Ausgabe 
23.6.1915
 
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Der Inspektor zahlte die erreichbaren Flinteil zusam­men. Sogar den Doktor Bielschowsky vergaß er nicht.

Fünf!" meinte er kleinlaut.Wenn der Herr Baron mitschreßen wollten, sechs."

Nein?" wehrte Fritz von Winkclberg ab.Die Jagd regt nlich zu stark auf. Sie kennen ja das Winkelbe-rgsche Herz." t -

Wenn der Herr Baron dann vielleicht all di>e benach­barten Herrschaften schreiben lvollten."

Das kann ich ja tun!" versetzte Fritz von Winkel­berg leichthin.Glanb's aber kaum, daß es was nützen wird. Die weitverzweigte Verwandtsckfaft meiner lieben Stief­mutter wird mich schneiden, wie ich sie geschnitten habe."

Wenn der Herr Baron wenigstens den Versuch machen wollten!"

Fritz von Winkelberg setzte sich hiil, und August Knorr- eck diktierte ihm die Adressen. Fast bei allen schüttelte der Baron stumm mit dem Kopfe, aber er schrieb doch die Einladungen aus.

Es kamen nur vier Zusagen, und zwar von bürger­lichen Gutsbesitzern. August Knorreck tat sich in Zdu- rotschin um, und die Treibjagd mußte einstweilen ver- choben werden. Karl Ruppert, der Förster, Thomas Hau­child ulld Moritz Gassel, dessen Jagdschein durch des Jn- pektors Vermittlung verlängert worden war, schosseil einst­weilen, was sie konnten, ohne aber eine merkliche Ab­nahme der schädlichen Langlöffler zu erzielen.

Nur drei halbwegs sichere Schützen vermochte August Knorreck in Zdurotschill aufzutreiben. Jetzt war das erste Dutzend voll. Zum Glück kam drei Tage vor Weihnachten der alte Abraham, der es übernahm, bie übrigen Jäger in Sulitsch zusammenzubringen.

Doch deshalb war er nicht nach Britzkalve gekommen. Er hatte in der Zwischenzeit ein paar feine Vartien für den verwitweten Baron aüsgestöbert und wollte ihn einmal aushorchen. Fritz von Winkelberg empfing ihn mit einem freundlicheil Händedruck.

Was bringen Sie mir-"'

Nu, Herr Baron!" begann der alte Abraham vor­sichtig und rutschte auf dem Stuhle hin und her.Nur eine Frage möcht ich mir erlauben. Sie sind jung, «Sie sind gesund, Sie sind Witwer, Sie haben zwei kleine Kinder, Sie werden sich acwiß wieder verheiraten wollen?"

Schweigend schüttelte Fritz von Winkelberg den Kops.

Nu ja!" gab der alte Abraham zu.Ich versteh Sie schon. Aber sehen Sie doch nach der andern Seite! Sie machen eine gute, seine Partie, kommen von Bartenstein und Levisohn los und sind fein raus. Warum wollen Sie das nicht? Wenn man seine Verhältnisse verbessern kann, dann soll man's ja tun! Sie können doch Ansprüche machen. Eine aanz Junge ist nichts für Sie, eine Alte auch nicht. Aber so was in den besten Jahren- Man sucht eben, bis man was Passendes gefunden hat!"

Sie haben wohl schon eine auf Lager?" lächelte Fritz von Winkelberg.

,,Nu?" lachte der alte Abraham.Und wenn ich schon eine für Sie hättie? Ich' Hab ein paar äu der Hand. Aus den feinsten Familien. Und Geld ist auch da, inehr als Sie vorderhand brauchen. Sie werden auch wieder mit den be­nachbarten Herrschaften ins Reine kommen!"

ftolz ö * ^ nb id) ni(bt nötiö! " sprach Fritz von Winkelberg

.Nu freilich!" pflichtete ihm der alte Abraham bei.Ich mem ß ja auch nicht so! Ich mein, nur so äußerlich. Man tut so. Inwendig denkt man sich das richtige. Was wollen Sie, mit den Wölfen muß man heulen'"

Aber ich nicht!" rief der Baron und sprang auf, weil ihm oas Gespräch unangenehm wurde.

. .^u!" drängte der alte Abraham hartnäckig.Dani

denken Sie doch an Ihre beiden Kinderchen."

An die denke ich eben!" sprach Fritz von Winkelben ernst. Ich will ihnen keine Stiefmutter geben. Fräuleir Hedwig sorgt für sie, und solange sie da ist,"

or ,Solange sie da ist!" wiederholte der alte Abraham. Aber sie wird nicht immer da sein. Sie wird sich mal ver­heiraten, und dann ist sie nicht mehr da. Sie können doch nicht verlangen von ihr, daß sie da bleibt. Und dann sitzen Sre da mit den beiden Kinderckien uird können sich mit den Dienstboten herumärgern. Nu, und wo bleiben da die Kinder? Dann sistp Sie, meiner Seel, ein richtiger Stiefvater!"

Der Baron tour and Fenster getreten und schaute schweigend m den schncebehangenen Park.

