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Fritz von Winkelberg erschien etwas später auf dem Plan. Das Schloß war notdürftig instand gesetzt, eine alte Wirtschafterin sorgte für die Zimmer, eine robuste Köchin für das Essen, und ein Gärtnerbursche-, der den Park zck beaufsichtigen hatte, machte sich gleichzeitig als Diener nützlich. Nach dein Frühstück spazierte der Baron durch die Ställe, wo er mit Frau Knorreck scherzte und nach .Hedwig fragte. Doch die wich ihm stets aus. Höchstens einmal in der Woche bekam er sie zu Gesicht, und dann mußte er sich mit einem slüchtigcn Gruß begnügen. Gemächlich marschierte er, wenn das Wetter günstig war, auf die Felder hinaus, suchte August Knorreck auf und fragte ihn nach allem, was ihm sragenswert erschien. Das war nicht wenig. Und August Knorreck gab ihm höflich Antwort und freute sich, daß der Herr Baron so viel Verständnis und Liebe für die Landwirt­schaft bewies.

Fast noch mehr aber freute er sich über Moritz Gassel, der jetzt glücklich die siebenhundert Mark in den Schulgarten hineingesteckt hatte. Tie Hochstämmchen und das Weinspalier, die Birnenpyramiden und die Pfirsichsträucher, die Spargel­plantage und die Beerenbüsche standen an Ort und Stelle und warteten nur aus die Sonne, die alle Tage höher stieg und die braunen Knospen lockte. Im Bienenhause saßen zwei alte Bienenkörbe, darin zwei alte, wohlgeübte Jmmenvölker wohnten, reich an Köpjen und Vorräten. Drei oder viev Schwärme sollte ihm jedes bringen. Außeerdem hatte er sich schon für den Mai einen Schwarm echter Italiener bestellt, um die Rasse zu verbessern. Und am Mittag, wenn die Sonne warm auf den Fluglöchern alg, wagten sich schon einige der fleißigen Arbeiterinnen heraus und versuchten einen kleinen Flug. Moritz Gassel stand dabei und freute sich wie ein Kind.

Doch nicht immer schien die Sonne. Der März ging mit Sturm, Hagelschauern und Regengüssen zu Ende, und der April begann mit einem starken, kalten Landregen, der drei Tage anhielt, durch alle Ritzen drang und die frischen Saatkörner weich in das Erdreich bettete.

In dieser Zeit ging Moritz Gassel zum erstenmal aufs Schloß, um den Herrn Baron und Schulpatron um seine Berufung zu bitten.

Fritz von Winkelberg empfing ihn mit einem herzhaften Handschlag.

Sie haben lange aus sich warten lassen!" rief er und bot ihm einen Stuhl an. Moritz Gassel brachte schüch­tern sein Anliegen vor. Sofort kramte der Baron in den Gutsakten herum und zog eine ältere Vorlage einer solchen Lehrerberufung heraus. Und er begann zu lesen.

Nachdem die Lehrerstelle an der hiesigen evangelischen Schule durch den Tob des bisherigen Inhabers zur Erledi­gung gekommen ist," >. (

Fritz von Winkelberg sah aus.

Hier könnten wir eigentlich die Gründe angeben, wes­halb sich der bisherige Inhaber im Schwedenteich ertränkt hat. Es wäre doch sehr gut, wenn die Herren da oben sich rn der Folgezeit etwas mehr in acht nehmen würden."

Moritz Gassel aber verbarg sein Bedenken nicht, daß durch eine solche Bemerkung die Bestätigung der Berufung hinausgezögert werden könnte.

Also lassen wir es?" erwiderte der Baron und las weiter. ,, habe ich mich bewogen gefühlt, den Schulamts- kandidaten und jetzigen Lehrerstellvertreter Moritz Gassel für diese Stelle zu berufen. Ich berufe denselben zum Lehrer an die evangelische Schule zu Britzkawe, Kreis Sulitsch, und mache demselben zur Pflicht, dieses Amt mit allem! Fleiß und aller Treue zu verwalten, einen tabellosen Lebens­wandel zu führen, die ihm anvertraute Jugend im Christen- tume und in den gemeinnützigen Kenntnissen nach den Vor­schriften der Königlichen Regierung gründlich und zweck­mäßig zu unterrichten, sic zur Gottesfurcht, zum Fleiße und zu guten Sitten anzuhalten, ganz besonders aber zu guten Menschen, frommen Christen und brauchbaren, Sr. Majestät dem Kaiser und König getreuen und gehorsamen Staats­bürgern heranzubilden."

Fritz von Winkelberg lächelte still vor sich hin.

