Sie ging in Kr kleines Schlafzimmer und holte den Hand-, Baffer Himer dem Schrank hervor. Fing auch an, «sn paar Mäschx- stücke hineinzulegen, aber ganz fnechanifch, Npt abwesenden Augen,

O ja, sie erinnerte sich ganz gus des Landrichters Brecht schneider. Ein korrekter, gesetzter Herr mit gelichtetem Haupthaar und einem leichten Ansatz zur Korpulenz-er war von be­

flissener Liebensfvürdigkeit gewesen damals, und dik hellen Augen! hinter dem aoldgeründerten Kneifer hatten sie so beharrlich über­allhin b^leitet.

Ob diese Einladung nicht auf sein Betreiben erfolgt war? .Ein leiser Schauer übenies sie.

Denn die Mütter da einen Betverber ahnte ihr erster und letzter Gtt-anke war ja eine Heirat nein, nein, damit konnte sie sich ein sorgenfreies Leben nicht erkaufen?-damit nicht-

Und als wollte sie vor etwas Schrecklichem entfliehen, lief sie in die Fensternische, wo ihre Laute hing, und drückte das schwere, grüne Atlasband mit der silbergestickien Aufschrift gegen ihre heiße Wange.

Komm, o komm, QVefeWe min-"

Sie träumite sich zurück. In -die großen Schulferien, da sie ihn kennen gelernt. Mit zwei alteren Kolleginnen hatte ste einen Ausflug in den Svreewall» gemacht, in bescheidenen Grenzen, auf wenige Tage, wie der schmale Geldbeutel es vorschrieb. In einem einfachen Gasthaus wurde Übernachtet, und sie hatte es in dem heißen, niedrigen Schlafkämmerchen nicht mlsgehaltM und war noch spät abends hinausgeschlichen, mit ihrer Laute, die sie als uneni- Vehrluhes Gepäck mit sich führte nach Wandervogelart.

So wonnevoll kühl war es da an dem schmalen, sck-wgrzen

Wasser so märchenstill-eine seltsame, sehnsüchtige Smn-

PMn^ ygt Über sie gekommen leise ygtte sie die Saiten bv-

j.KomM, o komm, Geselle min,

Ich enbite Harde bin!

Konffn, o komm, Geselle min!"

Da plötzlich in den BiüschÄt ein Knacken, mtd eine klingende Männerstimme setzte ein:

Süßer, rosenfarwer Mund, Komm und mache mich gesund!

Komm Bamm uno mache mich gesund!"

So waren sie sich zum erstenmal begegnet uttd hatten sich in Wrem Herzen gefunden. Das grüne Lauteichand, seine zarte Gabe, war ihr, einige Tage später zügeflattert. Und sie lebte in schönen ww selrgen Zuknnftsträumey. Aber mitten hinein in alle diese McMchen Mädckenwünsche und Hoffnungen wiar dann der Krieg ytnerngefahren wie ein tödlicher Mitz. Sie wußte, baß er als Leub- Unt der Reserve sofort mit hin auskam. Eine Karte, noch in Berlin avgeftempelt, hielt sie nun als letzten Gruß in ihren Händen, ein kurzes Lebewohl, nichts weiter.-

Sie neigte den Kopf tief und drückte das Bänd in ihrer Hand zusammen.

Mer Annemie, schläfst du? Ich dachte, du wolltest packen? Und nimm nur gleich die Laute dbi so etwas fnögen dte Mossen- ttner gewiß nicht!"

*

Ach ja, man konnte sich schon wohlfühlen in Mossentin ut den behaglichen Räumen des Gutshauses mit den schweren alten Mahagonrmöbeln, in der heckenrosenbehangenen Veranda, unter

den Tannen im Park ober zwischen den duftenden Blumenbeeten» vnPutzgarten".

Wenn nur der Landrichter es Annemarie nicht gar zu deutlich gezeigt hätte, daß er keinen sehnlicheren Wustsch hegte, als sie zur Herrin. rn diesem Paradiese zu machen!

