sich eben noch einem tödlichen Stich entziehen. Blutend sprang er zu uns herein, um sich verbinden zu lassen. Tas Messer hatte! ihm eine ziemlich tiefe Fleischwunde im Arm gerissen, die heftig blutete. Wir alle waren entrüstet über diesen Zwischenfall, nur Fritz sagte anfangs kein Wort. Er ging zum Arzt, ließ sich verbinden und stöhnte nur einmal leise auf, als der mit der Sonde die Wunde untersuchte. Der Doktor lachte: „Ja, Herr Leutnant das haben Sie nun von Ihrer Menschenfreundlichkeit; eine Hand breit weiter nach links, ich wäre vollständig überflüssig.," Fritz schwieg, aber der Doktor fragte spottend weiter: „Vielleicht lassen Sie den nächsten Verwundeten von dieser Gesellschaft da drüben ohne Labung; die Bande verdient es nicht besser. Menschlichkeit ist eine sehr schöne Tugend, man darf sie nur nicht ainj falschen Objekte anwenden. Finster erwiderte Fritz: „Wenn wieder so ein Kerl um Wasser bittet, so geb ichi's ihm; aber — dafür garantiere ich — beim leisesten Versuch, noch ntehr, bei der ersten verdächtigen Bewegung schieße ich ich: übern Haufen."'
Inzwischen hatte eine heftige Kanonade unserer Artillerie eingesetzt, die das Dorf bös zusammenschoß!. Wir sollten die Erfolge der Beschießung abwarten und dann mit allen Bataillonen npd) einmal stürmen. Wir Offiziere des zweiten Bataillons standen zusammen und besprachen das Nötige. Auch Fritz war bei uns, und wir redeten ihm zu^ er solle doch zurückgehen und dt« Wunde wenigstens den nächsten Tag noch pflegen. Aber er wehrte ab, und als bald darauf der Befehl kam, den Sturm vorzubereiten, ging ich mit ihnl zu unserer Kompagnie und begleitete rhn bis zu seinem Zug. Dort nahmen wir Abschied, wünschten uns gegenseitig alles Gute, und gleich darauf gellten die Hörner. Wir stürmten mit wildem Todesmut, aber ins Dorf kamen wir auch diesmal nicht; in den Häusern am Dorfrand waren Maschinengewehre ganz tief eingebaut, die furchtbare Lücken in unseren Reihen rissen. Wir mutzten zurück und konnten froh sein, datz wir den schützendeir Graben wieder erreichten. Da der Feind keinen Gegenangriff machte, konnten wir uns in Ruhe sammeln. Als ich die Verluste meines Zuges festgeftellt hatte, ging ich hinüber zum nächsten Zug und fragte nach Fritz. Niemand wußte etwas von ihm. Er mutzte wohl gefallen oder wenigstens verwundet sein. Da meldete sich plötzlich fein Bursche und deutete hinaus auf die Wiese zwischen dem Torf und unserem Graben. Die Entfernung betrug nicht viel mehr als 200 Meter; man konnte die jgrüne Rasenfläche leicht übersehen und bald erkannte ich durch das Glas unter einem Haufen Verwundeter Fritz, der eben einen Versuch machte, iveiter zu kriechen. Ich verfolgte gespannt seine Bewegungen; er schien keinesfalls sckpoer verwundet zu sein. Aber wenn er nur vorsichtig genug war und sich nicht bemerkbar machte; denn die Franzosen schossen ja auch auf den einzelnen Mann ganze Salven ab. Da stutzte ich plötzlich, denn ich sah, datz er sich zu einem gefallenen französischen Offizier hinüberbeugte, der ihm eben mit den Händen etwas zu- wiickle. Ich sah deutlich, wie er sich an den Feind heranschob, seine Feldflasche abnahm und ihm zu trinken gab. Ich muß sagen, ich ärgerte mich. Hatte er doch erst vor knapp einer Stunde das Erlebnis mit bent Mpenjäger gehabt und konnte froh sein, wenn er sich selbst mit heller Haut in Sicherheit brackste. Mer was war das? Plötzlich trachte ein Schuß und ich sah durch das Glas, lvie der Franzose zurücksank. Offenbar ivar ihm Fritz zuvorgekommen und hatte ihn niedergeschossen, als er eben einen heimtückischen Ueberfall auf seinen Wohltäter plante. Sofort setzte