Ausgabe 
10.7.1915
 
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nicht mehr zu hören tv-ar, dann griff er seit vierzehn Tagen zum ersten Mal nach Stock und Mütze. Seine Frau sah ihn überrascht an.

Ich geh aus!" sagte er, schon an der Tür.Wart nicht, es kann lange dauern, bis ich wiederkomme!"

Wo willst du hin?" rief er bestürzt.

Kummer dich nicht mid leg dich schlafen!" befahl er barsch und schritt hinaus.

Doch sie gehorchte nicht, holte eine Handarbeit und wartete aus ihn.

Kurz vor Mitternacht erreichte August Knorreck die Britzkawer Grenze. Der Halbmond neigte sich schon zum Horizont. Die Nacht war hell. Im Norden stand ein lichter Schimmer. Märchenstumm lag der niedrige Wald, nirgends ein Laut. Nur ein Igel raschelte über den Weg, uno aus! dem Busch der alten Kiefern, die sich auf einem Sandhügel über die Schonungen hoben, stieß lautlosen Fluges ein riesiger Uhu.

Und der Inspektor durchstreifte in dieser Nacht wieder die ganze Gemarkung Britzkawe. Wie ein ruheloser Geist wanoerte er die stillen Raine zwischen den Feldern entlang. Das Dorf vermied er. Beim ersten Schober machte er halt. Er bestand aus zwei Teilen. Dazwischen hockte die Loko­mobile, drohend wie ein Gespenst. Auf ihrem kalten Kessel

lag dick der Nachttau. August Knorreck kletterte auf Schober und las die Versicherungstafel. Eben pfiff

den Die Gesell

Wächter zwei. Dann stieg er wieder hinunter. ^ schaft war gut. Er war mit dem alten Abraham zufrieden. Alle elf Schober revidierte er der Reihe nach. Beim zweiten, der schon etwas vom Dorfe ablaa, scheuchte er aus dem nahen Kleefelde ein paar Rehe auf, die mit langen Sätzen dem schützenden Walde zuflüchteten. Der dritte Haufen war hniter dem Mühlenberg gerichtet. Tie Mühle stand still, aber in der obersten Luke brannte ein kleines Lichtlein. Der vierte Getreideschober stand bei Fürchtegott Fritschers lang­gestrecktem Rübenfleck. Diesmal hatte er da Gerste gesät. Sie sah dünn und ärmlich aus, weil der gute Boden schon seit Jahren sträflich vernachlässigt worden war. August Knorreck schüttelte den Kopf und schritt weiter, immer mehr entfernte er sich vom Torfe. Auf allen elf Haufen fand er zu ferner Genugtuung das schirmende Blechschild funkeln. Auch waren die Schober gut gerundet und fest geschichtet, zeigten keine Lücken, wo der Regen eingreifen konnte, und alle Garben lagen mit den Aehrenenden nach innen. Der Inspektor wurde fast ein wenig stolz auf seinen Schüler. Nur das Nachharken war etwas nachlässig betrieben worden Zehn Schritte weit ließ August Knorreck seinen Stock über dre Stoppeln schleifen, dann hatte er schon eine Handvoll Aehren zusammen. Wieder stand er am Ende seiner Wande- ^""6 c^nd^r ^ enfrühe auf der Schwedenschanze, und der Abschied kam ihm hart an. Angestrengt lauschte er auf den Schuß den er vor vierzehn Tagen gehört hatte. Doch es blieb alles still. Das Lichtlein in der Mühtenluke brannte mcht mehr. Eine Viertelstunde wohl wartete der Inspektor Tann krähten im Torfe die Hähne, und er stieg die Schanze hinunter, bog in den Wald hinein und schritt kräftig aus, ü nt J lbei L b i e ® ren * e zu kommen. Da knackten Plötzlich die Busche. Dicht vor ihm strich mit eiligen Sätzen ein Mann über den Weg. Wie der Wind verschwand er in den Fich- ten der gegenüberliegenden Schonung. August Kuorreck stand lange und überlegte, ob er gleich zum Förster zurück- ^onn aber schritt er weiter, denn die Zeit war schon wert vorgerückt, und er wollte auf Britzkawer Gebiet mch gesehen werden. Tausend Schritte machte er noch.

Ü eme J jungen Fichte eine derbe Faust hervor

"ud packte ihn an der Brust. Der Inspektor hob den Stock und wollte zuschlagen. Da erkannte er den Förster

tief et ^dutzt und ließ ihn los.

Ich Hab hier zum Rechten gesehen. Am Taae kann

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ftj . isk ein verfluchter Lumpenhund!" nickte Karl RupperkSieben Nachte schon führt er mich an der Nase herum. Bald rst er hier, bald dort!" '

Diesmal war er hier!" meinte August Knorreck. , Es ttt mir einer vorbeigelaufen. Glaub's aber kaum, daß Ihr chn noch einholen könnt." ö

Hat er eine Flinte gehabt?"

«,Hab nicht gesehen, daß er keine hatte."

