BilOc.

Skizze von Haül Markp-.

. ' I.

Ter Vorsteher aus dem kleinen französischen Bahnhof gab daS Zeichen zur Abfahrt.

Und langsam setzte sich der Lazarettzug in Bewegnna. Ganz langsam, damit kerne Erschütterung den armen Verwundeten da drinnen neue Schmerzen bringen sollte.

Durch verwüstete Landstriche ging die Fahrt, vorbei an zer­schossenen Dörfern, verbrannten Häusern und verwüsteten Fel­dern. Wagen und Geräte lagen links und rechts der Eisenbahn. Und rrur hier und da zeigte ein alleinstehender Obstbaum art, daß ernst blühende Gärten und fruchtbare Jelder an dieser Stelle gewesen waren.

Oede und traurig war die Lcurdschast, wo her Krieg mit seiner unbarmherzigen Faust Hinvingriff, und Trümmer nur blieben als Spuren zurück.

Selten schaute einer der Insassen des Zuges hinaus aus die Trüsnmerftätten.

. waren Schwcroerwundete. Tie meisten lagen müde Und abgespannt in ihren Betten Und regten sich nicht, nur daß manch­mal die Schmerzen ihr Gesicht verzerrten.

Krankenschwestern in schneeweißen Kleidern huschten vorbei, halfest da und dort, linderten den Durst und erneuerten den Notverband.

Im Operationswagen klirrten die Instrumente, und leise flüsterten die Aerzte. Man hatte eben einem jungen Freiwilligen ein Pein abgenommen. Nun kam ein Landlvehrmann mit zer­schossenem Arm. Es war der rechte. Sollte auch er ab?

Die Aerzte flüsterten. .

Weiter hinten ivar die Küche, in der es brodelte und kochte. Waxnies Essen wurde für die Helden bereitet, die schon tagelang nichts Ordentliches genossen hatten.

Wie wohl wird es ihnen tun! Jetzt eine gute warme Suppe," dachts die Schwester in der hellen Schürze und legte von neuem Kohlen auf. -s

Es war ein emsiges Leben im Lazarettzug, ein Wogen ging hin und her, und dock) war älles so seltsam ernst. Fast lautlos wurhe gearbeitet. Die sich Begegnenden sprachen leise, man hörte kaum ein lautes Wort.

Nrtr das Stöhnen der armen Soldaten unterbrach die emsig- stille'Ärbeit.

Ön einem der letzten Wagen lag ein junger Lehrer mit eini­gen Kameraden zusammen. Sein Kopf war unförmlich verbunden, kaum daß die Augen und der Mund frei blieben. Dock waren es nisr leichte Streifschüsse. Die Hauptwunde war am Bein. Der rechte Oberschenkelknochen lvar von einem Granatsplitter zer­schmettert worden.

Seine Kameraden schienen zu schlafen, wenigstens lagen sie stihl da. In ihm über arbeitete das Mut, und das Fieber schüttelte seines Körper. Bei jeder Bewegung schmerzten ihn die Münden. Und er konnte keine Ruhe finden.

Nack) dem starken Blutverlust lvar er ohnmächtig geworden, liatte dann wohl einige Stunden geschlafen dort im Feldlazarett. Mer es waren nicht nur die Schmerzen, die ihn quälten.

In seine Fieberträume kam immer »oieder dasselbe Bild, in den wilden Worten, die er ausstteß, kehrte immer derselbe Name wieder. Die Schmerzen ließen lrach, die Träume aber nicht.

Er sah sich mitten im Schlachtgetümmel, sah das Weiße in dem Auge seines Gegners, schauderte vor dem haßerfüllten Blick; dann aber stach er zu mit seinem Bajonett.

All die schrecklichen Augenblicke durchlebte er iroch einmal, hörte das unheimliche Geknatter der Maschinengewehre, das Wür­gen der Bajonette, vereinzelte Gewehrschüsse und das dumpfe Grollen der Kanonen.

Dock) heil kehrte er aus dem Gemetzel zurück. Die schauerlichen Mlder verschwanden, .und er konnte für Augenblicke ruhig schlummern.

Tann wieder stand er im Traum auf der Wacht, einige hun­dert Meter vor dem zerschossenen Dorfe, in dem seine Brüder ruhten.

Wie friedlich ivar die Nacht! Ganz klar die Luft. Die Sterne glitzerten, und ein weicher Wind brachte FrühlingsahrSn in seine Seele.

Er stand da und schaute hinauf nach denk Himmel, nach den Sternen, nach dem eine n Stern. Dem hellen Stern, beit sie einst zusammen bestimmt hatten, den sie abends betrachten und ihrer Liebe gedenken wollten; er und Hilde.

Wie oft hatte er im einsamen Odenwalddörfchen gesessen und jeden Abend bei hellem Himmel den Stern betrachtet und dabei gefühlt, daß jetzt drunten in der Neckarstadt ein Paar glänzende Augen ebenfalls hinaufschauten nach dem leuchtenden Gestirn. Es lvaren schöne Stunden gewesen. Wie fern, wie fern!

Doch trübe Tage kamen. Am. Himmel zogen dre Wolken, auch in seinem Herzen wurde es trübe. Er würde versetzt, kam in ein Städtchen. Und in jugendlichem Leickstsinn gedachte er auf den Wogen des lustigen Lebens zu schwimmen und sah bald, daß er untcrsank.