aber nun auch vom Dorf aus das Schießen wieder ein, und sie feuerten ganze Salven, ohne eigentlich zu zielen, auf die Wiese hin. Ich hoffte, datz nun Fritz sich decken würde, damit ihn nicht noch eine Kugel traf. Wer was tat der, ich war starr vor Staunen und wollte meinen Augen nicht trauen. Er bemühte sich neuerdings um den Gegner, den er eben niedergeschossen hatte, hob ihn sorgsam auf und schleppte ihn mit sich vorwärts, auf unseren Graben zu. Tas war nun doch zu seltsam. Lebte denn der Franzose überhaupt noch? Und wenn ia, was hatte das dann für eine Bedeutung. uns den Mann mit l>crüber zu schleppen. Bon der Stelle, wo Fritz lag, bis zu unserem Graben waren es gut 100 Meter. Auf dieser Strecke konnte man also wohl zehnmal erschossen werden. Wir riefen ihm zu, er solle doch den andern liegen lassen, aber alles half nichts, er schleppte rhn mühsam weiter. Und nun hatten ihn auch die im Dorf bemerkt. Sie schossen nicht mehr in Salven, sondern wohl gezielt nach Fritz, der ein paar Mal zusammenzuckte und auf die Seite fiel Mer immer wieder, versuchte er den Franzosen mit vorwärts zu schleppen. Entsetzlich aufregend war dieses Sckmuspiel. Und wenn auch Frrtz trotz des Kugelregens hübsch vorwärts kam, so dauerte es dock geraume Zeit, bis er so nahe kam, datz man ihn hätte holen können. Aufmerksam verfolgten wir ihn und erösfneten gleick>- falls ein lebhaftes Jnsanterieseuer, um die Gegner abzulenken. Aber es.half nichts. Sie schossen immer wieder nur auf den einen und plötzlich sahen wir, wie er die Hände hoch tvars und dann schwer zusammenbrach. Da sprangen ein paar beherzte Leute hinaus und brachten ihn sterbend herein. Ich lies; ihn in meinen geschützten Unterstand tragen, und als ich die anderen hinausgebracht hatte setzte ich mich zu ihm und fragte ihn: „Was hast du denn mit diesem Franzosen gehabt, Fritz? Hättest du ihn doch liegen lassen!"
Da kaM es! bebend von seinen Lippen: ,Zch habe einen Unschuldigen erschossen, Hans! Latz dir erzählen!"
Und nun erzählte er den Hergang, abgerissen und mit Unterbrechungen. ^er französische Offizier hatte ihn um Wasser gebeten und er war hinübergekrocl-en und hatte ihm seine Feldflasck-e
gegeben Ter Mann hatte getrunken und gedankt: aber kaum hatte er die Flasche abgesetzt, da griff er in die Brust und zog cttvaS heraus, genau wie der Alpenjäger. „Und nun," so sprach er, „ergriff mich ein wllder 'Zorn, daß auch der Verwundete, ein Offizier, ein Gebildeter also, einen so plumpen Ueberfall plante. Noch ehe er die Waffe herausziehen konnte, schoß ich ihn nieder. Er sank zusanimen und die Hand, die eben noch nach der Waffe gegriffen hatte, öffnete . etwas fallen. Aber das war reine Waffe, das war
ern Bild. Ich hob es auf; es war eine Frau mit einem' etwa 10- jahrigen Maden und auf der Rückseite stand der Name und die Adresse. Offenbar hatte er mich bitten wollen, seine Angehörigen zu verständigen und ich hatte geglaubt, er woltte mich meuchlings mederschießen, und hatte einen Mord begangen. Ta wollte ich retten was noch zu retten war; und deshalb, Hans, bitte ich dich, sorge dafür, daß der Offizier lebend oder tot hereingeschafft wird. Ittid wenn er tot ist, dann verständige du seine arme Frau, und schreibe ihr, wie er ffel."
1 ^nmttcxtnWite ich ihm diesen Wunsch; es war sein letzter. Noch am Abend starb er an der schweren Verwundung, die er erlitten hatte. Aber auch den Franzosen konnte ich nur mehr tot hereinbringen lassen. Tags darauf haben wir die beiden, die Feinde waren und doch für und durch einander fielen, in einem gemeinsamen Grabe beerdigt.
Der Tag von Waterloo.
Zur 100. Wiederkehr deS 18. Juni.
