Ausgabe 
26.5.1915
 
Einzelbild herunterladen

Nische zurück, und August Knorreck ging ins Nebenzimmer, wv die Zigarrenkisten und die Spieltische standen.

Karl Zdurotschin Hütte ernstlich Feuer gefangen und lieh Moritz Gassel nicht mehr los. Mit funkelnden Blicken verfolgte er Hedwig, die immer aus einem Arm in den andern flog. Auch mit Thomas Hauschild tanzte sie. Karl Zdurotschin knurrte vor Grimm. Moritz Gassel, der sich nicht Von ihm freimachen konnte, bekam es nun auch in die Füße. Arm Glück erschien der Oberförster und teilte ihm mit, daß er seinen Verpflichtungen Nachkommen müsse. Schnell eilte er aus die vier Odersörsterstöchter zu, die weiß, rosa, rosa, weiß in einer Reihe saßen, und engagierte die jüngste. Doch schon nach zehn Schritten wußte sic, woran sie lvar, und dankte höflich für diese Art von Walzer. Moritz Gassel machte bei den drei andern die gleick-e Erfahrung. Alle drückte plötzlich der Schuh. Aber eine Minute später tanzten sie sck>on wieder. Er fand das etivas sonderbar, spielte den Beleidigten und stellte sich abseits an eine Säule. Aergerlich sah er auf das festliche Gewühl herunter. In die sanften Farben der MädchenNeider mischten sich das kräftige, frisck)e Grün der Iörsternniformen, das feierliche Tuntel der Jn- sdektorfräcke und das tiefe Kohlrabensck>warz der Lehrerröcke. Karl Zdurotschin hatte sich grollend in eine Ecke zurückgezo­gen. Der Oberförster half ihm beim Zechen.

Kockmlke!" sprach plötzlich Karl Zdurotschin und machte ein entschlossenes Gesicht.Ich werde mich verheiraten!"

.Das machst du recht!" schrie der Grünrock begeistert.

Was meinst du, ob sie mich wohl nimmt?"

Spaß! Du hast doch drei Millionen oder vier."

9tu ja!" sprach Kart Zdurotschin selbstbewußt.Ich kann mir's eigentlich leisten."

Das »vill ich meinen!"

Wie alt seh ich aus?"

Vierzig!" schwur der Oberförster, ohne sich zu be­sinnen.

Aber ich schlepp den Fuß ein bissel nach!"

Das merkt man kaum!"

Nu, ja, ja!" pflichtete ihm Karl Zdurotschin bei.Das ist ja auch kein angeborener gehler, bin bloß durch die Schifssluke gefallen, und die verdammten Kurpfuscher in Odessa haben mich schlecht zusammengeflickt. So was vererbt sich doch nicht!"

Nein!" lachte der Oberförster aus vollem Halse.Da sei ohne Sorge."

Mir ist so," sprach Karl Zdurotschin sehr langsam, mir ist so, als ob ich mm Testament doch noch ändern muß."

Dann versank er in tiefes Brüten. Der Oberförster ließ einen neuen Seklpropfen knallen.

Wenn sie mich aber nicht nimmt!" stöhnte Karl Zdu­rotschin plötzlich aus.

Prost, Karlemann! Dich nimmt jede! Unbesehen! Sei kein Frosch und laß den Kops nicht hängen. Prost!"

Und Karl Zdurotschin trank und faßte wieder Hoffnung.

Welche willst du haben?" fragte der Grünrock listig.

Von deinen vier Grashüpfern keinen!" schnaubte ihn Karl Zdurotschin an.

Der Oberförster trank schnell den Rest aus und ging schwer beleidigt davon. Unablässig schweiften Karl Zdurot- schins Blicke im Kreise, Hedwig tanzte noch immer, aber sie hatte einen schlechten Tänzer. Sie verzichtete bald und ließ sich an ihren Platz zurücksühren. Moritz Gassel fuhr wie ein Blitz durch den Saal und verbeugte sich. Lächelnd nahm sie seinen Arm.

Walzers fragte er unsicher und versuchte ein paar Schritte.

Gewiß!" lachte sie und faßte ihn etwas fester, um ihn in Takt zu bringen. Doch es war verlorne Moritz Gassel war eben kein Walzertänzer. Endlich gab sie es auf und blieb stehen.

Ach, Herr Gassel!" flüsterte sie leise, und in ihrem weick>en Blick lag beinahe etwas Zärtliches.Sie können ja gar nicht Walzer tanzen!"

Ja!" sprach er betrübt.Es scheint mir auch so."

Kommen Sie," sagte sie uno faßte ihn unter den Arm.Wir spaziere ein bissel herum."

