Ausgabe 
7.7.1915
 
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hatte er schon mehrere Male lachend »u seinen Kameraden gesagt, dre mit ihm im Saal lagon. Mer so-, Me er es sprach, klang es höhnisch. Er benutzte feine Kenntnis oer deutschen Sprach gern dazu, statt zu danken, mit seinen! leichten Spott den Groß­mütigen zu spielen. Aber er fühlte dabei nicht, tvie arniselig das nxu. i

Mit zwei anderen englischen Offiziere^ und zwei russischen Hanptleuten lag er zusammen. Aber die sprachen nur wenig mit­einander, wie kleine Kinder, denen die Mütter verboten haben, zusammen zu spielen. Ihre gemeinsamen Interessen waren wohl nur Schlafen, Essen und Rauchen, die Engländer ihre Pfeifen, die Runen ihre unentbehrlicl>en Zigaretten.

Duxton horchte auf, denn die Straße herunter kam der dumpfe Schall von Militärmusik. Und einige Minuten später brachen die Töne hell um die Ecke. Das lvaren ansrückende Truppen, ein Transport, der zum Bahnhof ging. Schioer klappte der Schritt der tausend Füße. Zu beiden Seiten auf den Fußsteigen drängten sich die Mütter und Mnder. Lachend unter Tränen. Tie Klein­sten von den Meinen marschierten mit im Takt und fühlten nicht den Ernst der Stunde. An den Gewehrläufen nickten Blumen. .An den neuen grauen Mcken steckte frisches Laub.

Duxton empfaird die Kraft des Bildes. Er zog sich etwas vom Fenster zurück, aber er wandte den Blick nicht ab.

Da trat die Schwester neben ihn, schaute eine Weile hinaus und sagte dann nachdenklich und stolch:Unsere Soldaten!"

Er erschrak ein wenig, loeil er sie nicht gehört hatte.

Ja, Soldaten," antwortete er kurz, als wolle er den Stotz der Schwester dämpfen.

Sie sah ihn fragend an.

Er fuhr fort, nne wenn er jedes. Wort erwägte:Frauen wissen nichts, verstehen nicksts von den Soldaten."

?lber von den Söhnen," antwortete sie rasch.Unsere Sol­daten sind Gatten und Sühne. Darum fühlen wir Stolz und Trauer, Herr Huxton."

Er wandte sich, ab und bat den einen russischen Hauptmann UN! eine Zigarette, der sich gerade eine neue anzündete. Dann blies er den blauen Ranch in dichten Wolken zwischen sich und die Scknvester.

Schwester Hilde tat, als fühle sie seine Ungezogenheit nicht, ging die Reihe der Betten entlang und glättete ruhig Decken und Kissen.

Herr Duxton, toenn Sie mögen, dürfen Sie heute Nach- mittan ein bißchen draußen im Park spazieren gehen. Der Arzt erlaubt es Ihnen."

Damit wollte die Schwester ihre eigene Unruhe glätten. Ter Oberleutnant nickte und lächelte.

Ja, Schwester Hilde, Sie sind gut. Die beste Schwester von den dentßhen."

Schwester Hilde lag es auf der Zunge, noch etwas zu erwidern. Aber die Antrvort erstickte ihr im Mund. Sie ging rasch hinaus und warf die Tür laut zu.

Die Offiziere lachten. Aber vielleicht wußte kaum einer, war uni.

So,wester Hilde ging in ihr Zimmer, stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar. Auf der Konrmode stand das klcirre schmale Bild eines deutscl-cn Offiziers. Quer über die Uniform ein Gruß geschrieben in eckigen, harten Zügen.

Ihr Herz wurde bang, die Augen matt. Sie Mußte schlucken, um sich zu beherrschen.

Sie hatte ihm ihre ganze Liebe mitgegeben. Er war mit Freude sortgegangcn, damals, im ersten Feuer der Begeisterung. Run hatte er seit drei Wock-en nicht mehr geschrieben. Und in Polen waren schwere Tage.

Aber sie kam nicht dazu, ihren bangen Gedanken freien Lauf 8ll lasten, ^ie wurde unten gerufen, einer anderen Schwester zu helfen. Ta war sie Meder fest lvie vorher.

An: Nachmittag durften die verlvundcten fremden Offiziere im Park spaz:ercn gehen. Der Parck lag am Rande des kleinen Städt­chens und grenzte bart an das Feld. Ueber Busch und Acker sah das Auge einen hellen Frühling liegen. So zart war das Licht, so weich der bunte Schimmer der Bäume, als wolle der Frühling m:t besonderem Bedacht alle Not und allen Lärm da draußen vergessen machen.

In der: duschen kreischten und hüpften die Spatzen wie eine Schar wilder Kinder. Ueber den Birken lag ein rötlich gelber Lästerer, den der kleine, leichte Wind vergeblich fottzuiml-en suchte. d«nz oben, rn der blassen Höh..- strebten zwei Störche dem deut­schen Neste zu.

Oberleutnant Huxton ging allein, die Schwester folgte ihm nach einigen Schritten. Bor der hohen Eisentür stand der Posten

Huxton ging einen schmalen Weg zur Seite und wandte sich dem anderen Ende des Gartens zu. Er ging mit kurzen, hastigen Schritten. Aber er suhlte doch, wie schwach er war. Tie Brust arbeitete noch nicht genug.

Ta ließ er nach, so daß 'Schwester Hilde ihn einholte.

Herr Huxton, Sie sollen sich aber schonen. Tos soll eine Erholung fern."

Ter Oberleutnant lachte spöttisch.

