Gberjäger Albrecht.
Skizze bon Martin Proskauer.
Im Torfe Badouilles hinter dem breiten bewaldeten Bergrücken steckte das Jägerbataillon, klammerte sich sozusagen an die halbzerschossenen Mauern der Häuser, hielt dem Feuer aus den weittragenden Geschützen der Franzosen stand und schickte unverdrossen. seine Schlcichpatrouillen den Berghang heraus.
Heute schien bei den Feinden der Teufel los zu sein. Granaten vom schwersten Kaliber krachten in das Dorf, und , vor dem Torfrand platzten die.Schrapnells. Wollten die Kerle einen Angriff wagen, das Bataillon erst mürbe machen? . ^
„Meldung an die Brigade?" befahl der Major. Eure Stunde später zog ein Eindecker, die schwarzen Kreuze aus den Flügeln, von Osten her über Badouilles aus die französischen Stellungen zu. Gleich daraus hämmerte das Telephon, das zur Brigade führte uiid das. täglich zerschossen, täglich von den Jägern geflickt wurde Der Major nahm den Hörer, machte ein ernstes Gesicht. Tie Offiziere in der Bataillonssttrbe rasselten hoch, als er eintrat:
„Meine Herren- Befehl von der Brigade: Unser Bataillon stößt sofort über den .^erg vor, um unter allen Umständen^Einblick tn die Bewegungen des Feindes zu erhalten. Es ist eine Stellung auf dem Hügelrücken zu erreichen, die nach Erfolg wieder geräumt werden kann!"
Die Offiziere hoben die Hände an die Tschakos:
„Zu Befehl?" Sie hatten verstanden.
Das Bataillon trat an; die helle Sonne schien lrohttcb wärmend über die zerschossenen Häuser, als die Jäger losrücktem Zwei Stunden später samntelte sich das Bataillon, keuchend, mit verzerrten, beschmutzten Gesichtern, zerfetzten Uniformen, auf halbem Weg zwischen Dorf und Bergrücken. Der Mafor kroch z'tvischen den Leuten durch — fast alle Offiziere gefallen — vorwärts, die Feldwebel und Stellvertreter an ihren Platze
Wieder sprangen, krochen, liefen die Jäger den Hang heraus, zum zweitenmal in die Höffe pfeifender Gewehrkugeln, platzender Schrapnells, wirbelnder zackiger Eisenstücke, brechender. -teste und mußten zurück — bis an den Dorfrand zurück?
Etwa zweihundert Meter unter der Höhe des Bergrückens — io lwch hatte das Bataillon der Sturm geführt — lag zwischen toten Jägern und Franzosen der Oberjäger Albrecht vom Telegraphen- Dctachcment des Bataillons, stöhnte und versuchte, sich auf den Rücken zu wälzen. Endlich gelang es ihm. Er ruhte eine kleine Weile aus, dann richtete er sich langsam auf. Hinter chm Itteg der Hügel an, über ihn fort sausten hoch über den Bäuinen bie feindlichen Granaten, und unten vom Fuß des Hügels fna(lt€ das Peitschen der Gewehrkugeln. Er horchte hin. Das war sein Bataillon, das dort unten, fast schon im Dorfe, gegen die Höhe feuert» über die der Feind vorzustürmen nicht wagte, wie es schien. , Rechts neben ihm klatschte es im Holz, zersplitterte Rmde slog ihm um den Kopf. Der Oberjäger legte sich wieder hin. Er hatte keine Lust, sich vom eigenen Bataillon hier totschießen zu lassen. So kroch er langsam die Höhe herauf, sich schräg hinter einem gestürzten Baum haltend und gegen die Kugeln von unten beschützt. Gleichzeitig spürte er ein stechendes, eiskaltes Schmerzgefühl un Oberschenkel, das sofort einem rasenden Brennen wich. Er tastete an sich herum Du saß im Oberscheukel ein Schuß: im Rücken mußte auch einer stecken, seiner blutbefleckten Hand nach zu urteilen. Er riß die Verbandpäckchen heraus und legte sich die Streifen, so gut es ging, auf die Wunde. Dann ließ das Schmerzgefühl nach, und
er sah sich um. _ . #
Rings um ihn lagen Tote, Nichts als Tote. mutzten ja hier den Franzosen auch geradezu in die Spieße laufen. Ja, das half liichts, dachte er, schade nur, daß es umsonst war?
