ttitb hier stehen die .Muser so eng, daß unser zweizentriger Bürger Meister einfach stecken bliebe, und vor Jahren tatsächlich der Ge­richtsvollzieher, als er sich unvorsichtig wendete, seine Amtsmappe dermaßen zwischen den Wänden verspreizte, daß sie stundenlang ein Verkehrshindernis bildete .... Dorthin riefen mich also ,eiin Paar alte Weiber zu einer Nachbarin, die, wenn sie auch erst! 30 Jahre zählen map, doch schon als altes Weib auf die Welt ge­kommen und zur Pilgerfahrt durch das Himmelsgäßchen in den Himmel bestimmt schien.

Na, das war ein Gezeter, als ich an die Haustür kam und den alten Weibsmenschen fast vor die zahnlosen Mäuler stolperten

So eine dumme Person!" schrien sie.Die gehört ins Toll­baus. Lebt der Mann wie der Herrgott in Frankreich, und sie spart sich jeden Bissen am Mund ab. Die eingebildete Gans. Prügeln sollte man sie . . . ."

Aber, meine Gnädigsten, glauben Sie nur ja nicht, daß es sich hier um Ausdrücke gehässiger Roheit handelte. Durchaus nicht. Das war vielmehr zartestes Mitleid, feinfühligste Nächsten­liebe und staunende Bewunderung. Man kann ja nicht bloß der Flöte, sondern auch Konservenbüchsen und eisernen Hafendeckeln Töne entlocken uird mit diesen Instrumenten Musik machen. Viel­leicht komponiert demnächst einer unserer Großen eine Symphonie für solche Instrumente. Draußen in den Schützengräben könnte er genug Stoff sammeln ... '

Ich jage also die garten alten Weiber mit einem Donner­wetter zum Teufel, empfange eine entsprechende Antwort und taste mich in ein niedriges, dumpfes Stübchen zu ebener Erde. Solange die Welt und das Himmelsgäßchen auf ihr bestehen, haben Sonne und Mond noch nie auch nur den armseligsten Strahl in diese Stube geworfen .... Stellen Sie sich vor: Ein ganzes Fenster, so groß wie ein Geburtstagskuck-en. Ein Breiterboden voller Ritzen und Astlöcher. Eine nasse Kalkrvand. Ein armseliges Bett. Ein wackliger Tisch. Ein Stuhl. Ein Koffer. Und auf dem Koffer ein mageres, derbknochiges Weib. Der Kops mit Tüchern eingewickelt. Die Backen sieberrot. Ohne aufzuschauen greift sie immer wieder in einen großen Sack, holt eine Handvoll rostige Nägel und Schrau­ben heraus und wirst sie je nach der Größe auf diesen oder jenen Haufen, die ick) jetzt erst am Fußboden sehe.

Da kann man Geduld lernen," sage ich.

Sie schweigt. *

Ist das Ihre tägliche Arbeit?"

Sie schüttelt den Kopf.

Wird denn das auch ordentlich befahlt?"

Sie zuckt mit den Achseln, greift in den Sack und streut den Rostregen über den Boden mit derben Händen wie ein Bauernknecht Weizensamen übers Feld.

Liebe Frau," sage ich mit meiner berühmten Sanftheit, Sie scheinen mir krank. Wollen Sie nicht . . . ."

,Ich brauch keinen Arzt!" schreit sie, ohne aufzuschauen.Bin ferne Vornehme und verdien' mein Geld nicht für die Tokters..."

Na, na . . . arme Leute dürfen auch krank werden. Das ist doch kein Vorrecht der Reichen. Die hätten sonst schon längst darauf verzichtet. Uebrigens will ich ja gar nicht Ihr Geld- Ich praktiziere ja nur noch, weil der Mensch irgendeine Beschäfti- gung haben muß . .

Sie blickte mich mit harten, grauen Augen an, als tvollte sie ergründen, ob ich die Wahrheit redete, und sagte dann etwas zögernd, weniger barsch:Ich hätt' auch kein Geld für Sie."

Na, dann bin ich ja der richtige Arzt . . ."

