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alte deutsche Lieder rauschen und der Uhu gespenstig über die Baumkronen streicht. , ,
Seine Heimat. Und durch den Garten schreitet eme hoch- gewachsene blonde Frau. Just so blondes Haar wie das des jungen Kriegsfreiwilligen, da neben ihn,, schmiegt sich um ihre Stirn . nur von hellen Silberfäden ist's durclchchossen . . . Und er steht ihre meisten Hände mit den blauen Aederchen auf dem Rückni, wie sie tfie fest gegen die Schläfen drückt. Ach diese Hände, -au warn, sic sich unr seine Kirckersäuste legen konnten und sie zum Gehorsam zwingen . . . zum Stilliegen . . . zum Beten. Und lefct drücken sie die schm.'rzenden Schläfen, in denen die Sehnsucht nach ihrem Einzigen hämmert. Und die Angst um sein lunges Leben. Und die Verzweiflung um seine Seele.
„Mutter .
Tie tiefe innere Not stöstt den teuren Namen aus seiner Brust. Aber nun er's anrust, versclMiindet das Bild. Ihn überrieselt eS seltsam — dieses Entrücktsein aus der Gegenwart. Er hat doch nicht geträumt? Er liegt doch müt weit offenen Mgen und späht hinüber über das weite Gelä,ü>e nach des Feindes -spur? dlber er braucht stärkere Gewißheiten, baß er fernab der Heimat tm Fcindes- lande ist. Er schaltet die elektrische Taschenlampe ein. §
Da sieht er wieder den blonden Jungen, der in ihm d,e Dermal aufgeweckt hat. Wie er daliegt auf dein unwirtlichen Lager mit seinem frommen Lächeln auf dem Kindergesicht ...
Bewegung im Schützengraben. Das Telephon schlägt an. Die Patrouille ist zurück. TrÄven liegt der Feind. ,.EKr«arabstn. ul starker Uebermächt," sagt der Patroutllenfübrer. Sie sind alle heu zurück. Die Deckung bcs linken Flügels ist arwesaat. Wer noch ist keine Meldung da, ob Hilfe ;ü erwarten ist. Dr§ Telephon. Major von B. sagt an: „Größte Vorsicht zu beobachten. Niemand rühre sich. Kein Licht merken lassen." .
Wolfram hat seine Laterne längst wieder auSgeschaltet. So tref, wie er liegt, konnte niemcuck eine helle Stelle spüren von denen da drüben. Sein Herz packst in Ungeduld. Ein Angriff wäre il gerade recht. Ein wohltätiger Schluß. Und alle Qual Ende. Für ihn . . . 2lber die anderen .
Ligen Kinderherzen unr ihn herum . . . freiwilligen . . . Und alle diese Mütter
Neue Beroeaung Das Teleplwn. „Die Verstärkung ist unterwegs. Größte Vorsicht, bis wir beisammen sind. Sie benutzen den Laufgraben nördlich L. Dann sind nur in der Uebermacht. Es geht um den wichtigsten Stützpunkt bei d Weitere Meldung erwartkn."
Wolfram legt den Hörer zurück. Je näher die Gefahr kommt, je stiller wird es in ihm. Eisesstill . . . Erst ivenn er den Fund sieht, glüht'S wieder in ihm auf. Er war schon in drei gstohen Schlachten. Sah alles um sich fallen — und stand. „Ja . . . wer aus die Kugel wartet, den meidet sie," hatte ein alter 1670er gesagt. Das mußte wohl wahr sein . . .
Granaten fliegen. Das Knattern der Maschinengewehre weckt die Sclstäfer. „Alles in Bereitschaft?" sagt Major von B. an.
„Zu Befehl. Herr Major!"
„Wie frech die Bände da drüben wird," brummt ein Land- wehrnumn und droht mit dem Gewehr. Schrapnellfeuer antwortet ihm.
^Seiten geivehr aufgepflanzt, Sturum „griff!"