Hier stand früher das WortUntertanen"!" fuhr er fort. Nun wissen Sie's! Schreiben Sie die schönen Phrasen ab und bringen Sie mir dann die Urkunde zur Unterschrift. Hier folgt Ihre Annahme-Erklärung. Und den Beschluß fatnofe widerrufliche Bestätigung durch die Königliche Regierung. Der p. Gassel wird zugleich auge- wiesen, sur seine Person feinen Vorgesetzten die gebührende

Achtung zu erweisen und immer und überall so zu handeln, wie es die Staats'gesetze, die Religion und sein Gewisses

von ihm fordern. Sehr fein! Es gibt doch noch Jesuiten

im deutschen Reich. Merken Sie wohl auf! Die Staütts^ gesetze, die Religion und das Gewissen. Was machen Sie

nun, wenn Ihr Gewissen mit den Staatsgesetzen und der

Religion nicht harmoniert? Halten Sie sich an das Ge­wissen, verfallen Sie den Staatsgesetzen und halten Sie sich an die Staatsgesetze, so zwickt man'Sie mit dem Ge­wissen."

Verzeihung!" warf Moritz Gassel ein und nahm die Vorlage an sich.Doch nur in dem Falte, daß die Staats­gesetze mit meinem Gewissen divergieren!"

Das werden sie sicher!" lachte der Baron.Warten Sie's ab. Die Staatsgesetze sind das Gewissen der Gesell­schaft, das Gewissen aber ist das Staatsgesetz des Indivi­duums. Dazwisckien gibt es keine Brücke."

O doch!" ries Moritz Gassel schnell.Die Religion!"

Sie denken an die Kirche?" lächelte der Baron.Sie ist eine gesellschaftliche Angelegenheit. Die Religion des Individuums aber ist die Freiheit." Dann holte er das Schachbrett und setzte Moritz Gassel dreimal matt. Als her Um Mitternacht nach Hause ging, schwirrte ihm der Kopf, daß er lange den Schlaf nicht finden konnte. Gab es über­haupt eine Freiheit hier auf Erden?

Am nächsten Tage unterfertigte der Baron die Be­rufung und schickte sie an den Kreisschulinspektor Hupfer, damit sie auf dem vorgeschriebenen Instanzenweg nach Breslau käme. Moritz Gassel schlug sich drei Tage mit dev Freiheit heruin, dann ging er in den Garten. Und Mer fand er auch, was besser als die Freiheit war: die Arbeit, Aber er wußte nicht, was für ein großer Schatz es war,- den er da heimlich gehobeti hatte.

Auch Hugo Knorreck, der Student aus Halle, der am Sonnabend vor Palinarum im Schnellzuge saß, der von Posen nach Zdurotschin lief, tappte noch in dieser Dunkel­heit herum. Ft ei ist der Bursch! war sein Lieblingsspruch und seine Sehnsucht war, sich wie ein tanzender Stern im Weltenraume auszuleben. Er sah gar nicht aus wie ein zukünftiger Theologe, seine linke Wange war durch einen groben Schmiß verunziert, und bei jeder Station schaute er mit seinen lustigen, braunen Augen nach hübschen Mäd­chen aus. Einen Schmerbauch hatte er noch nicht, aber es schien einer untertvegs zu sein. Ein paar Semester hatte er als Korpsstudent gepaukt, sich dann als Burschenschafter betätigt und war schließlich wild geworden, so wild, daß er nicht einmal ein bestimmtes Stammlokal besaß. Ueberall hatte er Zwang und Knechtung gefunden und sich mit einem männlichen Ruck von all den lächerlichen und blitzdummen Einschnürungen der Studentenverbindungen befreit. Ebenso hielt er es mit der Wissenschaft. Sein Interesse darai» war nicht gering, aber es widerstrebte ihm, sich irgendwo festzulegen. Er suchte etwas auf der Universität, was man dort nicht lehrte: die Universalwissenschast. Und so behalf er sich mit den Surrogaten der Rechtsknnst, der Medizin, der Philologie und der Naturwissenschaften. Sein logisches Vermögen war geübt und durch überflüssigen Stofs nicht sonderlich beschwert. Seine Konsequenz bestand darin, daß er alle Erscheinungen in möglichst nahe Beziehung zu sich selbst setzte. Deshalb konnte er kein Verhältnis zur Gottes­gelahrtheit finden. An die Zukunft dachte er nicht, denn er war noch vierundzivanzig Jahre jung. Als er am Mittag in Zdurotschin ausstieg, merkte er, daß seine Kehle trocken war. Das alte Leiden! Er dachte an Karl Zdurotschin, den er von früheren Zechereien kannte, und ging ins Hotel zur Sonne. Dudeck, der neue Wirt, der ihn nicht kannte, be­grüßte ihn warm. Karl Zdurotschin, der noch schlief, wurde heruntergeholt. Er hatte schon mit viel zu vielen Bruder­schaft getrunken, um sich Hugo Knorrecks noch genau er­innern zu können. Als er aber sah, daß er Hedwigs Bruder vor sich hatte, fiel er ihm ohne weiteres um den 5mls und küßte ihn ab. Und dann begann das Pokülieren.

Frei ist der Bursch!" ries Hugo und schwang das schäumende Glas.

Wenn er das nötige Kleingeld hat!" dämpfte Karl Zdurotschiu sofort seinen Mut.

Das mußte Hugo zugeben.

(Fortsetzung folgt.)