Na!" knirschte der struppige Waldrnensch und ging ern paar Schritte mit.Den Kerl krieg ich noch."

Ihr müßt es dem Herrn Baron melden."

Ich werd mich hüten!" knurrte der Förster.So­lange ich noch keine Beweise habe, traii ich mich nicht hin. Ist auch kein Weidmann, der Baron, und hat kein Herz für den Wildstand. Hat's auch selbst verschuldet, daß es bald oben, bald unten knallt. Hätte er die Bauern nicht zur Treibjagd eingeladen! Das läuft nie gut ab."

Ich bin auch dagegen gewesen."

Und jetzt ist diese verfluchte Schweinerei da. Er setzt sich mit den Bauern auf eine Bank und spricht mtt ihnen, als wären es Herren. Das paßt sich nicht! Sowas verttägt dieses Pack nicht, und sofort werden sie übermütig um> tanzen ihm auf der Nase herum."

Wieso?" fragte August Knorreck erschreckt.

Jetzt geht's um den Chausseebau nach Podraschke. Der Landrat war selber hier. Keiner von den Bauern will eine Fuhre machen. Soll alles das Gut aufbringen. Das hat der Baron davon! Wir sind hier rwch lange nicht in Amerika. Seitdem Ihr von Britzkawe weg seid, ist rein der Geier los."

Sie standen jetzt auf der Grenze.

Ihr müßt es doch dem Herrn Baron melden!" meinte August Kuorreck und reichte dem Förster zum Llbschied die Hand.

Nein!" sprach Karl Ruppert eigensinnig.Eh ich ihn nicht ertappt Hab, geh ich nicht aufs Schloß. Ich will mir nicht wieder übers Maul fahren lassen, wie damals mit dem Waldfrevel in Altsorge. Damals hatte ich auch einen in Verdacht, aber keine Betoeise. Da hat mich der Baron schön angeschnauzt. Und dabei stehlen sie da unten schon wieder wie die Raben."

August Knorreck ließ den Kopf, sinken und stach mit fernem Spatelstocke im weichen Moosboden herum.

Der Müller wird nicht mehr lange schießen!" fuhr der Förster fort und ballte die Faust auf dem Gewehrriemen. Und wenn ich noch sieben Nächte drangeben muß. Tann leg ich mich aber bei der Mühle auf den Anstand."

Das tut npr!" ermutigte ihn der Inspektor.Gebt auf das Licht in der obersten Luke acht. Das hat frühev nicht gebrannt."

Ist mir auch schon ausgefallen!" meinte Karl Ruppert und dampfte unwillkürlich seine Stimme.Manchmal schläft er rn der Mühle. Das hat er früher niemals getan. Und die Büchse hat er irgendwo im Walde versteckt."

Ja!" nickte August Knorreck.Er schießt mit Kugel. Nehmt Euch nur in acht, daß Euch nichts passiert. Ter ist gefährlich!"

Ich werd ihn schon erwischen!"

Und macht ihn nicht unglücklich!" mahnte der In­spektor.Der Mann hat Weib und Kind. Vielleicht gibt er sich schon mit einer Schrotladung zufrieden."

Ich nehm Rehposten!" sprach Karl Ruppert wirtend.

Dann schieden sie bei dem schillernden Wassergraben, in dem Karl Zdurotschin ertrunken war.

(Fortsetzung folgt.)

Der Achtzehnjährige.

Von Adolf Stark (Marienbad)

Hinter einem Bahndamm lagen die Reserven, unter ihnen Fritz, der Achtzehnjährige. Eigentlich sah er noch jünger aus mit der schmalen^fast mädchenhaN zarten Gestalt und dem glatten Gesicht m welck)em sich selbst jetzi, nach Wochen des Frontlebens, wo alle die andern mit ihren verwilderten Bärten schon aussahen nne der Sger im Märchen, keine Spur von Bammichs zeigte. Doppelt zart und knabenhaft sah er aus unter all den alten Landsturni- mannern, aus n»elchen die Kompagnie zumeist bestand. Sie riesen ihn nicht anders alsBubi". 'Der er, der gegen Spott sonst so empundlich ivar, empfand instintliv, daß in dieser Benennung etwas Zärtliches lag, und Ueß sie sich schweigend gefallen

Nicht so einverstanden war er mit der Sorgfalt, mit welcher sie ihn umgaben. Wenn alle un Regen lagen, für Bubi wußten die andern immer ein gesichertes Plätzchen zu finden, wo es trocken und möglichit warm war; blieb der Train und die Fahr- lüche einmal ans, dag man für z»vei, drei Tage den Gurt fester Mkl-en mutzte um den hungernden Magen zu besänftigen, Bubi sanvelgte jelbit da im ileberslui;. ^.enn von allen Seilen wurde ihni heimlich etwas zugesteckt.- da ein Stück Schokolade, dort ein Restchen Wurst und Brot, und er milßte es nehmen, wollte er nicht den Geber tödlich beleidigen.