„Lassen Sie nur erst das Kinld ba fein!" sagte en Muitt Äaron, als er ihn auf Ehre und Gewissen fragte, wie es stände. „In demselben Augenblick verschwinden alle diese Erscheinungen."
Trotzdem verließen Fritz von Winkelberg die Sorgen nicht. Er dachte an das lange Krankenlager, das Cäciliens Geburt gefolgt war, wich kaum eine Stunde von seiner leidenden Gattin, rückte ihr die Kissen zurecht und hielt jede Störung von ihr fern.
Aber ihre Kräfte nahmen stetig ab.
Vierzehn Tage später verordnete Doktor Bielschowsky Bewegung. Aber nur mit großer Mühe und Anstrengung vermochte die Baronin ein paar Schritte durch das Zimmer zu machen, gestützt auf den Arm ihres Gatten. Sie begann zu klagen und verlangte zurück zur Ruhe.
Jetzt machte der Doktor doch ein nachdenkliches Gesicht, murmelte etwas von Komplikationen, versprach wiederzukommen und verlangte, sobald sich neue Symptome bemerkbar machen sollten, sofort benachrichtigt zu werden.
Doch das Leiden hielt sich in den alten Grenzen.
„Hast du Schmerzen?" fragte Fritz von Winkelberg ängstlich, als sie einmal die matten Augen schloß.
„Nein!" flüsterte sie und versuchte, mit dem Kopfe zu schütteln. „Eher das Gegenteil. Meine Glieder sind so leicht, daß ich sie kaum noch fühle."
Näjchtle um Nächte saß er an ihrem Läger. Er magerte ab, sein Blut wurde fiebrig, und sein Herz setzte zuweilen aus. Aber er wachte weiter bei ihr. Denn nur, wenn er ihre Hand fest in der seinen hielt, fand sie den Schlaf. Sobald er aber, zum Hinsinken erschlafft, am Morgen sein Lager aufsuchte, erwachte sie und lauschte mit angstvoller Seele auf die rauhen Stürme, die das Haus umrasten und an den Fensterläden rüttelten. Doktor Bielschowsky war mit seiner Kunst zu Ende und verordnete nun sich selbst Mut und Geduld. Dem Baron aber empfahl er ernstlich, sich zu schonen.
Denn zu dieser ununterbrochenen Aufregung im Hause kamen bald neue Aergertichkeiten von außen. Das Wild hatte sich so stark vermehrt, besonders die Hasen, daß die keimen'- den Saaten, die überdies, weil es nicht schneien wollte, dem Frost ansgesetzt waren, an vielen Stellen große Fraßflecken zeigten Karl Ruppert, der Förster, war mit seiner Büchse machtlos gegen das Geschmeiß. Auch die Gärten des Dorfes hatten viel zu leiden, nur der Schulgarten blieb verschont. Denn aus die Ausbesserung des Zaunes hatte Moritz Gassel besonderes Gewicht gelegt. Die Bauern aber wußten sich anders zu helfen. Sie nahmen noch eine Latte heraus und hingen eine gelbe Schlinge aus Messingdraht davor. Fand Karl Ruppert einmal ein solches Mordinstrument, dann wollte der Besitzer nichts davon wissen.
August Knorreck brachte die Sache vor den Baron, der sie sehr milde beurteilte. 6
_ „Verschonen Sie mich mit solchen Kleinigkeiten!" bat er inltandig „Später wollen wir darüber sprechen. Göiinen Sie doch 'den Leuten den Braten und seien Sie froh, daß wieder ein paar Hasen weniger sind."
"Wie der Herr Baron befehlen!" sprach der Inspektor. „Aber wenn wir eine Treibjagd machen, sind wir die Hasen los."
„Treibjagd!" ries Fritz von Winkelberg. „Nur jetzt keine Aufregungen. Nächstes Jahr nieinetwegen? Diesmal muß es io gehen Nehmen Sie doch die Flinte und Helsen Sie dem Ruppert.
Earn um einen Jagdschein ein, ebensc Lyrmas Dauschild, und die beiden gingen seitdem jeden ^ndausden Anstano. Die geschossenen Hasen brachte der rt der jebe Woche zweiinal vorsprach, nach
.Moritz Dassel hatte seinen Garten für die Winterrubc vorbereitet. Die Psirsichbäumchen und die Weinreben waren gut verpackt. Die Rosenstämmchen blieben noch frei denn sic tollten erst nächstes Jahr veredelt werden. Jetzt brachte er die Bienen ins Winterquartier. Zwei Honigwaben nahm er heraus, denn sie hatten in der Herbsttracht mehr als aenna eingehamstert, fegte die Wohnungen sauber aus, verpackte die Brutnester, wohin sich die Völker in eineni Klumpen zusammengezogen hatten, init Strohmatten, verstopfte die Ritzen mit weichem Waldmoos und setzte die Vorderwand in das Bienenhaus. Jetzt konnte der Winter kommen!
Dre beiden Honigwaben aber schickte er durch ein Schulmädchen ins Schloß und ließ der Frau Baronin baldige Besserung wünschen.
Am Abend lud ihn der Baron zu sich, aber zum Schachspielen kam es nicht. Fritz von Winkelberg teilte ihm seine Sorgen uiid Nöte mit; es war ihm ein iiineres Bedürfnis, von Zeit Lu Zeit sein Herz auszuschütten. Moritz Gassel hörte schweigend zu und nickte zuweilen.
