Zurück zur Scholle.

Roman von Ewald Gerhard Seeliger. (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Morrtz Gaffel beugte sich zu Hedwig hinüber, und er drückte tne Hand besonders zärtlich Hedwig wurde rot. Beide schwiegen plötzlich. Sre saßen einander so nahe, daß ihre blonden Stirnhärchen seinen Hutrand berührten.

Dieses Bild erspähte Thomas Hauschild, der eben vom -sorwerr kam, und die Eifersucht trieb ihn herbei.

Guten Abend?" sprach er, um seine Verlegenheit zu verbergenWissen Sie schon das Neueste- Nächsten Sonn­tag haben wir Wahlversammlung. Der Graf hat sich an­gemeldet. Und unser Baron wird den Vorsitz iibernehmen. (..r wollte zuerst nicht, aber er hat sich von Papa Knorreck breitreden lassen. Wird ganz amüsant werden, die Sulitscher schicken den Klempner Prutschel. Der kann reden und das Maul aufreißen."

Wer ist denn das?"' fragte Moritz Gassel neugierig.

Der Sozi?" lachte der Gehilfe.Wird'aber nichts er­reichen mit seinem Geschrei. Kommen Sie auch hin?"

Luft hätte ich schon," meinte Moritz Gassel.Aber ich Hab da eigentlich nichts zu suchen. Ich bin noch nicht fünf­undzwanzig."

Was macht das aus?" lachte Thomas Hauschild.Ich al»ch nicht. Das ist eine öffentliche Versammlung. Ich bin freisinnig."

Sie dürfen ja nicht wählen?"

Diesmal nicht, aber das nächste Mal."

Da erhob sich Hedwig, weil die Mutter nach ihr rief, und Moritz Gassel enipsahl sich.

nächsten Sonntag, kurz nach der Vesper, füllte sich die breite Gaststube des Kretschams bis aus den letzten Platz. Aus dem Tische lagen Ausrufe der verschiedenen Parteien. Die konservativen Programme hatte August Knorreck von Daniel Z puppack verteilen lassen, der dabei ein sehr pfiffiges MAt machte, ttkii er in der Tasche schon den polnischen Wahlzettel hatte: Christian Reuschel, der Windmüller, er- schien mit den Anpreisungen des freisinnigen Kandidaten, eines Justizrats aus Jauer, und Klempnerineister Prutschel aus Sulitsch, ein kleiner, lebhafter Mann mit einem langen schwarzen Bart, agitierte voii Tisch zu Tisch mit eindring­lichen Worten für seinen internatioilalen Genossen, einen Zlgarrenmacher aus Breslau. August Knorreck, der ani Vor­standstisch auf den Herrn Baron wartete, hätte den Klemp­nermeister am liebsten an die Luft gesetzt. 9lber es ging leider nicht, denn es war eine öffentliche Versammlung. Franz Wiegelt, der Gastwirt, beobachtete eine wohltuende Neutrali­tät und versorgte alle Parteien, die sich nach Tischen mit* A"t)eiiecken absonderten, aus einem Biersasse. Die Katho­liken saßen beim Ofen, verhielten sich ruhig uitb waren längst

einig Bei Christian Reuschel ging es am lebhaftesten her, Er schimpfte auf die Konservativen und ans die Sozis und behauptete fortwährend, er sei liberal. Der Klempnermcifte? aus Sulitsch dagegen verhielt sich ruhig, um sein Pulve'- nicht vor der Zeit zu verschießen. Niemand wollte neben ihm Platz nehmen. Fürchtegott Fritscher saß ihm am nächsten, über der hatte schon wieder das graue Elend und zählte nickn mit. Die Masse der Bauern verhielt sich stumm, war in sich geschlossen und wartete auf den Grafen, der den Wahlkreis schon fünfzehn Jahre vertreten hatte. Endlich erschien Fritz von Winkelberg und nahm bei seinem Inspektor Plan. Tho­mas Hauschild und Moritz Gassel standen in der Tür zum Nebenzimmer und unterhielten sich leise. Immer mehr Männer strömten in das Kretscham und suchten sich einen Stuhl. Jetzt bekam sogar der Klempnermeister nähere Nach­barschaft. Bon allen umliegenden Kolonien erschienen die wahlberechtigten Staatsbürger im Sonntagsrock, um sich über die vergangenen und zukünftigen Wege der hohen Politik Aufklärung zu verschaffen.

Der Herr Graf aber ließ auf sich warten. Und als dann eine leichte Kalesche vor das Kretscham rollte, sti.g sein Vertreter heraus, ein sehr feudaler Herr aus dem konser­vativen Wahlkomitee. Er stellte sich dem Britzkawer Baron vor und behauptete, mit ihm entfernt verwandt zu sein. Fritz von Winkelberg bedauerte, sich nicht entsinnen zu können, und dachte an seine liebe Stiefmutter. Er drückte mehrmals auf den Knopf der'Tischglocke und eröjfnete die Versammlung. Der Vertreter des Grasen entledigte sich seiner patriotischen Schlagworte, die aus der Rüstkammer des Bundes der deutschen Landwirte stammten, mir großer Geschicklichkeit, der man die reiche Uebung anmertte. Tann sagte Christian Reuschel sein Sprüchlein herunter. Und end­lich legte der Sulitscher Klempnermeister los. Und wie konnte der reden! Die Bauern machten lange Hälse und nickten hin und wieder. Ta \wiv einer, der das schlechte Leben von Grund aus verbessern wollte. Schlau paßte er sein Programm den ländlichen Verhältnissen an, ließ vor allen Dingen die böse Verstaatlichung des Grundbesitzes fort, wo­für die Bauern noch kein Verständnis haben konnten, und rückte dem konservativen Herrn mit scharfen Streiken auf den Leib. Die Bauern hörten das gerne, August Knorreck aber ballte die Fäuste unter chem Tisch. Fritz von Winkelberg machte keine Miene, dein frechen Klempner das Wort zu entziehen, hörte vielmehr interessiert zu. Der konservative Herr verteidigte sich kräftig und ließ sich sogar zu einer herzhaften Grobheit hinreißen. Doch damit konnte Klemp­ner Prutschel auch dienen. Und die Bauern hatten ihren Spaß daran. Der Baron drückte auf die Glocke und fragte, ob sich noch jemand zum Worte meldete. Christian Reuschel ergriff, die Gelegenheit, noch einmal für seinen Justizrat einzutreteu, der vor allen Dingen dem Landwirt Helsen wolle. August Knorreck räusperte sich laut, doch der Baron ließ nicht von seiner Unparteilichkeit. Der konservative Red­ner ziipfte nerrws au seinem Schnurrbart hermm.