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fli Mid) auf die Prüfungsaufgabe111:3". Bald zu Wagen, bald Lu Rad, bald zu Fuß tauchte Doktor Schritt in oen verschiedensten Ecken des großen, langgestreckten Kreises auf und schreckte seine Untergebenen mit seinen scharfen Prü­fungsprotokollen. Besonders im Frühjahr, trt den jagd­lichen Schonzeiten, war seine Laune hervorragend gefähr­lich. Dann schrieb er selten etwas anderes alsun­genügend".

Als er die Nachricht empfing, daß Moritz Gassel zur Prüfung schreiten wollte, griff er in das Fach seines Geheimaktenschrankes mit dem Buchstaben ,,G". In der Mappe, auf derMoritz Gassel" stand, hatte sich im Lause des Jahres allerhand Material angesammelt. Da war die Jagdscheinaffäre, in der das Landratsamt anders ent­schieden hatte. Dann lagen seitenlange Berichte über Moritz Gassels amtliches Leben. Sein Verhalten im Lehrerverein, der Inhalt des revolutionären Vortrages, die Beleidigung seines Kollegen Sebaldus Pohl, der Verkehr mit dem Baron von Winkelberg, die weiten Svaziergänge mit den Schulkin­dern, wobei die größeren Mädchen mit Vorliebe mitgingen, der ftir einen Lehrer erniedrigende Gemüsehandel, die Bie­nen, bie schon zwei Schulkinder ans der katholischen Schute arg zerstochen hatten, die Teilnahme an der Wahlversamm­lung, für* alles, was Moritz Gassel in Britzkäwe Sträfliches getan hatte und noch tat, war mit einer Schrift, die ver- zweifelte Aehnlichkeit mit Sebaldus Pohls Händzügen hatte, auf diesen Blättern verzeichnet. .

Doktor Schrill studierte das Material sorgfältig und be­stellte seinen Wagen arft morgen früh sechseinhalb Uhr.

Schon eine Stunde früher stand an diesem Tage Moritz Gajjel nt seinem Garten, revidierte einige seiner zwanzig Btenenvolker, die er mit flüssigem Zucker gefüttert hatte, nahm die leeren Gefäße heraus und ging in die Sck)ulstube Hier machte er schnell einige Korrekturen für das gestrige Dtttat der Mittelstufe, vervollständigte die Listen und war wohlgemut und guter Dinge. In vier Tagen gab's Oster- ferictt! Dann sperrte er die Haustür auf und setzte sich in seinem Wohnzinnner hinter die pädagogischen Lehrbücher um sich zur Prüfung zu stärken. Bis zum Beginn des Unter­richts hatte er noch eine volle Stunde. Die wollte er aus- nutzen. Schon in den drei Seminarjahren hatte er sich ver­geblich nnt dem trockenen theoretischen Wissenskram her- umgeplaat Welch ein trostloses Gebiet, diese Geschichte der Pädagogik! ^->ie beichte von Sokrates bis Pestalozzi, hatte so

^^^^^^bendes an sich und wirkte auf Moritz Gassel direkt abschreckend. Ueberall fand er das für einen Lehrer be- schämeyve Resultat, daß, die Menschhett immer und zu allen Zetten das Bestreben gehabt hatte, sich nicht schulmeistern M lassen. Deshalb hatte Sokrates dett Giftbecher trinken müssen, und deshalb mußte Pestalozzi arm, verlassen unb ^vachlet sterben. Das wäret: Tatsachen, die ftir Moritz Gassel durchaus nichts Begeisterndes hatten. Und mit der pädagogischen Psychologe stand es noch schlititnter. Das Leben der ^ele war ein Rätsel, das man nicht mit spitz- Begriffen und ausgeklügelten Definitionen lösen Ä f ] ve l kam es einzig auf das pädagogische Geftiht an, Ä-w Liebe zum Heranwachsenden Geschlecht. Wo die nicht JE*-, Walles Wissen nichts. Moritz Gassel ging sogar noch einen Schrttt Wetter. Er empfand dieses tote, pädagogische ^.-I^'n^^W ^^ochtnis überlud und zur Ueberhebung

gefährlich. Alle die schönen päd^ äÜ fäte ' ^ie man aus dieser Wissenschaft für die ul ' 1lne Ps^Lerling wert! Was halsen /schule zu etner Strafanstalt machten'? Es gab überhaupt kerne allgemeinen pädagogischen Gesetze'

Und Morrtz Gassel stützte die Stirm in bie W, schloß bic tilgen und träumte. Die Kitlder begannen sich im Schnl- ztmtner zu versammeln, schwatzten und lachten und lärmttn .Äorttz Gassel hörte nichts. Er ließ seine Gedanten in die Zukunft schweifen, wo es keine Schule mehr geben, wo jeder Bater der Lehrer seiner Kinder sein und jedes Seelchen fidt ttrth-be 8 *" 9 U b ^aschnürung zur Freiheit entwickeln

^kettg wnck)s der Lärm der Kinder. Moritz Gassel störte das nicht, es war ihm eine liebe Musik. Und er sann weiter.

