Ausgabe 
31.5.1915
 
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Das ist nicht meine Schuld!" verteidia-te sich Moritz Kassel.Ich bin erst seit Dezember aus dieser Stelle

Es fehlen sechs!" konstatierte der Schulrat mit er­hobener Stimme.Und wenn Ihr Vorgänger, der sich leider der Verantwortung entzogen hat, die notige Anzahl nicht aufgebracht hat, dann haben Sie das Versäumte nach­zuholen. Leuchtet Ihnen das nicht ein?"

Nein!" sprach Moritz Gassel, den diese Ungerechtig­keit empörte. . , . - _

Sie scheinen überhaupt ein sehr renitenter Herr zu sein!" polterte der Schulrat wieder los. Jetzt war er wirk­lich ärgerlich geworden, weil er die Unhaltbarkeit seiner Forderung einsah.Wissen Sie nicht, wer ich bin? Ich bitte mir den schuldigen Respekt aus!"

Den habe ich nicht außer acht gelassen!"

Nun gut!" sprach der Kreisschulinspektor und beruhigte sich etwas.Ich warne Sie, sich Ihren Vorgänger zum Vorbild zu nehmen. Sie wissen doch, wo dieser bedauerns­werte Mensch geendet hat. Im letzten Grunde hat ihn seine Pflichtvergessenheit in den Tod getrieben."

Nein!" tvidersprach Moritz Gassel.Es waren andere Ursachen!"

So?" ries der Schulrat erstaunt.Lne scheinen Ja alles besser zu wissen."

Ich weiß nur," versetzte Moritz Gassel bescheiden,daß man hier im Dorf noch heute gut über ihn spricht."

Das ist nicht maßgebend!" fiel ihm der Kreisschul­inspektor ins Wort.Maßgebend allein ist das Urteil der Behörde. Auch für Sie! Was die Leute hier im Dorf über Sie denken, ist ganz gleichgültig. Und ich mochte Ihnen dringend raten, sich lieber den Anordnungen der Behörde zu unterwerfen, als um den Beifall der Kinder und Eltern zu buhlen. Rufen Sie die Kinder herein."

Und die Prüfung begann. Zuerst ließ der Schulrat seine altbewährte Aufgabe111 : 3" aus die zweite Rechenabtei­lung los. Und es kam weder Stimme noch Antwort. Die Kinder beherrschten zur Not den Zahlenraum von 1100. Moritz Gassel glaubte, den Schulrat darauf aufmerksqm machen zu müssen. Doch der ließ sich die schöne Aufgabe nicht verleiden. Er hielt sie vielmehr für einen besonders gescheiten Pädagogengrisf. Mit Hilfe der beiden oberen Abteilungen wurde sie endlich gelöst.

Dann nNtßte Moritz Gassel ein paar Aufgaben stellen. Der Schulrat schrieb daraufhin ins Protokoll, das vor ihm lag, die inhaltsschweren Worte:Im Rechnen sind die Leitungen kaum genügend." Aehnliche Urteile wurden im Verlaus der Prüfung über die anderen Fächer gefällt.Von den drei schlesischen Kriegen haben die Kinder eine sehr unvollkommene Vorstellung. Tie Kenntnis von den frem­den Erdteilen ist durchaus ungenügend. Die religiösen Me- morierstosse müssen besser eingeprägt werden. In der Natur­geschichte wußten die Kinder sehr wenig zur Beschreibung des Vogel Strauß vorzubringen. Dagegen zeigten sie viel Interesse und gutes Verständnis bei einer Besprechung der Honigbiene. Hierbei sind mehr Kenntnisse vermittelt worden, als der Rahmen der einklassigen Volksschule zuläßt. Ter mündliche und schriftliche Ausdruck der Kinder bedarf noch sehr der Uebung, um den Anforderungen zu genügen."

Nur im Turnen und im Gesang schwang sich der Schul­rat zu einem uneingeschränktenBefriedigend" aus.

Um elf Uhr schloß er das Protokoll mit den Sätzen: Dem Lehrer mangelt es noch an der nötigen Geschicklich- keit. Außerdem wird beantragt, die Schule in eine Halbtags­schule zu verwandeln, da die Schülerzahl bereits über siebzig gestiegen ist." Tann entließ er die Kinder.

Im ganzen ist die Schule sehr zurück!" sprach er, als ihm Moritz Gassel in den Mantel geholfen hatte.Doch Ihre Schuld ist das nicht. Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß Sie einigermaßen gearbeitet haben. Es hat hier in den letzten Jahren ein starker Wechsel im Lehramt stattgesunden. Ich hoffe, daß das nun aufhören wird. Wann gedenken Sie Ihre zweite Prüfung zu machen?"

In zwei Jahren."

Nun gut!" fuhr der Schulrat gnädiger fort.Ich werde nächstes Jahr noch einmal zu Ihnen kommen. Hoffent­lich geben Sie mir daun Gelegenheit, Ihnen ein besseres Protokoll zu schreiben. Denn mit dem da fallen Sie ohne Gnade und Barmherzigkeit durch. Also setzen Sie sich da­hinter! Besonders die Disziplin muß besser werden. Auf dem Gehorsam beruht der ganze preußische Staat. Nehmen Sie den Stock! Schade um jeden Schlag, der daneben geht!"

