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Daher ihre Entdeckungen der malerischen Bauernhütten. — Die Dorfstrabe war nicht ganz so bequem zu befahren, wie großstädtv- scher Asphalt. Sie stieg ab und wanderte durch den Staub über den Dorfanger, am entengriesbedeckten Tümpel vorbei nach links hinüber, wo am Eingang eines schmalen, schmutzigen Gäßchens ein weißes Haus von stattlichen: Aeußern stand, das ein Schild mtt der Aufschrift „Gemeindeamt" trug. Gegenüber am Anger zog sich ein niedrer Schrippen mit einem angebauten kleinen Stetn- hüttchen hin. Das Spritzenhaus offenbar mit dem in den Dörfern lener Gegerrd ortsüblichen Gefängnis für Stromer und Trunkenbolde oher Spitzbuben. Sonderbarerlveise fiel es ihr heute auf. Was war denn schon einmal voir Bergscheide und denr Spritzenhaus! erzählt worden? Ach ja, da halten die stark patriotischen Dörfler gleich beim Beginn des Krieges einen armen unschuldigen Radfahrer eingesperrt, im Glauben, er gehöre zu jenen Dreien, die! der Sage nach den französischen Goldschatz nach Rußland schaffen sollten, da die „Goldautonwbile" überall verfolgt wurden. Es hatte sich natürlich herausgestellt, daß der Mann wirklich nur ein harmloser Maurergeselle war, der nach der Stadt wollte. — Trude lächelte noch in Gedanken an den läirdlichen Uebereifer und führte ihr Rad dann in das Gäßchen, etwa dreihundert Schritte weit hinein. Da lag ihr Ziel, das malerische Häuschen mit dem tiefherabhängenden Strohdach und den windigen, trüben Fenstern. Ein blütenbedeckter, krummer Obstbaum dicht an der Lehmwand nahm dem .Häuschen das Häßliche und Aermliche. — Bor der schiefen Tür tag ein großer Düngerhaufen, auf denr eine Hühnerschar herumstolzicrte. Ter Hahn flatterte zwischen ihm und dem wackligen Zaun, der den Hof umschloß, hin und her. Diesen Zaun aber zierten nach urländischer Sitte ein paar zum Trocknen auf die Pfähle gestülpte irdene Töpfe. — Trude suchte sich einen passenden Platz, wo das Ganze am besten Bildwirkung gewann, lehnte ihr Rad an einen Bäum', setzte ihr Ktappftühlchen auf eine leidlich saubere Stelle des Erdbodens und sich selbst darauf und begann ihr Werk.
Geraume Weite zeichnete sie ungestört, bis ein klirrendes Geräusch sie auf- und umblicken machte. Eins der kleinen Fenster war aufgestoßen worden, ein fuä-sroter, borstiger, häßlicher Männerkopf fuhr heraus uird eine scharfe rostige Stimmt fragte: „Was is's denn da? Was soll denn sein?" —
Trude cvhob sich einen Momcnt^von ihrem Sitze und rief hinüber: „Guten Tag! Entschuldigen Sie, aber ich will nichts, als das Häuschen ab malen."
Und damit nahm sie ihre vorige Stellung wieder ein und ihre Arbeit wieder auf. Ter Frager schien sich ihre Worte zu überlegen. Zufrieden war er mit der erhaltenen Auskunft nicht, sondern begann nach einigen Minuten aufs Neue: „Mmalen— dees Haus da? Wozu'ne denn?" ■— „Ei, weil ich ein Bild davon habe:: null." Tritde gab die Antwort, während ihr Pinsel Strich um Strich fugte. Sie hatte nicht Lust, sich durch schwerfällige Bauerngehirne um den Zweck ihrer Fahrt bringen zu lassen. »— Pause. Tann wiederr „Ddu — woas machen Se denn mit dees Bild?" „Behalt' ich." — „Nee — nee — wozu'ne denn doas?"
