0hm lagen die tapferen Burschen im Schiff dev Kirche auf dicken Matratze,: und federnden FeldbÄten. Gau- still und fried- sam war es z-wischen den Pfeilern des Lohen Raums. Nur dann und wann das leise Stöhnen der Leidenden, die eiligen Schritte der Schrveftern, dre beim spärlichen Licht dev wenigen Lampen ihr Liebeswerk taten.
Tie Aerzte vom Tienst hatten eS sich nach dem Fortgang des
E s behaglich gemacht. Stühle und Tische waren aus den zeo- senen Bauernhäusern heran geschleppt worden, und dünnes tfenWer stand gleichfalls in reichlicher Mlenge zur Verfügung. Man plauderte zusammen, ein wenig müde und flau, von dem ereignisvollen Tage und seiner Art^it.
„Ne tolle Sache, so schneiden und sägen zu müssen auf Tod und Leben. Das hätt' ich mir auch nicht träumen lassen, als ich vvr einem Jahr mit WH und Ach das Examen passierte . . ."«
„Sie haben es aber famos gekonnt, Kollege, trotz ihrer teuflischen Narbe am Arm. Ein Wunder, daß Sie nach diesem Schmiß nicht steif geblieben sind."
Ter Angeredete streifte unwillkürlich den Tlevm'el des weißen Operationskittels auf und fuhr mit der Linken über die alte Wunde. Ein tiefer, dunkelroter Graben zog sich vom Ellenbogen bis an das Handgelenk hinab, wo er in einem kurzen Streifen verlief.
Tie anderen prüften mit Kennerblick den Arm.
„Vermutlich Säbelwunde mit doppelter Fraktur."
-.Richtig, die Tiaanose stimmt! Ne Säbelmensur fine sine biS zur Kanipfunfähigkeit."
>/3n Tübingen?"
«Nein, früher, in Heidelberg. Tie Sache hat damals einigen Staub aufgewirbelt."
Ter Sprecher griff nach der Flasche, die unter dem gotischen Beipult stand, und schenkte die Gläser von neuem voll.
„Sie denken natürlich, ein Mädel stecke dahinter, das stimmt aber nicht. Ter Fall ist wirklich viel trauriger. Erst heute, als der kleine Reservist mit dem Armschuß seinen schwerverwundeten Kameraden einbrachte und immerfort jammerte, sein Freund werde wohl sterben müssen, ist mir die alte Geschichte wieder eingefallen." „Darf man sie hören?"
„Warum nicht? Biel zu erzählen gibt es da nicht. In Heidelberg, wo ich die ersten klinischen Jahre verbrachte, traf ich mit einem alten Schulfreund wieder zusammen. Neun Jahre Pennal und die ersten Semester in Leidig waren wir treulich beisammen- obwohl er ein Leichtfuß und Draufgänger und ich ein immer etwas bedächtiger Bursche war. Sein leidenschaftliches Wesen geftel mir, weil es mir fehlte. Ms er nach Heidelberg kam, war ec schon schmählich verludert. Jeder Schürze lief er nach, in allen Kneipen war er zu sinden. B>au> fehlte ihm Geld, er machte Schulden. Ich half ihm, bis auch meine geringen Mittel ersck>öpft waren. Ta gab es eines Tags eine widerwärtige Szene vor Zeugen. Er war betrunken. Beleidigungen ftelen wie Hagelkörner über mich her — na ja^ und so kam's zur Mensur. Zur schweren sogar, weil er mir Trerrbruch und Unredlichkeit vorwarf. Die Wunde am ?Lrm verheilte nach einigen Wocl>en, das Ende der Freundschaft Hab' ich dagegen nicht leicht überwinden können. Ich bin nun einmal so ein altmodischer Mensch."
„Was ist aus dem Herrn aeworden?"
>,Das roeiß der HimUrel. Ich hörte nur. daß er fein Studium aufgegeben und dnrchaebrannt sei. Gestorben vielleicht und verdorben, wie es im Lieb heißt ..."