Adieu, .Herr Baron!" sagte der alte Abraham und schlich zur Tür.Ich empfehle mich. Vielleicht überlegen Sie sich's noch!"

Fritz von Winkelberg nickte stumm, ohne sich umzuwen­den, und der alte Abraham drückte sich.

Lange stand der Baron regungslos am Fenster und starrte hinaus. Dann schloß er geblendet die Augen. Zu einem Entschluß aber kam er nicht.

Diesmal wurden auch die Dienstleute zum Weih­nachtsfest geladen, wie es August Knorreck vorgeschlagen hatte. Es war eine alte Sitte in Britzkawe, daß das Ge­sinde an der Feier teilnahin und beschenkt wurde. Frau Knorreck und Hedwig sorgten für die Gaben. Im Speise­zimmer nmrde eine Tanne aufgestellt und mit Lichtern be­steckt. Auch Moritz Gassel fand sich ein, um auf dem Klavier ein paar Weihnachlslieder zu spielen. Cäcilie stand neben ihm und sah ihm auf die Finger. Hedwig hatte den kleinen Günther auf dem Arm, ließ ihn nach dem bunten Flttter des Christbaumes greisen und unterhielt sich mit ihm in seiner Sprache. Die Dienstleute sangen kräftig mit, ließen sich von Frau Knorreck die Geschenke weisen und bedangen sich bei ihrem Herrn Baron, der jedem freundlich die Hand drückte. Doch er war weniger aufmerksam, als es den Anschein hatte. Immer wieder irrten seine Blicke zu Hedwig hinüber, die sich, mit dem kleinen Ckünther auf dem Schoß, unter den strahlenden Baum gesetzt hatte und traumverloren vor sich hinsah. Als die Dienstleute sich um den Barou drängten, drückte sich Cäcilie scheu in die Ecke und schlich endlich zu Hedwig hinüber, die den Arm um sie legte und sie fest an sich zog.

Urrd Fritz von Winkelberg sah dieses Bild und verlor es nie wieder aus dem Gedächtnis.

Endlich sprach August Knorreck im Namen des Gesindes ein paar Tankesworte, und das Zimmer leerte sich. Moritz Gassel rückte den Schachtisch zurecht, denn Fritz von Win­kelberg hatte ihn gebeten, den heiligen Abend bei ihm ziu bleiben. Jetzt erhob sich auch .Hedwig, um die Kinder zu Bett zu bringen. Cäcilie küßte ihn stürmisch und hing sich an seinen Hals. Aber Günther, der bald das erste Jahn hinter sich hatte und schon die ersten Schritte versuchte, wollte auch an die Reihe kommen. Er streckte seine kurzen, runden Aermchen aus. Hedwig hob ihn höher. Und wie immer erhaschte der kleine Mann ein paar Barthaare des großen, die er nicht eher hergab, bis er sie ausgerissen hatte. Jedesmal wurde dies die Veranlassung, daß Fritz von Winkelberg mit Hedwig ein paar Scherzworte tauschte. Doch diesmal wagte er es nicht. Er erkannte plötzlich ihre Zart­heit und Keuschheit und beugte sich nieder, um ihr die Hand M küssen, -lber sie entzog sie ihm schnell und flüchtete mit den beiden Kindern. Lange stand er -u.f einem Fleck und, schaute auf die Tür, hinter der fie verschwunden ivaren- bis Moritz Gassel mit oen Schachfiguren klapperte und die Wirtsckfasterin den Tee brachte.

Dann spielte Fritz von Winkelberg mit Moritz Gassel bis Mitternacht. Aber er war nicht aufmerksam, und Moritz Gassel setzte ihn viermal hintereinander matt. Dann singen sie an zu plaudern.

(Fortsetzung folgt.) --

Zlieger überm «anal.

Bilder von der st en wacht.

Von E r n st Wilde.

Jüngst schrieb mir ein Bekannter: ,Hhr habt's doch gut draußen, denn boi Euch ist gar kein Krieg, Ihr könnt den Früh­ling genießen, lveil Ihr allcjs um Euch findet, wonach sich ein Erdemnensch gewöhnlich sehnt." Er hat nicht ganz unrecht- Wir haben lncr an der flandrischen Ki'iste Frühling. Es blüht und grünt ringsum, marni und freundlich lacht die Sonne und das Wasser singt ein altes und doch immer neues Lied. Aber leider dürfen wir uns lüer dennoch nicht als Kurgäste fühlen, wir haben nämlich Dienst, uiw zwar einen strammen Kriegsdienst. Vom Wasser und aus der Luft drobt uns Gefahr. Nicht uinsonst stehen die Strand- battcnen, dräuend ihre Rohre gen Westen und zum Himmel ge­richtet. Man untersckwtze ja nicht unsere Küstenwacht, sie ist not­wendig, da die Herren Briten sonst unseren Braven au der fran­zösischen Grenze schon lange ini Rücken säßen. Freilich, Zeit haben tmr, mel Zeit, die wir uns auf unsere Art vertreiben können Wenn man gerade Nachtwache l>at, sitzt man und schaut* un- verivandt tu die Nacht, hört das Rauschen der Wvgeit und in der