Wie ein riesiger unübersehbarer Ameisenhaufen, der sich plötzlich auflösend übers Gefilde hinzieht. So lner. Unerhörtes Lärmen. Das Krachen der Geschütze. Das Fluchen und Toben der Feinde. T-as wilde jauchzende Stürmen der jungen, heldenmütigen Kneger. Und dann mitten im Vorwärtsjagen aus lausend Kehlen: Deutsch
hätte nn . Alle die jungen, mu-- Hunderte von Kriegö-
land, Deutsck-land über alles —
Ende der Schacht „ach tage- und nächtclangeu, Ringen. „Sieg auf der ganzen Linie!" sagte eine StimMe nebstn Wolfram. Der Landwehrmann ist's. „Freche Bande!" murrt er mit grimmigem Lachen. „Euch haben »otr'S besorgt."
,,Sie bluten ja, Kamerad," sagt Wolfram und will ihn stützen.
„Nicht der Rede ivcrt, Herr Leutnant," antwortet der Mann. „Da, hier ist uiehr." Und seine Rechte, die m,verwundet blieb, zeigte auf die Gefallenen und Venvundeten.
Sanitäter sind an der Arbeit.
Da heben sie einen blonden Jungen auf die Bahre. Wie Wost- ram das Herz sck)lägt, als er's sieh:. Ter eine Mann stellt die Stütze zur Erde und »oendet sich aus den Ruf des Ar;tes zu einer anderen Gruppe, wo er nötiger ist. Wolfram tritt für ihn ein. Sie tragen den blonden Jungen hinaus aus der Gefechtslinie.
Wolfrain kniet neben ihm . . . Ihm ist so eigen in seiner unbeholfenen Zärtlichkeit um das junge Leben. So »ounderbar ein Gefühl, daß da etlvas ist. das ihn braucht, etwas — das man lieb haben kann . . . Ein Kind — ein Bruder. Und er beugt sich l-inunter und küßt lei>'e die blonde Sirn
„Mutter . . ." ruft, da er die Berührung spürt d.r junge blasse Mund. Und so sehnsücl tig. glückdurch-,velch klingt die Stünme.
Ein Heister Schauer durchbebt die Brust d s Kri g rs.
„Unser Vater in dein — Himmel — Tein — Name — lverde
«heiliget - Bete dock)! mit — mir — Mütterlern-nne
trrtmcr ..."
Die feine weiße Hand tastet und sucht . . . Welfram um- sclstießt sie mit der seine,,, die der Krieg sck>o„ rauh gen'.acht, fest . . ganz fest . . .
Ein selig glücklick)es Läck)eln huscht über das' junge Helden- gesicht und seine Lippen bewegen sich leise: „Dein Reich komme.
Dein — Wille geschehe ans Erden — ivie ran Htnrmet — — m Wolfram erbebt. ,^Jck' höre dich — ja.— nicht, Mütterlein," klingt die junge Stimme und ihr Atem wird immer schwächer.
„Unser täglich Brot gib uns heute," betet Wolfram, während ihm das Blut in die Stirn steigt. Ungeb.cken nahm er alltäg ich sein Brot — und nun lehrt ihn dieses Heldenkind aufs neue darum bitten ...
„Und vergib uns unsre Schulden — " da stockt der jm ge Mund — ,oäre auch da ein unbeglichenes Konto in der jungen Seele . . . ?
„Wie wir unfern Schuldigern vergeben." Es zieht wie eine heiße Gewalt diircb Wolframs Brust und reißt ihn ^i' Worie heraus, während seine Rechte die zuckende Hand des Ster'en.en umschließt. Nun blicken ihn zwei blaue Kinderaugeu an. sck.-u l. lb im Hinübergehn. Ta hebt er den jungen Leib, per sich ihm cn- gegenbeuat, bettet ihn an seine Brust, und sie beten beide zusammen laut zu Ende. ___
Nur das Amen sagt Wolfram allein ... Da ist die junge Seele schon entflohn.
Es ist Nacht. Tie Kameraden schlafen. Die Tag' und Nächte, nter ihnen allen liegen, waren hart und schwer. Nun haben e Kamerccken in die kühle Eüde gebettet. Da draußen schlafen und und Feind in einem Bett.
»lfram sitz! bstim Kerzenlicht und schreibt. Bor ihn liegen iefe und Schmu ckgogen stände mit den Bildern vereint, die cuch der DmAasche des Sterbenden genommen. ,,(&> lau e\„ Eiche, gnädige Frau, das Ihr heldenhaftes Kmd gefunden.
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Ihnen und seinem Herrgott. Un> gn der er in seines himmlischen Bakers Haus."
