Ausgabe 
21.6.1915
 
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großen Städte hintanzuhalten. Zu diesen Bestrebungen gehören auch die Versuche, unsern Dörfern und Landstäütchen wieder ein traulick-es Aussehen und einen gemütvollen Eindruck zu ver- fchaffep, kurz, das Torfbild zu verschönern. Schön ist es. wenn» das Dorf von einem Kranze wohlgepflegter Gärten eingeschlossen ist, und diese wieder mit einer lebendigen Hecke aus Hainbuche, Weißdorn, Haselnuß und Fichten umgeben sind. Und wo ein Rain ist, wo eine Schlucht hinzieht, da pflanze man Hecken. An Eisenbahndämmen wirkt außerdem die Anpflanzung von Akazie wie eine Verankerung gegen Dammrutschungen. Dadurch wird das Landschaftsbild einmal abweckffelungsvoller, lieblicher und sck-öner, und dann haben in den Büschen die treuen Kameraden des Landmannes, die nützlichen Vögel, Nistplatz und Versteck gegen Habicht und Katze.

Empfehlenswert ist ferner die Anlage eines Teiches in her Nähe des Dorfes. Sauere Wiesen sind in jeder Dorfgemarkung ^u finden. Vorteilhafter als das kostspielige Trainieren wäre da die Anlage eines Fischteiches, der rings mit Waiden Pflanzungen umgeben sein kann. Daran könnte sich ein Bleichplatz mit regel­mäßig verteilten Pfählen zum Aufhängen der Wäsche anschließen. An des Dorfes steingcfaßter Quelle noch 2 schattenspendende Lin­denbäume könnten hier ein tvahrl-aft idyllisches Plätzchen schaffen. Im Winter bietet der Teich eine schöne Eisbahn für unsere Jugend. Und ihr dazu auch noch eine Rodelbahn verschaffen, ist eine For­derung, die schlechterdings nicht mehr von der Hand gewiesen werden kann. Mich erfüllt es immer mit Wehmut, wenn ich sehen muß, lvie die Kinder vor dein Polizeidiener und Gerwarmen in die Höfe flüchten, tvenn sie mit ihrem Schlitten auf der ab­schüssigen Dorfstraße lustig dahingleite::. Ich gebe ja zu, daß die Straße für den Verkehr frei bleiben muß und die glatten Stellen Unfälle für die Passanten zur Folge haben können, aber dann schütte man das Kind nicht mit dem Bade aus, sondern schaffe eine künstlich. angelegte Rodelbahn abseits des Verkehrs. Bei jeder Feldbereinigung kann hierauf Rücksicht genommen werden.

Mit dem Rodelverbot ist es gerade wie mit dem Spinnstnben- verbot bestellt. Wer sie nicht dulden will, der verbiete sie nicht einfach, sondern schaffe bessere Verhältnisse, die jede Gefahr im gemeinsamen Verkehr unserer Heranwachsenden Jugend ausschließen. Nicht bloß verbieten, sondern verbessern, wo es not tut.

So wie die äußere Umgebung des Dorfes einen freundlickien Eindruck machen soll, ebenso das Dorf selber, der Hausbau, Straßen, öffentliche Plätze, Kirche und Schule, Backhaus, Spritzen­haus usw. Schönheit, praktische Anlage und Ausführung dürfen sich nicht gegensätzlich gegenüberstelle?:, sondern müssen sich größten­teils decken. Bei den alten ländliäien Bauten sind diese Richt­linien in allererster Linie zum Ausdruck gekommen. Auf die Gestaltung der Haus- und Hofanlage haben von jeher Boden­beschaffenheit, Formation, klimatische Verhältnisse, Charakter und Lebensgenwhnheit der Bewohner eingewirkt. Davon haben sich nicht geändert Volkscharakter, Nimatische Verhältnisse. Geändert haben sich die Lebensgewohnheilen und die Bodenbeschaffenheit, die durch den intensiveren Betrieb der Landwirtschaft verbessert ist, so daß also heute eine Umbildung des alten. Hauses ben modernen Anschauungen und Ansprüchen entspreck^end erfolgen darf. Hier sollte der Staat durch gesetzlich^ Maßnahmen die neuzeitliclum Bestrebimgen unterstützen und namentlich die technischen Bildnngs- anstalten sollten sich dieser Aufgabe mehr annehmen, so daß eS den Behörde?: leichter wird, nicht nur auf dem Papier, sondern! auch in der Praxis Heimatschntz zu treiben.

