gen, und dieser hatte dem König seine Uebersetzung der Iphigenie des Racine vvrgäesen. Geliert mußte eine seiner Fabeln hersagen. Mit Gottsched war Friedrich sehr tvenig zufrieden gelvesen. Er behauptete, er habe kern Wort seiner Ueberießung verstanden, trotz- detm er das Original zur Land gehabt habe. Gellerts Fabel aber fand seinen Beifall: „Das ist recht schön; er hat etwas so Eou- lantes in seinen Versen, das verstehe ich alles," und er vat den Dichter, öfters wiederzukommen und ihm seine Dichtungen vor- -ulesen.
Ter Eindruck, den Gellert auf den König gemacht, roar ein bedeutender. „Das ist ein ganz anderer Mann als Gottsched," meinte er, als ihn der Dichter verlassen, und bei Tafel nannte er ihn den vernünftigsten unter den deutschen Gelehrten." Ja! eine Ode, die Friedrich $ Jahre vorher an Gottsched als an den Begründer des literarischen Ruhmes Deutschlands gerichtet, und die der eitle Geschmacksdiktator schleunigst der O Öffentlichkeit übergeben hatte, erhielt jetzt die Ueberschrift „An Sieur Gellert". Zu Garre aber äußerte Friedrich später: „Gellert ist der einzige deutsche Dichter, der zur Nachwelt gelangen wrtd. Er hat zwar nur in einer kleinen Gattung, aber in dieser mit Glück gearbeitet."
Gellest ist der Dichter der Aufpäruna. dxs VernunftHzeitalters. In ihm srnd gewisse Tendenzen jener Geistesrichtung rN seltei Reinheit ausgeprägt und in eine Form gebracht, die das Le' Aste mit Witz und Ämniut verbindet. Das nahm den König ihn ein. In der Tat ist Gellen gegeniijter Gottsched tri; deutender Entschritt vom ni< ^
.als Formalistischen zu einer ^oejrs. die einen größeren Gehalt hät. Ex führte die Trchtuugen aus den Akademien wieder ins Leben zurück, und dadurch wurde er qucy der erste deutsche Dichter, der wieder starker auf das Leben wirkte. Friedrichs Bewunderung ist, temporär gefaßt, durchs berechtigt.
Wrr freilich finden den Abstand von Gottsched zu Gellert nrcht to ssroß wie den von Gellert zu Uopstgft. Gellerts Dichtung ist, lote die seines Lehrers, Berstandpspoesie und es mangelt ihr dgs eigentliche dichterische Erlebnis. Ihr Gehalt ist »oxniger ein poetisch, als moralisch bedeutender, und nur ein Zeitalter, das eigen so verkehrten Begriff von der Poesie hatte wie die .Aufklärung, fottnie sie so höch stellen, daß sie bepn Erzeuger den Ruhm eintragen, konnte, den er lveit über seinen Tjod hinaus geiroß. Wer^n wir ihm heute aerecht werden wollen, müssen wir ihn durchaus historisch fassen als der in seiner Art vollendete Ausdruck seiner Zeit, Heren Begriff vom Dichterischen wie deren Geist er ganz rein verkörpert.
Es war die Zeit der moralischen Wochenschriften, der Wärter für Witz und Verstand, in der Gellert groß wurde. Es war die Zeit der Vernunft. Tie dlbsicht seines Dichtens ist die moralische Besserung und Msklärnng; die Erziehung zur Sittlichkeit durch Belehrung. Er ivill „in cinenr leicht zu behaltenden Ausdrucke gute Wahrheiten sagen und edle Empfindungen rege machen." Für diese lehrhafte dlbsicht war die Fabel, aus der die moralisch Nutzanwendung hjwausspringt, die gegebene Form, und Gellert hat in dieser Form sein Bestes geleistet. Sein Wunsch Nach Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit wurde zu schöner Klarheit und reizvoller, launischer Belvegtheit des Älüsdruckes. Daß er seine Stoffe aus dem Leben der Gegenwart, das er satirisch beleuchtet, nahm, erhöhte vre Wirkung. Seine Fabeln waren das gelesenste Lreblinasbuch ihrer Zeit. Noch heute sind sie es. die feinen Namen tragen und halten, wenn »vir auch ihren Wert anders einschätzen als die Zeitgenossen und ihre Moral uns hausbacken, mittelmäßig erscheint. Jedenfalls konnte Gellerts lehrhafte Absicht hier in einer Art zur Geltung kommen, die dichterisclxm Reiz hat. Wenn wir an Geliert denken, so denken wir an den Fabeldichter. Seine Lustspiel« sind ganz belanglos. Sein Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin v G." ilt ein tolles Gemisch, aus den Ingredienzien deH alten Abenteurerromans und des moralischen Romans der Eng^ länoer. Seine Lehrgedichte sind trocken :md schwunglos. Und seine aeinlichcn Fieder sind durchaus unpoetisch. Sie kommen nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Verstände. Gellert ist nicht religiös aus innerer Erlebnis, sondern aus Vernunft.
