Ausgabe 
10.7.1915
 
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MM lebte ein Traumleben- ohne recht zum Bewußtsein der WirklicUeit zu kommen. Wie er so dalag auf dem jungen, frischen Grün, das Geweihir im Arme, und hincnMickte in das Blau des Himmels, wo unbekümmert um den Krieg, welchen das törichte Menschenvolk führte, eine Lerche ihr Lied trillerte, glaubte er jeden Augenblick: Das kann ja gar nicht sein, gleich werde ich wieder erwachen und in der Schulbank sitzen und Professor Uli wird vor mir stechen und mich über die Brillenränder hinüber höhnisch an- olrnzeln und mit seiner kreischenden Stimme sagen:Wieder ein­mal nicht präpariert: setzen Sie sich, nickt genügend!" Und dann vam ihm auf einmal das Belvußtt'ein der Wirklichkeit.

Wre m jähem Erschrecken ließ sich die Lerche in das Ackerfeld fallen und ihr trillerndes Lied brach plötzlich ab. Hoch oben in der Luft aber stand ein weiß^ Wölkchen, klein und zart, wie jeneunschuldigen Schäflein", die an schönen Sommertagen nur deshalb am Himmel zu stehen scheinen, um das strahlende Blau besser hervorzuheben. Bubi wunderte sich; wo kam das Wölkchen gCT? Er starrte doch schon länger auf den Fleck und hatte es be­stimmt vorhin nickt gesehen. Sein Schülerhirn, gewohnt, die Erklärungen für alles aus der Fülle des Angelernten zu ent­nehmen, suchte nach der Entstehungsgeschichte der Wolken über­haupt, und als er erkannte, daß sein Wissen da eine bedenkliche Lücke auswies, erschrak er darüber, gerade so, wie in der Schule, wenn ihm zum Bewußtsein gekommen war, daß er irgend etwas nicht wußte.

Au^ einmal stand neben den: einen Wölkchen ein zweites mnd dann wurden es auf einmal viele: hatte es jemand neben ihm gesagt oder wußte er es von selbst, aus jenem instinktiven Wissen heraus, das in großen Momenten den reinen Toren oft zum Wissenden macht? Genua, er wußte es plötzlich: das waren nicht Wolken, das waren Schrapnells, feindliche Schrapnells, die, er wußte nicht woher, kamen.

Tas erste Gefühl war das des Erstaunens, fast der Enttäu schung. Schrapnell, der N.ame schon klang so hart und grausam und jetzt diese unschuldigen Schäfchen!

Sie schießen wieder einmal aus die Reserven das Gesindel," börte er eine Stimme zu seiner Rechten.Das machen sie immer so."

,LZon mir au^." Das war der Lorenz, der so sprach. Fritz erkannte ihn an der Stimme. Er richtete sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und sah hinüber. Ta lag der Lorenz, phlegmatisch und faul wie immer und neben ihm der andere Spreckfer, deä Lehrer Pleyer. Ten nervösen schwarzhaarigen Levisohn aber, der im Zivil Teilhaber des väterlichen Geschäftes war und von dem man erzählte, daß er Millionen besaß oder wenigstens dereinst erben werde, duldete es nicht mehr. Er sprang auf, blickte hinüber zur Front und dann wieder zum Himmel hinaus mit den kleinen Schrapnellwölkchcn und wandte sich dann plötzlich zu dem Lehrer. Wie können Sie solchen Unsinn reden?" Er schrie beinahe nd schien sehr entrüstet.Schießen auf die Reserven; Unsinn," re bestreichen den Raum, um die Zufuhr von Menage mrd Muni­tion zu erschtveren, besonders von Munition. Deshalb schießen sie über die Schützengräben hinaus. Habe ich nicht recht, Lorenz?"

Bon mir aus." Der Gefragte nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte aus und rauchte weiter, während die beiden andern sick in eine eifrige Debatte einlicßen. als gäbe es nich^ Wich­tigeres. wie die Frage nach dem Grunde des Züiftauchens dm: werßen Wölkchen so weit hinter der Front.

Immer näher kamen sie und näher: plötzlich schrie der Lorenz zornig auf:Kreuzhimmeldonnerwetter!" Bubi sah hin; für einen Moment stockte ihm der Atem und er fühlte, wie sich eine Zentner­last ihm aufs Herz legte. Er konnte den Blick nicht abrvenden von dem Gesichte, über welches es in roten Tropfen herabrann Das erste Blut!