„Können Sie schießen?" fragte plötzlich der Baron. „Dann besorgen Sie sich einen Jagdschein und Helsen Sie die Hasen abschießen. Eine Flinte wird fich schon austreiben lassen. Ich würde selber mithelfen, wenn ichs nur oürfte."
Moritz Gassel dankte höflich und reichte ein Gesuch um Verabfolgung eines Jagdscheins ein. Der Amtsvorsteher war nicht dagegen, tveil er von August Knorreck den Grund erfuhr, der Landrat aber hatte schon sein Bedenken, weil es sich unl Britzkawe handelte, das nicht einmal fünfzig Prozent konservative Stimmen ausgebracht hatte, unb der neue Kreisschulinspettor, Doktor Schrill, der selber ein großer Nimrod war, wenn er auch immer daneben traf, uno dem das Gesuch zur Begutachtung vorgelegt worden war, erhob sogar tiefgründige Einwendungen, die auf die große Jugend des Antragstellers abzielten, und beantragte, das Gesuch glatt abzuweisen. Und so wäre Moritz Gassel der Jagdschein verweigert worden, wenn August Knorreck nicht persönlich auf dem Landratsamt vorstellig geworden wäre.
Er brachte auch eine Flinte mit.
Und jetzt begann es rund um Britzkawe zu knallen.
Moritz Gassel sperrte nachmittags seine Schule zu, hing sich die Büchse über die Schulter und marschierte das Tors hinauf, um seinen Standplatz an der Ecke des Pfarrwaldes zu erreichen. Sebaldus Pohl, der ihn schon wegen seiner Besuche bei dem Baron beneidete, knirschte jedesmal vor Wut, wenn er den lieben Kollegen von der andern Konfession mit dem Schießgewehr vorüberkommen sah.
Doktor Schrill aber merkte sich den Namen des neuen Hasentöters sehr genau. Warum lud man ihn nicht nach Britzkawe, um die Jagd abzuschießen!
Moritz Gassel aber verknallte an jedem Tag seine zwanzig Patronen, dachte dabei zuweilen an seine zweite Prüfung, dann traf er immer vorbei, und sein Interesse an der Schule erlahmte bisweilen mehr als gut war.
(Fortsetzung folgt.)
Lin stiller Held.
Eine Erzählung aus dem großen Kriege Bon Wilhelm Hagen.
Nach Wochen der Trennung saßen wir wieder einnial gemiitlich um den lange verivaisten Stammtisch. Freilich, unser Häufckien war sehr zusammengeschmolzen: standen doch die meisten noch draußen im Feld, aber ivir Taheimgebliebenen trafen uns doch regelmäßig, und heute galt es ja auch, den eben verwundet zurückgekehrten Freund Hans zu feiern, der wohl manches zu erzählen hat. Wir mußten lange warten, bis er kam: denn seine Zeit, war karg bemessen, und er hatte Familienbesuche zu machen und auch sonst allerhand Bekannte aufzusuchen. Aber er kam doch noch und brachte viel neues mit. Erfreuliches wie seine letzte Auszeich- nung und Trauriges wie den Tod eines der Treuesten von uns, des lieben, stets fröhlichen und tapferen Leutnants Fritz D . . ., der bet einem der letzten Kämpfe in den Vogesen gefallen war', Wir wußten schon davon, aber Hans war ja bei ihm gewesen und hatte seinen Tod miterlebt. So baten wir ihn, uns alles zu erzählen : als per Zeiger schon leise aus Mitternacht rückte, begann er:
„Wir lagen damals in den Vogesen, vor einem elenden Nest hart an der Grenze, das genommen werden mußte. Aber wir waren nicht sehr stark, und so gelang es uns auch nicht, die paar Häuser rm Sturnr zu erobern. Täglich wurde gekämpft, das Dorf siel nicht wohl aber nahm der Kampf einen Grad der Gehässigkeit au wie me zuvor in den langen Monaten des Krieges. Nicht nur, daß die Zivilbevölkerung mrt auf uns schoß, es wurde kaum je Pardon gegeben, und besonders erbittert waren lvir über ein \xuxv Fälle- des wütendsten Hasses, den man sich denken kann. Das eine Mal war unier Stabsarzt der Wut der Feinde zum Opfer gefallen Er hatte einen schweroerwundeten Elsässer, der in unsere Hände ge>- fallen war, im Kugelregen verbunden, weil der sich sonst verblutet hatte Kaum aber hatte der Arzt das Liebeswerk vollendet, da zog der Bauer emen Revolver und schoß ihn über den Haufen Im' zweiten Falle wäre beinahe Fritz das Opfer eines haßerfüllten Gegners geworden Als wir den letzten Schützengraben vor ydm Torf nahmen und eben zur Deckung etwas vergrößern wollten bemerkte er emen schweroerwundeten französischen Alpenjäger, der vor dem Graben lag und flehentlich um Wasser bat. Gutmütig, nahm Fritz seine Feldflasche, begab sich unter Lebensgefahr zu dem Verwundeten und flößte ihm von seinem kalten Tee ein, den er in der flasche hatte. Kaum aber hatte der Franzose getrunken, so blitzte auch schon e,n langes Dolchmesser auf, und Fritz konnte