^ie beste Wirkung, die von Gellert ausging, ist denn auch die ftttliche. Das Dichterische ist bei ihm nur ein Lockmittel, um die Menschen leichter zum Guten zu überreden. Und nicht nur als Dichter suchte er jene Wirkung zu erreichen, sondern auch als Lehrer und als Mensch durch die Vorbildlichkeit seines Wandels. Die sittliche Bildung der Menschen war der Gedanke, der sein ganzes Lebenswerk erfüllt. Als Professor in Leipzig hielt er Vorlesungen über Dichtkunst und Beredsamkeit. „Diese Arbeiten schienen zlvar besonders nur die Aufklärung und Verschönerung des Verstandes zmu Endzweck zu haben," sagt einer seiner Biographen: „allein er wutzte sie und Hünen Umgang mit den Studierenden so cinzuriclsten, daß er dadurch zur Besserung ihres Herzens und zur Bildung ihrer Sitten ebensoviel als zur Beförderung nützlicher Kenntnisse beitrug." Seine Moral entbehrt der Größe. Sft ist die Moral des Mittelmaßes, des vorsichtigen Durchschnitts. Genies der Sittlichkeit hat Gellert schwerlich gebildet. Was er lehrte, ist eine prak tische Vernunftsmoral aut christlicher Grundlage. Aber Gellert hat durch Lehre und Beispiel einen bedeutenden Einfluß aus die sitt- ttche Entwicklung seiner Zeit ar^geübt. Das „Vernünftige" seiner «ehre enftprach der allgemeinen Geistesrichtung, und seine Schriften waren, um mit Goethe zu reden, „das Fundament der deutschen, sittlichen Kultur." Und dieser Einfluß Gellerts reichte mit. Ms ine Preußen Leipzig besetzten, kamen die Offtziere in seine Vor
lesung. Wie er gcwisserinaßen das Geivsissen der Studenten war» kann man in Goethes „Wahrheit und Dichtung" nachleftn. Aus allen Gauen wandten sich Menschen an ihn, um ihn in allen möglichen Lebenslagen um Rat und Beistand anzugehen. Nichts aber zeigt so gut die Bedeutung seines Wirkens, wie dies ein paar von seinen Biographen überlieferte Anekdoten tun. Da kam eines Tages ein Offizier zu ihm, der durch seine Schriften zu einem neuen Lebenswandel geführt worden war, und als er sich von den: Dichter verabschiedete, drückte er ihm zum Dank ein großes Geldgeschenk in die Hand. Ein alter preußischer Feldtvebel, der in seine Heimat zurückkehren ivill, sucht vorher den Mann auf, dessen Mahnungen ihn so oft vom Bösen abgehalten. Die schurutzige Magd eines Karlsbader Postmeiihers küßt ihm die Hand, als sie hört, daß er der sei, der die „schönen Büchcv" geschrieben. Ein Bauer fährt ihm in einem Winter eine FulM Holz vor's Haus aus Dankoarkei! für das Vergnügen, das ihn die Gedichte des Herrn Professors bereüet.
Nicht wenig wurde die Wirkung von Gellerts Einfluß durch deu Eindruck der Persönlichkeit befördert. Er lebte genau nach seinen Worten. Sein Lebenswandel war von größter Reinheit und Einfachheit. Es ist rührend zu lesen, wie er alle Ehren und all« Vennehrung seiner Güter ablehnte. Die sächsische Regierung mußte ihm die Professur geradezu auszwingen und ebenso ein Ehrengehalt, das frei geworden war. Verehrer schickten ihm oft große Geldsummen: aber er verwandte sie nur zur Wohltätigkeit. Und mit seinen Pflichten nahm, er es genau, trotzdem Krankheit ihm ihre Jnnehaltuna oft erschwerte und seine Tag« oft verdDerte. Die Erfüllung seiner religiösen Pflichten trieb er bis zur Selbst- quälerei.