Zur Förderung heimatlicher Baurveise ist ferner zu empfehlen, wenn seitens der Kreisbehörde ftir ländliche Bauweise ein Preis­ausschreiben erlassen loürde, daß innerhalb einer festgesetzten Zeit etwa 2 bis 3 Jahre für einen bis dahin zur Ausführung gelangten Bauplan eines Bauern- oder Arbeitenvohnhauses zroei Preise ausgesetzt wiirden. Die Wohnhäuser müssen ziveckent- spreckxmdc Gestaltung, ländliche Eigenart und lieimatliche Bau­formen auftveisen. Zum Wettbelverb sind nur Häuser zugelassen, deren Baukosten nicht über 8000 Mark kommen In den Preis teilen sich Planverfertiger und Bauherr zu gleichen Teilen. Das Preisgericht wird von der Kreisbehörde bestimint

Wie ein altes Haus neuzeitlich umgebaut und dabei der alte Baustil doch beibehalten, ist bei Renovierung der Großen Lindener Pastorei mustergültig ausgeführt worden. Pfarr und Schulhäuser sollen überhaupt dem Orte zur Zierde gereichen und sich in ihrer Bauart dem Charakter der ganzen Dorfanlage anpassen. Bessere Zeiten sind ja gekommen, und was Schulhausbauten betrifft, ist in dem letzten Jahrzehnt in unserem Kreise geradezu Vorbild»- liches geleistet worden. An den Schul hausbauten der achtziger und neunziger Jahre dagegen erkennt man auf den ersten Blick, daß sie unter dem Druck einer strengen, auf Ersparnisse zielenden Rechnungskammer ächzend und flucknmd init Reißschiene und Zirkel aus einem vielmals als zu kostspielig beanstandeten Entwürfe herausgepreßt sind, und das, was daraus entstanden, ist ein Angst- und Notprodukt. Wo sich Fachwerkbauten vorfinden, sollten die Besitzer bei Renovierung de?: alten Verpuß entfernen lassen und das Fachwerk ??:it eine??: gefällige?? Anstrich ?vieder hervortreten lassen. Mit den unschöne?: Backsteinkästen kann durch einen hell­grauen Verputz, weißem Fensteranstrich, iveiß oder grün gestriche­ner Kandel ettvas mehr Freundlichkeit abgetvonnen werde?:. Ein weiterer Schmuck eines jeden Hauses kann durch Anpflanzung iwn Spalierobst und Rankengewüchsen erreicht lverden. Nichts ist

so geeignet, den Gebäuden etwas Anheimelndes zu verleihen, alB das Bepflanzen mit grünen Ranken. Wo Weinrchen oder Obst- spalierbäume aus irgend einem Grunde nicht zweckmäßig oder un- bel?ebt sind, empfehle ich das Anpslanzen von Schlinggewächsen, i Efeu, Kletterrosen, wildem Wein, Pfeifenstrauch und Wald-

rebe. Ta aber die Anpflanzung von ausdauernden Schlinggewächsen mcht überall durchführbar ist und es auch immerhin mehrerer Jahre bis zur vollen Entfaltung bedarf, so empfehle ich ferner die Anbringung von geschmackvollen Blumenbänken und die Aus­stellung von Blumenkisten und Blumentöpfen vor den Fenstern. Als Topfpflanzen, die ziemlich anspruchslos, schnellwüchsig und schönblütig sind, haben sich bewährt: Geranien, Fuchsien, Kala. Kaktus, Wasserbalsaminen, Astern, Buntwicke und Malwe.

Wo es angeht, nwge ein zierliches Borgärtchen mit hoa>- sbämmigen Rojen, Nelken. Levkojen, Astern und Reseden gegen d:e Straße abschließen. An Stelle solcher mit Holzspalier ein-, gefriedigten Vorgärten, die an verkehrsreicher Straße liegen und :m Straßenstaub niemals die gewünschte Wirkung erzielen, er­weisen sich baumbestandene Rasenflächen mit Mauer und darauf hinziehendem niedrigen Lattenspalicr auf die Dauer zweckentspre- chender und für die Gesamtwirkung, ?:amentlich in der Baum­blüte, angenehmer. Hierzu kommt noch die Nutznießung an Obst und die geringe Pflege, die sie beanspruchen.