Die Jäger waren doch svieder zurückgegangen. Wo warm denn eigentlich die Franzosen? Wieder kroch er ein Stück, ruhte, kroch und zog sich an Stämmen und abgebrochenen Aesten höher. Endlich lag er, erschöpft keuchend, aus einer kleinen Felsplattej uiid sah auf die jäh abstürzende andere Bergseite herunter. Rasch hob er das Fernglas an die Augen.
Da wimmelte es von Franzosen? Dort hinten war eine breite Chaussee, schivarz von Truppen. Und dort Geschütze-Wagen, Train- und alles in Marschkolonne? t
Er starrte durch das Glas, bis ihm cm Schmerzgefühl den Arm herilnterriß. Dann sah er nach dem Dorf. Dort schienen Verstärkungen anzukommen. Jetzt knatterte über ihm der deutsche Eindecker, der plötzlich wieder da war, senkte sich, schoß hoch und fing an, in kleinen Rußstreifen seine Signale anzupufsen. Aber sckwn standen weiße geballte Wolken um ihn — aus dem Walde dort au der Chaussee krachte es — der Oberjäger sah hin und verstand, woher das Geschützfeuer gekommen war, das sie im Dorfe so zu gedeckt hatte — er lvollte nach dem Eindecker sehen/ — ein Rarichstteiseu — ein weißer, steil durch die Luft iiach unten rasender Punkt — und aus war es!
Albrecht ließ das Glas von den Augen. Der Aevoplan war in das Gebüsch mitten in die feindlichen Stellungen gestürzt. Die brauchten nicht zu rennen, »Vas da lag, lief und slog nie mehr.
Wo blieben die Jäger? Wieviele mochten lioch leben — von seiner Kompagnie, vom Bataillon?
Er sah angestrengt nach Badouilles zu.
Dort hinten, auf der kleinen Erdwelle vor den: Dorf, blinkte etwas. Was mochte das sein? Jetzt sah er es deutlich durch das
Glas. Da stand ein Heliograph, vermutlich mit einer Kavallerieabteilung vorgeschickt und gab seine Zeichm. Tie galten wohl dem Flieger — der sah keine Signale mehr! Immer noch zuckten die Lichtblitze aus dem Heliographen, dann hörten sie auf. Ta hatte der Oberjäaer Albrecht eine Idee.
Er griff nach den Tornisterriemen, schnallte ab und wühlte m seinem Gepäck. Ta tvar ja sein kleiner Taschenspiegel. „Geck" hatten ihn die Kameraden lachend genannt, wenn er sich in der Garnison so oft spiegelte — vielleicht nutzte der Spiegel jetzt etwas. Er kroch noch weiter auf die Felsplatte, so reclü mitten in die Frühjahrssonne, die warm und friedlich auf die Zerstörung ringsum schien.
*
Bei Badouilles stand der Wachtmeister der Kavallerie-Tele- graphen-Abteilung neben dem Unteroffizier, der den Heliographen bediente und sagte:
„Aus — futsch! Pack' ein. Raschle, der Aeroplan ist doch weg, der liegt längst drüben bei den Herren Franzosen!"
Ter Unteroffizier zog die Spiegel vom Gestell, während der Wachtmeister durch seinen Feldstecher das Gelände absuchte.
„Eklige Gegend", sagte er, ,chie werden noch solange schießen, bis sie uns treffen. Wenn nur unsere Artillerie uns bald ein bißchen Lust machte — halt — was ist das?"
Er gab dem Unteroffizier das Fernglas.
