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„Wünscht noch jemand das Wort?" fragte Fritz von Winkelberg.
„Ich!" schrie plötzlich Fürchtegott Fritscher und stand aus. Aber er mußte sich an der Tischkante festhalteu, denn er hatte schon etwas das Gleichgewicht verloren. Die Bauern machten einen Rumor, einige wollten Fürchtegott Fritscher hören, andere rieten ihm, er solle sich hinsetzen und das Maul halten. Doch er ließ nicht locker.
„Herr Fritscher hat das Wort!" sprach der Baron.
„Ich dank schön!" rief er und schlug mit dem Flaschen auf die Tischplatte.
Seine Augen flackerten unstet, er fuhr mit der Hand durch die Luft, als wollte er Mücken sangen, drückte den Kehlkopf zusammen und stieß mit seiner harten, kratzigen Stimme heraus: „Die großen Herren, ja, das sind die großen Herren. Die taugen alle mchts. Wir sind die kleinen Leute. Uns wird das Fell über die Ohren gezogen. Wir müssen die Steuern bezahlen. Das Hemd reißen sie uns vom Leibe, die großen Herren. Firns Jahre kennen sie uns nicht, aber wenn wir sie wählen sollen, dann sind wir gut genug dazu. Unser Baron ist nicht so, beileibe nicht, das ist ein guter Mann, der ist nicht hochmütig. Aber die andern laugen nichts, gar nichts. Und der Herr Graf sitzt an seinem Tisch und ißt von goldnen Tellern und trinkt Schlampagner. Ich kann mir das nicht leisten. Ich muß Schnaps sausen, pieil ich ein armer Mann bin. Und was sollen wir mit dem Justizrat aus Inner. Die Leute vom Gericht, das sind die schlimmsten. Kommt einer mit einem großen Geldsack, der kriegt recht. Wir kleinen Leute müssen mit langer Nase abziehn."
„Mähr dich cuts!" ries ihm Franz Wiegelt zu, denn lange Reden waren dem Durst der Zuhörer nicht förderlich.
„Ich hab's Wort!" schrie Fürchtegott Fritscher gereizt. „Und wenn ich rede, da rede ich eben. Und ich für meinen! Teil, ich lvähl den Breslauer ZiZa.rrenarbeiter!"
Damit setzte er sich, und der Sulitscher Klempner drückte ihnl die Hand. Die Bauern, besonders die kleineren und ^kleinsten Besitzer neigten in ihren Ansichten offen zu Fürchte- flott Fritsck)er, wenn sie auch den Gedanken, dem rohen Manne aus BreSl.au die Stimme zu geben, weit von sich wegschoben. Der Vertreter des Grafen wurde unruhig und beugte sich zu Fritz vvn Winkelberg hinüber.
„Herr Baron!" sprach er drängend, „es wäre gut, wenn Sie jetzt in einem Schlußwort die Leute an ihre patriotischen Pflichten erinnerten."
Auch August Knorreck war dieser Meinung, um den Eindruck der Fritscherschen Rede zu verwischen. Fritz von Winkelberg erhob sich endlich. Es wurde mäuschenstill.
„Meine Herren!" -rief er mit seiner schönen, klaren Stimme. „Ich empfehle Ihnen keinen Kandidaten, denn ich achte jede ehrlick-e Meinung. Wir erfreuen uns eines geheimen Wahlrechts. Das ermöglicht jedem Wähler, seine innerste Ueberzeugnng zum Ausdruck zu bringen. Und das allein ist das Wesentliche."
August Knorreck wurde bleich. Ter Vertreter des Grafen wurde brandrot. Unter den Bauern erhob sich ein beifälliges Gemurmel. Christian Reuschel benutzte die günstige Gelegenheit, sprang aus den Stuhl, schwenkte das Bierseidel und! brachte ein Hoch aus den Baron aus. Doch der war draußen, veyor es zu Ende war. Der konservative Herr rollte mit seiner Kalesche nach Guhre hinüber, wo er noch eine Abendversammlung wu bearbeiten hatte. Seine Laune war die denkbar schlechteste. August Knorreck schritt gesenkten Kopfes heim und sprach kein Wort. Die Bauern aber blieben sitzen, tranken auf ihren Baron, lärmten bis in die späte Nacht und freuten sich über das Schauspiel, das Christian Reuschel und der Klempner Prutschel aus Sulitsch aufführten. Tie Kaiikten sich nämlich, bis der Luschelauer Gendarm erschien, Feierabend kommandierte und Franz Wiegelt wegen Ueber- tretung der Polizeistunde notierte. .Es war nämlich schon nach Mitternacht.
Drei Tage später fand .August Knorreck mitten au/f dein Gutshose fünf polnische Wahlzettel. Das brachte ihn in Wut. Keiner der Dienstleute wollte sie verloren haben. Er zeigte sie dem Baron, der die Erregung seines Inspektors unbegreiflich fand. Auch Thomas Hauschilo sah diese Sache ruhiger an.
„Die Pylacken bring ich auf den Schub!" schüvur August Kiiorreck. „Wenn erst die Ernte vorbei ist."
