Samstag, fcn 26 )unk
Lurück zur Scholle.
Roman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Seit Weihnachten ging Fritz von Winkelberg Hedwig geflissentlich aus dem Wege. Und auch sie scheute seine Gegenwart. Er zog sich sogar von seinen Kindern zurück und besuchte sie erst am Abend, wenn sie in ihren Bettchen lagen. So kämpfte er ehrlich gegen eine Leidenschaft an. deren stetes Wachstum ihn beunruhigte und die er für verwerflich hielt. Hatte er ein Recht auf diese Liebe! Durfte er, der gealterte Mann, diese aufblühende, makellose Jugend und Güte an sich ketten? Und er kämpfte ehrlich, bis der Frühling kam. Da nämlich fing der kleine Günther an zu kränkeln. Plötzlich nahm das Fieber schnell zu, und Hedwig saß die ganze Nacht anr Bettchen und wachte. Am Morgen ritt Thomas Hauschild im Galopp nach Zdurotfchin, um Doktor Bielschowsky zu holen. Zwei Stunden später war er da. Er untersuchte den. kleinen Baron sorgfältig. Fritz von Winkelberg stand schweratmend dabei.
„Was ist's?" fragte er angstvoll.
„Eitle Lungenentzündung!" erwiderte der Arzt und steckte das Hörrohr weg.
„Außerdem hat er das Winkelbergsche Herz. Aber ich hoffe, wir bringen ihn durch."
„Also Lebensgefahr?" rief der Baron erschreckt.
„Wir sind immer in Lebensgefahr!" gab der Doktor trocken zurück. „Und Sie mit Ihrem Herzen besonders." Dann schrieb er das Rezept, mit dem Thomas Hauschild fünf Minuten später zum Hoftore hinaussprengte.
Der Arzt blieb bis zum nächsten Abend da, und Hedwig überwachte alle seine Handgriffe. Dann übernahm sie die Pflege. Der kleine Günther wimmerte. Schwach hing sein Köpfchen auf die Schulter, und nur selten öffnete er öie Augen. Fritz von Winkelberg verbrachte vier schlaflose Nächte. Ruhelos irrte er in seinem Zimmer auf und ab. und stets, wenn er in die Kinderstube trat, traf er Hedwig, die stumm neben dem Bettchen saß und keine Erschöpfung zu kennen schien. Am fünften Tage erklärte der Arzt den Kleinen außer Gefahr. Der Baroll wollte ihm dankeil.
„Bedanken Si^sich bei Fräulein Knorreck!" sprach Doktor Bielschowsky. „Ohne deren Hilfe wären wir nicht, wo wir sind!"
„Hedwig?" ries Fritz von Winkelberg und streckte ihr beide Hände entgegen.
Aber sie fiel in den Stuhl zurück und brach in lautes Schluchzen aus.
„Gehen Sie!" drängte ihn der Doktor. „Sie ist überanstrengt!"
XVIII.
Als das Schuljahr seinem Ende' elltgegen ging, meldete sich Moritz Gassel zur zweiten Lehrerprüfung. Er verfaßte ein respektvolles Bewerbungsschreiben und sandte es an die Direktion des Seminars, wo er seine pädagogische Ausbildung empfangen hatte. Aus dem vorgeschriebenen Instanzenwege erhielt der Sulitscher Kreisschulinspektor Doktor Schrill Kenntnis von dem Unterfangen, und sofort nahm er sich vor, so bald als möglich nach Britzkawe zu fahren, um Moritz Gassel, dessen Namen er sich von der Jagdscheinasfäckt her genau gemerkt hatte, aufs eingehendste zu revidieren. Von seinem Urteil hing es vornehmlich ab, ob Moritz Gassel die Prüfung bestehen und zur festen Anstellung zugelassen werden durfte.
Doktor Schrill hielt sich für sehr wichtig, und er war es auch, wenigstens für die Lehrer des Kreises. Mancher Federzug von ihm war ein Schicksalsstrich. Er war noch reichlich jung, kaum vierzig Jahre alt, und hatte es in der kurzen Zeit seines Wirkens schon fertig gebracht, den ganzen Kreis mit feinen, unsichtbaren Spionierfäden zu überziehen, eine Praxis, die der alte Schulrat Hupfer, der in Breslau seine Pension verzehrte, niemals geübt hatte, weil er sie verachtete. Zuträger fanden sich zahlreich unter den Untergeordneten. Doktor Schrill hatte einen hochachtbaren Charakter, denn er war Reserveleutnant, war der festen Ueberzeugung, daß seine Maßnahmen zum Wohle der Schule und der Lehrer getroffen wurden, und hielt das Spioniersystem für segensreich und außerordentlich erziehlich, um die hohen Tugenden der Aufrichtigkeit und des Pflichtgefühls zu kräftigen. Auch war es unter den augenblicklichen Verhältnissen unumgänglich notwendig. Denn von seinem Vorgänger und dessen Verwaltungspraxis hatte Doktor Schrill keine hohe Meinung. Im tiefsten Grunde seines Herzens hielt er den alten Schulrat Hupfer für einen Troddel, der schon vor Jahren zuKr Absägen reif gewesen war. Wohin Doktor Schrill kam, überall fand er Unordnung und Unregelmäßigkeiten. Seine Protokolle, die er an die Regierung sandte, unterschieden sich von denen des alten Hupfers wie Nacht und Tag. Doch da oben kannte man diese Gepflogenheit der neuen Aufsichtsbeamten, alles Vorhandene für minderwertig zu halten und erst im Laufe der Jahre zu anerkennenderen Urteilen hinauszusteigen, um dadurch ihre eigene Kraft und bessernde Tätigkeit in ein helles Licht zu setzen, und man griff nur ein, wenn eS gar zu arg wurde. Dann wurde ein Schulrat geschickt.
Für einen solchen Kontrolleur schwärmte Doktor Schrill nicht allzusehr, und er trieb es daher nicht zu arg, sprach hier und da, so schwer's ihm auch wurde, ein bedingtes Lob aus, besonders bei den Lehrern, die ihm den Stofs zu seinen Geheimakten lieferten, und hielt sich so den unbequemen Negierungsrat vom Halse. Und wie konnte Doktor Schrill revidieren! Er erschien und verschwand, ohne sich an die Gesetze der Regelmäßigkeit zu binden. Bei einem Lehrer revidierte er an drei Tagen hintereinander. Die schöne Zeit der Hupser- schen Anmeldekarten war vorüber. Die Kinder lauerten vor-


