Ausgabe 
5.6.1915
 
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alte Wort: Erkenne dich selbst! Lautet für mich: Genieße dich selbst!"

Wenn man sich aber als ungenießbar empfindet!" be­gehrte Hugo auf.

Dann mutz man sich genießbar machen!" lachte der Baron laut auf.Ein inneres Dampfbad und in die Tret­mühle der Gesellschaft, das hilft immer." -

Also kochen und sich treten lassen!" rief Hugo.Ich be­danke mich. Dabei geht die ganze Individualität zum Teufel. Ich halt's mit der Verneinung."

Sie sollten Ihre Ideen einmal ausschreiben," schlug Fritz von Winkelberg vor.Im Ernst! Sie können wie Brandraketen wirken." .

Ich hab's schon einmal versucht," erwiderte Hugo weg- werfend.Aber meinen Sie, es fand sich eine einzige Zei­tung, die so ettvas zu drucken wagte."

Glaub ich gern!" sparch der Baron.Die Presse ist die gesellschaftlichste Institution."

Dann setzten sie sich hin und spielten Schach.

XII.

Die ganze .Karwoche regnete es, die Gräben standen voll Wasser, die Pfützen in den Straßensenkungen wuchsen, und die Saaten keimten.

Am ersten Ostertag aber regnete es nicht, und Karl

t durotschin machte sich gegen neun Uhr morgens, als die eute in die Kirche strömten, auf den Marsch nach Britzkawe. Gestützt aus einen derben Stock mit goldner Krücke, angetan mit weißen Handschuhen und blankgebürstetem Zylinder, stapfte er mit ungleichmäßigen Schritten, aber kräftig und mühelos, über den Markt, durch die lange Häuserzeile, machte rechtsum und strebte aus der Stadt hinaus und auf die schlesische Grenze zu. Bei den Schinderbergen krempelte er sich die Hosenröhren auf, denn der Weg war noch naß.

Nun ging es sich besser. Bald hatte er den Wald erreicht, atmete mit Befriedigung den frischen Tannenduft und steckte sich eine Zigarre an. Als er sie ausgeraucht hätte, war er gerade bei der Kolonie Tiergarten angelangt, deren kleine Gehöfte weitzerstreut auf einer großen Waldlichtung lagen. Hier war der Untergrund lehmig und hielt das Wasser auf der Oberfläche. Tiefe Gräbeii, die durch diese Gemarkung schnitten und bis an den Rand mit klarem, bewegungslosem Wasser gefüllt waren, konnten es nicht abführen, weil der sandige Waldboden höher lag als diese Senke. Auf der Ober-

K der Gewässer ruhte eine dünne, regenbogenfarben- 'viide Schicht, und hier und da trat an den Graben­rändern das brockige, löchrige Raseneisenerz zutage.

lieber den breitesten und tiefsten dieser Gräben führte eme altersschwache Brücke, deren Bohlen unter der schtvereil Last Karl Zdurotschins bebten. Auch das Geländer war morsch und unten angefault. Karl Zdurotschin merkte nichts davon, denn er steckte sich mitten auf der Brücke die zweite Zigarre an. Dann machte er noch zwei Schritte und stolperte über einen Stein, der mitten im Wege laa. Aergerlich schob er ihn auf die Seite und erreichte, nachdem er die Lehmsenkung durchquert hatte, wieder den Wald und gleich darauf die Britzkawer Gemarkungsgrenze. Und wäh-

K rend er so dahinschritt und qn der teuren Importe soa. er sich so frei und glücklich, 'daß es ihm in diesem iblicke ganz unmöajlich gewesen wäre, einem Menschen ein Leid anziutun. Und Hedwig, zu der seine Gedanken immer Meder Wruckfanden, sie sollte es einnral gut haben bei ihm. Jeden Wunsch würde er ihr von den Augen ablesen Aus Händen wurde er sie durchs Leben tragen. Durchs Leben? Da blieb er stehen. Wie lange hatte er eigentlich noch zu leben? Sechsundfunhig Jahre war er schon alt. Bis auf achtzig konnte er es mit seiner Gesundheit schon brinqe-n Zwar war Hedwiß kaum zwanzig, so schätzte er. Aber das war auch der einzige Grund, iveshalb er um seine Werbung Doch Hugo hatte dieses Hindernis gewiß schon be- leittgt. Drei Millionen! Das war doch kein bloßer Pappe­stiel! Und Karl Zdurotschin schritt wohlgemut weiter. PP

Hugo aber hatte Gewissensbisse. Je näher der Ostertaa und mit ihm Karl Zdurotschin kam, um so heftiger wurde Hugos EgoiSmuS, diese Religion der Zukunft, von morali­schen Erwagunyen angegriffen. Besonders der große Alters- unterschied zwischen den beiden zukünftigen Brautleuten machte ihm schtoere Sorgen. 2lber er saiid doch eine kleine Hintertür, durch die sein Gewissen entschlüpfen konnte. Wenn Hedwig nun so schrecklich gerne reich werden wollte! Daran war Hugo unschuldig. Hatte er sie denn darin beeinflußt!