Gellert Iwrde geAren aiN 4. Juli 1715 zu Hainichen bei Freiberg in Sachsen. Seine literarische Laufbahn begann er in den Bremer „Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes", die sein^ Freunde Gärtner, Cramer, Schlegel, Rabener usw., ehemalige Schüler Gottscheds, herausgegeben. 1744 begann seine Lehrtätigkeit an der Universität Leipzig nrir einer Mhandlung über die r^abel. Den meisten Beifall fanden seine moralischen Vorlesungen, die nach seinem Tode als Büch erschienen. Langes Leiden, das er mit großer Geduld ertrug, hatte seiner: Körper geschwächt. Er starb am 18. Dezember 1769. Setten hat ein Dichter solchen Einfluß auf die Menschen ausgeübt wie er. „Noch 30 Jahre nach Gellerts Tode wäre es eine Art Hochverrat gewesen, gegen ihn etwas Ungünstiges vorzubringen,^ sagt ein späterer Literarhistoriker.
Aus einem javanischen Harem.
..MrS. Eva Gauthier, eine Nichte des kanadischen Premierministers, die kürzlich von einem längeren Aufenthalt aus den Snndainseln heimgekehrt ist, teilt im »New Bork American" einige Beobachtungen über das Leben und Treiben im Harem eines javanischen Sultans mit. Ihren: Wunsch, einen solchen kennen zu lernen, stellten sich zunächst unüberwindlich scheinende Hindernisse entgegen. Das Fürwort der holländischen Regierung ebnete ihr jedoch den Weg, und eines Morgens erschien sie mit einer eingeborenen Begleiter!,: vor den: »Palast" der dunkelhäuttgen Majestät. Ein malaiischer Diener öffnete ihr und ließ sie einen weiten Hof durchqueren, während aus der Nähe das Plätschern badender Menschen herübertönte; dann führte er sie in ein langes, weißes, schmuckloses, im Hintergründe liegendes Gebäude, wo in einem ziemlich kahlen Raume eine ganze Lckar junger Frauen sich aushielt, zierliche bronzeiarbene und dunkeläugige Geschöpfe, in eng anliegenden, mit bunten einheimischen Batikmustern geschmückten Kleidern, die den weißen Gast zurückhaltend und fast feindselig musterten. Sie gehörten zu den 400 Frauen des Herrschers, die mit Ausnahme von drei aus edlem Geblüt stammenden Haupt- gemahllnueu im Alter von 10 bis 12 Jahren durch besondere Agenten den: Sultan geliefert werden und mit 25 bis 80 Jahren bereits verblüht sind und für alte Mütterchen gelten. Bei wiederholten: Besuche tauten die Schönen inbeffcn aus, Ihre Abneigung gegen die Weiße schwand, sie sangen und tanzten vor ihr. Ihre musikalischen Darbietungen waren eintönig und schienen im ersten Augenblick, da sie sich nur in Werteltönen bewegten, ziemlich un- melodisch; bet längeren: Zuhören wirkten sie indessen mit suggestiver Kraft. Als sie geendet hatten, baten sie MrS. Gauthier, ihrerseits ein Lied zu singen; eine Arie aus »Margarethe" gefiel ihnen aber nicht, und Melodien aus italienischen Opern sagten ihnen ebenso wenig zu. Erst ein Lied von Tebussy fand ihren Beftall, gefiel ihnen nun aber auch derartig, daß eS wiederholt werden mußte. Die Tänze, die sie dafür zun: Besten gaben, erinnerten an siamesische Ballette und zeichneten sich durch seltsame Stilisierung der Bewegungen aus. WaS die Eintracht im Haren: anbelangt, so berichtet MrS. Ganthier, daß von Eifersucht oder gar Untreue nicht die Rede sein könne. Tie javanische Frau hat von Liebe und ähnlichen Regungen gar keine Ahnung, sie strebt nur nach Macht und Einfluß. Der Sultan lebt hauptsächlich mit seinen drei Hauptgemahlinnen und kennt seine Nebensranen meistens gar nicht ; er hält sie n:ehr, weil das zun: guten Ton gehört und weil er gleichzeitig durch Abtretung einer Frau treue Untertanen belohnen und sie zu weiteren Diensten anspornen kann. Nur selten soll eS Vorkommen, daß eine Hanptgemahltn verstoßen wird; da« geschieht nur. wenn sie ihren: Gebieter nach einer besttmnften Zeit keinen Sohn geschenkt hat. Sie wird dann durch diejenige Redensrau er.