Ich habe keinen Stock!" erwiderte Moritz Gassel schlicht. Was?" rief der Schulrat überrascht.Sie haben keinen Stock! Womit schlagen Sie denn die Kinder?"-

Ueberhaupt nicht!" versetzte Moritz Gassel ruhig. So!" polterte der gute Hupfer los.Das ist auch so eine voii den modernen Humanitätsduseleien. Die Behörde gestattet den Stock, also muß er angewandt werden. Er gehört zum Inventar! Sie werden einen anschasfen. Er ist nötig gegen die Faulheit und gegen den Ungehorsam. Es gibt kein aiideres Mittel dagegen. Sie werden Wunder er­leben. Nehmen Sie sich an Herrn Pohl ein Beispiel. Geben Sie auch viel häusliche Arbeiten?"

Nein!" antwortete Moritz Gassel.Ich bring es nicht übers Herz."

Was?" rief der Schulrat, als hätte er nicht recht

gehört.Herz?"

Ich bin im Prinzip gegen die Hausarbeiten!" erklärte Moritz Gassel, ohne sich einschüchtern zu lassen.Entweder die Schule vermag das Ziel, das ihr gesteckt ist, in dev Schulzeit zu erreichen, oder dieses Ziel muß zurückgesteckt

Dacht ich mir's doch!" sprach der Kreisschulinspektor triumphierend.Sie sind auch einer von den sogenannten Idealisten, die man jetzt aus den Seminaren züchtet. Die Wirtlichkeit ist ganz anders. Die Verfügungen der Behörde sind unfehlbar. Das Ziel muß erreicht werden mit allen Mit­teln. Die Schule ist kein Vergnügungsort für die Kinder, son­dern ein Arbeitsraum. Im Hause sollen die Kinder nur an die Schule denken. An nichts anderes! Daher werden Sie Hausaufgaben geben, nicht zu wenig! Je mehr, desto besser! Tie Schule ist eine Vorbereitungsanstalt für das Leben. Also Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit!"

Moritz Gassel erwiderte nichts. Das ist die alte Auf­fassung, dachte er still bei sich. Durch diese Praxis wird den Menschen die Jugend verbittert, daß sie als Erwachsene nur noch mit Ekel und Abscheu an das pauä zurückdenken, wo man sie geknechtet hat, und an dieSchulmeister", die ihnen mit unverdaulichem Wissenskram das Hirn gemartert haben!

Zunächst," fuhr der Schulrat fort,sorgen Sie dafür, daß Sie Ihr Patron beruft. Er muß bei der Regierung Ihre provisorische Anstellung beantragen, und ich werde die Sache

befürworten."

Als er zum Hut griff und gehen wollte, fiel sein Blick noch einmal auf die vertrackten Listen.

Sie werden sofort die Eintragungen vervollständigen!" befahl er und reichte Moritz Gassel die Hand.Ich finde es allerdings sonderbar, daß Sie es nicht vorher getan haben, wo Sie doch wußten, daß ich heute kommen würde!"

Das wußte ich nicht!" rechtfertigte sich Moritz Gassel.

So?" rief der Kreisschulinspektor überrascht.Hat Ihnen Herr Pohl das nicht mitgeteilt?"

Moritz Gassel schüttelte den Kopf und dachte an die Karte, die Sebaldus Pohl am Samstag so hastig vom Tische genommen hatte.

Wie kommt das?" forschte der Schulrat argwöhnisch. Halten Sie keine gute Nachbarschaft mit ihm?"

O doch!" gab Moritz Gassel zurück.Er wird es ver­gessen haben."

Vergessen?" polterte der Kreisschulinspektor grimmig. Das wäre denn doch etwas stark! Haben Sie ihn irgend­wie gekränkt? Eine kleine Meinungsverschiedenheit viel­leicht?"

Nicht das Geringste!" antwortete Moritz Gassel auf­richtig.

Es ist gut!" sprach der Schulrat, strich sich über den struppigen Schnurrbart und reichte Moritz Gassel, dem Schwergeprüften, an der Tür noch einmal die Hand.Auf Wiedersehen übers Jahr!"

Daun schritt er gewichtig über den Platz und trat nach zwei Minuten in die katholische Schulstube, wo Sebaldusi Pohl schon auf ihn wartete und ihn mit einem tiefen^, geschmeidigen Bückling empfing.

Tie Asten waren in Ordnung und mit außerordend- licher Sorgfalt geführt worden. Bei der Prüfungsaufgabe 111 : 3" hoben sich alle Finger wie aus einen Ruck. Der Schulrat war reichlich befriedigt und schrieb in das Pro­tokoll:Im Rechnen wurden die Resultate schnell und richtig gebracht. Die Beteiligung voll seiten der Kinder war eine sehr rege."

(Fortsetzung folgt.)