Ausgabe 
14.7.1915
 
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sah den Bauer laufen und rief ifym etwas zu. Aber er bekam keine Antwort. Und Fiirchtegott Fritscher lief, als waren tausend Teufel hinter ihm drein. Immer nach einer Rich­tung, quer über die nassen Stoppeln, durch Kartoffel!raut und die Rübenfurchen entlang! Da traf er aus den ersten Strohschober. Dort hinein wühlte er sich wie ein Maulwurf in den Boden. Immer tiefer grmb er sich. Finster wurde es Um ihn. Aber die bösen Flammen zuckten noch immer vor seineii Augen. Trückeud heiß war es da drinnen. Doch Fürchtegott Fritscher Hii-ppcrteu die Zähne wie iin stärksten y-rost. An seine Mutter dachte er wieder. Vielleicht kam )tc noch heraus! Neben deni Bett standeii die Krücken! Ganz ge­lähmt war sie ja noch nicht! Damit sielen ihm die Augen zu, und er sank in einen tiefen, krampfartigen Schlaf.

Das Gewitter war fort. Leuchtend hing die Sonne am blauen Himmel und spiegelte ihren Glanz in den Tropfen, die an den erfrischten Pflanzen zitterten. Moritz Gaffel trat in den Garten und sah seinen Bienen zu, die mit wilder- Gier aus den Stöcken stürzten. Die Torsleute und die Guts- arbciter strömten wieder auf die Felder hinaus. Das Ein­fahren zlvar war durch den Gewitterguß unterbrochen wor­den. Llber es wartete schon andere Arbeit draußen. lind wo sich die Sense nicht mehr schwang, da scharrte schon dev scharfe Pslug die Stoppeln um.

Eine halbe Stunde schaute Moritz Gassel untätig dem Treiben zu. Die Dreschmaschine begann wieder zu summen. Jetzt stieg ihre Rauchfahne nicht mehr senkrecht in die Höhe, sondern wehte nach Osten. DaS Gewitter hatte einen frischen Westwind zurückgelassen. Wieder sraß der Treschkasten Garbe um Garbe in sich hinein, die durchnäßten legte man einst­weilen beiseite und ließ sie in der Sonne trocknen. Wie kleine Puppen sahen die Leute von Moritz Gassels Standpunkt aus. Eifrig reichten sie sich die Garben zu, unermüdlich, ohne zu stocken, denn die Maschine wurde nie satt. Moritz. Gessel schämte sich seiner Faulheit und griff zum Spaten. Ehe er ihn aber das zweitemal gehoben hatte, horte er plötzlich gellende Hilfeschreie. Er warf ihn augenblicklich hin und sprang aus die Straße. Hier horchte er. Tie Sck)rcie kamen von Fürchtegott Fritschers Hof. Mit langen Sätzen sauste Moritz Gassel die Straße hinauf, setzte mit einem.Sprunge über den Zaun ,und stieß die Türe auf. Fürchtegott Fritschers Mntter lag ans dem Fußboden und konnte nicht weiter^ Durch die Mtzen der zweiten Tür, die nach dem Hausflur ging» drang beizender Rauch.

Hilfe!" schrie die Alte und mühte sich vergeblich, auf die Beine zu kommen.Hilfe! Feuer! Es brennt!"

Moritz Gassel hob sie auf und schleppte sie mit vieler Mühe in den Hof. Hier setzte er sie auf den Brunnendeckel und stürzte noch einmal ins Haus. Mer er blieb nicht lange drin. Nur die Betten vermochte er durch das Fenster ins Freie zu werjen. Deun schon brach die Decke des Kuhstalls zusammen, und aus dem Dache schlugen die ersten Flammen.

Fürchtegott!" schrie die alte Mutter, und ihre Stimme gellte wie eine zersprungene Glocke über das Dorf hinaus. Fürchtegott! Feuer! Feuer!" Moritz Gassel brachte sie endlich zur Nachbarin. Sebaldus Pohl riß an der kleinen Turmglocke und machte Feuerlärm. Das war kaum nötig, denn die Leute, die auf dem Felde waren, sahen das Feuer schon von weitem. Zu Fuß und zu Wagen kamen sie im schnellsten Laufe heim. Franz Wiegelt, als der Gemeindevor­steher, übernahm das Kommando. Das verstand er. Die Brandstelle wurde abgesperrt und von den nächsten Brunnen wuchsen lange Ketten eifriger Hände, die die gefüllten Leder­eimer weiter reichten. Als nach einer Viertelstunde der Scheunengiebel einstürzte, ließ man Fürchtegott Fritschers Gewese brennen und suchte die andern Häuser, die in der Nähe standen, vor dem Feuer zu bewahren. Denn der Wind wurde stärker und warf Funken. Besonders der hohe Giebel Chri­stian Reuschels war gefährdet. In jedem Fenster stand ein Mann mit einem genäßten Besen und schlug das Flugseuer tot. Oben aber, rittlings auf dem First, saß Christian Reu- schel selbst, ließ sich durch eine Dachluke einen gefüllten Eimer nach dem andern, reichen und goß ihn kaltblütig aus. Den sechsten Eimer goß er sich immer über den Kopf, um nicht selber Feuer zu sangen. Endlich kam die Spritze von Guhre anaerasselt und der Dasserwagen von Podraschke. Aber die Gefahr, war schon vorüber. Tic Lokomobile hatte aar nicht amgchört zu summen. Thomas Hauschild stand bei ihr Wache und scherte sich nicht um das Fcuerchen im Torfe.

