Zurück zur Scholle.

Roman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

* (Fortsetzung.)

Für Hugo aber hatte das sein Gutes. Ms er während des Prozesses in der Redaktion einer radikalen Zeitung erschien, um einen zahmeren Artikel los zu werden, wurde inan auf seinen Namen aufmerksam und fragte ihn ohne weitere Zeremonien, ob er Gerichtsreporter werden wolle. Das Gehalt war nicht groß. Hugo, der vor der entehren­den Notlage stand, nach Hause schreiben zu müssen, um sein Wort zurückzuverlaugen, griff mit beiden .Händen zu und schabte sich die Aermel auf den Schranken des Schöffen­gerichts blank wie zwei silberne Spiegel.

Hier wurde seine Weltanschauung geivaltig gefördert, indem er sich stets in innerlicher Opposition den juristi­schen Organen gegenüber befand. Der Richter war ihm nichts anderes als das Instrument, dessen sich die Gesell­schaft zur Vergewaltigung des Individuums bediente. Auch an den kleinsten und lächerlichsten Magesachen konnte das haarscharf nachgewiesen werden. Immer nahm Hugo Knorr­eck für den Angeklagten Partei. Den radikalen Lesern der Zeitung gefiel das sehr. Da er außerdem jeden einzelnen Fall von der höheren Warte seines Individualismus ans be­trachtete und mit immer kühneren Strichen die notwendi­gen Folgerungen zog, zeigten seine Berichte eine so ent­schiedene persönliche Färbung, daß sich die leitende Stelle der Redaktion bald veranlaßt sah, diesen jungen, begabten Mann höher heraufrücken zu lassen. Man ließ ihn auf das Landgericht los, vor den: eben ein großer, sensatio­neller Prozeß gegen einen genialen Spekulanten zur Ver­handlung kam. Jetzt inachte Hugo Knorreck die Probe auf fein Weltanschauungsexempel. Und es stimmte aufs Haar. Dieser Kaufmann, der mit seinen Gründungen zehntausend Menschen Brot geschafft hätte, wenn er nicht über einen lächerlichen Paragraphen der Gesellschastsmoral gestolpert lväre, dieser Napoleon des Geschäfts, diese Eroberernatur, wurde unschädlich gemacht, indem man ihn ins Gefängnis warf. Wie hätte ihm aber dieselbe Gesellschaft zugejubelt und sich schmuurelnd an seinen Dividenden beteiligt, wenn ihm sein Borhaben geglückt wäre!

Nach dieser Talentprobe durste Hugo Knorreck zu­weilen einen Leitartikel schreiben. Selbstverständlich mußte er sich dabei etwas inäßigen, und das siel ihm schwer genug. Schon winkte ihm eine feste Anstellung, da nahm er §ich heraus, seine Abneigung gegen die sozialdemo- tratische Partei, dieses Nonplusultra der gesellschaftlichen Unmoral, zu kennzeichnen, und er saß plötzlich auf dev Straße. Die Zeitung konnte, obwohl sie sich, liberal nannte, einel^solchen erzkonservativen Mitarbeiter nicht brauchen.

So saß Hugo Knorreck binnen eines halben Jahres z>um drittenmal mit leerem Beutel und leerem Magen vor oer

traurigen Notwendigkeit, verhungern oder sein Wort zurück­fordern zu müssen. Doch das Guick im Unglück verließ ihn auch diesmal nicht. Der Redakteur der X-Zeituug hatte sein Sck)icksal verfolgt, seine grundsätzliche Abneigung gegen die unmoralische Arbeiterpartei aus dem Leitartikel der Bür- gerzeituug erfahren und bot ihm schon drei Tage später schriftlich den Posten des Gerichtszeiruugsredakteurs an. Hugo schlug ihn nicht aus. verfiel völlig dem Tintenfaß, handhabte Papierschere und Leimpinsel mit gelassener Ge­schicklichkeit und lvurde allmählich in diesem konservativen Betrieb, in den er auf Grund seiner Abstammung sehr gut hineinpaßte, von den extremeren Folgerungen seiner Welt­anschauung bekehrt.

War denn1)ie Moral etwas Absolutes?

Schließlich hatte die Moral der Gesellschaft dieselbe Berechtigung wie die des Individuums. Es kaiu nur darauf an, welche von beiden starker war. Und das war nicht die der Gesellschaft. Damit konnte man sich schon trösten! Indi­viduen wie Napoleon sind selten, wenn sie aber auftreten, dann buttern sie die ganze faule Gesellschaft durcheinander wie Hirsepavpe!

Hugo Knorreck aber hatte alle seine Napoleonsgelüste ansgegeben. Der elende Kamps um den Groschen hatte ihn ^anz mürbe gemacht. Er fühlte sogar schon etwas wie Be­friedigung in seiner neuen Stellung und schrieb aus dieser schönen Empfindung heraus, nicht länger ein unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft sein zu müssen, den ersten längeren Brief nach Britzkawe. Als dieser Brief ankam, war der Park schon ohne Blätter, und die Novemberstürme brausten um das Herrenhaus. August Knorreck, der glücklich die Wintersaaten in den Boden gebracht batte und sich etwas verschnaufte, wurde wild, als er die Nachricht emp­fing, daß Hugo an eine Fortsetzung der Studien nicht mit einem Worte dachte. Die Mutter flehte, der Bater drohte. Es hals nichts. Hugo schrieb als Antwort ans eine Postkarte: Ich bin ein Mensch für mich und l?be mein eigenes Leben von nun an. Mein Wort Ijalte ich, und nicht nur auf ein Jahr, sondern hoffentlich fürs ganz? Leben. Im Juli fommc ich auf ein paar Wochen heim. Gruß Hugo/'

Die Mutter wollte nach Berlin reisen, aber August Knorreck verbot es ihr ernstlich. Auch Hedwig riet ihr ab. Und so blieb Hugo, der Mensch für sich, allein in Berlin und sich selbst überlassen bis zum Juli!

Mit dem Herbst kamen für Malviue von Winkülberg schwere Wochen. Ihr Gang wurde schwerfällig. Matt und krastlos lehnte sie den größten Teil des Tages in den Kissen des Sofas. Wunschlos und müde blickten ihre Augen. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, aber Fritz von Winkel­berg sah, daß sie viel schwerer litt als vor Cäcilieus Geburt. Täglich wuchs feilte Sorge, und Daniel Zpuppack mußte säst jede Woche nach Zdurotschin fahren, um Doktor Bicljchowskh zu holen.

Der aber lvar seiner Diagnose sicher, nahm die Krank­heit leicht und sprach fortwährend Mut ein.

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