Ausgabe 
21.6.1915
 
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Zwei Strümpfe!" gab die Kleine zur Antwort.Mir dich zum Geburtstage!"

Na!" lachte er froh.Dann beeil dich aber. Sonst muß Ich an meinem Geburtstage barfuß lausen."

Zuletzt band er mit Hedwig an, denn er tuar jgwhetr Laune.

Eigentlich ist das Stricken eine sehr überflüssige und zeitraubende Beschäftigung!" behauptete er, indem er Hed­wig von der Seite ansah.Striimpsc kaust man heute billiger und besser!"

Hedwig aber strafte ihn dafür mit einem bittenden

Blick.

Kommen Sie, Herr Gassel!" sprach er und erhob sich. Es stehen Erziehungsgrundsätze aus dem Spiele. Und da läßt Fräulein Hedwig nicht mit sich spaßen."

Hilflos sah sie ihn an. <

Verzeihung!" sagte er sanft, erhaschte ihre fleißige Hand und drückte, ehe sie es verhindern konnte, einen leisen Kuß darauf.Sie wissen, )vie sehr ich Ihnen dankbar bin. Ohne Ihre Hilfe wäre ich hier verraten und verkauft."

Dann schritt er mit Moritz Gassel hinein, um die unterbrochene Partie vom letzten Male zu Ende zu führen.

Hedwig aber senkte ihr erglühendes Gesicht auf die Ar­beit, die auf ihren Knien lag.

Was hast du, Tante?" fragte Cäcilie und drängte sich an sie.

Da zog Heb,mg das Kind an sich uild küßte es innig, auf den weichen Mund. Und schon meldete sich Günther, der Hünger hatte. >

Im Mai hielt der kleine Lehrerverein seine Sitzung in Britzkawe ab. Das Herrenzimmerchen Franz Wie- gelts war der Sammelpunkt der acht Mitglieder. Dies­mal konnte sich Sebaldus Pohl nicht drücken, und so erschien er,, als Moritz Gassel gerade mit seinem Vortrage begann, den er unter dem Titel:Die Dorfschule eine Standesschule", zu halten übernommen hatte. Er war der Jüngste des Vereins, und die älteren Kollegen schauten von oer Höhe ihrer reichen Erfahrung gelassen auf ihn herab. Für neue Ideen waren sie überhaupt nicht sehp empfänglich, nur bei der Besprechung von Gehaltsftagen konnten sie sich noch ereifern. Moritz Gassel gab sich alle Mühe, seine Gedanken in den Köpfen der andern Ängang finden zu lassen. Seine Ausführungen gipfelten in den Sätzen: ,Die Dorfschule ist eine Standesschule und hat den, Landvolk die Bildung zu vermitteln, die es braucht. Sie muß sich also andere .Zjielle stecken als hie städtische Volksschule. Alle Zweiae des ländlichen Erwerbslebens sind in den Lehrplan einzuschalten. Aller unnützer Wissenskram, der die Ueberlastung des Gedächtnisses bezweckt, ist auszu­scheiden. Nur der Besitz des Bodens macht den Menschen! wahrhaft sittlich und ^rei. Deshalb hat die Schule nur das eine Ziel zu verfolgen, die Kinder mit dem Boden, der sie geboren hat, in innigste Beziehung zu setzen. Somit ist die Heimatkunde im »veitesten Umfange in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen, und alle andern Fächer haben sich untergeordnet darum zu gruppieren."

Nachdem Moritz Gassel eine Stunde lang gesprochen und damit sein pädagogisches Glaubensbekenntnis entwickelt hatte, herrschte zwei Minuten tiefe Stille. Dann räusperte sich der dicke Vorsitzende.

,^at einer von den Herren etwas dazu zu bemerken?"

Wd) kie saßen da wie die Oelgjötzen. Keiner rührte, sich. Was von dem Trptt ihres Amtes ablag, wurde vor, ihnen mit seltener Einmütigkeit ignoriert.

Endlich meldete sich Sebaldus Pohl und beantragte, zur Tagesordnung überzugehen. Die anderen nickten. Es war besser, bte Moritz Gasselschen Ketzereien in der Versenkung verschwinden zu lassen, als sich mit ihnen zu beschäftigen, um srch womöglich an ihnen zu infizieren. Ehe es aber zur Abpimmung kam, verlor Moritz Gassel die Selbstbeherr­schung und schrie Sebaldus Pohl, dem lieben Kollegen von per andern Konfession, seine Schändlichkeit ins Gesicht, warf chm w heftiger Erregung Unkollegialität vor und gab die Geschichte von der geheimgehaltenen Hupferkarte zum besten. Den andern Kollegen war die Sache sehr peinlich, doch sie konnten wenigstens Moritz Gassels Entrüstung begreislich finden. Sebaldus Pohls Entschuldigung, daß er diese Karte durchs Schriftstück betrachtet hätte, schlug nicht

« bin überzeugt!" rief Moritz Gassel heftig,daß

Kollege Pohl die Kürte in böser Absicht unterdrückt hat.

