Ausgabe 
12.7.1915
 
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So werde ich mal zu dieser Alline Müller aufs Nachbardorf fahren und mich mit ihr aussprechcn."

Ja, das wäre das Beste." Diese Aussprache mutzte sehr gründlich gewesen sein, denn Nut Weist kam erst am Spätabcnd znrück^und zwar mit strahlenden Augen.

^Siehst, Vati, es ist alles im Lot. Die Hilfe ist gesunden. Ich habe auch schon an Frau Rektor Fink alles geschrieben. Sage mal, wie ist eigentlich diese Frau Rektor? Nett und gut?"

Es ist lange her, seitdenr ich sie nicht mehr sah. Einst war sie beides. Und dast sie sich jetzt so mit vollster Hingabe, ohne! Nutzen zu haben, der Pflege der genesenden Soldaten hingibt, spricht eigentlich dafür, datz sie unverändert geblieben ist."

Nun, dann wird cs ja die neue Stütze gut bei ihr haben."

...Das ist zu hoffen. Aber jetzt, mein Kind, denke auch mal gefälligst an dich. Ich verstehe ja nichts von solchen Sachen. .Aber brauchst du denn gar kein Geld für ein neues Kleid?"

Nein. Baterle, meine Kleider sind noch wunderschön."

Aber du wirst bei Frau Oberst Moll verwöhnte und reiche Menschen finden."

Sie nickte ihm zu und schlang beide Arme um seinen Hals.

Ich werde dir schon keine Unehre machen, Vater."

Das tat sie natürlich auch nicht, aber er ärgerte sich doch über sie in der nächsten Zukunft. Tenn ihre Briefe waren überaus flüch­tig und kurz und berichteten nichts Neues. Ec war jetzt überhaupt schlechter Laune, weil ihm seine Äelteste überall fehlte. Nun kam auch noch jene Bitte des jungen Korpsbruders, der als Unterarzt im Westen gestanden hatte und nach harten Anstrengungen eine kleine Herzschwäche unter Frau Rektor Finks mütterlicher Pflege luieber oblegen sollte.

Dieser Brief war ihm sehr unangnehm, denn er enthielt nichts Geringeres, als eine umfassende Herzeusbcichte, in welcher Doktor Schmidts offenbarte, dast er sich in das Zimnrcrmädchen, das über alle Begriffe liebreizend und klug sei. verliebt habe und, da er nicht mehr von ihr lassen könne', um gütige Vermittlung b'i seinen Eltern innig bitte.

Ter alte Weist und der ebenfalls nicht jüngere Vater Schmidts waren nämlich von jeher die treuesten Freunde gewesen. Lediglich der reiche Kindersegen uird der Umstand, datz sie nicht sonderlich- "üt Glücksgütern bedacht waren, hatten ihr Wiedersehen aus das Stiftungsfest des alten Korps beschränkt. Jetzt aber enrpfand der Pastor Weitz plötzlich die Pflicht, unverzüglich nach Nest zu reisen, um den jungen, unvernünftigen Arzt vor »veitcren Torheiten zu bewahren.

Es wurde ihm wahrlich nicht leicht, an diesem heißen Juli­lage die kleine, kühle Pfarre und seine fünf Töchter zu verlassen und eine Reise zu unternehmen. Aber es half dock) nichts.

Zur Vorsicht nahm er gleich noch mehrere Telegramm-Formu­lare mit, die er cur den alten Korpsbruder absenden wollte, wenn es nicht anders ginge. Tvktor Karl Sckimidts empfing ihn auf dem Bahnhof, dankte ihm mit bewegten Worten, sagte daun aber sogleich mit vollster Bestimmtheit:

Bitte, versuchen Sie cs nicht, mich etwa umzustimmen. Ich liebe eben zum erstenmal und wenn Sic sie sehen werden, müssen auch ^>ic ihr gut sein. Demi sie ist eben wahrhaftig ein Engel."