Nicht ein einziges Nkal hatte er ihr den Nainen Karl Zduro­tschin genannt, mit keinem Wort ihr verraten, weshalb Karl Zdurotschin beute zu Besuch kam. Und trotzdem wurde ihm schwül und schwüler, je mehr der Stundenzeiger sich der Zwölf näherte. Um elf Uhr, als die Glocken das Ende der Messe anzeigten, drückte er sich, leise und ging zu Franz Megelt. Da setzte er sich aber ins Herrenzimmer, denn die große Gaststube war voll von Kirchleuten, die sich vor der Heimfahrt schnell noch ein wenig körperlich stärken koollten. Daniel Zpuppack verschaffte sich da als Auswärter ein paar Groschen, denn Franz Wiegelt hatte ihn für den Sonntag in Dienst genommen, weil er polnisch sprach. Die katholischen Kirchleute nämlich, die meistens aus den östlichen Dörfern kamen, sprachen nicht gerne deutsch, weil das die Sprache der evangelischen Ketzer war.

Hugo ließ sich einen großen Frühschoppen bringen, be­hielt die Straße im Auge und lauerte.

Und so gegen zioHlf, als die Mehrzahl der Kirchleute schon auf die leichten Korbwägelchen geklettert war, um heimwärts zu kutschieren, bog Karl Zdürotschin um die Ecke bei der Kiesgrube, krempelte sich die Hosenbeine herunter U'ü> schritt im Walzertakt um das Gut herum, auf das- spektorhaus zu. An der Ecke kragte er sich zurecht.

Hugo zog den Kopf ein, duckte sich hinter das Glas und lauerte weiter. Jetzt kam die Entscheidung. So groß seine Hoffnung auf den Dreitausendsechshundertmarkwechsel war, so klein war sein Mut und so schlecht war sein Gewissen.

Frau Knorreck blieb es Vorbehalten, den Gast zu emp­fangen, denn August Knorreck und Hedlvig waren nach Luschelau zur Kirche gefahren. Karl Zdurotschin, der sich nirt Waldmann schnell befreundet hatte, legte Hut und Stock auf die Kommode, zog sich die Handschuhe aus und brachte ohne weitere Umschweife sein Anliegen vor.

Ach, Herr Zdurotschin!" rief Frau Knorreck, ganz verlegen vor Ueberraschung, Freude und Glück, und schlug die Augen nieder, als gälte ihr der Antrag.Nein, dieses Glück, diese Ehre!"

Ja!" sprach Karl Zdurotschin und setzte sich stramm aus den Stuhl.Ich Hab mir die Sache reiflich überlegt« Der jüngste bin ich ja nicht, aber meine Gesundheit ist wie aus Elsen. Und drei Millionen, mein ich, sind kein Pappe- strel!"

Frau Knorreck hob abwehrend die Hände.

Das erbt sie alles einmal," fuhr Karl Zdurotschin fort.Denn Verwandte Hab ich nicht. Wenn sie mich mag, andere rch noch heute das Testament."

Frau Knorreck rang vergeblich nach Fassung. Außerdem war draußen rn der Küche der Braten in Gefahr.

Meine Einwilligung geb ich Ihnen mit Freuden!" entrang es sich ihr endlich.Aber die Leute werden sich den Mund zerreißen."

Mögen sie!" ries Karl Zdurotschin und machte eine wegwerfende Bewegung.Ich hab's Geld und pfeif auf die Leute!" ' '

cm ra ?.t ertC c ber dichte Korbwagen mit den beiden Wallachen über den Hof. August Knorreck warf dem Knecht dre Zügel zu und kam herüber. Hedwig zögerte noch etwas, denn sie hatte mehrere Einkäufe, die unter dein Sitzbrett verstaut waren, zu bergen.

Guten Tag!" sprach August Knorreck und reichte Karl Zdurotschin die Hand.Sie bleiben zum Essen da?"

Da platzte Frau Knorreck mit Karl Zdurotschins An­liegen heraus.

(Fortsetzung folgt.)

3ttt yimmelsgatzchen.

Skizze von I. G. Seeg er (Augsburg).

(Naäidruck verboten.)

, "N?-Ep. meine Gnädigsten ... eine kleine, verdammt ästhe- tilch-unasthetische Geschichte,^ sagte, nachdem ihn die Damen lange genug mit ihren Bitten um eine Anekdote" oderso etwas Aehn- liches' gequält hatten, der alte Arzt mit den lustigen Weinäuglein, die aber heute gar nicht schalkhaft dreinblickten.Verdammt ästhe- nfcr-unaNhetrsch und aus der tiefsten Schicht emporgehoben . . . Eigentlich kein Geschicktchen zum Nachtisch . . . Aber . . ."

Er sah sich iw Kreise der etwas verlegenen und doch gespannten Frauen um, die auf einmal eifrig an ihren Soldatenstrümpfen strickten und alle nack) herabaefaltenen Masckxm zu suchen schienen.

Also . . . da würbe ich neulich in dasHimmelsgäßchen" gerufen. T ie wissen . . . Volkshmpor. Schmal ist der Weg usw.