Lurück zur Scholle.
Roman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ehe Hugo aber ins Wirtshaus ging, suchte er noch einmal Hedwig auf, die er im Kuhstall bei den melkenden Mägden traf.
„Du, Heb?!" sprach er leise und zog sie in die Ecke, wo die Futrerkiften standen. „Lag mal, möchtest du gerne reich sein?"
„Ach, sehr gerne!" seufzte sie und dachte dabei an den Baron. „Schrecklich gerne!"
„Schön!" nickte er befriedigt. „Das wollte ich bloß wissen. Mir geht es nämlich ebenso."
Am Biertisch traf er Thomas Hauschild, der mit Franz Wiegelt wieder einmal Sechsundsechzig spielte. Hugo löste den Gehilfen ab, der noch einmal in den Pferdeställen zum rechten sehen mußte.
„Sie kommen doch wieder?" fragte Hugo und mischte die Karten. „Wir können ja dann einen Skat klopven."
„Es dauert nicht lange!" gab Thomas Hauschilo zurück.
Ehe er aber erschien, kam Moritz Gassel an, setzte sich an den Tisch und sah zu. Spielen mochte er nicht, weil er es sich nicht leisten konnte.
Als Thomas Hauschild von seinem Jnspektionsgang zurückkehrte und er auf seinem Platze den Schulmeister erblickte, stutzte er. Moritz Gasse! nahm keine Notiz von ihm. Und Thomas Hauschild wieder schämte sich seiner Ungezogenheit, denn er hatte in der Zwischenzeit erkannt, daß er Moritz Gassel im Unrecht verdächtigt hatte. Nicht ein einziges Mal war er seit dem Ball mit Hedtvig zusammengetroffen.
„Nanu?" fragte Hugo verwundert. „Habt ihr was miteinander gehabt?"
„Ich nicht?" erwiderte Moritz Gassel gelassen und blieb sitzen. „Aber Herr Hauschild wird wohl seinen Irrtum eingesehen haben."
„Das Hab ich!" stieß der plötzlich heraus, wurde rot und reichte Moritz Gassel die Hand. „Es war eine Dummheit von mir."
„Schon gut!" erwiderte Moritz Gassel und nahm die Hand. „Tie Sache ist erledigt."
Als er nach einer Stunde aufstand, hatten die beiden andern dem Gastwirt vier Mark abgeknöpst. Hugo bezahlte von dem Gelde seine Zeche und machte einen Gang durchs Dorf, über das sich grade die Schatten des Abends senkten. Am Pfarrgutszaun tras er Pelagia Dubin. Aber sie stand nicht allein, Daniel Zpuppack war bei ihr. Doch er drückte sich, als er den Studenten kommen sah. Pelagia Dubin aber blieb stehen, und Hugo sah darin eine Aufsorberung, näher zu treten.
Thomas Hauschild dagegen saß bei Hedwig und lwls ihr beim Garnwickeln. Die Mutter war im Hinterzimmer damit beschäftigt, Hugos Wasche zu ordnen, die er mitgebracht hatte. Und in welchem Zustand!
„Ich geh noch einmal zum Herrn Baron!" sprach August Knorreck und ließ die beiden allein.
,Hedwig?" meinte Thomas Hauschild und faßte sich ein Herz. „Wissen Sie auch, weshalb ich hiergeblieben bin?"
„Ich bin nicht neugierig," wich sie ihm geschickt aus.
Da rückte er noch näher und wollte sie um die Taille fassen. Ganz erschreckt sprang sie auf.
„Was fallt Ihnen denn ein!" rief sie entrüstet. „Gehen Sie znr Pelagia!"
Au seinem Unglück kam Frau Knorreck herein, daß er weitere Annäherungsversuche unterließ. Die Mutter sehnte sich in Angst nach ihrem Hugo. Der aber kam erst kurz vor Mitternacht heim.
Am nächsten Morgen traf er mit dem Baron zusammen, mit dem er sofort in ein angeregtes Gespräch geriet. Die beiden hatten in ihren Ideen sehr viele Berührungspunkte.
Und da Huao merkte, daß er einen verständigen und aufmerksamen Zuhörer hatte, setzte er sich wieder auss hohe Pferd und ließ wuchtige Satze vom Stapel. Außerdem hatte er schon wieder einen Kater zu bekämpfen.
„Der Staat ist ein Philisterpferch. Die Justiz ist die Ungerechtigkeit der Herde gegen das Individuum. Die Universität ist ein fossiles Ungeheuer aus der Tertiärperiode. Der Militarismus ist der Beweis der menschlichen Bestialität. Die Religion ist der ethische Lutschbentel, mit dem die Weltgeschichte aroßgepäppelt wurde. Die Sozialdemokratie ist der religiöse Wahnsinn der Neuzeit. Das allgemeine Wahlrecht ist das offene Eingeständnis, daß kern Mensch mehr taugt als der allerdümmste."
„Man sieht," lächelte Fritz von Winkelberg, „Sie haben tüchtig nachgedacht."
„Jawohl!" tvarf sich Hugo in die Brust. „Die ganze Welt ist ein Unsinn. Das steht übrigens schon bei Kant, aber mit anderen Worten. Doch das macht nichts. Das einzige Wort, was Sinn hat, ist: Nach uns die Sintflut!"
„Ich muß gestehen," fuhr der Baron fort, „daß ich zu wesentlich anderen Resultaten gekommen bin. Daß die Gesellschaft das Individuum unterdrückt und unterdrücken muß, ist notwendig, sonst verliert sie ihre Existenzberechtigung. Doch gibt es ein Gebiet, wohin die Macht der Masse nicht reicht. Und auf diesem Gebiet liegen die größten Ge nußmöglichkeiten."
„Ein Gebiet?" fragte Hugo verblüfft. „Wo ist dieses Gebiet?"
„Das Individuum setbst," lächelte Fritz von Wiukel- berg fein, „wir selbst, unser Inneres, odc? t</w Sie es nennen mögen. Dahin langt die Gesellschaft nicht. Das


