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„Von hier aus kannst du das Schloß' zum letztenmal sehen!" meinte er und rührte Hedwig an den Arm.
Aber sie rührte sich nicht und schaute sich nicht Um. Gleich darauf lenkte der Kriecht in den Wald hinein. Die Pferde sielen wieder in Trab.
Bis an diese Waldecke hatte August Knorreck den Wagen verfolgt. Regungslos hatte er den beiden nachgesehen, ohne tnit der Wimper zu zucken. Frau Knorreck, die neben ihm stand, holte tief Atem.
„Nun sind sie fort!" sprach sie und wischte sich die letzte Träne ab. „Und ich Hab dir's gleich gesagt. Ein Mädel und ein Witwer zusammen, das paßt sich nicht. Das gibt immer was!"
„Diesmal hast du recht gehabt!" sagte August Knorreck und horchte nach den Ställen hinüber, woher sich dumpfes Gebrüll meldete. „Kümmre dich um das Vieh und dann mach, daß du hinüberkommst. Hedwig war, immer schon um halb sieben drüben."
„Wenn er mich aber nach ihr fragt?"
August Knorreck sah seine Frau groß an.
„Das wäre das erste Mal, daß du nicht weißt, was du sagen sollst!" wies er sie rurecht. „Wenn du dir einen Kuppelpelz verdienen willst, dann verrat's nur, wo sie ist!"
Darnit schritt er ins Haus zurück. Drinnen traf er Thomas Hauschild, der sich, um eine Verlegenheit zu bemänteln, eben die dritte Tasse Kaffee einschenkte. Der Inspektor nahm einen Kognak.
„Das Heu muß noch einmal gewendet werden!" sagte er und stellte die Flasche wieder hinter den Sekretär. „Schicken Sie fünf Leute vom Vorwerk nach der Teichecke und drei auf die Altsorger Wiesen. Die tibrigen müssen den Graben bei der Schwedenschanze schlämmen."
„Da bleiben nur drei übrig!" toarf Thomas Hauschild ein.
„Die andern bring ich hin vom Dominium," gab der Inspektor zurück. „Kann aber neune werden, ehe ich komme. Sagen Sie den Leuten, sie sollen sich sputen, daß wir noch diese Woche fertig werden. Es gibt da auch eine Masse K'rebse. Die sollen in die Küche geliefert werden. Daß die Leute keine auf die Seite bringen!"
Der Gehilfe nickte und'wollte gehen. Mer "August Knorreck hatte noch etwas auf dem Herzen und rief il)n noch einmal an. Thomas Hauschild machte im Türrahmen kehrt und wartete.
„Was ich noch sagen wollte!" sprach August Knorreck langsam und suchte nach Worten. „Was Sie da gestern im Park gesehen haben, das ist turnt aus und vorbei. Das war eine Kinderei! Wenn Sie's im Dorf herumbringen, dann ist das Ihr eigener Schaden."
„Ich erzähl schon nichts!" meinte Thomas Hauschild und setzte sich die Mütze fester.
„Und wenn sie übers Jahr wiederkommt," fuhr der Inspektor fort, ,chann mögt ihr meinethalben Verlobung feiern. Ich Hab nichts dagegen. Soll mich freuen, wenn Sie bei ihr den Herrn Baron ausstechen können!"
_ "dra!" rief Thomas Hauschild und freute sich so, daß ihnt do 3 Blut in die runden Backen stieg. „Wenn Sie mir sie doch^"' dann trau ich mir's schon zu. Ihnen folgt
Fünf Minuten später ritt er im englischen Trab über den Hof nach dem Vorwerk hinunter. Bei Sebaldus Pohl . an * Fenster dicht verhängt. Moritz Gassel aber stand schon rn setnem Garten tv>r den Bienen und rechnete mrs, welck>es Volk heute schwärmen würde. Denn kaum ein Schultag verlres jetzt ohne diese Störung.
VorbeWtzen"' ^ Dassel!" schrie Thomas Hauschild im
„Guten Morgen!" gab Moritz Gassel zurück, über bic augergewohnltche Freundlichkeit des Gehilren und Neben buhlers verwuttdert.
Hauschild parierte seinen Gaul und kam zu. rück. Jetzt konnte ihm das Schutmeisterlein nicht mehr ir die Quere kommen! Moritz Gassel trat an den Zaun Dunkelrot preßte sich eben die dtcke Sonne zwischen zwe Waldecken am Horizont.
„ftrcmlein Hedlvig ist heute morgett abgereist!" sagt, der Gehilfe.
Moritz Gassel untvillkürlich. „Met weshalb denn?" '
„Weiß nicht!" lächelte Thotnas Hauschild verschmitzt. ,Lmgo ist auch fort."