Die Mutter hatte es von der ersten Stunde an schon bemerkt, Zer sie sagte kein Wort. Es tat auch nicht not, denn ihr ganzes Wesen war eine einzige stummie Frage an die Tochter. Und wenn Mneniarie ihre dürftige Gestalt ansgh in dem abgetragenen schwarzen Kleid und die angstvoll stehendest Augen, dann war es ihr, als ob sich ein Schleier über all die blühende Pfingftherrlichkeit lege, und Ne wäre am liebsten hinauf in ihr Zimmer geflüchtet und hätte da den Tag verträumt.

Das ging indessen nicht an, denn Frau Brettschneider »var

.aaßerst regsame Dame und liebte es gar nicht, wenn andere müßig gingen. Sie hatte Annemarie auch ein derbes graues Strick- RM? d-ie Hand igodrückt und die Laute mit unverkennbarer Miß­billigung gemustert.

n Herzenskind solchen Firlefanz find' ich ganz überfluffm! Lernen Sie lieber, wie man richtig Pökelfleisch ein- das E für eme zukünftige Haussran viel lvichtiger!" Und der LandrickNer nickte seiner Mutter voll Eifer zu, beistim­mend nnd bewundernd.

Da hatte Annemarie ihre Laute stillschweigend wieder ins Futteral gesteckt. Sie wußte nicht, wie Unverhofft sie doch noch zlu Ehren kommen sollte.

Am Psingstsonnabend kehrte Frau Brettschueider aus der Stadt riurück, wo sie beimRoten Kreuz" ein Schock Eier mrd eine Mandel grauer Sttstmpfe abgegeben hatte. Sie berichtete be­glückt und ein klein wenig verlegen zugleich sie sei voii der Frau Baronin" in ein längeres Gespräch verwickelt worden, habe dabei ihr^ Berliner Befnä-os Erwähnung getan \> and) der jHUte, Und da Hütte die Dame recht dringend und herzlich gebeten, machte hzK Kren Kcxlvundet^ tzst Rgervelazarett

»s Pfingstfest verschönen und ihnen yin paar Lieder Vorsingen, lrlich habe sie nur bedingt zugesagt wollte erst fragen Annemarie errötet« vor Freude. Sie war ja so glücklich» ihre Laute spielen zu dürfen.

*

Das ReservelazarHt war im sogenanntenSchlößchm" unter- aebracht, einem zierlichen Barockban, der zu den fürstlichen Be­sitzungen gehörte, eine kleine Wegstunde von Mossenttn entfernt.

Der Landrichter bot seme Begleitung an, aber der bedeutsame Blick, den er dabei seiner Mutter zuwarf, slötzre Annemarie eine Unbeschreibliche Angst ein. Wenn er fragte wenn sie ihn ab­weisen mußt« wie bedrückend, wie peinlich geradö jetzt, wo sie die Gäste des Dauses waren! Ein weiteres Hierbleibtn wurde ja daüst unmöglich wie unglücklich wurde die Mutter sein--

Vor Erregung schlief sie nur wenig in dieser Nacht, mid die strahlende Pfmgstsonne, die frühmorgens ins ZtmMer sah, bescksttzp ein blasses Mensck-enkind mit überwachten Augen, die gat ist zu all der Pracht passen wollten, die draußen der Frühling das &inb aUsatstteut batte.

Mer ö^rdbe, als Annemarie mit zitternden Händen die Laute aus dml Schrank nahm, klgng vor bet Lür die Hupe eüve£ Auto­mobils. Tie Barönin schickte ihren Mrgen, um die Säpgerin ^bzuholen, Und mjeMich erleichtert atmete Annemarie gut. So war die Entscheidung doch sür's erste noch hincülsgeschobin!