Eine Erholung für die Gefangenschaft? Wozu? Sagen Sie doch, wozu?"

,^)err Huxton, Sie sind ungezogen und undankbar,"

Er faßte ihren Arm, um sich zu stützen. Seine Schritte wur­den noch langsamer.

Sie standen am Rande des Parks und sahen über den Acker hin. Hinter der jungen Wintersaat waren ein paar Pflüge und Eggen an der Arbeit. .Tie wurden von russischen Gefangenen geführt.

Schade um das schöne Land!" sagte Huxton, und seine Worte klangen seltsam ehrlich,Aber wir rverden es doch verbrennen."

^etzt fühlte sie es, er wollte ihr wehtun, ihrem Stolz, ihrem Herzen, das so ganz an diesen Menschen und Saaten hing.

Ha, brennen!" lachte sie.Ja freilich, es brennt, von unse- ren Herzen . Und Sie werden nichts mehr dagegen tun können, mem lieber Oberleutnant!"

sagte sie übertrieben höflich. Und er war verletzt. Man sab es an seinem Gesicht, über das ein Zerren und Zucken ging. L>re empfand em wenig Befriedigung, tapfer gewesen zu sein.

Sie gingen weiter. Sie wollte ans Uebcrmut ein Lied trällern, ein Lied, das ihn ärgern mußte;. Aber sie nahm sich noch zu-" samnren.

Und schade auch uni die hübschen, deutschen Frauen," fuhr " dann fort,die so leiden müssen/' Dabei preßte er ihren Arm fest in den seinen und ließ seine Augen nicht von ihrem Gesicht

Sie wurde rot. Dann machte sie sich hastig frei von ihm, so daß er einen Augenblick wankte. Ihre Worte kamen hart und gepreßt heraus.

'.'Nicht schade, Herr Oberleutnant! Nein! Sondern Gottsei- dank! Was haben Sie für eine Meinung von deutschen Frauen? Sie! Oh, wir können leiden! Da soll an unserm Leid England zerschellen!"

Sie lachte bitter. Und ihr Atem ging schwer.

Der englische Offizier schwieg peinlich.

Dann plötzlich strich sich Schwester Hilde mit der Hand durch'- Haar, als käme ihr Besinnung. Sie starrte eine Weile geradeaus, dann sagte sie ioeich:

Sie haben sich einen Augenblick vergessen. Herr Huxton. Kommen Sie, es wird kühl. Ihre Brust ist noch schwach. Sie müs­sen wieder liegen."

Sie nahm seinen Arm. Er ließ sich willig führen. Aber dann verzog er den Mjund zu einem Lächeln und meinte:Verliebt­heit!"

Sie sah ihn cm, bang und voll. Und ging doch wieder mit ihm uiid führte ihn in den Saal. Er fühlte sich recht schwachSie müssen sich schonen", sagte sie.

. Als sie dann in ihrem Zimmer stand, konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Aufrecht stand sie da und barg ihr Gesicht tm Taschentuch. Sie trug einen .Haß im Herzen gegen diesen eng­lischen Offizier, daß sic sich selbst fürchtete. Sie ärgerte sich, daß sie ihm nicht niehr gesagt batte. Denn er war schlecht zu ihr ge­wesen. Er war kein Offizier.

Hundert GedanktM tiefen ihr durch das erregte Gehirn. Trü­ber vergaß sie die Tränen.

An demselben Abend mürben noch kranke Offiziere eingeliefert. Schwester Hilde bekam drei Russen zu den andern, in denselben Saal. Sie kamen aus den letzten Kämpfen. Sie konnte aber noch mcht erfahren, woher.

Sie sorgte für die Drei wie für ihre Kinder und kam erst spät zur Nachtruhe.

Am andern Morgen »oar sie wieder voller Eifer, als wolle sie sich selbst betäul>en, nicht zum Nachdenken kommen, etivas ver­gessen.

Die neuen Offiziere erzählten von dem, was sie zuletzt gesehen und erlebt hatten. Schioester Hilde lehnte am Bettpfosten und horchte und verstand doch nichts. Sie bat den einen rnffifd>en Lemnant, einen Studenten, er möge dock) deutsch erzählen, wenn er könne. Und der erzählte jhr. Sie faß auf dem Rand seines Bettes.

iWir hatten die . Füsiliere gegen uns. Die Preußen agem eln tapferes Regiment."

Schivester Hildes Äugen wurden größer, als könne sie sehen, was- er sagte.

s Tie . . . Füsiliere? Das war ja sein Regiment! Ja, ein gu­tes Regiment!

Warum erzählen Pie nicht tveiter. Herr Leuttrant?" fragte sre l)astig.

Aber ich erzähle doch Schwester!"

Sie^ hatte ganz überhört, daß er weiter sprach.

,?Wir haben das -Regiment kaput gemacht", fuhr der junge - Offizier fort, und in seiner Stimme war Stolz und Trauer zu- gleich.

Cie schwieg und starrte ihn an.

Sie werden blaß, Schu*ester", sagte der Russe.Hab' ich Ihnen weh getan?"

Scknvester Hilde stand auf und biß die Zähne in die Lippen.

Sie haben das Regiment vernichtet? Sagten Sie das Herr Leutnant? Dann waren Sie tapfer. Wirklich, Sie waren es." Wieder sckiwieg sie einen Augenblick.

Aber ich kann es noch nicht fassen. Das ist zu schwer. Doch es muß wohl ivahr sein. Ja, ich glaube, Sie lügen nicht." Langsam wandte sie sich vorn Bett ab.

Danke schön, Herr Leuttrant."

Ihre .Hände lösten sich vom Bettrand und während sie sich