Und endlich, nach Besiegung manchen Widerstandes, kann ich sie ein bißchen untersuchen . . . Nichts Bedenkliches, aber immerhin, der Körper war wie ein aufgerissener )lcker und wenn irgendein schlimmer Keim ihm zugettagen inurde, dann ... Ich säge also:Wenn Sie mit der Arbeit fertig sind, leger: Sie sich zu Bett und nehmen die Arznei, die ich Ihnen verschreibe."

Nein," antwortete sie wie ein trotziges Kind.

Die Arznei ist nötig . . ."

Die schon . . . Aber ins Bett leg ich mich nicht . .

Ei, warum denn? Es sicht ja so einladend arL . . . Legen Sre sich nur!"

Da schaut sie mich an, tvie einen Tempclschänder und ruft «rollend:Was? Ich soll mich in das Bett legen? Da bin ich drrn gelegen, wenn er nachts die Fabriktvach hatte. Und kam er heim und kroch herein zu mir, Hab ich gebrummt, und er hat sich dann oft auf den Sttlbenboden gelegt.. ."

Aber jetzt..."

Jetzt hart ich nicht und will ich nicht. Jetzt schlaf ich aus dem Stubenboden..."

Ei, warum denn, liebe Frau?"

Weil's eine Sünde von mir wäre, wenn ich jetzt im Bett schliefe..

,^Jch verstehe Sie nicht. Wenn er Jhüen in gesunden Zeiten das Bett überließ, überläßt er es Ihnen in Ihrer Krankheit dock ganz gewiß ohne Mürrren..."

Ich will aber nicht..." Und nach einer langen Pause deu­tete sie aus eine Karte, die mit einer Stecknadel an der Wand be­festigt lvar, und ich las:Gelübte Marie. Wegen den: daß Ich noch gesunnt bünn und schon sechs Wochen in den Schützengräben lüg. Ach, getübte Marie, wenn's auch schön ist. Soldat zu sein, Lber was wollte Ich lachen, wenn ich Widder aus unserm Stnbben-

boden liegen könnt. Hier lüg Ich tu Dreck und Schlamm. Dein gelübiter Ignaz."

Ah, darum!" sage ich, und sie nickt. Und nach einer Weile ^bt sle:Der arme Kvrl! Und ich toar zwei Jahr lang so ein selbstsüchliges Luder ... 9lber mm wird's anders... ganz anders. Im September hat er das geschrieben und jetzt ift's März..."

Und Sie schliefen seitdem da aus dem Boden?"

. "Aa - aber besser als er... wenigstens trocken... Und wre das damals gelesen Hab, Hab ich angefangen zu sparen... An Bett muß er kriegen, sein eigenes Bett. Eher ruh' ich nicht. Ich will s auch nicht besser haben als er... Am liebsten legte ich mrch nachts hinaus aufs Gäßcheir, wenn die Polizei nicht wäre..."

Unaufhörlich arbeiten ihre Hände.

Na, »vie steht's mit seinem Bett?"

leuchten in den: siebergerötelen Gesicht chre bisher harten und sie sagt:Beiin Trödler drüben ist eines feil. Grad das Markchen fehlt mir noch am Preis, das ich für das Sortieren da krreg."

-Sie sind eine brave Frau," brumme ich und gehe.

lind am andern Tag, wie ich roiederkomme, schreien mir die alten Weiber erttgegen:So ein spinnigs Weibsbild! Kauft sich noch eur Bett in den teuren Zeiten. Die muß ins Narrenhaus. Herr Doktor..." .

Das waren aber bloß Ausrufe gerührter Bewiinderung. Wie ^ m die L»tube trete, liegt die Frau aus dem Boden und sieht glücklich nack) den beiden Betteir. die unberühtt, als harrten sie echter Liebe, mit ihren weißen Kissen in das düstere Gemach hin- ernleuchten..."

Für diese Person müssen wir doch etwas Mn, wir vom Frauen Verein," sprach, als der Arzt schwieg, die Hausfrau.

