350
Der Vorsatz, ein gutes Werk zu tun, purzelte über die reine Berechnung, mit der er Bartenstein und Levifoyn die Würmer aus der Nase ziehen tvvllte. Die drei jungen Kerls da drüben in Britzkäwe gefielen ihm sehr. Das sollten seine Söhue sein. Und er wollte sie abwechselnd besttckjen^ um zu sehen, wie sie sich vorwärts brachten. Das war doch gewiß ein gutes Werk. Damit würde Hedwig schon einverstanden sein. Und sie bekam den Rest des Vermögens.
Bums! rannte er gegen einen Baum, daß ihm der Schädel brummte, und ihm fast schwindlig würde. Aber das scherte ihn nicht. Er mit seiner eisenfesten Gesundheit konnte sich das schon leisten.
Und er torkelte lveiter und rechnete den Rest aus, der auf Hedwig kommen würde. Da hatte ?r die Lichtung erreicht, in der die kleine Kolonie Tiergarten lag. Der Mondenschein glitzerte auf den vollen Wassergräben.
Bergab ging es etwas schneller.
Ta »oar die Brücke.
Jetzt stolperte er über den Stein, flog nach vorn, schlug gegen das morsche Geländer, das mit einem Knacks brach, und stürzte der Länge nach in den tiefen Graben.
Da blieb er liegen, bis man ihn am nächsten Morgen! nach Zdurotschin brachte.
Er hatte das Testament nicht mehr ändern können.
Am vierten Tage nach Ostern begrub man ihn unter der Beteiligung aller Bürger und unter dem Geläut aller Glocken'. Der Bürgermeister hielt am Grabe eine tiefempfundene Rede, worin er die hohen Vorzüge des Verstorbenen pries, ihn den Wohltäter der Stadt nannte, seinen unvorhergesehenen Tod bitter beklagte und ihm ein „Ruhe sanft!" nachrref. Dann ließ der Gesangverein eine gefühlvolle Motette hören, wobei der lange Gesangvereinsschuster seinen ersten Tenor nach Möglichkeit zähmte. Alle aber dachten an das Testament, besonders Hugo Knorreck, der mitten unter der Menge der Leidtragenden stand wie ein Bauer, dem alle Schoten verhagelt waren. Auch Hedwig und Moritz Gasse! hatten sich ihm angeschlossen, hielten sich aber etwas abseits.
Am nächsten Tage schon wurde, durch die beschleunigende Vermittlung des Bürgermeisters, das Testament eröffnet. Nnd der Notar las, während eine'andächtige Menge zü seinen Füßen lauschte.
„Ich bestimme, daß mein Vermögen im Betrage von 3 005) 788 Mark zu gleichen Teilen unter die jungen Ehepaare zur Verteilung kommt, die sich in dem meinem Tode folgenden halben Jahre zusammenfinden. Die Bedingung ist, daß der weibliche Teil aus Zdurotschin stammt, und daß sich das Paar verpflichtet, mindestens zwanzig Jahre in meiner lieben Stiefvaterstadt zu wohnen."
Schon am nächsten Tage waren siebenunddreißig Paare uufg.-boten. Aber dabei blieb es nickt. Bald war kein junges Mädchen mehr zu haben. Die Glücksritter, die von allen Seiten herbeiströmten, wagten sich an die älteren und ältesten Register. Endlich mußten die Witwen daran glauben, und sogar ein paar Schwiegermütter lvaren darunter. Noch lange vor Ablauf der Frist fand sich in Zdurotschin kein unvcrlobtes Mädchen zwischen sechzehn und fünfzig Jahren. Der Standesbeamte raufte sich vor Verzweiflung die Haare. Und jede neue Ehe, die auf Karl Zdurotschins Testament hin geschlossen wurde, war von den Verwünschungen der Vorgänger und Vorgängerinnen begleitet. Denn die Anteile schrumpften immer mehr zusammen. Und als dann der Termin abgelaufen war, kam auf jedes der dreihundertsiebzehn frischen tChepaare noch jnicht ganz^hntausend Mark.
XIII.
Hugo ging eine ganze Woche umher, als trüge er sich mit Selbstmordgedanken, geriet bei Franz Wiegelt, wo er tagtäglich Trost im Feuchten suchte, immer tiefer in die Kreide und wich seinem Vater geflissentlich ails.
August Knorreck sah es sich noch drei Tage in Geduld an, da,in nahm er sich seinen Erstgeborenen auf b# Seite und verlas ihm gründlich die Leviten über diese nichts- würdige Faulenzerei.
„Hier hast du das Reisegeld und noch zwanzig Mark extra!" ries er zornig. „Und jetz mach, daß du fortkommst!"
Hugo steckte das Geld ein unid. Letzte seine trübseligste Miene auf.
,F)der willst du etwa dein Wort zurückhnben?" reizte Ihn der Vater.
kein!" begehrte Hugo auf, und sein Stolz empörte sich, schön 1" meinte Au gust Knorreck befriedigt^ „Da
wollen fvtr uns übers Jahr um diese Zeit wieder sprechen." Damit ging er hinaus. -
Die Mutter aber hatte im Nebenzimmer gelauscht, huschte herein und wollte Hugo, der noch immer tiefbetrübt dasaß, ein paar heimlich ersparte Goldstücke aufdrängen.