Damit war er gerne einverstanden, und sie suchten Uch aus dem Tanzgewühl ein«: Weg in die Mitte des Saales. Da blieben sie stehen, grabe unter dem Kron­leuchter.

Wie kommen Sie denn zu dem dort drüben?" Damit

meinte sie Karl Zdurotschin, der einsam in der Ecke hockte und unverwandt he rüber stierte.

Ganz zufällig!" entschädigte sich Morch Gassel und wurde rot.Er ist ein bißchen nobig, a^r ein ganz nobler Kerl."

So?" fragte sie überrascht und schaute blitzschnell! hinüber. Ta aber Karl Zdurotschin diesen Blick aufsing und sofort unruhig wurde, stieg ihr das Blut in die Schläfen.Ist er wirklich so reich?"

Es sieht so aus!" erwiderte Moritz Gassel vorsichtig. Er wohnt schon sechs Jahre hier im Hotel und hat 'dre Taschen voll Fünfmarkstücke."

Wie alt ist er denn?"

Ueber fünfzig!" meinte Moritz Gassel arglos.Er sieht ein bissel wilb aus, ist aber ein herzensguter Kerl. Soft ich ihn Vorsteven?"

Ach ja!" antwortete sie schnell.Ich möcht ihn schon kennen lernen. Wenn er so reich ist, dann kann man ihm ja sagen, daß er dem Herrn Baron was abgeben soll."

,Hehe!" lachte Moritz Gassel aufrichtig.Das wird er wohl nicht tun. Und der Herr Baron von Winkelberg wird sich von Karl Zdurotschin schon nichts schenken lassen!"

So mein ich's nicht!" flüsterte sie eifrig.Er soll das Geld nur hergeben für Bartenstein und Levisohn. Damit der Herr Baron von den beiden loskommt."

Das ist doch eins," warf Moritz Gassel ein.Tann sitzt er eben bei Karl Zdurotschin fest."

'Aber wenn er doch so ein guter Mensch ist!" flüsterte sie dringend.

Ta bot er ihr höflich den Arm und führte sie zu Karl Zdurotschin hinüber. Der erhob sich langsam, als sich die beiden näherten. Zuletzt nahm er die Hände zu Hilfe, mit denen er den schweren Oberkörper auf die Tischkante stützte. Moritz Gassel stellte vor. Karl Zdurotschin streckte die rechte Hand aus, und Hedwig berührte sie für einen Augenblick mit den Fingerspitzen.

Fräulein Knorreck!" schnaufte Karl Zdurotschin, als wär er ganz von Atem.Fräulein Hedwig, Sie sind die Schönste!"

Danke für das Kompliment!" lachte sie keck.Das sagt man jeder Dame."

Aber ich nicht!" rief Karl Zdurotschin und richtete sich zur ganzen Größe aus.

Das kam: ich bezeugen!" sprach Moritz Gassel, der sich nicht ganz in den Hintergrund drängen lassen wollte.

Sind Sie wirklich so reich, Herr Zdurotschin?" fragte sie ruhig.

Es geht an!" stöhnte er zufrieden.Ich bin der reichste Mann von Zdurotschin."

Wieviel haben Sie denn?"

Ich Hab genug!" wich er geschickt aus.

Es muß doch ein schönes Gefühl sein," sprach sie anerkennend.

Das ist es!" rief er und warf sich in die Brust.Ich kann mir alles leisten!"

Wollen Sie uns nicht einmal besuchen?" fragte sie hinterlistig.

Morgen!" schrie er begeistert und öekam einen puter­roten Köpf.

Das ist nicht nötig!" dämpfte sie seinen Mut.So um Pfingsten, wenn alles grün ist. Jetzt ist in Britzkawe nichts los."

Himmelfahrt!" rief Karl Zdurotschin, um wenigstens etwas herauszuschlagen.

Meinethalben," lachte sie.Dann kommen Sie aber um den Psingstkuchen."

Ich komme!" rief Karl Zdurosichin und schnaubte stark.

Auf Wiedersehen?" sprach sie und reichte ihm die Fingerspitzen. Sein Gesicht glänzte.

Moritz Gassel brachte sie an chren Platz zurück. Dann fand er sich wieder bei Karl Zdurotschin ein.

(Fortsetzung folgt.)

Die Mundharmonila.

Bon Waldemar Bonsels

Als die ersten wärmeren Strahlen der Februarsonne in Anne­liesens Dachkammer fielen und draußen die Sperlinge int Tau- schnee schrieen, öffnete das lange Mädchen das Fenster, nahm die kleine Zauderin an ihre Lippen und blies eine Melodie daraus.