Er vergaß den Stern und vergaß die freuen Augen, vergaß

Me heiteren Feiertaae im Alten Pfarrhaus des Odenwaldes, wo er und Hilde sich im Sommer gefunden hatten.

Er merkte es bald, sah aber auch, daß es zu spät war. Stolz hatte sie sich von ihin gewandt, von ihren heimlichen Tränen wußte fr nichts.

Bittere Reue kam zu spät. Ob er gleich die letzten Monate verfluckste, das Glück kam nicht wieder. Voll Unruhe und Zweifel verbrachte er nutzlos sein Leben.

Ta kam der Krieg.

Tie heiße Flamme der Begeisterung schlug auch in sein Herz. Nun wollte fr hinausAiehen, .mm konnte er das elende Leben hinter sich lassen. Sern Mies sollte dem Vaterlande gehören. Im Kriege gabs vielleicht für ihn ein Vergessen.

Aber nein!

Als sie unter Tücherschwenken und mit Blumen geschmückt dre Garnison verließen, als Mädchenhände ihnen zuwinkten und die begeisterte Menge ihnen huldigte, da stand sie wieder vor ihm, da sah er sie wieder in ihrem Hellen Kleid, und er dachte:Wenn sie dir letzt verziehen hätte und sie könnte auch dir zuiubeln!"

Und mit lodern Tag, den sie weiter in Feindesland ein- rückten, starch ihr Bild schöner und reinfr vor ihm, und im Schlachtgewühl dachte er an sie.

O, wenn er heimkehren würde! Auf den Knien wollte er sie l;m Verzeihung bitte::. Er, der für das Vaterland gekämpft hatte, mit dem Eisernen Kreuze geschmückt, wollte sich vor ihr beugen und sagen;Hier bin ich wieder, kannst du mir vergeben? Sieh, ich habe getan, was ich tun konnte ünd will deiner würdig sein."

Ja, das wollte er.

Und sein Blick hing immer noch an dem einen hellen Stern am Himmel.

Ern Stöhnen ließ ihn auffahren. Er war wach, und die Sonne schien freundlich zum Fenster des Wagens herein. Durch lachende Gefilde fuhr der Zug. Er sah das glänzend breite Land des stolzen Rheins stnd dahinter freundliche Dörfer und Städtchen grüßen.

In Deutschland, in meinem lieben Deutschland!" schluchzte er, und die Tränen liefen ihm über die Wanaen.

So komme ich wieder zu dir, zerschossen und voll Blut! Utch wollte'als Sieger einmarschieren! So komme ich als Krüppel."

Aber seine Augen gingen doch immer wieder hinaus, und er konnte sich nicht satt sehen an der deutschen Landschaft im ersten Frühlingsgrün.

Wie wohl das den Augen tat! In vielen, vielen Wochen hatten sie ja nur Trümmer und Stfrnhaufen gesehen.

Jetzt aber war er ans dem Kriege zurückgekehrt und kam in das friedliche Deutschland. Kein Geräusch, kein Rauch und kein Schreckensbild erinnerte an den.Weltenbrand. Hier war Frieden, hier war Ruhe.

Auf den Bahnhöfen winkten ihnen Mädchen und Frauen zu.

Er war wieder daheim, in seinem Vaterland!

' II.

Als ich vor einigen Tagen meinen Freund im Lazarett be, suchte, war der Verband am Kopfe weg, und nür einige liefe! Narben lvaren geblieben.

Vor kurzem hatte er mir in einem ausführlichen Briefe geschrieben, lvo und wie er seine Verwundung erhalten hätte und daß er schon etliche Male operiert worden wäre. Die Aerzte hofften, daß der Knochen wieder heilen würde. Wenn er aber noch einige Stunden länger auf dem Schlachtfelde gelegen hätte, dann wäre es um sein rechtes Bein geschehen.

Wie er außerdem rwch gelitten hatte, schrieb er mir auch, das meiste wußte ich allerdings schon. Und tzanz zum Schluß hatte es geheißen;Komm bald zu mir, komm gleich zu mir, denn ich habe dir ein gwßes. freudiges Erlebnis mitzuteilen. Dir muß ick es zuerst sagen!"

Und aus Freude, daß es ihm yut ging, aber noch mehr aus Freude, daß ihin seine Hilde verziehen hatte das dachte ich mir gleich reifte ich sofort nach W.

Und nun stand ich vor tfym.

Es war der alte liebe Karl noch. Nur etlvas verlvUdent. Er hatte einen langen Bart. Seine Augen aber waren dieselben« glänzend und lebhaft.

Lange hielt ich seine Hand und drückte sie immer und immer wieder. Ich konnte kaum reden, so froh war ich, daß ich ihr, wiedersah. t

Aber endlich sagte er:So setz dich doch! Das Schönste weißt du ja noch nicht."

Und ich setzte mich auf den Bettrand.

Sein Gesicht strahlte, als ich vorsichttg fragte:

Gelt, es ist etlvas mit der Hilde?"

'Ja, ja, es wird schon was sein," meinte er, und seine Augei< leuchteten schelmisch.

Dann aber erzählte er:

Es rvar schon Abend, als wir in W. ankainen und ich lster im Lazarett abgeladen wurde. Bon der Fahrt, die ick) den ganzen Nachmittag voll freudigen Schauens verbracht hatte, war ich recht müde und schlief mich ziemlich gut in der ersten Nackst.

Am Morgen kamen schon die Aerzte und wollten das Bein sehen. Einer meinte, cs wäre recht schlimm, der alte Professor