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|9|5 - Nr. j05
Lurück zur Lchslle.
Ronurn von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Die Versicherungen!" mahnte auch Knorreck noch einmal. „Nächsten Monat läuft die Vorwerksscheune ab. Ihr müßt den Herrn Baron daran erinnern. Und dann müßt Ihr gleich eine Milchwirtschaften« und ein Kinderfräulein besorgen. Und das bald. Morgen schon? Auch ein Maschinist für die Lokomobile muß her, aber nicht wieder so einen verdammten Sozialdemokraten wie vor zwei Jahren. Die Maschine muß geschmiert werden und einmal Probe laufen, ehe sie aufs Feld konimt. Und vergeht mir die Erntearbeiter nicht, meinethalben Polacken. Daß sie aber in spätestens acht Tagen da sind! Herr Hauschild wird mich vertreten!"
„Ich werd sehen, ich werd sehen!" rief der alte Abraham und sprang auf sein Wägelchen. „Ich werd alles besorgen und die Versicherung gleich mit. Adieu, Herr Inspektor. Und meschugge sind Sie doch. Was bleiben Sie nicht gleich hier. Sie haben doch Ihren Kontrakt!"
Und scbon klapperte er mit seinem Wägelchen im Trabe zum Gutshof hinaus aus die Dorfstraße.
Frau Knorreck saß schon auf dem Kutscherbrett des vordersten Leitertv-agens. Sie hoffte noch immer, daß der Baron sie nicht au3 dem Tore lassen würde. August Knorreck nahm seinen Jnspektorstock, hing ihn über den Arm, durchschritt mit Thomas Hauschild alle Ställe und Wirtschaftsgebäude, sah überall nach dem Rechten, schärfte ihm noch einmal alles ein, drückte ihm zum Abschied kräftig die Hand und reichte ihm die Schlüssel der leeren Jnspektorwohnung, die er dem Herrn Baron abliesern sollte. Dann trat er neben das Hoftor, streichelte den ottigen Wächter, der vor Freude bellend an ihm emporprang, und winkte den Kutschern. Sofort setzten sich die chwerbeladenen Wagen in Bewegung. Als sie ratternd, im langsamen Schritt über das grobe Pflaster bei der Dungstätte fuhren, machte August Knorreck kehrt, senkte den Nacken, schritt zum .Hoftor hinaus, den Wagen voraus, die hinter ihm herknarrtcn, und ließ das Gut, das er fünfundzwanzig Jahre bewirtschaftet hatte, und das Dorf, das seine Heimat geworden war, hinter sich. Die Dorfleute standen an der Straße und gafften. Daniel Zpuppack, der sich mit beiden Armen über den Pfarrgutsgartenzauu lehnte, grinste und lüftete seine Mütze. Da straffte sich August Knorreck aus, schwang den Stock und stieß ihn kräftig in den Boden. So schritt er dahin, aufrecht und ungebrochen, und seine sechsundfünfzig Jahre sah man ihm nicht an.
Frih von Winkelberg schaute ihm nach und mußte hart gegeu sich kämpfen, daß er nicht weich wurde und den alten Starrkopf zurückrief.
Der lvürde schon mürbe lverden in der Verbannung!
Dann riß der Baron den Brief nach Halle noch einmal auf und machte einen Zusatz, in dem er Hedwig die Erklärung für diesen Auszug mitteilte. Ohne daß er es lvollte, wurde ihm unter der Feder eine Entschuldigung daraus. Dann siegelte er das Schreiben zu und gab es noch am selben Tage dem Briefträger mit, der es in Luschelau einschreiben ließ, damit es auch sicher in Hedwigs Hände kam. ,
August Knorreck fand in Zdurotschin schnell eine passende Wohnung, denn von den zahlreichen Ehen, die Karl Zdurotfchius Testament gestiftet hatte, waren im Laufe der letzten Jahre schon einige wieder aus dem Leime gegangen. Er fand an dem großen Viehmarkt, in den der Weg von Britzkawe mündete, ein paar Zimmer, ließ den größten Teil der Möbel auf den Boden schaffen und setzte sich in den Lehnstuhl, den er ans Fenster rückte. Hier saß er vom Morgen bis zum Abend und hielt die Straße im Auge.
Bald kam von Halle Nachricht. Hedwig berichtete, daß sie zwei Zimmer in der Nähe des Leipziger Tores gemietet hätten und daß Hugo sich sofort kopfüber in die Arbeit gestürzt hätte. Der Brief war kürz und zeigte in der Mitte die Spur einer weggewischten Träne. Von Britzkawe schrieb sie nichts. Dafür lag der Brief, den sie vom Baron empfangen hatte, bei. August Knorreck las ihn und reichte ihn dann seiner Frau.
„Was sollen wir tun!" rief sie ratlos.
„Warten!" sprach August Knorreck, setzte sich in den Lehnstuhl, sah zum Fenster hinaus und rührte sich nicht.
Im Dorfe hatte der Auszug des Gutsinspektors großes Aufsehen gemacht. Verschiedene Gerüchte schwirrten umher, eines immer wilder als das andere. Nur auf den wahren Grund kam niemand, weil Thomas Hauschild reinen Mund hielt. Am tiefstetl schmerzte Moritz Gassel der plötzliche Weggang August Knorrecks. Doch den Baron darunr zu fragen, wagte er nicht. Er hatte auch wenig Gelegenheit, denn die Ernte stand vor der Tür, und zum Schachspielen hatte Fritz von Winkelberg jetzt keine Zeit. Der alte Abraham brachte eine Milchwirtschafterin und ein Kinderfräulein, erneuerte die Versicherung, schaffte die zwanzig polnischen Erntearbeiter herbei und kam endlich mit einem Maschinisten angefahren. Den hatte er sich aus ein paar Tage ausgeliehen, weil kein anderer aufzutreiben war. Der Maschinist sah die Dreschmaschine und die Lotonwbile sachgemäß nach, schntierte alle Lager und ließ sie auf dem Hofe zur Probe laufen, als draußen auf den Felderit unter den gierigen Sensen schon die ersten Roggenhalme sielen. Er lernte einen anstelligen Arbeiter an, die Maschine zu bedienen, und überließ sie ihm, nachdem er sie bei dem ersten Roggenschober aufgestellt hatte.
Fritz von Winkelberg wartete eine ganze Woche vergeblich auf Hedwigs Antwort. Dann merkte er, daß er den Kampf verloren hatte. Sein Gesicht witrde herb und seine Mieite bitter. Aus seinen Augen verschwand der milde Blick. Mit