Ta war auch schon der LeutnMrt und beugte sich über den Mann. Im nächsten Augenblick stand der Lorenz aber wieder auf seinen Füßen; ordentlich stramm stand er da und wischte mit der Hand über den Schädel, daß sie blutig lvurde und das ganze Ge­sicht beschmiert war, was zugleich schauerlich und komisch aussah.

Melde gehorsamst. Herr Leutnant, es ist nicht der Rede wert. Nur ein Kratzer. Aber das Lumpeng'suchet hat mir die Pfeife ruiniert mit der verdammten Schießerei." Ordentlich wütend war der sonst so phlegmatische Mensch.

Die andern lachten und schließlich lachte der Lorenz mit. Am hellsten und lautesten aber lachte Bubi, dessen klare Knabenstimme aus dem Baß der anderen hervorklang wie ein Silberglöckchen zwischen dumpfen Kirchenglocken. So leicht und wohl war ihm plötzlich ums Herz, der Druck war verschwunden und beinahe triumphierend blickte er zu den weißen Wölkchen empor Ah bah, ihr da Proben. Was könnt ihr? Pfeifen zerbreä>en und höchstens Löcher in den Schädel schlagen, wie wir Buben mit den Kieses- steinen. Ist das alles? Und davor soll man sich fürchten? Läcku-r- lich. höchstens spaßhaft ist das Gairze."

Und der Truck auf der Brust kam auch dann nicht wieder als die Reserven vorgerückt waren und er im Schützengraben ftücte uitb schoß, und rechts und links neben sich Stöhnen und manchmal unterdrücktes Jammern lwrte und die Männer mit den weißen mit rotem Kreuz geschnückt.m Armbiichen behutsam und schnu'igend nntten unter den Schützen ihres Dienstes leiteten. Ter gueck- stlberne Levisohn war einer der ersten, den es ernnschte. Er' konnte nrcht ruhig lieg«: und als er im Ei rer des Gefechts eininal auf­

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sprang, erwischte ihn eine Kilgel. Aber eine Stunde später war er wieder da, das Gesicht verbunden, wie einer, der Zahnschmerzen hat, demr die Kugel war ihm zum Munde hineingegangen, hatte zwei Zähne mitgenonmr'en und die Backe durchbohrt. Aber deswegen ms Spital, gleich am ersten Kampftage? Ter kleine schwarze Kerl grinste.Der eine Zahn war ohnehin schon schadhaft. Und wenn rch nach Hause komme, lasse ich mir ein paar goldene machem? Ick kann mirs bieten." Selbst im Schützengraben konnte er ein bißchen Protzen nicht lassen, aber es nahms ihm keiner übel. War doch ein ganzer Kerl! Der Lehrer nahm sein feldgraues, Halstuch und band es Levisohn trotz des Sträubens um das. Gesrcht, damit der Verband in seinem Weiß keine Zielscheibe für kübe und Bubi tat das gleiche mit Lorenz, den keine! zehn Pferde auf den Verbandplatz gebracht hätten ..wegen so an Schmarrn , und der es nur widerwillig geduldet hatte, daß ihn ein Santtater rm Schützengraben verband.

Am Abend wurden sie abgelöst und bezogen Quartter im Dorfe, richtiges Quartier mit einem Dach über dem Kopf und Stroh aus den Dielen.Wie die Fürsten," sagte der Lehrer. Levisohn war fvrtgeschlichen und kam nach einer halben Stunde mit einer funkel-, naaelneuen schönen Pfeife wieder, die er glücklich im einzigen Laden aufgetrieben hatte. Zehn Gulden hatte sich der Krämer in Ausnutzung der Konjunktur zahlen lassen.Aber was tut's, ich hab's ja." Und. Lorenz, der im Schützenfeuer so ruhig gelegen« war förmlich aufgeregt über den Besitz eines so kostbaren Stückes und schwur, alle Russen zu erwürgen, wenn sie ihm nochmals die Pfeife ruinieren sollten. Bubi aber schlief mit roten Bachov und lächelte im Schlafe.

Die Russin.

