Lurück zur Scholle.
Koman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Herr Schulrat Hupfer bat beantragt, die Schute in eine Halbtagsschule zu verwandeln!" verteidigte er sich endlich. „Zweiundsiebzig Kinder aller Altersstufen gleichzeitig zu unterrichten, das übersteigt die Kräfte eines normalen Menschen!"
„So!" fuhr ihn der Revisor an. „Also Ihre Kräfte reicl>en nicht aus. Ich werde mir das merken. Sie werden mir jetzt das Haus und den Garten zeigen, damit ich mich von dein ordnungsmäßigen Zustand des Schulgrundstückes überzeugen kann?'
Moritz Gaffel schritt voran, und Doktor Schrill folgte. Beim Bienenschuppen machte er halt, aber in respektvoller Entfernung.
„Ich zähle da zwanzig Bienenkörbe!" rief er drohend. „Das ist zuviel. Das lenkt Ihre Aufmerksamkeit von der Schule ab. Das gleiche gilt vom Garten. Sie verkaufen auch Gemüse nach gdurotschrn. Ich« finde das ganz ungekorig. Sie haben doch.Ihr Gehalt Die gehen auch auf die Jagd! Das ist für einen Lehrer einfach unpassend!"
„Der Herr Baron von Winkelberg hat mich darum gebeten!"
„Und weshalb verfällt er grade auf Sie? Ich warno Sie hiermit vor diesem Menschen! Er ist kein Umgang für Sie. Sie verkehren oa drüben. Ich weiß es. Sie haben an Wahlversammlungen teilgenommen Das untersage ich Ihnen hiermit. Sie traben Ihre Kollegen beleidigt. Sie haben Streitigkeiten im Lehrerverein hervorgerusen. Sie haben da einen Bortrag gehalten, der geradezu revolutionär war. Ich bin über Sie vollständig orientiert."
„Das sehe ich!" knirschte Moritz Gassel und ballte die Fäuste. „Und ich kenne auch den Denunzianten!"
Doktor Schrill überhörte das letzte Wort vornehm.
„Womit verbringen Sie Ihre außeramtliche Zeit?"
„Ich bereite mich ans meine ztveite Prüfung vor."
„Sie gehen mit den Kindern am Sonntagnachmittag über die Felder und in den Wald. Dabei nehmen Die mit Borliebe die größeren Mädchen mit. Ich verbiete Ihnen das hiermit energisch!"
Moritz Gassel rang nach Atenl. Das war ihm doch zu starker Tabak!
„So eine infame Mederträchtigkeit!" schrie er.
Da inachte Doktor Schrill aus dem Absatz kehrt und ging zu Sebaldus Pohl hinüber, dem er ein sehr gutes Zeugnis schrieb. DaS war ein Mensch, der ein inneres Interesse an der Schule hatte, der sich auch um die sittliche Hebung des ganzen Lehrerstairdes bekümmerte und der durch seine lvahrheitsgetreuen Berichte dem Kreisschulinspektor Doktor
Schrill das säpvere Amt nach Möglichkeit zu erleichtern bestrebt war.
Als Moritz Gassel sein Protokoll überlas, stiegen ihm die Haare zu Berge. Aber er warf die Flinte nicht ins Korn. Mit angestrengtem Fleiße prägte er fich den pädagoglscl>en Wissensstoff ein. Jetzt wollte er es erzwingen. Nur an Ae- baldus Pohl durste er dabei nicht denken. Dann liefen ihm die Gedanken durcheinander. Und als er lvieder einmal mit dem Baron Schach spielte, schüttete er ihm sein Herz aus.
lächelnd hörte Fritz von Winkelberg zu, dann warf er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und reichte ihn Moritz Gassel fyiit. Es war eine höfliche Einladung an den Kreise schu Inspektor, die Gemarkung Britzkawe von nun an als fein eigenes Jagdgebiet anzu sehen.
„Das geben Sie ihm, wenn er wiederkommt. Die drei Hasen, die er das Jahr trifft, können wir schon verschmerzen."
Moritz Gassel dankte, hob das Schreiben sorgfältig aus, faßte w-ieder Mut uitb repetierte für die Prüfung, daß ihm der Kopf rauchte. Er dachte an nichts mehr, nicht einmal an Sebaldus Pohl, und pfropfte sich unermüdlich den Wissenswust in das Hirn. Sogar seinen Garten vernachlässigte er darüber, und zwei Schwärme gingen ihm durch. Doch er konnte sie verschmerzen. Als der Termin herankam, an dem die schriftliche «Arbeit abgeliesert iverden sollte, fühlte sich Moritz Gassel so siclier, daß er seinen revolutionären Vortrag über das Thema „Die Dorfschule als Standesschule" einsandte. Er wollte diese Gedanken, die sein Eigentum waren, vor aller Welt verteidigen. Vor Pfingsten reiste er nach dem f(einen Oderstädtchen, wo das Seminar war. Noch am Abend meldete er sich bei dem alten Seminardirektor, der, ein verknöcherter Pedant, ihn sofort schief ansah, weil er schon nach zwei Jahren wiederkam. Und der Aussatz mit den rabiaten Forderungen tat das Uebrige. Im Gasthaus, wo er übernachtete, traf er mit einigen seiner früheren Seminargenossen zusammen, die, vor sich das Bierglas, in der Hand das Lehrbuch, drausloS büffelten, als hinge ihre Seligkeit davon ab. Moritz Gassel lachte sie aus und schlief fc| ( t und tief. Die schriftlichen Klausurarbeiten und die Lehrprobe verliefen ohne Störung. Erst am dritten Tage, als die beiden Vertreter der Regierung und des Schulkotlegiums erschienen, um d-er mündlichen Prüfung befzmvohnen, gingen Moritz Gassel allmählich die Augen auf. Die Prüflinge lvaren in Gruppen zu je acht geieilt und wurden in diesen Formationen von einem Zrmmer ins andere befördert. Moritz Gassel war der Letzte der ersten Abteilung. Er kam immer erst an die Reihe, wenn die anderen schon hmansgeschickt ivaren. Und da HIatte er denn Zeit, über diese hochnotpeinliche Einrichtung sich einige Gedanken zu macl>en. VUrn prüfte nur das Gedächtnis, fragte nach Daten und Zahlen, nach psychologischen Tabellen und Dispositionen von Erziehungsgrundsätzen, kontrollierte die des Gehirnkastens aut ihre Füllung
und machte einen Fehlstrich, wenn eins in der Hast der letzten Wochen leer geblieben war. Fragte einer der Lehrer, für die