Ein wenia schlvantte ihre Slimmx wohl, wie sie in dem kleinen Saal stand mit der goldgemalten Decke, gu oessm gobelingttchmück- ten Wänden tue Feldbetten ausgestellt wärest, und ans denen so diele Augen sie erwartungsvoll anschauten. Aber schon stach dem ersten Lied legte sich ihre»Besartgenheit die Zuhörer wüten ja auch so dankbar und so beifallsfreudig! Sie sang vomÄaiMttt und Lsutenant", vomschwarzbraunen Mädchen und dem Md- Offizier", vomFähnrich, der zunk Kriege zog", und schließlÄ, fast Unbewußt, griffen ihre Finger die Morde zu:Komm, o komm, Geselle min!"

Wie ein sehnsüchtiger Hauch schwebte die süße, reine Stimme durch den Raum, und als das letzteKomm!" verklunattr war, öffnete sich behüt fam die Tür zum Nedenzilpmer. Eine Dflegerist schritt auf Annemarie zu und beugte sich, erst wenig Verlegmheit in dem gutmütigen Gesicht, zu ihr herunter.

Berzeihung, Fräulein ich sollte fragen der Herr Ober­leutnant roollte so gern wissen, ob an Jhrsr Laute em grünels»

Band wäre mit Silber gestickt-a<ft, da hängt « ja! -

Und Sie möchten doch einen Augenblick hereinkommÄ ich glaube, der Herr Oberleutnant ist wohl ein BerwandtSr von Fräulein-"

Annemarie strömte alles Blut $un Herzen. Sie wußte kaum, wie sie die paar Schritte durch den Saal gemacht hatte fw sah nur zwei braune Augen und hörte eine langentbehrte, ach^ jetzt so matte Sttmme flüstern:

Armenrarie mein Einziges, mein Liebstes träume ich denn nicht? Bist du es denn wirklich?"

Und Annemarie dachte an keineForm" mehr, an keine mädchenhafte Zurückhaltung" sie preßte seine Hände unter Lachen ulü> Weinen.

E Dn ach du! Wie Hab ich mich gesehnt! Und gar nichts

von dir hören lassen die ganjö lange Zeit-

atmete tief auf.

Das wollte ich nicht. Annenrie. Wollte dich nicht an mein ungewisses Hckicksal binden. Es weiß doch keiner, ob er Wiederkehrt! Aoer jetzt, als ich dein Lied hörte unser Litt» da hatte ich die Kran nicht mehr mein Verlangen nach dir war zu groß ünd" er sah traurig an seinem lmkeir Arnt herunter ,,ich glaube, den da haben nckr die Herren Franzosest gründlich

ruiniert mit dem Felddienst wichH wohl <tu3 fern-"

Herr Oberleutnant, länger därs ichs aber nicht erlauben! Das Fräulein kann ja vielleicht nwrgeu wiederkommen?"

Die Pflegerin war ans Belt getreten und hob mahnend den Finger.

Bernhard nickte ihr frermdlich zu.

Ja, Schwester meine Braut wird Ihnen ein wenig die Pflege abnehmen nicht wahr, Annemarie?" Und als sie sich erglühend über ihn beugte, flüsterte er ihr ins Ohr:

Süßer, rosenfarwer Mund,

Kounst und mache mich gesund!"

Vermischte».

* Entstehung und Dauer des Pfing

festes. Bis

*u Beginn des vierten Jahrhurrderts lmirde die gesamte fünfzig» iägige Zeits panne nach Ostern mit dem Namen Pente Koste, drr fünfzigste Tag (nach Ostern), bezeichnet, und eS gab noch kein eigentliches Pfingstfest. Dessen Etnsühnmg kam erst duirh ein«r Beschluß des l^nzus vor: Elvira im Jahre 305 zustande. Bon diesenc Zeitpunkt an wurde Pfingsten zu einem hohen Fest, und annähernd acht Jahrhunderte lmrg ist es dann stets volle acht Tage gefeiert tanben. Diese lange Dauer führio aber zu manchen Dtißständen. so kam es oft vor, daß die Leute, durch die lauga Feier übermüttg gencqcht, in den Klfchen Unfug trieben uno Als-