Ich als Protestant hätte eine solche Gerneinheit nicht auf mein Gewissen nehmen können. Mer er als Katholik hat es bequemer. Er geht zum Pfarrer und beichtet es ab."

Dieses Wort wirkte wie eine Bombe. Der Vorsitzende sprach eine Rüge aus, weil konfessionelle Streitigkeiten von den Beratungen des Vereins ausgeschlossen seien. Se­baldus Pohl fand in den beiden katholischen Kollegen, die außer ihm noch dem Verein angehörten, tatkräftige Unter­stützung, und alle drei verließen unter Protest den Sitzungs­raum. Die andern setzten sich nieder zum edlen Skatspiel.

In der nächsten Versammlung, die in Guhre abgehalten wurde, verlas dqr beleibte Vorsitzende die Austrittserklä- runa der drei katholischen Kollegen, die sich unter dem Vorsitz Sebaldus Pohls zu einem neuen Verein zusammen­geschlossen hätten.

Das haben wir Ihnen zu verdanken!" wies er Moritz Gassel ärgerlich zurecht.Sie haben den Verein gesprengt. Sie haben den Keil der Zwietracht Hineingetrieben. Sie sind jung, Sie sind noch nicht angestellt, Sie müssen sich von den älteren Kollegen schon etwas ^gefallen lassen!"

Fällt mir gar nicht ein!" unterbrach ihn Moritz Gassel. Bor den Satzungen ist jeder gleich."

Mer die größere Erfahrung muß man achten!" brüstete sich der Vorsitzende und legte gravitätisch die rechte Hand aus die mittleren Westenknöpfe.Sie sind überhaupt ein Revolutionär. Sie haben in Ihrem Bortrag Ideen ent-« wickelt, die den Lehrerstand und damit die Schule aufs schwerste kompromittieren. Und dabei l)aben Sie noch nicht einmal die ztveite Prüfung gemacht. Seien Sie froh, daß Ihre Vorgesetzten nichts davon erfahren. Mir könnte sonst um Ihr weiteres Fortkommen angst und bange werden."

Wer gibt Ihnen das Recht dazu, mich abzukanzeln!" rief Moritz Gassel empört und sprang auf.

Mein Alter und meine Erfahrung!" erwiderte der Vorsitzende, und die anderen vier nickten gravitätisch dazu.

Schulmeister!" schrie Moritz Gassel laut und hob die Faust.Schulmeister seid Ihr! Mich werdet Ihr nicht schul­meistern. Macht eure Bereinsschläfchen ohne mich. Aber ich würde euch raten, gleich mit dem Skat anzufangen. Die Gehaltsfrage ist ja geregelt."

Damit schlug er die Tür hinter sich zu. Nie wieder nahm er an den Sitzungen teil. Ausgeschlossen aber wurde er nicht. Der Verein konnte unmöglich auf einen Ruck zwanzig Prozent seiner Mitgliederzahl einbüßen. Auch nrußte der Austritt schriftlich beantragt werden. Moritz Gassel zahlte in der Folgezeit seinen Beitrag und war da­mit zufrieden.

Sein Garten war ihm seine Welt, benn die Ferien brachen herein. Er erzielte mit Hilfe des alten Abrahams gute Einnahmen, legte die Hühnerzucht an, sing Schwärme ein, behäufelte die Spargelpflanzen und freute sich über die Obstbäumchen, die dieses Jahr schon dankbar trugen. Am Abend dachte er zuweilen an seine zweite Prüfung, die er nächste Pfingsten machen wollte. Aber die Bücher, die er sich zur Vorbereitung heranholte, verrnochten ihn nicl)ft m interessieren. Und er legte sie wieder, beiseite, in dev Hoffnung, im Winter damit bessere Resultate zu erzielen.

Die Gutsernte verlies zufriedenstellend und gab reiche Erträge. Der Baron ging in dem Betrieb seiner Landwirt­schaft auf, und August Knorreck freute sich darüber, wenn er's auch nicht zeigte. Auf Hugo wartete er aber vergeblich. Statt seiner kam eine Karte rnjit der kurzen ^totiz, daß er, seine Ferien au.f Weihnachten verschoben habe, weil er den verantwortlichen Redakteur des Tagesberichtes zu vertreten hätte. Er rückte allmählich herauf. An welcher Zeitung er wirkte, verriet er noch immer nicht.

Also Weihnachten!" knurrte der Inspektor in sich hinein.Dann werde ich ihm schon den Kopf zureclMetzeri. Verschieben wir's so lange!"

(Fortsetzung folgt.)

Zur pflege des

Bon A. Bo

Keimatsinner.

>tzler.

(Schluß.)

Erfreulicher,veife mehren sich in den letzten Jahre,! die Be- strebunaeu aus den versänedensten Gebieten, die darauf lstnaus- gehen, das Heimatgefühl besonders bei der ländlichen Bevölkerung stärken, die Hemmt ,nieder lieb und ,oert zu ,nack)en und damit eine, die Vvlkskrast scl)Hdigende übermäßige Abivandening in die