiederholte Katrein, die sich in aller Be­scheidenheit auf die Kante eines Stuhles niedergelassen hatte.Ich bitt' Sie, Heer Pastor, die allerllügsten Leute heiraten heutzutage noch."

,Laja," nickte Jan.

Ter Pastor wurde ungeduldig. Er suchte sich herauszuwinden. ,>Jch werde mir's überlegen. Augenblicklich habe ich kerne Zeit. Kommt eirr andermal wieder." Er rvollte erst mal mit Jans Schwiegertochter rederr.

Wer Katrein wich und warrkte nicht.

,Herr Pastor," sagte sic,wenn cs nichts mit die Nottrauung

ist, denn sünd wir auch zufrieden, wenn Sie uns nach der alten Weise zusammen geben. Aber gewartet 'haben wir schon lange genug, weil Jan nicht Manns genug lvar und immer Angst vor das Fraucnsmensch hatte, was seine Schwiegertochter ist. Aber ich sagte: - Jan," sagte ich.ich gehe eigenhändig mit dir jum Herrn Pastor, und du sollst sehen, der würd uns schon behülflich sein." _

Ter Pastor seufzte. Gegen die Beredsamkeit der Waschkatrein war schwer anzukommen. Sie hatte es sich nun mal in den Kopf gesetzt, den guten, dummen Jan zu heiraten. Da kanr ihm plötzlich ein Gedanke, der ihn innerlich lächeln machte. Pastor Tormählen war trotz seines sttengen Aussehens jm Grunde seines Herzens ein Schelm.

Er zuckte scheinbar gleichmütig die 2lchseln. ,Ha, wenn ich Euch auch tränen wollte es geht nicht . . . wirklich nicht . . . durch die vielen Nottrauungen in der letzten Zeit ist mein Kirchen­buch ganz voll geworden. Seht, es kann nichts mehr drin stehen."

Tie beiden Alten schauten sich ratlos an. Katreins Sonnen­gesicht verffnsterte sich. Jan senkte ergeben das Haupt.

Ja, loenn das Kirchenbuch voll ist," murmelte Katrein». Zaghaft fragte sie:Wird dann nicht ein neues angeschafft?"

Jaja. Nächstes Jahr vielleicht. Vorläufig nicht."

Um Katreins Mundwinkel zuckte es wie verhaltenes Kinder- weincn.

Wer weiß, ob wir denn noch leben."

Langsam wandte sie sich zum Gehen. Jan schob mit gebeugtem Nacken hinter ihr drein. Mit einem Male blitzte ein Freudenschem in ihrem endlichen Gesicht aus. Sie kehrte zurück.

Herr Pastor", flehte sie inbrünstig mit gefalteten Händen, wenn in Ihr hochverehrtes Kirchenbuch kein Platz mehr für uns arme Leute ist, dann schreiben Sie uns doch man getrost auf den Umschlag. (Buchdeckel). Ta wollen wir gerne stehen. Nich wahr, Jan? Wir sind es ja allmeindag gewohnt, draußen vor der Tür zu stehen. Tas kommt arme Leute zu."

Als Katrein so in ihrer dreisten und bescheidenen Art sprach, mußte Pastor Tormählen bocfi lachen. Er lachte nicht aus vollem Halse, aber so rocht von Herzen. Es war ein Lachen, das ihn warm und froh machte; es blitzte aus seinen Augen, zuckte aus allen klei- nen Fältchen seines Angesichts. Es funkelte sogar durch die blanken Brillengläser.

Geht mit Gott", sagte er,am kommenden Sonntag biete ich Euch auf. Ich lverde schon ein Mätzchen für Euch ffnden. Für bescheidene Leute ist überall Raum."

Vielen, besten Dank, Herr Pastor!" ^

Sie gingen. Pastor Tormählen hörte noch, wie die Wasch­katrein draußen sagte:Siehst Du, Jan, es wird doch 'ne Not- traunng."

Er wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Merkwürdig, es erschien ihm alles mit einem Male viel Heller und sreundlich'r als vorhin.Ich glaube", flüsterte er für sich,die Sonne kommt heute doch noch durchs" _

Der..Ameisenhaufen".

Von einer Fahrt zur französischen Front entwirft ein russi­scher Kriegsberichterstatter in derRußkffa Wjedomost/ ern Büd, das deutlich erkennen läßt, wie ,'chiver das Land vom Kriege heim- gesucht wird: verödet liegt jetzt das blühende Frankreich da. In den Gäßchen seiner zahlreichen, Neinen Städte und aus den Feldern und in den sonst um' diese Zeit so belebten Weinbergen sind keine Leute zu sehen. Nur ab und zu macht sich ein Greis oder ein halbwücl siger Junge etwas zu tim, und taucht eine Frau hinter dem Pfluge auf, so ist man überrascht, daß noch ein Pferd im Lande übrig geblieben ist. Alle lebenden Kräfte sind buchstäblich sonst iür den Krieg in Anspruch genommen und nach) der Front ge-, führt worden. Und dennoch breiten sich Getreidefelder wie ein grüner Teppich aus. Je näher man aber an die Front kommt, beito mehr verschwinden diese lieblichen Bilder, desto mehr Verwüstung der Natur und Anhäufung französischer Truppen. Llnfangs heflet sich das Auge auf sporadisch austretende, halb zerstörte Dörfer und aufgewühlte Aecker und Wiesen, durch die ein Zvklon gefahren zu sein scheint. Tann aber setzt ein Landstrich völliger Vernich­tung ein. Die Erde ist zerstampft, von Kanälen durchschnitten, von schweren Rädern durchfurcht, und Pserdehuse haben will­kürliche, grobe Wege gebahnt. An Stelle von Städten und Dör­fern türmen sich Berge von Schutt und Geröll, und es ragen Trümmer von steinernen Wänden, von Hochöfen und zerschos'ene Kirchentürme empor. An den Flüssen liegen entwurzelte, hundert­jährige Pappeln und Ulmen, und keine Spur von einstigem Wohl­stand und geordnetem, friedlichem Wirtschaftsleben ringsumher. Man glaubt ein gewaltiges, verlassenes Lager vor sich zu sehen, an dessen Rand sich Unterstände ziehen. Sie schichten sich mitun­ter stockweise übereinander, und aus ihren O-effnungen kriecl*en glcickffam graue Figuren hervor und gruppieren sich zu ganzen Kolonnen. In langen Reihen bewegen sich die Mtobusse des Roten Kreuzes und die der Intendantur mit Kanonen, ferner die Muni- tionsroagen, bespannt mit prachtvollen, ungewöhnlich widerstands­fähigen. kanadischen Pferden. Bald ist an einer Seite ein Luft­schiffpark, bald an der anderen ein Stand von Automitrailleusen zu stehen, von denen 16 schon auf einer kleinen Strecke zu zählen waren. Wiederholt steigen in einer Hol* von 800 Meter BallonS auf, um Beobachtungen anzustellen. Plötzlich ein schreiendes sig-