„Nein!" sprach er und schob Jie zurück. „Ich nehme nichts! Ich hcch's Vater versprochen. .Ist mein Koffer gepackt? Ich reise morgen."
Frau Knorreck -füllte mit Seufzen die weiten Räume des öederkoffers und wollte das zurückgewiesene Geld darin verstecken. Aber es war ihr nicht sicher genug. Sie wollte es lieber mit der Post schicken.
Hugo suchte Hedwig auf und klagte ihr sein Leid- Besonders die Schulden bei Franz Wiegelt lagen ihm schwer auf dem Gewissen.
„Wieviel ist es denn?" fragte sie schnell.
„Ungefähr dreißig Mark."
„Na hör' mal," meinte sie ärgerlich, „das ist ein ganzer Happen."
„Bezahlt muß es iverden!" entschied er und machte ein ganz jammervolles Gesicht. „Bopr Reisegeld kann ich's nicht nehmen, sonst komm ich kaum bis Berlin. Bon Mutter darf ich auch nichts mehr annehmen, upd Schulden mag ich auch nicht machen!"
„Wirklich, Hugo!" rief sie glücklich. „Dann lperde ich die dreißig Mark bezahlen. Aber.dann mußt du auch fleißig sein uno dich auf deine eignen Füße stellen!"
Das versvrach er ihr denn und fuhr am nächsten Morgen mit seinein Koffer auf dem Jorbwäaelchen nach Zdurotschin. Daniel Zpuppack kutschierte und pfiff auf dem Heimtveg vor Vergnügen, daß er diesen gefährlichen Nebenbuhler bei Pelagia Dilbin endlich los toar.
Drei Tage später schickte Frau Knorreck das Geld, im Betrage von einhundertzwanzig Mark, nach Halle. Acht Tage später kam die Postanweisung mit dein Vermerk „Annahme verweigert" zurück, nachdem sie den Umweg über Berlin gemacht hatte. Die gute Mutter war todunglücklich. Zum Unglück fiel die Postanweisung auch August Knorreck in die Hände. Er nickte befriedigt.
„Sei gut, Mutter!" tröstete er seine Frau. „Er wird sich schon durchbeißen. Es steckt doch ein guter Kern in dem Jungen."
Seitdem hörten sie von Hugo nichts mehr. Nur hin uyd wieder erhielten sie eine Postkarte aiis Berlin, auf der ev durch Unterschrift sein Leben bescheinigte.
(Fortsetzung folgt? 4
wie Wolfram vewern wieder zu seiner Mutter kam.
Ein Kriegserlebnis.
Erzählt von L. Malten.
Wolfram . . .! Nie würde er den Ton vergessen. Auch im wildesten Toblen der Schlacht wird ihm die Stimme der Mutter wiederkehren, wie sie ihn zurückries, als er davonstürmte ... ein Geächteter ... ein Verjagter .
Wie sie sich wohl abfand damit? Pah! Er würde ihr's schon klar machen, der Herr Stiefvo r, der ihn aus dem Hause gejagt hatte, um der freilich schlimmen Spielschuld, die die Mutter aus Eigenem nickst allein decken konnte . . . Der Krämer .
Und nun steht Wolfram vor dem Feind. Alles ist leer in ihm. Neben ihm betet ein blutjunges Kerlchen von kaum 16 Jahren sein dlbendgebet. Er lacht bitter. Wer das auch noch könnte! Ihn, ist's längst abhanden gekommen. Tiefes köstlich beruhigende Eicli- Hineinbettcn in Christt Sckstitz und Liebe, ivenn der Tag zu Rüste ging.
Mit offenen Angen liegt er auf seinem Posten im Schützengraben. Ter Junge, da neben ihm, trägt den Llbglanz eines fried- lick)en Elternhauses auf dem hellen Gesicht. Beneidenswert! denkt Wolfram. Wer er strafst sich sofort in Abwehr gegen sentimentale Anwandlungen. Dazu ist jetzt keine Zeit. Ta drüben irgendwo lauert der Feind. Tie Patrouille ist unterwegs, um seine Stellung auszukundschaften . .
Mitternacht. Wie seltsam. In der tiefen Tnnkelheit um ihn ist's ihm plötzlich, als wäre ein großer Heller Ausschnitt . . . (£in sommerliches Zimmer, durch dessen breite Gartentüren und Fenster die Bäume Hereinblicken und der Weinstock mit den dunkelblauen Trailben, auf denen der Silbertau liegt. Und weiter hinten die
g oldgelben Kieswege, deren Ränder dunkler Buchsbaum säumi. Ind droben auf der Höhe das alte Sctstoß mit seinen Türmen und den großen Bogenfenstern, deren Scheiben das Soimegold aufsaugen und glänzend inS Tal hmunterschauen, über die ae- wunde ne, i Wege fvrt, über ben dichte n Laybwald, wo in den Eichen