Man ließ Fürchtegott Fritschers Gewese brennen und schaute müßig zu

Der Blitz hat'S angezündet!" meinte der alte Tubin.

Jetzt erst mertte man, daß Fürchtegott Fritscher nicht zur Stelle war.

Hat einer den Fritscher gesehen?" fragte Franz Wiegelt im Kommandoton.

Mer es kam weder Stimme noch Antwort.

Er hat's selbst angesteckt!" schrie Christian Reuschel, der eben vom First herunteraeklettert war.Er hat's an­gesteckt. Sonst braucht er sich nicht zu verkriechen."

Fritz von Winkelberg, der mit Moritz Gassel auch au der Brandstätte stand, machte den Müller auf das Un­gehörige dieser Behauptung aufmerksam.

Sie müssen's ja besser wissen, Herr Baron!" meinte Christian Reuschel mit einem verächtlichen Lächeln.Ich mein, der Blitz schlägt immer ins höchste Haus. Und meins ist das höchste."

Der Baron gab nicht nach, und der Müller wurde grob. Die Bauern teilten sich und stritten untereinander, bis der Gendarm von Luschelau herüberkam. Jetzt lvurde es ernst. Er fragte nach dem Besitzer, mit kurzen, schnauzigen Wor­ten fuhr er die Bauern an. Niemand konnte Auskunft geben. Daniel Zpuppack war der letzte, der ihn im Gasthaus gesehen hatte. Der Gendarm durchschaute die Gehöfte einzeln. Die Bauern halfen ihm dabei, bis draußen die Dreschmaschine Feierabend pfiff. Da kam Thomas Haufchild hereingeritten, Hörle, was Fürchtegott Fritscher angerichtet haben sollte, und brachte den Gendarm auf die rechte Spur. Sie fanden die Fußtritte auf dem weichen Stoppelboden, im Kartoffelkraut und längs der Rübenfurchen und ritten bis an den Stroh­schober. *

Vielleicht ist er hier drin?" meinte Thomas Hauschild.

Der Gendarm sprang vom Gaul und zog ein paar- Strohbunde heraus. Mehrmals rief er Fürchtegott Fritscher beim Namen, und zwar so laut, daß ein Toter davon hätte erwachen müssen. Fürchtegott war auch wach, aber er rührte sich nicht. Tie Angst lähmte seine Glieder und preßte ihm die Kehle zusammen. Aen Geirdarm erkannte er an der Stimme.

Vielleicht ist er nach Guhre gelaufen!" meinte Thomas Hauschild.Ist ja auch die Frage, ob er das Haus an-« gesteckt hat."

Was!" rief der Gendarm erbost.Das ist sicher. Ich kenn das Bauernpack besser. Dem stcurd das Wasser bis an die Kehle. Dann kommt immer die Streichholzschachtel dran. Er kann sich freuen, zehn Jahre Zuchtaus kriegt er sicher aufgebrummt, dieser infame Brandstister!"

Dabei zerrte er wieder das Stroh auseinander, aber er fand nichts.

Na!" sagte Thomas Hauschild und stteg auch aus dem Sattel.Wir können doch nicht den ganzen Schober ans- einanderreißen."

Ich wcrd ihn schon kriegen!" schrie der Gendarm und zog»jeinen Säbel blank.Jetzt stech ich mit meinem langen Säbel solange in das Stroh, bis sich jemand meldet."

Und da stach er auch schon zu. Fürchtegott Fritscbeo rührte sich nicht. Hart bei seinem Ohr vorbei streifte die scharfe Klinge, doch sie fano den Brandstister nicht. Nach einer Viertelstunde stieg der Gendarm zu Pserde und ritt mit Thomas Hauschild zum zweiten Schober.

Fürchtegott Fritscher lag noch eine ganze Stunde mäus­chenstill, dann kroch er langsam ans seinen! Versteck heraus. Doch nur den Kopf steckte er ans Licht. Eben ging die Sonne unter. Cs war noch nicht dunkel genug, um zu fliehen. Denn Fürchtegott Fritsck)er wußte nun, daß er fort mußte, weit fort, wo ihn nieinand kannte, nach Amerika oder noch weiter. Denn ins Zuchthaus mochte er nicht. Und er zog sich »vieder in seine Hohle zurück und wartete. Hunger und Durst quäl­ten ihn selw- . i

Da saß er nun in seinein Elend! Wer war daran schuld? Nur der verdammte Lauscbaron! Dem wollte er es aber, bevor er nach Amerika floh, gel)örig anstreichen! Und Fürchtegott Fritscher fühlte nach der Streichholzschachtel und wartete aus die stacht. Elf Sck)ober waren es, das wußte er genau.

(Fortsetzung folgt.)

Die Nottrauung.

Eine heitere Kriegsgeschichte von K. v. d. Eider.

Pastor Tonnählen saß in seinem Studierzimmer üb.r seinen Büchern. Tie Arbeit ging nicht vonslatten; es stel ihm schiver>