,/Nein, meine Gnädigste.Diese Person" hilft sich selbst. Srerst inzwischen gesund geworden und ist ein richtiges deutsches Weib. Es gibt Aermere, denen Sie helfen können..."

.Ich finde, daß durch den Krieg eigentlich auch die Sittlich­keit in gewissen Kreisen gehoben :mrd," sagte eine der Damen.

Gehoben? Hm. Hier ward nur ins Licht gerückt, was schon lange im Dunkeln vorhanden war!"

Wenn er nun aber siele...?" flüsterte eine junge Frau. Ter Arzt stand aus und sprach:Keine Angst! Bor solcher Liebe hat unser Herrgott noch immer Hochachtung gehabt..."

Treibjagd.

Humoreske von Olaf Heinemann.

(Nachdruck verboten.)

Weißt du," sagte mein alter Studienfreund und Waisen­bruder nur Ivaren beide einst alsvöllig dienstuntauglich" er­klärt, gewissermaßen also Waffenbrüder, der Oberlehrer Sieberg, als ich zu flüchtigen! Besuch in seinen: märkischen Nest bei ihm weilte und gerade mit begeisterten Redewendungen die stählerne Arbeit und das schwungvolle Leben der Reichshauptstadt in dieser Kriegszeit geschildert hatte,weißt du, ich muß doch auch endlich mal wieder aus ein paar Tage nach Berlin. . . Ja. ja, das muß ich unbedingt! Aber nne?! Tie Michael isserieu stehen zwar vor der Tür, aber indessen na, du weißt ja!" ... Er machte eine resignierte Geste. . . Ich wußte. . . Nämlich seine teure Gattin war ttotz mehrjähriger Ehe noch immer ein unglaublich verliebtes Kätzchen und vor allein eifersüchtig nne ein weiblickwr Othello. Nicht vierundzwanzig Stunden ließ sie ihren braven Erich, obgleich dieser nicht im mindesten zu douiuanesken Aben­teuern ncigte mid nur erneumännermäßigen Pokal" und dann und wannetwas Weltstadtparsum" schätzte, ihren schützenden Fittichen entschlüpfen. Und gerade jetzt, wo doch die stattlichsten Männer für Deutschlands Dasein und Ehre fern im Westen oder Oster: getreulich Wacht hielten, und infolgedessen allerorten, vor allem aber vermutlich in Berlin, so viele schöne schlanke Frauen einsam wären und sehiisüchtig ihr heißes Herz spazieren trugen, da ließ sie ihren seuren Gatten ganz gewiß nicht so ohne weite­res los!

Mit einem Male ginp ein verschmitztes Lächeln über Freund Erichs sonst so pädagogisch gemessene Züge. . .Ich Habs!" sagte er mit gedmwpstsm Jubel.Wozu ist man denn einst Haus­lehrer auf Schloß Warnitz gewesen?" Und dann weihte er mich in seinen klugen Plan ein. Also, er würde sich rnwerzüglich mit seinem alten Freunde, dem Warnitzer Rentmeister Brandes, in Verbindung setzen, daß der ihnl in den ersten Feiertage:! im Auf­träge des Barons eine dringende Einladung zur Treibjagd schicke. Und dann nun, dann würde er seinealte Knarre", sem Jagd­gewehr. das ihn: der Baron einst verehrt hatte, ^putzen nnd nach Berlin fahren, um mit mir die lieben alten Stätten unserer einstigen, gemeinsam verlebten Studentenjahre einmal wieder auf­zusuchen. . .FamoS," sagte ich, obtvohl ich überzeugt war, daß der sttategisch gut ausgedackite Plan au der Taktik der Gattin elendiglich scheitern würde. Llber siehe da! an einem schönen Oktobermoraen kam Freiind Erich roirklich in Berlin an.Wie ist's möglich?" rief ich in ehrlicher Ueberraschimg. JD," sagte er schmunzelnd,das gelang einfacher, als ich selber anfangs glaubte. Der Brandes scknckte mir prompt die verlangte Einladung und be tonte mit Nachdruck, der Herr Baron tvürde eS mir wirklich der-