Auf der schmutzigen Torfstraße vor der Kirche rvurden flüsternde Stimmen laut. Durch die Fenster der Sakristei, wo die Aerzte plauderten, drang der Schein mehrerer Windlichter, in deren Glanz die weiße Fahne mit dem Purpurkreuz flatterte.
Ein neuer Transport mit Verwundeten traf ein.
Tie Aerzte eilten an ihre Plätze. Tie Schwestern richteten wettere Lager her.
Auf schmalen Bahren, von Krankenpflegern sorgsam getragen, kamen dre neuen Kriegsopfer an. Schioerverwundete mtt toten- Aassen Gesichtern und starren ?lugen. Auch ein paar leichtere Kranke schlojssn zu Fuß sich dein: Zug an.
In den Vogesen nahe der Grenze war in der Nücht nochmals gekämpft worden. Beim Flamnien der Leuchtraketen, unterstützt boui sickeren Feuer der Bergartillerie, hatte der Feind einen kräf- ttaen Vorstoß versuch. Man mußte es Ürnern lassen: Die Cliasseurs Mpins verstariden sich auf der: Gebirgskrieg. Jede Deckung be- nutzeird, fast unsichtbar durch ihre schwarzblauen Uniformen, waren sie bis an die Drahtverhaue der deutschen Linien herangekommen. Da aber folgte die Antroort. Ein mörderisches Feuer schlug den Eindringlinge:: entgegen. Die deutschen Maschinengewehre taten vernichtende Mbeit. Mit Hurra ging es heraus aus den Gräben und an die Franzosen, die dem Anprall nicht staridhalten konnten. Reihenweise, wie Halme unter den Sensen, brach die feindliche Linie zusammen. Ein wildes Fliehen begann. Hals über Kopf, immer hinein in die Nacht, die Höhe hinab und ins Tal, bis schließlich die deutschen Hörner Hum Sammeln bliesen.
Jetzt warteten die Opfer des nächtlick)en Ueberfalls in der Kirche auf Hilfe. Da »varen zwei Brüder, kräftige elsässisjcke Burschen, die ein feindliches Schrapiiell zur gleichen Zeit getroffen hatte. Den einen scl-wer in den Kopf, den airdern leichter am Schenkel. Auch Lungenschüsse mW Unterleibswunden brachten die totmattei: Känipfer mit.
^ngenouoorn ruyien ns, oie von oen rwanoen unv c Nischen mit frommen Äugen in die Zerstörung blictten.
Ein neuer Verlvundeter wurde in den Overationsraum gebracht. Es war ein schlanker, blonder Mmsch Ende der zwanziger Jahre mit einem klugen, jetzt freilich stark entstellten Gesicht. Ein Granatstück hatte ihm daS rechte Bein hart über dem Knie zerschmettert. Ein Stöhnen und Wimmern kam über die blutleeren, halbgeöffneten Lippen. Die blauen Augen brannten im Fieber.
D:e Aerzte tratm heran, um auch hier ihr Rettungswerk zu versuchen.
Plötzlich zuckte der eine von ihnen zusanimen. In jähem Er- kennen beugte er sich über daZ Antlitz des Wunden und starrtä ihn fassungslos an.
„Fehlt Ihnen etwas, Kollege, Sie zittern ja an allen Gliedern."
„Mir nicht, aber dieser da" — er wies auf den vor ibrn liegenden Körper" — „dieser da war - . . nein, ist mein Freund, von dem ich Ihnen vorhin erzählte . .
, Zu weiteren Erklärungen war keine Zeit. Die Arbeit drängte. Hier galt es zu retten, was noch am Leben roar.!
Mit voller Kraft seine Unruhe meisternd, half der Arzt der beceitstehenden Schwester bei der Narkose.
Dann setzte er das Messer zum Schnitt über dem verstümmele ten Knie an, während seine Kollegen die Blutung bewachten. Geschickt und sicher, wie irgend ein älterer erfahrener Chirurg hand!- habte der jung? Mediziner die Instrumente. Nur beim ersten Knirschen der Säge wollte die jähe Schwäche noch einmal über ihn kommen. Er rang sie nieder und arbeitete tveiter, bis nach vollendeter Operation der schwere Verband angelegt lverden konnte.