Eine besondere Beachtung seitens der Gemeindeverwaltung ver­dient das Hauptgebäude des Torfes, die Kirche. Sie darf nie­mals die Spuren des Verfalles an sich tragen. Wo angängig, muß die Umgebung gärtnerische Anlagen aufweisen. Die Wege müssen gepftastert oder mit Kres bestreut sein. Im Innern der Kirche dürfen zur Schmückung des Raumes keine Nägel in Kanzel und Emporen eingeschlagen »oerden. Dafür seien Häkchen angebracht, die diesen Ziveck eWllen. Innerhalb des Torfes können durch Verebnung hügeligen Geländes oder Ausfüllen von ehemaligen Sleinbrüchen freie Plätze geschaffen werden, die, mit Bäumen be­pflanzt, zu Turn- und Spielplätzen wie geschaffen sind. Auch alte Brunnen sollten bei Neuanlegung einer Wasserleitung beibehalten und der Platz Mit einer Ruhebank versehen lverden, daß an (sonn« und Feiertagen den älteren Leuten eine Gelegenheit zum Plaudere stündchen gegeben ist. An diesen Brunnen und auch auf anderen freien Plätzen inmitten des Torfes ist auch die geeignetste Stelle für Pflanzung eines Gedächtnisbann:es, lvie Jahrhunderteiche, Lutherltnde, Reformationslinde, Kaiserlinde usw. Zur Reinhaltung der Straßen ist Gossenpflasterung unerläßlich. Lagerplätze für Bau­holz, Steinhaufen, Kehrichthaufen und anderem Unrat dürfen inner­halb des Torfes nicht IÄmldet lverden. Und kommt noch zum Gltten der Glanz und Lxhi.mm.er durch Anlage einer Baumallee längs der Straßenzeile, dann ist ein Torfbild geschaffen, das Heimat­liebe weckt und stärkt.

Glücklicherweise konnte das Hasten und Jagen unserer Tage bei dem vorwiegend konservativen Sinn unserer Landbevölkerung bisher nur einen Bruchteil des Volkstümlichen verlvischen. Noch ist an manchen Orten reger Sinn für heimatliches Wesen erhalten. Er muß gestärkt, gepflegt und zu friscl-em, frohen Wachsen und Gedeihen gebracht lverden. Mfit ihm bleibt ein lvescntlicher Faktor zur Festigung unserer Bolkskraft, zur Pflege de??tschen Gemüts» lebens bestehen.

tebenrinitlelpreise in Gietzen in den Teuerungsjahren ^6 und 18g.

Von Dr. H. Berg 6 r - Gießen

Vor den Befteiungskriegen, im Jahre 1811, lvaren die Lebensmittelpreise in Gießen ?wch billrg Man erhielt 1 Pfd. Ochsenfleisch.fnr 29 Pfg, Rindfleisch für 20 Pfg., Schlveinefleisch für 29 Pfg. Tas Pfund Wurst kostete 27 Pfg., das Pftmd Sckftn- ken 46 Pfg Butter und Fett waren verhältt?:Smäßig teuer : denn man zahlte für das Pfund Butter 60 Pfg., für das Pfund Fett 48 Pfg. Tie Preise für Brot mtl> Backnxrren hielten sich, den Frnchtprcisen entsprechend, da das Achtel <200 Pft>.) Weizen 18,80 Mk., das ?l!ch1 el Korn 10.20 Mk.. das Achtel Gerste 6.50 M. kosteten, in mäßigen Grenzen. 4 Pfund Schwarzbrot waren zu 32 Pfg. erhältlich: für 1 Kreuzer (3 Pfg.l erhielt nur?? 66 Gr. Milckchrot, 150 Gr.Taigscher". Tie Milch ?var in? Liter zu 10 Pfg. zu haben.

Während der Befreiungskriege stiege,? trotz des Mehrverbrauchs von Lebensmitteln die Preise verbaltnis???äßig nicht übennäßig Ter "Aufschlag bei Ochse??-und Rindfleisch betr?:g in? November 1813 gegen ftüher nur 12 Pfg Dagegen war die Steigerung bei S<b?veinefleisch, Speck und Schiliken sehr bedeutend Das Scbloeine- fleisch kostete n?:n 36 Pfa, Speck 72 Pfg, Schinken 54 Pfg. in: Pfund. Butter war von 60 Pfg. aus 78 Pfg. hinausgegangen Ein Pfund Heckit kostete statt 48 Pfg. in früheren Jahren jetzt 60 Pfg., 1 Hering 3036 Pfg. Am meisten ,oar die Preissteigerung de merkbar bei Branntwein. Zahlte ???an 1811 ftir das Liter 48 Pfg., so stellte sich im Novencker 1813 der Preis aus 1 Mk. 2 Pfg. Weize?: war im Preise mercklvürdigerweise um 2 Mk bei??: Achtel heruntergegangen, während Korn um 7 Mk. bei??: dichtet gestiegen lvar. Trotzdem betrug der Aufschlag beim 4 pfundigen Laib Brot nur 4 Pfg.: ???au zahlte 1813 dafür 36 Pfg.

Nach Beendigung der Befreiungskrieg in: Jahre 1816 machte sich, uwtyl auch infolge einer schlechte,: Ernte, die Preissteigerung schon fühlbarer. Kostete 1813 das Achtel Kor:: noch 17 Mk., so