— „Weil ich s hübsch finde."' „Hibsch — dees 5)aus da? „Nee
— nee, da iS was nich richtig —< dets nnvh doch 'nen Grund ha'n —" Klirrend schloß sich das Fenster. Dafür ging eine Weile drauf die rissige .Haustür auf und heraus trat ein Buckliger, der Inhaber des roten Borsteukopfes und der rostigen Stimme, kam Mit vorsichtigen Schritten und mißtrauisch forschenden Blicken ein wenig näher, blieb dann etwa zehn Schnitte ab stehen und hob endlich lvieder an: „9Lu nee, ich macht' doch aber wissen, zu woas das sein soll? Mmalen — Mei Haus? Tees muß doch -nen Grund ha'n —"
Trude war als eifrige Jnngcrin des Malsports an neugierige Zuschauer und Frager gewöhnt und ließ sich nicht beirren. Lachend wiederholte sie: „Bester Mann, ich sage es ja, well mir das Häus- rf>en gefällt." — „Hm — tun Sie am, Eirde so Bilder hinterher verkaufen?" ,,O, wenn jemand es kaufen will — warum nicht?" lachte die Malerin. Nun schwieg der Hausherr, stand minutenlang überlegend und zog sich, mißtrauische Blicke nach Trude hinwerfend, langsam zurück. Diese dachte aufattnend: ,,Na, endlich! Kann der Kerl einen nicht in Ruhe lassen?" Allein ihre Hoffnung, daß jener jetzt befriedigt sei, war trügerisch. Statt des einen Banern- kopfcS tauchten mit einem Male deren zwei hinter dem Düngerhaufen auf; der Hausherr hatte sich einen Nachbarn geholt und hielt nun mit diesem lebhafte Unterredung — besser gesagt, Kriegsratt Fortlvährcnd nach Trude hindeutend, machte er dem Gefährten, seine Bedenken klar, die ber Nachbar kopfnickend und mit hoch- gezogenen Brauen richtig hieß. Ja, des Nachbarn Stimme ließ sich für Trude verständlich vernehmen und redete von „Zeitung", von „Mmalen von sone Flugplätze —" und „Was Festungerj sind —" und „Die Weibslente, denen ist erst recht nicht zu trauen". Und dann fiel ein Wort von „den Selmlzen fragen —" Das war doch drollig! Verwechselte nran das Mzeichnen einer harmloses Bancrnhütte mit dem verbotenen Aufnehmen von Festungswerken und militärischen Flugplätzen? .Haha! Den Dorfschulzen rufen! Mochten sie! Das war ein Hauptspaß? Sic hatte ja ihre Rad- fahrerkarte als Legitimation bei sich. Mcr nur nicht so schnell dm Spaß verderben. Erst ein Bißchen zappeln lassen! —
. Richtig! Der Rotkopf stapfte jetzt die Gasse nach dem Gemeindeamt hin. während der Naclchar ans einiger Entfernung aufmerksam den: Treiben der gefährlichen Spionm zusah. die soeben
mit einigen kühnen Strichen den Düngerhaufen aus ihre Leiuwcuü» setzte. Gerade als der fertig war, Word der Dorfgewaltige neben! dem heftig auf ihn einredenden Buckliger: sichtbar. Gleich darm^f standen die drei Männer ganz nahe bei Trude u:ü> der Gemeindevorsteher zog höflich die Mütze: „Gu'n Tag auch die Tome." — „Guten Tag!" dankte Trude und malte eine gelbe Henne. — Ein Augenblick des Schweigens und Beobachtens von feiten der Männer. Dann hob der Schulze an: „Die Dame malt da den: Büttner Karl sein Haus ab. Wir möchten wohl gern mal gefragt haben, und wozu Sie das machen tät'?" —
„Wozu?" Trude zeigte ein ganz unschuldiges Gesicht. „Na, werl nnrs Mal Spaß macht und gefallt. Jst's nicht hübsch geworden, Herr Ortsvorsteher?" "Damit drehte sie oem Verlegenen die halbfertige Skizze hu. Der räusperte sich „Hm — ich möcht' wohl mal gefragt haben !— was die Dame nu mit dem Bild machen tät' ?" — „Nun, verschenken — verkaufen — für mich behalten — wie sich s trifft."
„Mer 's muß doch 'nen Grund haben!" bemerkte der Büttner- Karl. „So fremde Häuser abmalen — for nix und wieder nir —'* „Gott — ist da was dabei? Darf man das nicht, Herr Orts^ Vorsteher?" fragte Trude sehr erstaunt.
„Hm — hm — das weeß ich nu nich — so all und jedes — und sonst, na ja — aber in Kriegszeiten —" „Und dann kann man nich wissen, wer so Jedes sein tut!" DaS war des Nachbars Sttmme.