„Bringen Sie den Mann ins Bett, und messen Sie alle zwei Stunden die Temperatur."
Die Wärter trugen den Schlafenden in die Kirche. Wie ein Traumwandler folgte der Arzt ihnen nach. Neben dem bunten Marienaltar stand das Lager bereit. Die Muttergottes — das Bild eines schlichten, elsässischen Malers — thronte über ihm im blauen wallenden Vtantel mit sieben Schwertern im blutenden Herzen. Engel mit Lilien in den Händen umschwebten sie. Lilien und Rosen aus Papier blühten auf dem Altar neben blitzenden Silbergeräten..
Der Arzt konnte das Auge nicht von dem Niedergebetteteitz weichen. .Da lag der treulose Freund, ein elender Krüppel heute, angewiesen auf seine Hilfe, die der Leichtsinnige einst — vor wenigen Jahren erst — so schlimm mißbraucht hatte. Und alle die frohen und köstlichen Stunden stiegen in der Erinnerung des Arztes auf: Die Jahre auf dem Pennal mit ihren Träumen und Hoffnungen. Der Tag des Abiturs, bei dem er dem Strauchelnden kräftig geholfen hatte. Die Leipziger Semester voller Becherklang und nächtlicher: Kahnfahrten und schließlich auch Heidelberg mit dem Zusammenbruch der scheinbar aus Felsen gegründeten Freund- schaft.
Eine frenide Stimn:e schreckte ihn aus seinen Gedanken.
„Wird der Mann wohl mit dem Leben davonkommen?"
Neben dem Arzt stand der Adjutant des Bataillons, das draußen in den Schützengräben so roacker gekämpft hatte.
„Ick hoffe es. Herr Oberleutnant."
„Jammerschade. Der Mann war einer der besten im Bataillon. Gestern noch leistete er auf einem Patrouillen gang wertvotte Dienste. Daß wir die feindliche Batterie zum Schweigen brachten, verdanken rvir seiner Aufklärung. Auch heute soll er gekämpft haben, als wär's seine eigenste reiche. Immer den andern voran beim Sturm. Mle mitreißend, jedem helfend bei der Abwehr des Gegners. .Und dabei ein fröhlicher Kamerad. Munter und frisch, nicht umzubringen, trotz der verdammten Schindluderei in den Gräben. Der Kommandeur hatte ihn schon für das Eiserne Kreuz eingegeben. Er wird es nachträglich noch kriegen . .
Das also war er! Der Draufgänger! Der Heruntergekorn- mene! Der Verdorbene!
In stiller Abbitte strich der Arzt dem Schlummeriiden über den wirren blonden Kopf und die sckneerveiße Sttrn.
Von oben lächelte das Marienbild Verzeihung und Güte . . . ,
Merkwürdige Tierwanderungen im Suezkanal in Gegenwart und Vorzeit.
Der jetzt als Kriegsgebiet erklärte Suezkanal hat nicht nur den Dberrscl-en den Weg nach den tropischer: Wurwerlündern , gekürzt, er hat im Laufe der Jahre seit den: denkwürdigen Dur stick am 17. November 1769 auch ein merkwürdiges neutraft Lebensgebiet für die Meerestiere geboten, die nunmehr z-wift dem ganz nördlichen Charakter icigeriden MitÜllöndift und dem nur einen MslLufer deö tropischen Indischen OzearrH bildenden Roten Meer hin- und -erwanderten. Eigentümltcher- wcise haben nach den neuesten Forschungen, dt« Dr. F. Stellwaag in der „Natur" zusaminengefaflt hat, nur recht wenige Seegeschöpfe den Ausflug durch den Kanal m dieser oder jener Richtung geroagt. Zroölf Jahre nach der Eröfftnrng deS Kanals hatten ubcrl-aupt mir drei Fischarten und «ine Muschelart den Kanal durck>- waiidert. Sonst hat unter den zahlloser: Meerestierrn keine 'W


