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für die Hälfte des Lohnes bleiben durste. Damit gab sich auch August Knorreck zufrieden, obgleich er Daniel Zpup- pack noch immer nicht riechen konnte. Aber die deutschen Dienstleute waren teurer als die polnischen, und so konnte man sich diese unverhoffte Ersparnis schon gefallen lassen.

Moritz Gassel nahm nach den Ferien die Schularbeit mit frischen Kräften auf, um den bevorstehenden Besuch des Schulrats Hupfer mit besseren Erfolgen zu überstehen. Er paukte die Gebirge Asiens ein und die Flüsse Amerikas, ließ die religiösen Memorierstoffe bis zum Einschlafen re­petieren, erzählte den Kindern drei Stunden lang vom Vogel Strauß, und über die drei schlesischen Kriege do­zierte er gar drei Wochen, steigerte die Rechenfertigkeit bis an die Grenze des Erlaubten, sörderte den mündlichen Ausdrilck nach Möglichkeit und brachte sechs schriftliche Arbeiten mehr zustande, als aus dem Lehrplan gefordert wurden. Das Geheimnis der Prüfungsaufgabe entschleierte ihm der Kollege aus Guhre, den er einmal in Zdurotschin traf und der ihn auch einlud, dem Lehrerverein beizu- treten. Er schuftete in der Klasse, daß sogar die Kinder mit ihm Mitleid bekamen. Aber er blieb dem schönen Prin­zip treu, keine Hausaufgaben zu stellen. Der Prügelstecken wurde angeschasft, blieb aber untätig im Schrank. Jetzt konnte Schulrat Hupfer kommen!

Aber er kam nicht. Er hatte sich ein Ohrenleiden ^ gezogen und ließ sich am ersten Oktover pensionieren. Und seinem Nachfolger, der Schrill hieß, den Doktortitel hatte und der Sohn eines Superintendenten war, ging ein böser Ruf voraus. Das erfuhr Moritz Gassel im Lehrerverern, deni er beigetreten war. Sebaldus Pohl aber ließ sich dort nicht blicken.

Hugo war nach Berlin übergesiedelt, weil Halle fiir einen armen Studenten zu wenig Erwerbsmöglichkeit bot. In der Mulakstraße mietete er sich ein kleines Zimmerchen mit Aussicht auf den Hof und lebte ein paar Wochen von seinen Büchern, die er nach und nach zum Antiquar trug. Gleichzeitig bemühte er sich um Privatstunden und machte dabei ziemlich traurige Erfahrungen. Nicht nur, daß die Zeit nach Ostern für einen Privatstundenlehrer sehr un­günstig war, auch die Konkurrenz war so gewaltig, daß er von Tag zu Tag seine Ansprüche herunterschrauben mußte. So gelang es chm endlich, seinen äußeren Etat einiger­maßen ins Gleichgewicht zu bringen. Hunger und Durst stillte er im Bierkelter oder, wenn es hoch kam, bei Aschin- aer, drillte die Sekundaner fürs Einjährige, die Stunde zu fünfundsiebzig Pfennige, und biß die Zähne aufeinander, wenn das Ende des Monats heranrückte. Aber er blieb ein Individuum! Das war ihm die Hauptsache. So lebte er schlecht und recht den ganzen Frühling über, versetzte seinen Winterüberzieher und stand, als die großen Ferien herein­brachen und seine Einnahmen wie mit dem Messer ab- schnitten, dem hohlen Nichts gegenüber.

Tag für Tag, wenn er durch die glühenden Straßen trabte, suchte er nach einem neuen Karl Zdurotschin. Aber er fand keinen. Schon zeigte sein Anzug bedenkliche Nei­gung, aus den Nähten zu gehen. Da setzte er sich hin und begann zu schreiben. Noch einmal wollte er es mit der MEvsiftstellern versuchen! Er verfaßte ein paar schneidige Artikel über sein Glaubensbekenntnis, bespickte sie mit kräf­tigen Zitaten und setzte Ueberschristen davor, die wie Brand­raketen wirken und die verblödete Menschheit aus der ge­sellschaftlichen Versumpfung ausrütteln sollten. Aber kein Mensch wollte den Tiessinn drucken. Er lief durch die Makttonen sämtlicher Tageszeitungen und Wochenblätter, Überall lehnte man seine Mitarbeiterschaft mehr oder min- her hösllch ab. Nur ein Redakteur der X-Zeitung beschäf­tigte sich etwas langer mit dem Angebot, nicht aber, well ihn die sonderbaren Leitartikel interessierten, er hatte kaum mehr als bte Ueberschristen gelesen, sondern weil er an dinn Verfasser, der seinem Aussehen nach aus einem spe- Utnsch ländlichen Bezirk stammen mußte, persönlichen An- koll nahm. Er fragte ihn nach Herkunft und Eltern, nickte Zufrieden und versprach, die individualistischen Enthüllun­gen näher zu prüfen. Hugo gestattete sich daraufhin die Ausgabe seines letzten Talers. Doch schon am nächsten Morgen hatte er seine Brandraketen zurück mit dem höf­lichen Bemerken, daß er sich lieber an denVorwärts" wenden möge. Hugo raste ein paar Minuten vor Wut über den Unverstand, der sich in diesem höhnischen Ratschlag Md tat. Denn die Sozialdemokraten haßte Hugo wie das Gift, weil er sie für die ausgesprochensten Gegner seiner