, Dort, wo sich in einem zwischen zwei sanften Bodenwellen eingebetteten Talgrunde filblidj, von Brüssel der denkmalgekrönte Löwenhügel von Mont Saint-Jean erhebt, standen sich am Morgen des 16. Juni 1815 Napoleon und Wellington, 72 000 Mann und 246 Geschütze gegen 67 000 Mann und 180 Geschütze, zum letzten, entscheidenden Schlage gegenüber. Nach mehreren ergebnislosen Vvrtämpfen setzte Napoleon gegen 2 Uhr zum Hauptstöße gegen Mitte und linken Flügel der Engländer an, den er mit einer Kanonade aus 80 Feuersch-lünden einleitete. Vier mächtige Anariffssäulen drangen in den Talgrund vor, umklammerten den m ferner Mitte liegenden Pachthof La Haye Samte und schlugen sich dort mit den Holländern des Prinzen von Oranien, während drei der vorgehenden Stnpmkolonnen den jenseitigen Talrand erklommen und die dort aufgestellten Hannoveraner und Engländer in wütendem Ansturm »urückdrängten, bis ihnen ein noch rechtzeitig hervorbreck)ender Angriff schottischer. englischer und irischer Reiterregimenter Luft machte, und die Anareifenden bis in den Talgrund znrücwrangte. Dort entspann sich ein verzweifeltes Handgemenge: die englische Reiterei wurde von französischen Kü- raisieren, Gardelanciers und Dragonern umfassend angegriffen und mußte sich mit schweren Verlusten zurückziehen. Da hielt Napoleon, der von einem Hügel bei Rossomme aus die Entwicklung deß Gefechtes beobachtete, den Augenblick! zu einem Hauptstoß für gekommen: auf seinen Wink setzte sich der Marschall Ney an die Spitze eines mächtigen Reiterheeres von 40 Schwadronen und stürmte Wellingtons augenscheinlich wankenden Reihen entgegen. Der Gefahr zu begegnen, raffte der Herzog die in Reserve stehende Gardereiterbrigade Somerset, die holländisch-belgische Brigade Trip- Carabiniers und die englisch-deutsche leichte Dragonerbrigade zn- sammen und führte sie Neys Schüvadronen entgegen, die, vom Feuer der verbündeten Schützen ohnehin stark mitgenommen, zerhauen, zersprengt und unter ungeheuren Verlusten in den Tal- grunb hinabgeiagt wurden. Unten kam aber die Verfolgung zum Stehen: der schlachterpwbte Marschall zog eine neue Gardereit erdi Vision an sich und ftlhrte mit ihrer Unterstützung einen Gegenstoß aus, der die Engländer auf den Mhang zurücffagte und ihre Vierecke erneut in Mitleidenschaft zog. Mer Ney er- lahwte allmählick), da ihm keine Infanterie zu Gebote stand. Napoleon ließ jedoch von seinem Plan nicht ab. — Er ballte eine neue, iwch mächtigere Reiterinasse von 77 Schwadronen zusammen, die sich unter Führung des Marschalls erneut auf die Engländer und Hannoveraner stürzte. Die Lage der Engländer war unter diesen Umständen überaus kritisch: sie schienen bereits verloren: ein Regiment Cumberlandhusaren, das von Brüssel her zur Verstärkung heranellte, machte entsetzt kehrt und flüchtete nach der belgischen Hauptstadt zurück, den in Gent weilenden Bonrbonep- wurde bereits ein Sieg Napoleons gemeldet, sie zogen sich Hals über Kopf nach Antwerpen zurück. Das eben noch so stelze Heer des eisernen Herzogs war auf 30 000 Kampffähige zusammcnge- schmolzen, und wenn es ihm auch gelang, den mächtigen Ansturm der sranzösisckien Reiterbrigade mit zäher Beberztlieit noch einmal zurnckzmveisen — > seine Widerstandskraft war doch geschwächt und konnte einen zweiten derartigen Ansturm nicht mehr aushalten.
Um öVs Uhr ging La Haye Sainte an die Franzosen verloren, die Lage verschlimmerte sich immer mehr. Wellington, der biehcr mit dandyhafter Gelassenheit an einer Hohen Ulme vor dein Dorfe Waterloo gelehnt und dem Kampf zugcsckwut hatte. Wellington selbst biß sich auf die Lippen und schlug mit der Reitgerte ungeduldig gegen seine Stiefel. Sein Blick streifte den grauen Himmel, der regcndurchsätligt auf das Kampffeld herabhing: „Ich ivollte, die Preußen kämen," murmelte er vor sich hin, „oder c: würde Nacht..