Von diesen hatte der alte Pastor Weist freilich eine ganz b^- sttmmte Vorstellung. Er forschte aber jetzt nicht, ob die Angebetete allen Ansprüchen in dieser Beziehung gerecht würde, sondern fragte nur kurz und streng:

Ja, junger Mann, wie haben Sie sich denn eigentlich die Sack)e gedacht? Wollen Sie ihr ganzes Leben einer Torheit so einfach opfern?"

Es ist ja doch aber die einzige Klugheit meines Lebens, Herr Pastor."

nHm natürlich ist das Mädchen schlau und berechnend. Werst sic, dast ich kommen werde?"

Kein Wort habe ich ihr gesagt, Herr Pastor. Sie sollen ja gerade ihren Liebreiz und ihre taufrische Herzensgüte empfinden, ohne dast sie verlegen ist."

Und wie wollen Sie dies bewerkstelligen?"

Ich habe sic gebeten, dast )ie uns beiden ganz allein einen KafseeZsch unter einem alten Nustbaum zurecht macht. Meinems Gast und mir. Sie wird uns dab.'i bedienen. Nicht wrhr, und ber d.e er Gelegenheit werden Sie sie auch bitte, bitte in ein ernsthaf.es Gespräch verwickeln. Sie ist klüger, une alle an­dern Menschen zusanrnrengeuommen."

Der alte Pastor Weist räu,perle sich ein iininii und der Jüngere sah das Ungehörige dieser Bemerkung auch sofort ein, errötete wrd schwieg, bis der andere wieder begann.

Haben Sie ihr bereits etwas von Ihren Gefühlen verraten, lieber Schmidts?"

.Nein, Herr Pastor. Ich wollte ihr die entzückende Harmlosig­keit nicht rauben."

Schön sehr schön sogar? Und nach dem Kaffeestüno- lern erlauben Sie mir dann wohl, dast ich. mal ein paar ernst­hafte Worte unter vier Augen mit ihr rede."

Gewiß. Herr Pastor! Nur darf ich Sie bitten, dast Sie nick>t vorerngenomn.eu sind. Es hülfe dock) nichts. Ich l)abe Sie ja ledrglitt, hergebeten, damit Sie meinen Eltern den Liebreiz und vre Reinheit des geliebten Müschens scUlderu und sie zur Ein- Hvrllrgung bewegen. Term ich iveist, dast mein Vater aus Ihre

Ansicht sehr viel gibt. Damit wäre meinem Glück das größte Hin-»

dentis aus dem Wege geräumt^" #

Den Rest des Weges legten sie schweigsam zurück.

Der junge Arzt führte den Gast nicht erst ins Haus, sondern gleich unter den Nustbaum an den gedeckten Kafseetischt. Unter« wegs fiel ihm aber ein, dast er die guten Zigarren im Zimnreo vergeiien habe, er eilte also mit einer Entschuldigung fort und» liest den Pastor allein.

_ Belustigt sah sich der um, dachte der eigenen Jugend und dcS Stadiums der ersten kopflosen Verliebtheit.

Er war sicher, daß ein paar ernsthafte und doch lustig ironische Worte nach dem Kennenlernen genügen würden, um den jungen Verliebten semen Mißgriff beschämt ernsehen zu lassen.

.. voller Bewunderung umher. Schön war auch liier

Gottes Welt.

Durch die tiefgrüneu Zwerge des alten Nustbaums blaute das stille Meer, vor ihm glänzte das Weiß des Tafeltuckes und dufteten dre vollerblühten roten Rosen. Ermüdet von der Bahnfahrt, fck'.ost er leicht die Augen, um sie aber bereits nach, wenigen Se- künden zu öffnen, weit er leich.te Tritte hörte.

Ta kam wohl schon die kleine schlaue Hexe angetrippelt.

Jawohl, sie war es wirklich. In einem blütenweißen Kleide schritt sie einher, trug geschickt das schwere Tablett und wollte es gerade mit einem freundlichen Gruß niedersetzeu, als es geschah^ dast der alte Herr auffprang und so unsanft an die Last stieß, dast sie klirrend zu Boden fiel.

