Zurück zur Scholle.
föoman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
XXII.
Hugo, der Individualist, arbeitete unterdessen in Halle mtt bewundernswertem Eifer und ungeahnter Ausdauer auf sein Staatsexamen^ los. Die tiefste Weisheit des alten Bundes: „Alles ist eitel!" hatte er an seinem eigenen Leibe erfahren. Jetzt war er bei der neuen Botschaft von bdr christlichen Liebe. Und er machte plötzlich die Entdeckung, daß man auch damit eine Individualität sein könne. Und wie er dies im Hörsaal wissenschaftlich in sich aufnahm und gemäß seiner Veranlagung selbständig verarbeitete, im Hanse machte er unterdessen einen praktischen Kursus der Seelsorge durch. Denn Hedwig litt schwer, wenn sie auch niemals klagte. Schon der erste Brief des Barons wa^f sie in das wilde Meer ihrer Schmerzen zurück. Hugo tröstete sie nach Kräften, zeigte ihr das Vergebliche ihrer Hoffnungen nnd brachte sie endlich dazu, den B>vies an den Vater zu schicken. Als abe(r das zweite Schreiben Fritz von Wiukelbergs kam, in dem er ih- die Not seiner Kinder klagte und sie inständig beschwor, zurückzukehren, da war sie nahe daran, alles zurückzulassen und nach Britzkalo,e zu eilen. Hugo hatte eilten schweren Stand. Sic klagte sich selbst der Pslichtvergessenheit an und war ganz untröstlich.
i,,Hiede!" bat er und nahm sie in die Arme. „Du kannst Vater darin nicht vorgreisen. Er ist schwer gekränkt worden und muß erst Genugtuung haben, ehe an eine Versöhnung zu denken ist."
„Aber die Kinder!" schluchzte sie. „Die Kinder sollen nicht darunter leiden."
„Das ist leicht aus der Welt geschafft!" meinte er zuversichtlich. „Das Kinderfräulein wird entlassen, und der alte Abraham hat für besseren Ersatz zu sorgen!" *
„Ich muß ihm doch wenigstens antworten!" rief Hedwig unter Tränen.
„Du hast Vater versprochen, nicht zu schreiben!" mahnte er liebevoll.
„Dann schreib du!" bat sie.
„Ich darf nicht?" erwiderte er und zerbrach sich den Kopf, wie dieser böse Knoten am leichtesten zu lösen wäre.
„Schreib an Moritz Gaffel!" schlug er ihr endlich vor. „Das ist einer von den wahrhaft guten Menschen, die es selbst nicht lvissen, daß sie dazu gehören. Er hat jetzt Ferien."
Hedwig nickte wortlos und schrieb.
Moritz Gasse! ging mit dem Schreiben zum Baron und bot sich als Hauslehrer an. Noch an demselben Tage wurde das Kinderfrämein nach Luschelau abgeschoben. Der alte Abraham versprach, ein besseres herbeizüschaffen. Bis dahin
-beaufsichtigte Moritz Gassel die Baronskinder. Bald hingen sie an ihm wie die Metten. Fast jeden Tag waren sie bei ihm im Schulgarten. Cäcilie stöberte in der Schulstube eine Fibel auf und lernte auf eigene Faust lesen. Der kleine Günther, aber hielt sich mehr an die Bienenstöcke, wo der süße Honig floß. Bor den Stacheln der fleißigen Immen hatte er keine Angst, weil er sie nicht kannte. Als ihn aber die erste in die Hand pickte, erhob er ein durchdringendes Jndianeraebrüll und entfloh. Seitdem brauchte ihn Moritz Gassel nicht mehr vor den Honigkäsden zu warnen. In der zweiten Ferienwock-e, als man draußen auf den Feldern die Gerste zu schneiden begann, sing Cäcilie schon an, in einem Märchenbuche, das ihr Moritz Gassel unter die Hände gespielt hatte, zu buchstabieren. Und als sie erst drei Sätze glücklich herausbekommen hatte, ging sie mit dem Buche zu Bett (und stand damit auf. Noch mehr Freude fast hatte Moritz ' Gasse! an dem kleinen Günther. Dieser kleine Kerl besaß einen harten Kopf. Was er einmal in den Fingern hatte, das hielt er fest. Nur am Sonntag war Moritz Gassel kiirder- los. Da blieben die beiden Kinder bei ihrem Vater.
Moritz Gassel benutzte diesen freien Nachmittag dazu, August Knorreck in Zdurotschin einen Besuch zu machen. Der fragte ihn über alles aus, was wäl-rend der Woche im Dorfe vorgefallen war, wie s mit der Ernte vorwärts ging nnd wie's mit Fürchtegott Fritsck)er stand. Denn mit dem wollte es nun endgültig bergabgehen. Der Knecht lvar ihm vor der Ernte fortg-elausen, die Gläubiger drängten heftiger als jemals, allen voran der Sulitscher Gottlieb, und die alte Fritschermutter lag wieder im Bett und l-atte Wasser in den Beinen.
Moritz Gassel trank eine Tasse Kaffee und machte sich noch vor Abend lvioder aus die Strümpfe, weil er nicht mit Thomas Hauschild Zusammentreffen wollte, der Sonntag abend stets angeritten kam und August Knorreck über das Gut und die Ernte berichtete, sich Ratschläge ausbat und durch die stramme Arbeit und die Verantwortung, die auf ihm lastete, ein ganz ordentlicher Mensch geworden »var. ')tur das kleine Spielchen bei Dudeck ließ er nicht aus. Die Bank aber hielt er nicht mehr.
Auch in der Woche kani er zuweilen nach Zdurotfchin geprescht Dann blieb er nie länger als eine halbe Stunde. Und so erzählte er denn einmal, daß die Dreschmaschine kaputt sei und in Sulitsch zum Ausbessern wäre.
„Liegt das (Getreide draußen?" fragte der Inspektor hastig.
„Elf Schober haben wir gemacht," antwortete der Gehilfe stolz.
„Sind sie versicl-ert?"
„Selbstverständlich!" erwiderte Thomas Hauschild, der Stellvertreter, und warf sich in die Brust.
,?)La, dann ist's gut!" knurrte August Knorreck befriedigt.
Gleich darauf sprengte der Gehilfe über den Vieht- markt. August Knorreck wartete, bis der der Hnsschlag