„Ich dächte, da könnte der Herr Ortsvorsteber Sie beruhigen Er kennt mich." Der Genannte riß die, Auaen aus. ,L)M — irgend^ wo habe ich Ihnen schon gesehn, ist mir freilich — bloß ich weeß nu nicht, wo —"
„Erinnern Sie sich nicht? Im April war ich Aon einmal bei Ihnen, luc^eit der Erlaubnis, daß ich aus ihre Wese durste» Drunten beim Moor, der weißen Blumen wegen —"
„Hm hm — kann schon sein, kann schon sein — will mir wohl
beifallen —" •
„Blumen ? So'n Unsinn!" fiel der Rotkopf mißtrauisch ein. „Wa§ hat son Stadtvolk überhaupt überall rumzuspijonieren — in sone Zeiten — doas is nich richtig, doas! muß 'neu Grund ha'n!"
Spionieren! Da war das Wort! Haha, das Spritzenhaus! Darimr war ihr das heute so besonders ausgefallen! Na, soweit wollte sie Pen Spaß nicht treiben. Sie zog ihren RadlerausweiH hervor und reichte ihn dein Schulzen: „Ich will Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen, Herr Ortsvorsteher!" —
Der Schulze kratzte sich verleben am Kopfe, las, nickte ehi Paarmal vor sich hin und sagte: „Stimmt schon —"Lehrerin in S. —, je, mag sein, mag sein —"
„Ich blM detbei, da is was nich richtig/" protestierte Büttner- Karl. „Sone Papiere kann mer fälschen — habt Jhr's nich gelesen! in der Zeitung? Was die Spijvne sind, die sind mit alle Hunde jehetzt — Wiesen aus spionieren — und denn Häuser inalen — nee — 's muß doch 'neu Grund ha'n! Schulze, ich geh' n:ich nich zustieden, da müßt Ihr sicher gehn.""
„Ich weeß was^"" fiel der Nachbar ein. „Ich hol' :ven — der wirds sagen! Ihr bleibt hier, daß die Mamsell nich auS- wischt — man 'n Paar Oogenblicke, und da bin ich!"" —- Trude'K Lache:: wandelte sich schon in Aerger. Diese verbohrten Bauern- scbädel! Llber es mußte sich ja klären, drum Geduld und inzwischen fleißig weiter malen, damit die Skizze fertig wird.
Rasch die weiße Henne und dre Blüten an den Apfelbaum! Mer ihre Hand war ooch unruhiger und die Striche wurden unsicherer. — Dummes Zeug! Nur sich nicht irren lassen, und wenn das ganze Dorf mit samt dem Gendarme:: zusammenlief! — Es schien fast so. Lachende Stimmen wurden im Gäßchen laut, und der vorsichtige Nachbar ward in Begleitung zweier Männer sichtbar, die offenbar nicht dem Bauernstände angehorten. Der Schulze und selbst Büttner-Karl rückten die Mützen: „Gu'n Tag, Herr Pafter
— gu'n Tag, Herr Lehrer —""
„Nämlich, ich dachte, Wenns wirklich 'ne Lehrersche ist, denn müßt unser Lehrer des doch wissen," erklärte der Nachher; „und da war arad der Herr Pastor da —'" „Na, ihr eifrigen Baterlands- verteioiger — die Kriegsschatzboten sind es diesmal nicht — eine Spionin dafür?"" rief lachend der Pastor, ein noch jüngerer Mann, den Bauern entgegen, um dann, dem Beisviel des Lehrers folgend, sich grüßend der Dame zuzuwenden. „Dacht' ich's doch
— Fräulein Mönnig! Freut mich sehr. Sie wiederzuseben — Sir erinnern sich? Von der Berlinfahrt des Geschichtsveretns her — int Märkischen Museum — wo Sie uns so interessante Einzelheiten! über märkische Backsteinbcntten zu sagen wußten — von Stendal und Tangermünde —"
Trude, die lächelrü» mit dem Kollegen, den sie wirklick) von den Konferenzen her kannte, euren Händedr:rck getauscht, verbeugte sich. „Gewiß erinnere ich mich — Herr Pastor Weiz-e, Mein Tischmachbar beim gemeinsamen Essen hinterher? Llber daß Sie hier in Bergsckieide wohnten, lvar mir entfallen^ Sonst hätte ich mich
mtf Sie berufen —""
„Hoffentlich hat man Sie nicht gar zu sehr belästigt! Meine Bergscheider sind nämlich glühende Patnoten — :md Zeitung--
lefer — "
„Das habe ich gemerkt,"" lächelte
„Na also, Büttner, Sre könne:: sich wirklich) beruhigen, und Sie auch, Herr Ortsvorsteher. Das Frcnücin ist wirklich, ganz und gar keine Spionin,"