Vierzehn Tage nach der Wählerversammlung lvar die Wahl. Franz Wiegelt saß hinter der großen .Siippenterrine,
die die Walurne vorstellen sollte, und Moritz Gassel, der Gemeindeschreiber, notierte die abgegebenen Stimmen in der Liste. Am Abend wurden die Stimmen gezählt. Von einhundertelf Wahlberechtigten hatten siebennndneunzig ihre Stiinmen abgegeben. Davon waren achtunddreißig konservativ, vierzehn freisinnig, neunundzwanzig zentrum- freundlich, sechs polnisch, drei sozialdemokratisch und sieben zersplittert. Tie lauteten auf Baron Fritz v. Winkclberg. Eine Stichwahl wurde nicht nötig. Ter konservative Graf überholte seine Gegner weit unk die Hälste. Fritz von Winkelberg hatte sich der Wahl enthalten.
Als' das Getreide blühte und der laue Westwind den Pollenstaub in dichten Schwaden über die Felder trieb, bekam Moritz Gassel noch zwei Nachschwärme. Sie stiegen wieder während der Schulzeit. Am Nachmittag kam August Knorreck und sprach mit ihm über den Ausfall der Wahl. Man merkte ihm an, daß er einen Menschen suchte, mit dem er offen und frei über diese Tinge reden konnte. Moritz Gassel glaubte, den Baron in Schutz nehmen zu müssen.
„Was wollen Sie?" erwiderte er dem Inspektor. „Das alles unterschreib ich Wort für Wort. Was er gesagt hat, war richtig!"
„Richtig wohl!" gab August Knorreck zu. „Mer er hätte es nicht sagen sollen!"
XIV.
Das gab dieses Jahr ein Heuwetter, daß August Knorreck das Herz im Leibe lachte. Mit Ausnahme von zwei Gewittern, die schnell kamen und schnell ausgetobt hatten, ließ sich vierzehn Tage lang kein Wölkchen am Himmel sehen. Unter den sengenden Strahlen der ^onne reifte das Getreide, und die viereckigen Felderflecken färbten sich gelb. Nur die Kartoffeln, die Rüben und der Klee verharrten bei dem dunklen, sastigen Grün. Hier mühte sich die Sonne vergeblich.
In dieser Zeit starb Fürchtegott Fritschers Frau, die sieben Jahre fest auf ihrem Krankenbette gelegen hatte. Zuletzt hatte es sich ihr auf die Lunge geschlagen. Ten Winter hatte sie wohl überstanden, aber die Hitze des Sommers raffte sie hinweg. Der Atem setzte aus, und ihr Herz stand still. Jeder gönnte ihr die Erlösung. Nur Fürchtegott Fritscher griff es tiefer. Drei Tage war er nicht von der Flasche wegzubringen. Tann war das Begräbnis. Man trug sie in der Friche auf den Friedhof bei der Kirche, wo die Toten ohne Unterschied der Konfession beerdigt wurden. Der Luschelauer Pastor sprach einige Worte, und Moritz Gassel sang mit seinen Kindern ein paar Choralverse.
Fürchtegott Fritscher wußte nur einen Trost. Denn kaum hatte er seine Frau zu Grabe geleitet, so legte sich seine betagte Mutter, die ihm bisher in der Wirtschaft geholfen hatte, ins Bett. Die alten Füße wollten nicht mehr. Ein Unglück kommt selten allein! Jetzt ließ Fürchtegott Frtt- scher alles lausen, wie es wollte. Zu Helsen wür ihm nicht. Und das Heu, das er noch geschnitten hatte, tväre verfault, wenn sich die Nachbarn nicht erbarmt hätten. Denn nach dem Heuwetter kam ein Landregen, der neun Tage anhielt.
August Knorreck nickte befriedigt. Was jetzt herunterkam, machte keinen Schaden. Am vierten Tage brachte der alte Abraham die Erntearbeiter. Wieder waren es Polen aus Adelnau und weiter her. Der Inspektor knirschte mit den Zähnen und behielt sie. Nach der Ernte wollte er sie schon wieder aus den Schub bringen, und die andern polnischen Dienstleute mit. Der alte Mraham war dcuntt einverstanden. Nach der Ernte konnte er deutsche Arbeiter leichter auftteiben. Am letzten Regentage ratterten zwei furchterregende Ungetüme von der Chaussee herauf, ein eisernes, schwarzes, rundes und ein vierkantiges, rotes, hölzernes: die Lokomobile und die Dreschmaschine. August Knorreck ließ sie auf dem Hofe einmal zur Probe laufen, untersuchte sie sorgfältig und nahm sie ab. Ein Maschinist war mitgekommen und blieb da.
(Fortsetzung folgt.).
In zlugzeng und Auto.
Eine KriegS-Skizze von Hermann Dreßler, .Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
Der Brigadekommandcur trat seit einer Viertelstunde nervös von einem Bein aufs andere und braäste das Glas kaum einmal einen Moment von den Augen.
Er sollte je nach der Zahl der feindlichen St«ilkräfte sofort angreifen oder Verstärnmg mvarten^