^ Wissen von der Sache war noch lange nicht die,

^ E'^.Wie noch keiner ein Dichter ward, der dig ^.^Urgeschichte mit heißem Bemühen studierte und die

toiLJl m C l£ au - be !! Ungern herzäblen konnte, so ward U!l^ v Geister tti der Schule durcy die Kettntnis dev MbaLoMchen Geschichte und der psychologischen Systeme,

von denen eins dem andern widersprach. Weshalb legte man in der zweiten Lehrerprüfung gerade darauf den Haupt­wert. Und was hatte das Wissen um diese Dinge und das wissenschaftliche Schwatzen darüber für einen Zweck? Warum hielt man sich ilicht an b[te praktische Geschicklichkeit! Schlesien ^g doch in Preußen und nicht in China! Denn nur im Machen und im Können, nicht im Missen ruht die wahre Schulmeisterschaft.

Jetzt schlich es achtmal vom Turme, doch Moritz Gassel wer horte es. Plötzlich verstummten die Kinder, als wäre ein ürchterliches Schreckgespenst unter sie getreten. Moritz Gas- £,*, horchte auf und war mit ein paar langen Sätzetl itn Schulztmmer. Auf den: Katheder stand Doktor Schrill und hatte die Uhr in der Hand. Moritz Gassel kannte ihn schon von der Kreislehrerkonferenz, grüßte höflich ilnd wollte den Unterricht beginnen.

Sie haben sich um fünf Minuten verspätet!" konsta^ tterte der Gestrenge. ,

Moritz Gassel zog seine Uhr und steckte sie wieder ein.

Es ist erst zwei Minuten üöer acht!"

,'Warum liegen Ihre Listen nicht im Schubfach?"

Werl sie im Schrank liegen!" erwiderte Moritz Gassel sehr ruhig. ' "

Sie haben im Schubfach zu liegen!" schnauzte Doktor Schrill, den Moritz Gassels Unbekümmertheit aus dem Häus­chen brachte.

Äl" f9 te cr zurück.Das wußte ich nicht. Herr

. '-'rfi 6 Wu nicht zu entschuldigen!" fuhr ihm Doktor Dchrrll in die Parade.Nehmen Sie eine mrständiaere Hal­tung an."

Tics iit meine Haltung!" sprach Moritz Gassel, ohne sie zu verändern.

. . "dnngen Sie Hefte und Listen her! Eine neue Stahl- feder! Schließen Sre das Fenster! Beschäftigen Sie die Rinder emstiveilen schriftlich!"

Ties alles wurde in einem rauhen, unfreundlichen Kom­mandoton her-msgestoßen. Moritz Gassel dachte sich sein Teil, stlhrte die Befehle aus, ohne fiel) zu überhasten, und schwieg. Tann verlangte der Revisor die schriftlichen Arbeiten, ah denen er leider nichts anszusetzen fand. Da niußten denn zwei kleine, rote Stzritzerchen herhalten, die Moritz Gassel delm Korrigieren auK der Feder gehupft waren. Moritz Gassel konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, begnügte ach aber im übrigen mit der innerlichen Opposition. Dieser Mann, der da saß und mit Eifer nach tadelnswerten Mög­lichkeiten berunlschnüfselte, war ihm durchaus unsympathisch.

, dann,begann die Prüfung. In der Religion ver­

langte Doktor Schritt die Erklärung des Satzes von der christ­lichen Rechtfertigung allein durch den Glauben. Moritz Gassel bemühte sich redlich, ein paar Bibelsprüche und Beweissätze ans den Kindern heranszulocken. Doch das dauerte dem Gc- strengen zu tauge, er griff selbst ein, stellte ein paar tief- sinnige Fragen theologischer Spekulation und wurde wild, als rhn die Kinder nicht verstanden. Er schnauzte sie an, stach nnt seinem langen Zeigefinger nach ihnen und verschüchterte sie bmnen zwei Minuten so sehr, daß sie sich nicht mehr zu rühren wagten. Jetzt durfte sie Moritz Gassel im Lesetl vor- fuhreu. Bet dem gernigsten Lesefehler, den Moritz Gassel durchgeheu ließ, fuhr der, Kreisschulinspektor in die Höhe als hatte ihn eine Hornisse gestochen. Bald schnauzte er die K-nder an, bald den Lehrer. Moritz Gassel hielt an sich den» es kochte rn ihm vor Grnnm. Endlich, nach dreiviertel Stun- den, batte sich Doktor Schrill davon überzeugt, daß sich die Schute m einem geradezu verwahrlosten Zustande befand

£ mb l r nach Hause gejagt und der Kreisschul-

lnspettor verfaßte das Protokoll. Das war nicht von schlech­ten Eltern, denn es hatte Hörner, Klauen und Zähne

Dann bekam Moritz Gassel noch einen halbstündlichen Segen rn dem scharfen, schnauzigcn Kommandoton.

(Fortsetzung folgt.) .

..«ein seliger Tod ist in der Welt, als wer fürm gefitö erschlagen

Bon Clara Blüthgen (Berlin).

.. . Hub wenn auch die Massenbcgeisteruna, der Ranscb

bifKr rmerhöN großen Zeit mit fort,echt, tuen»um noch so S on'hender Vaterlandsliebe und der Selmsuckut seine Kraft der gerechten Sache zu opfern, etzi eigenes GefW