Daß die zierliche, süße Helferin an ihE Jugend und ihrer Schönheit ein starkes Zaubermittel besaß, das hatte der junge Arzt längst gewußt, daß es aber so prompt und schnell wirkte, setzte ihn doch in Erstaunen.

Er wußte nicht, wohin er seine Blicke wenden sollte. Da4 hatte er ja doch gar nichr verlangt.

Der alte Pastor Schwarz hielt seine Angebetete nämlich in den Armen und küßte sic wahrhaftig gerade auf den schwellendem roten Mund.

Und sein Herz tat einen rasender: Schlag und sein Gesicht ver­lor alle Farbe und seine Stimme war kaum verständlich, als ec jetzt sagte:

Was erlauben Sie sich, bitte, Herr Pastor."

Tie Anttvort war r^och unfaßbarer, alS die Einleitung zu! dieser Unterhaltung. Was sagte Pastor Weist ihm da?

Na, erlauben Sie mal, ich werde doch wohl nreiner Aelte-, sten einen Willkommenkust geben können."

Rut Weist war schon immer ein Schalk gewesen, aber daß sie an Stelle der erkrankten Alline Müller, unter Verzicht auf die eigene Sommererholung, hierher gegangen war, das hatte ihc der eigene Vater denn doch ttid)t zugetraut.

Die Geschichte war übrigens auch jetzt gar nicht so einfach für ihn. Jetzt erst rech.t nicht. Und weil sie sich alle drei Fernen* besseren Rat wußten, wurde eins der Depeschen so rmulare an die alten Schmidts gesandt:

Es enthielt nichts weiter als die rätselhafte Bitte:Kommt: umgehend und helft löschen/^

Als oh dies bei so einem heißen Brande überhaupt möglich wäre, , _

Die Ziehharmonika.

Eine Kriegsepisode daheim. '

Von Fritz Aren 8 (Bremen).

Einer meiner Bekannten besaß eine Ziehharmonika. Sin alteS Dings. Wenn ein anderer darauf spielen wollte, mutzte er schon nach einigen Augenblicken pausieren, um den Blasebalg wieder mit frischer Luft aufzufüllen. Wer etwas von Musik verstand, der mied die Nähe meines harmonikabegeisterten Freundes. Jeder andere hätte diesen Klapperkasten längst fortgeworsen. Ader mein Bekann­ter hing daran mit einer rührenden Zuneigung.

Und das war gut so. Tenn als wir eines Tages es war ein prächtiger Sonnlagnachmittag an einem Lazarettgarten vorbeigingen, da sprang mein Freund plötzlich davon und meinte, er wolle die Ziehharmonika holen und sie den Soldaten schenken, die da int Garten auf und abgingen und nicht wußten, womit sie die lange Weile lotschlagen sollten. Nach kurzer Zeit war er zurück und reichte den alten Klapperkasten über das hohe Gitter hinkveg den Verwundeten zu. Die kamen mit schnellen Schritten äuge- pürschl. Einer erwischte das Instrument und verneigte sich dankend vor dein Geber. Ein anderer rief:Hurrah, jetzt kommt Musik!"

Dann gingen alle in fast feierlichem Aufzuge der mit dem Instrument als Respekrsperson voraus zur Mitte des Gartens auf den großen Rasen, tlnd jetzt ging die Musik aus demSchiffer­klavier" los.Drum Mädchen weine nicht, sei nicht so traurig.." Und dannEs braust ein Ruf wie Tonnerhalt...", abgelöst von Musketier sind lustge Brüder, baden frohen Mut..." Die im Garten auf- und abwandelnden Soldaten kamen bald hinzu, auch die, die abseits Schlagball spielten. Die au dem hohen Holzgitter standen und mit Bekannten und Vorübergehenden plauderten, tahlen sich langsam hinweg und schleuderten ebenfalls dem musi- kalischen Mittelpunkt des Gartens zu. Lazarettfenster, die noch gcschlvs.eu waren, öffneten sich Plötzlich, une .von GZ'lechand aut-