Xtt be» Beileids und der Begleitung zu er an die arme Mutter sendet, die nichts
Viel
mehr Wiedersehen wird wi e er?
er inss seinem Bett. Niemand sieht ih.,. Er wcint. unge Heldengesicht, das stijl geworden ist? N^.n. Ihm pärc er eA selbst, der da dtaüsten in der kühlen Erde liegt, ' rweraebet auf den erstarrten Lippen . . . mit dem Bilde
der Mutter in Sen gebrochenen Augen
Und ist's denn nicht so! Ist es nicht seine Jugend, die so rein war wie mtz des Kindes und so gottduvchhaucht! Und so ttef gebettet in der Mutter Herzen! Und die nun gttstorben i't . . .?
Wolfram toeint . . . Aber er ist sich dieser Tränen nicht bewußt. Sie Vinnen wie Perlen, die sich au ^ harter S^ale losgerissen, über sein gebräuntes, von den Strapazen schwer r Schlachten scharf markiertes Angesicht.
Und wlcher iws ihm, M sähe er in der Dunkelheit um ihn einen Hellen Ausschn^t . . . Sern Stübchen dahmn, mit den Hellen Kirschbolzmöbeln . . w . Durch die ,misten Mulivorhänge dringt das uwrgendliche Sonnenlicht . . . Gerade über sein Kinderbett, das noch so steht wist vor Jahren — fällt ein Heller Sonnenstrahl fällt aus das blonde Haüht einer Frau, die bleich und mll-vor diesem kleinen Jungensbett sitzt, die Hände fest verschränkt und mit trostlosen Wgen auf die leeren Kissen starrt.
Da rei
Wolfram sich einpor vom Lager, das ih:, brennt ,me ern voqsuShomd. Er zündet das Lickst an, zieht das Schreibzeug hervor, urtb schreibt nach langen, langen Wochen den eisten Brief an seine Mutter: „Du ernzig gute Mutter, Gott wor mit m!r bis zu dieser Stunde . .
vermischte».
• D e r richtige Engländer. Bor mehreren Jahren hatte, wie wir in oer bekannten ..Bibliothek der Unterhaltung und de« Wissens* (Union, Deutsche Berlags-Gesell» schuft, Stuttgartl lese», ein Einwohner von Basel „ach längeren vergeblichen Versuchen endlich das Oberhorn glücklich bestiegen. In der Fr ende seine« Herzens stellte er au« einen, dürren Ast und seineck blanseidenen Halsluche eine Art Banner her und pflanzte eS in den Schnee. Al« er die« nach dem Abstieg an der Wirt«. bauSta^l anderen Reisenden erzählte, fügte er lachend hinzu: ^Ich kam ,ntr vor wie ein Wcltretsender, der ein neueutdeckte» Gebiet für sein Vaterland mit Beschlag belegt.* Ein Engländer, der gleichfalls an der WirtStalel gesessen hatte, war dieser Rede ans- merksan, gefolgt. Am anderen Morgen trat er den Ausstieg nach derselben Bergspitze an, während der Baseler nach Hanse zurück- reiste. Einige Tage daraus erhielt letzterer nun mit der Pos, ein Paket, in den, er zu seinen, Staunen das blauseidene flaggen- Halstuch versa»,d und daz», eine Karte jene« Engländers, nut dem er in, gleichen Gaslhos gewohnt hatte. Auf der Karte standen die Worte: „Ihr Tuch erhalten Cie hiermit zurück. Ich habe aui dem Oberhorn die englische Flagge ausgepfianzt.* Daß diese nicht lange da oben wehte, dafür sorgte natürlich der wackere Baseler.
'Die Fabnen und Landesfarben der krieg- führenden Lände r. E« dürfte eiitt nicht jedem bekannter Zufall sein, daß die Farben Deutschlands und Oesterreich-Ungarn« Feinde rot-blan-iveiß und und zwar: England weiß, durch ein rote« Kreuz in vier Felder geteilt, von denen das Feld oben am Flaggenstock ein rotes Tripelkreuz auf blauen, Grunde zeigt. Frankreich führt, nne bekannt, die Farben blau^weiß-rot senkrecht zun, Fahnenstock, Rußland blan-weiß-rot in wagerechten Streifen. Serbien rot-blau-,veiß gleichfalls in wagerechten Ctrcife», und