Weltanschauung hielt. Geknickt schlich er durch die staubigen Straßen Groß-Berlins und ließ den Kops hangen. Seines Ziels und dessen Echtheit war er sich voll bervußt. Nur die Menschheit war noch nicht reis für seine Ideen! Auf dem

! Potsdamer Platz, dessen Verkeyrsgewtmmel seinem ziel- osen Lausen endlich Halt aebot, studierte er an den Spa­lieren der Zeitungsverkäufer die neuesten Nummern der Wochenschriften, aber nur von außen, denn er hatte kaum sechs Groschen in der Tasche. Und da siel ihm eine Wochen­schrift auf mit einem knallroten Umschlag, die er bisher nicht bemerkt hatte.Das Banner" las er darauf,Uw- abhängige Wochenschrift für freie Geister. Erster Jahr­gang zweites Heft".

Das war eine Neugründung. Hugo stand eine Weile, in tiefes Sinnen versunken, und kaufte dann für zwei gute Groschen das knallroteBanner". Zu Hause überlas er es hastig. Das war seine Idee! Das war die Zeitung für In­dividualisten, die er mit Karl Zdurotschins Geld hatte gründen wollen! Am nächsten Morgen saß er vor dem Herausgeber dieser unabhängigen Geisterwochenschrift, einem blonden, langen, sehr kurzsichtigen, sehr junaen uno sehr hoheitsvoll blickenden Herrn, dem er seine Brandraketen zur Prüfung vorleate.

Sie können gleich darauf warten!" sprach der Blonde gönnerhaft und wies auf einen Sttlhl.

Hugo saß wie aus Kohlen und verfolgte ängstlich die kurzsichtigen Augen des freien Bannergeistes, die eilig über die Zeilen stürmten. Mer allmählich liefen sie lang­samer. Da waren allerhand Dinge ausgesprochen, die man nicht auf der Straße fand. Nach einer Viertelstunde legte der blonde Bannerherr die Blätter hin.

Sie haben offenbar Talent!" entschied er überlegen. Ich werde diese Artikel bringen."

Wieviel Honorar zahlen Sie?" platzte .Hugo heraus. Der Herausgeber machte ein unglückliches Gesicht und harkte sich durch die struppige Mähne.

Es tut nur leid!" fuhr Hugo fort und wollte die Blätter an sich nehmen.Ich bin aus meine Arbeiten Mi- gewiesen und kann sie nicht verschenkeil."

Wieviel fordern Sie?" seufzte der Bannermann.Wir zahlen fiir den Artikel höchstens vier Mark."

Hugo nickte zerknirscht, strich das Zwanzigmarkstück ein, das ihm gnädig zugeschoben wurde, ließ seine Adresse da und ging. Als aber am folgenden Freitag das Banner die erste idividualistische Brandrakete auf die Gesellschaft abschoß, schwellten Hugos Brust herrliche Hoch­gefühle. Zum ersten Male sah er sich gedruckt! Nach Hause aber schickte er das Heft nicht. Das war keine Lektüre fiir August Knorreck, beit Gutsinspektor!

Kein Mensch aber kümmerte sich um das Banner, es erschien fast unter dem Ausschluß der Oefsentlichkeit. Dem wollte der Herausgeber abhelfen und schrieb ins nächste Heft, das wieder einetiefgründige Abhandlung" desge­schätzten Mitarbeiters" Hugo Knorreck enthielt, einen bös­artigen Arttkel gegen die Unmoralität der gesellschaftlichen Justiz, insonderheit des Strafgesetzbuches. Doch der Staats­anwalt wachte, setzte den rabiaten Bannermann in den Anklagezustand, ließ ihn wegen Beleidigung des Richter­standes zu drei Monaten verurteilen, und die Oessentlichf- keit erfuhr erst von der Existenz des freien Geisterbanners, als es ausgehört hatte zu wehen.

(Fortsetzung folgt.)

wunoen.

Mus den Kämpfen an der Vogesengrenze.

Bon Konrad Martin Laut.

Die junaen Aerzte des Feldlazaretts in dem zerschossene,: Vogesendors hatten reichliche Arbeit gehabt.

Bis in die schnell hereinbrechende Winternacht war in den Schützengräben keine viertausend Meter vom Lazarett ge­kämpft worden, und Wagen und Träger hatten die Opfer des heißen Ringens in ununterbrochenen Zügen herangebracht. Junge, prächtige Kerls eines Reservebataillons ivaren es, denen beim Sturm auf die nächste feindlich Stellung Schrapnells und Masännengewehre hatt zugesetzt hattetl.

In der geräumigen Sakristei der von: Feuer versckwnt geblie­benen Torskirche roch es nach Blut und Karbol. Der Chefarzt und' ferne Assistenten hatten darin die drinaettdsten Operationen vor­genommen. Zerfetzte Glieder waren beseitigt, hinter der Front an­gelegte Perhände waren durch neue, kunstgerechte ersetzt worden.