Turück zur Lcholle.
Roman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
K'ur- vor dem Borwert überholte ihn der alte Abra- t)OC bcr ehrwürdigen Hupferdroschke höflich me ^uye, denn er dachte an seine dreizehn Kinder, utitt lenrfe eine Blertelstunde später ins Torf ein und an der evangeUfchen schule vorbei, wo sich Moritz Gassel eben abmuhte, seinen Kindlein die Rechenkunst beizubringen. Alle Jahrgänge waren vertreten, denn es ivar eine emklassige ‘ r* ö * er verschiedenen Abteilungen wurde hier die Zahlentunst gleichzeitig traktiert. Während die Kleinsten sich §/ l ^ IenrQ1ITn bis zwanzig herumtummelten,
tren- s zu das
vierte Abteilung die zusammengesetzte Regeldetri.und alle vrer Abteilungen verlangten gleichzeitig von ihrem Lehrer ver-orgt, beaufsichtigt, ermahnt, gelobt und getadelt zu werden. Und da Moritz Gassel ein Mensch war, der keiner Fliege geschweige denn einem Kinde ein Leid antun konnte, so ging es sehr lebhaft zu in dieser denkwürdigen Rechenstunde. Die Kinder der Regeldetriabteilung hoben alle Augenblicke die Tafeln, sprangen von ihren Plätzen, die mittleren Abteilungen knufften sich inzwischen, und die Kleinsten stahlen mit den Augen, was irgend zu stehlen lvar. Moritz Gassel, der gerade mit der Einmaleinsabteilung mündlich rechnete stellte die Aufgaben, hörte die Resultate halb im Traume und dachte dabei darüber nach, lvie er diese unruhige, zwei- undsiebziglöpfigc Menge zum Stillsitzen bringen könnte
Ta hielt die Hupferdroschle vor der Schule an, und der Kreioschiilinspektor stieg aus. Der Kutscher fuhr ins Gasthaus und labte sich und die Pferde. Moritz Gassel ermahnte die Kinder noch einmal sehr dringend zur Ruhe und empfing den Lchulrat an der Türe.
„Guten Morgen!" ries er, als er hereintrat, und reichte Moritz Gassel die Hand.
• „Guten Morgen, Herr Schulrat!" antworteten die Kinder im Chorus, denen das von Moritz Gajfels Vorgängern eingeprägt wordeü war.
Dann setzte sich der Gestrenge auf das Katheder und verlangte die Listen und Pläne. Er inachte ein sehr bärbeißiges Gesicht, und die Kinder verhielten sich mäuschenstill. Tie Kopflaus die Schiefertafeln gesenkt, wagten sie kaum, mit dem ^tift zu kratzen.
Schulrat Hupfers Steckenpferd, gleichsam das pädagogische Barometer, woran er den Stand der Schule festsetzte waren die Listen; fand er die in schönster Ordnung, lvar seine Laune befriedigend. Und „befriedigend" war dann auch sem Lieblingswort. Deshalb auch meldete er sich vor
u.uu,ic uit zivtnie nvreiiung schon verzweifelte An aungen, hinter die Geheimnisse des Hciiien Einmaleil rommciT, heftete die dritte ihre Aufmerksamkeit aus Resolvieren und Reduzieren der Sortenaräk?,, fcrtrip
her an. Moritz Gassels Listen aber waren nicht ganz in Ordnung. Im Fortschrittsbuch fehlte die Eintragullg der letzten Woche, und in der Absenteiiliste mußte man die Antvesen- heitspunkte der letzten drei Tage vermissen. Schulrat Hupfers Miene verfinsterte sich zusehends. Das lvar ihm noch nicht vorgekommen! Eine solche Nachlässigkeit, zumal bei einem jungen Lehrer, bewies eine abgrundtiefe Gewissenlosigkeit. Gegen diesen beklagenswerten Mangel mußten sofort behördlick>e Maßnahmen getroffen werden! Dann vertiefte sich der Gestrenge in die Hefte der Schüler, worin die Diktate und Aufsätze niedergelegt worden waren. Auch hier war ein schaleres Manko. An der vorgeschriebenen Zahl der Arbeiten fehlte etwa ein halbes Dutzend. Auch die Korrekturen ließen zu wünschen übrig, denn in einer Arbeit war ein „daß" stehen geblieben, wo ein „das" hingehörte.
Da schlug es zehn Uhr vorn Kirchturm, und die Kinder wurden plötzlich unruhig. Schulrat Hupfer blickte mißbilligend auf. c
„Es ist jetzt Frühstückspause!" erklärte Moritz Gassel.
„Lassen Sre die Kinder aus den Hof hinaus!" befahl der Gewaltige.
Mit lautem Geschrei, ohne Ordnung und Mäßigung, stürmten die Kinder zur Tür und drängten sich ins Freie. Draußen sprangen sie herum, jagten sich und freuten sich der kurzen Freiheit.
Schulrat Hupfer nickte grimmig Er hatte so etwas Aehnliches erwartet. Die Disziplin dieser Schule lvar unter aller Kritik. Er winkte Moritz Gassel heran und lvies aus die schlecht geführten Listen.
„Ich wollte das Fehlende eben in dieser Pause nachtragen," entschuldigte sich Moritz Gassel.
„So!" polterte der Schulrat heftig. „Also die Pausen benutzen Sie zu solck-en Arbeiten. Da haben Sie draußen Aufsicht zu führen!"
Moritz Gassel senkte beschämt den Kopf.
„Sie keimen doch den Paragraphen der Haftpflicht," fuhr der Gestrenge fort, „Sie wissen doch, daß man Bie sofort verantwortlich machen kann, wenn einem Kinde bei diesem Herumtoben etwas passiert. Ueberhaupt ist die Disziplin sehr schlecht. Die Kinder haben im Kreise herumzugehen. Oder wollen Sie die Verantwortung übernehmen, wenn einer der Jungen da draußen, sehen Sie nur, wie sie übereinander herfallen und sich prügeln, den Arm bricht?"
„Ja!" sprach Moritz Gassel fest und sah dem Kreisschulinspektor unverwandt ins Auge. „Ich bin der Meinung, daß inan den Kindern die wenigen Minuten der Erholung nicht vergällen soll."
„So!" erwiderte der Schulrat verblüfft. „Aber Ihre Meinung ist hier nicht maßgebend. Sie haben sich nach den Verfügungen der Behörde zu richten. Merten Sie sich das! Weshalb fehlen die Diktate?"
„Ich habe die vorgeschriebene Anzahl »ansertigen lassen!"
„Und ich sage Ihnen," polterte der Gewaltige, „ich sage Ihnen, daß sechs Stück fehlen."