„Raschle, was ist das dort oben — zwischen den Stämmen gradaus — aus der Höhe?"
Raschle stierte hin. . w .
„Da toiu wohl — hol' mich der Teufel — da will einer signalisieren !"
„Richtig", brummte der Wachtmeister, „das schien Mir auch so! Was wird das wieder für eine stanzösische Verrätern sein, die die Kerle ausgeheckl haben? Los, schnell die Spiegel 'raus, Paschke!"
Er schraubte die Spiegel fest und sah durch das Rohr.
„Raschle", sagte er aufgeregt, „da redet einer deutsch! Einfach) das Morse-Alphabet! Da, lang — kurz — kurz, lang — kurz — kurz — das heißt doch dringend!"
Er riß den Meldeblock heraus und schrieb. Daun sprang er auf.
„Hier Raschle, los auf's Pferd und mit drei Kreuzen zum Stab geritten, verstanden! Und bring' Bescheid mit!"
Hinter dem Dorf hielt der Brigadestab. Der General riß den Umschlag aus, den ihm der herangaloppierende Unteroffizier brachte.
„Meldung von Kav.-Tel.-Abtg. 23. Bon Höhe hinter Badouilles meldet soeben ein Oberjäger Albrecht, angeblich 3/98, daß er verwundet dort oben liegt. Hat französische Truppenbewegungen beobachtet. Erbitte Instruktion. Lindemann, Wachtmeister.
Ter General ries den Adjutanten. . . .
..Hier, lesen Sie! Ob da eine Falle vorbereitet wird? Holen Sie sofort einen Ofstzier der 3. Kompagnie vom Jägerbataillon dort aus dem Dorf. Der Mann aus d?m Berge soll die Namen seines Feldwebels und seines Hauptmanns nennen. Wollen 'mal sehen, ob er's weiß!"
Eine Viertelstunde raste der Adjutant heran, gleichzeitig knatterte ein Motorfahrer her, der hinter sich auf dem Rad einen Jager- Bizeseldwebel stehen hatte. ^ ,
„Von der dritten Kompagnie?" stagte der General.
„Zu Befehl!"
„Warum kommt kein Offizier?"
„Die dritte hat keine Osffziere mehr!"
„So? — Kennen Sie den Oberjäger Albrecht?
„Zu Befehl, von der dritten!"
„Zuverlässiger Mensch?" . ^
„Ein sehr guter Soldat, seit dem letzten Sturm heute mittag wird er vermißt, er ist wohl gefallen." ^ ~
„Wie heißen Feldwebel und Hauptmann der dritten Kom-
^^,Hauptmann von Quistner und Feldwebel Schulz, beide gefallen!"
Der Adjutant nickte.
„Stimmt! Dieselben Namen signalisierte der Mann von der .Höhe aus." , „ . .
Der General drückte die Mütze fester ins Gesicht.
^,Dann los — kommen Sie, wir wollen selbst zum Heliographen !" ^ -
In eine Erdgrube gedrückt, hockten die Stabsoffiziere aus Steinen, beugten sich über die Zettel, die der Wachtmeister am) Heliographen ausschrieb. Dann knatterten die Motorsahrer, ritten die Meldereiter am Dorf vorbei ins Weite.
Die Spiegel des Heliographen zuckten und blitzten. Oben am Waldrand aus der Hölie blitzte es nricbcr.
„Franzosen werfen auf ihrer Bergseite Schützengräben aus", meldeten die Lichtblitze von oben. „Feuer aus dem Walde schtvelgt seit zehn Minuten."
Wieder war ein Zettel geschrieben.
„Batterien aus deni Walde fahren tn nördlicher Richtung ab. Truppenbewegungen nördlich dauern fort. Hinter der Chaussee.
Die Meldung brach ab. Auf dem Hügel ivar nichts zu sehen, so sehr auch der Heliograph zuckte und blinkerte.
Da — endlich — lvar es wieder. .
Ohnmachtsanfall —- infolge BlutverluN. — bin