„Wohin denn!"
„Weiß nicht!" irrwiderte Thomas Häuschitd. DaS wußte er wirklich nicht!
„Und so Hals icher Kopf?" fragte Moritz Gassel, der ein ungewöhnliches Interesse au dieser Angelegenheit nahm. ,>Ast sie mit Hugo gefahren? Wann kommt sie wieder?"
„Uebers Jahr!" antwortete der Gehilfe und lächelte überlegen. „Eher kaum. Und dann gibt's eine Verlobung!"
„So?" entfuhr es Moritz Gassel. der aufs tiefste er- chvak. Sein Herz würde plötzlich blutleer, seine Kttie wattdien. Er mußte sich am Zaun festhalten. „Also deshalb ist ie abgereist?" würgte er sich heraus.
„Kamt man's wissen?" grinste Thomas Hcurschild, der sich an der Verwirrung des Nebenbuhlers weidete. „Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden."
Damit riß er den Gaul herunt und sauste im Galopp das Dorf hinunter. Moritz Gassel schaute ihm lange nach, dann stieß er einen schweren Seufzer aus, oer int ticffteu Winkel seines Herzens gesessen hatte, und ging in die Schul- stube. um Aufsatzheste zu korrigieren.
Um diese Zeit erwachte Fritz von Winkelberg atls einem unruhigen Halbschlaf, der ihn mit bösen Traumbildern gequält hatte. Der Wagen, mit dem Hugo und Hedwig um halb fünf nach Zdurotschin gefahren waren, hatte ih)t wohl geweckt, aber er war wieder eingeschlafen. Langsam fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Da dachte er att Hedwig, und mit einem Schlag sielen die schweren Gedanken vott ihw ab. Er stieß die rkäben zurück, daß der Glanz der Morgen-' sonne das Zimmer fiUlte, erfrischte sich am quellkühlen Wasser und fuhr schnell in die Kleider. Dazwischen horchte er nach dem Kindet^immer hinüber. Da meldeten sich plötzlich leichte Tritte, und in der Tür erschien Cäcilie im Nacht- henrdchen. Den kleinen Günther schleppte sie an der .Hand hinter sich her.
„Papa!" rief sie schüchtern und ließ die Mundwinkel hängen. „Tante Hedwig ist nicht gekommen!"
„Tante Hedwig!" wiederholte der kleine Britder und machte ein Gesicht, als wollte er weinen.
Fritz von Winkelberg erschrak, und sein Herz begann sofort unruhig zu werden. Mer er jaßte sich schnell wieder, trug die Kinder in ihre Bettchen zurück, deckte sie warm zu urtd beendete schleunigst seine Toilette.
„Dieser Dickkopf!" murmelte er vor sich hin, und dachte dabei att August Kuorreck. „Na, ich lverd ihn schott klein kriegen!"
Dann versuchte er bei den Kindern Hedwigs Stelle zu vertreten. Das war nicht leicht, und die vielen ungewohnten Handgriffe ermüdeten ihn bald. Aber Cäcilie trieb ihn imnter wieder an. Endlich war der kleine Günther fertig gewaschett und angezogen.
„Jetzt komm ich dran!" rief Cäcilie und klatschte vor Freude in die Hände.
Mer Fritz von Mnkelberg setzte sich erst einmal hin und holte Atem.
„Sag mal, Kind!" meinte er halb verzweifelt. „Könntest du dich nicht selbst anziehen. Groß genug bist du eigetttlich dazu. Ich Hab Mädchen gesehen, die noch kleiner waren als du, und die schon ihren jüngeren Brüderchen halfett."
Cäcilie schmollte ein wenig und versuchte ihr Glück allein.
„Warum komntt Tattte Hedwig nicht?" rief sie unglücklich, als sie lvieder ihren Strumpf nicht finden kottnte.
„Ja!" antwortete der Baron. „Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich selber schuld daran!"
„Hast du etwa mit ihr gescholten!" stellte ihu Cäcilie hestig zur Rede.
„Nein, mein Kindl" lächelte er, zog sie an sich und gab ihr einen Kuß. „Gerade das Gegenteil."
Cäcilie schaute ihn siagend an, sie verstand ihn nicht.
(Fortsetzung folgt.)
Christian Mchtegott Geliert.
Lu seinem 200. Gebitrtstage (4. Juli). Bon Peter Hamecher.
«Ls Friedrich d. <&v fm: Jahre 1760 in et auch den Professor Geliert vor sich komplett enthalt im Jahre 1757 hatte er den Professor
Öetmia weckte, ließ U Bei seinem f Gottsched empfang