-Wer t^n Russen verstehen tvill, der darf die Russin nicht ver­gessen, und darum darf das fesselnde (aber vielleicht ein wenr^ übertriebene) Charakterbild, das Adolf Dirr von der Russin entwirft, gerade jetzt auf lebhaften Anteil rechnen. Es erscheint vieler Tage im Julihefte derSüddeutschen Monatshefte", das zu einem Gesamtbilde vonRußlarch von innen" gestaltet ist. ^virr, der Land und Volk in Rußland aus langem, eigenem Auf- enthatte im Zarenreiche gründlichst kennt, weist auf die furcht- bare Disziplinlosigkeit der ganzen russischen Kinderwelt und weiter aus die bekannte Neigung der russischen Jugend zu eiidlosen, un- friichtbaren Diskussionen hin. Was dabei herauskommt, davon hat er selbst als Lehrer an einer russischen Frauen Hochschule die schla­gendsten Erfahrungen sammeln können. Er unterrichtete da Deutsch, Englisch mid allgemeine Sprachwissenschaft. Daß die Mädchen bodenlos unwissend waren und allgemeine Sprachwissenschaft hören wollten, ohne eine Ahnung von irgend einer Sprache außer der russischen zu haben, das war getviß übel; lvorüber aber gar nicht hinweazukom/nen war, das war der in der ganzen Gesellschaft steckende Geist. Für die meisten Mädchen rvar die ganze Sache nur eine neue Koketterie, eine neue Parade. * . Vor 10 Uhr morgens war es den Damen zu ftüh, und in deii Abendstunden zu spät natürlich: man wollte ins Theater und in das Konzert, also konnte maii nickt nach 7 Uhr abends und nicht vor 10 Uhr mor­gens arbeiten. Aber geschnattert wurde fest, an den Dozenten die unerbittlich,te Kritik geübt, an Programm und Methode gekrittclt, man versammelte sich zu Protestkundgebungen und besuchte die Vorlesungen nicht. Die Studentinnen verlangten von Trrr einen Vortragszyklus über deutsche Literatur, aber . . . 9ldolf Michai- lowitsch. bitte, ohne Texte! Sie fragten, ob er die Einführung in me Indogermanistik nicht ohne die verflixten fremden Sprachen fertig brächte! Von der russischenbaryschnia" der Jungfrau aus den be,,eren Standen, bekommt man. wie Dirr benrerkt, wohl ailch in Rußland kaum jemals etwas Gutes zu hören. Eitel, leer, naseweis, hochmütig. vorlaut ist so ein Wesen, das sich häufig init dem Geschmack zu kleiden versteht, das Grazie und Schönheit. kost­bare slawische Geschmeidigkeit, Natürlichkeit und Wärme und eine nicht unbedeutende Begabung zu einem der reizendsten Frauen­typen macken könnten, wenn nicht das weibischLaunenhafte", . Unbeständige. Kokette, Leichtsinnige. Verlogene, Streitsüchtige. Un­zuverlässige. Egoistische die Worte gebraucht ein Nationalrusse zur Kennzeichnung seines Volkes das Bild fast $u einer Karika­tur des Weiblicher: machen würde. Tie Jungfrau nnrd nun glück­liche Braut, Frau find Mutter. Tas Bild einer russischer, Ehe gleicht im allgemeinen dem einer europäischen abzüglich der Kameradschaft urrd wirtschaftlichen Leitidee der französischen, dem idealen Einschläge rmd der stramN: geführten inneren Zucht der deutschen, der Rftterlichkeit und respectabüity der englischen Ehe.

Ter nmndeste Punkt im russischen Familienleben ist die Er­ziehung. Sie hat mir einen Grundsatz: bis zum 10. Jahre ist das Kind zu klein, vom 10. Jahre ab zu groß zur Erziehung! Es spottet jeder Beschreibung, was die Phrase vom Reckte das Kindes in Rußland versckmldet hat. Ein verlottertes. genußsück»- tiges. faules, alles Wohlgeratene leugnerrdes, alle Pflicht ver- neincdes. nur Rrrlne forderndes Geschlecht wächst heran Zwei- jährige Kinder gibt «s da, die ihre kNutter mit den WortenMama, ty dura" (Mutter, bu bist eine Mrrin ins Gefickt schlagen. Höhere Töchter und Gymnasiasten gründen LiebeSfluds Frauen gestehe» einem Lehrer die Unmöglichkeit ein, mit ihren zehn bi> zwölf jährigen Spröplingen fertig zu iverden Hall',i'ü.1"'..,e Kinder treiben svh bis in die Fracht auf Tauern und Straße»