Ausgabe 
22.5.1915
 
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Ick fcrmt mich ja auch aus den Bock setzen," erwiderte er verstimmt, weil er von Hedwig eine Aufforderung er­wartet hatte.

Auanst Knorreck rithrte Hedwig leise an die Fußspitze.

Brite, steigen Sie ein," sagte sie dargus und rückte in die Ecke.

Kommen Sie nur," ließ sich jetzt Frau Knorreck ver­nehmen.Wir werden schon Platz haben!" '

Thomas Hauschild ließ sich erweichen und setzte sich dicht neben Hedwig.

Daniel Zpuppack klatschte laut mit der Peitsche und fuhr Trab.

IX.

Dudeck, ber Wirt, segte noch einmal die drei Langen Tafeln entlang und sauste dann zum Oberförster Kochalke hinunter, der noch immer mit Karl Zdurotschin zeckte, fortwährend kamen Wagen vorgefahren und luden In­sassen ab. Das Gastzimmer war zum Bersten gefüllt. Moritz Gassel sah sich von forschen Forstaehilsen und beweglichen Wirtschaftsassistenten von dem Tische der vier schönen Mäd­chen verdrängt. Und als die Stadtkapelle mit einem kräftigen Tusch die Gäste in den Saal hinauf rief, saß er plötzlich verlassen und einsam da. Nur Karl Zdurotschin leistete ihm Gesellschaft.

Schnlmeisterlein!" brüllte er und bestellte eine frische Flasche.Komm ran, Schulmeisterlein, und trink!"

Moritz Gaffel hatte mehr Hunger als Durst, dock er dachte an seine fünfunddreißig Pfennige und faßte sicy in Geduld. Sein Gesicht war ziemlich trübselig.

So sind die Weiber!" tröstete ihn Karl Zdurotschin, dein der Wein nichts anhaben konnte.Erst tun fte freund­lich und dann laufen sie mit einem andern fort. Der Teufel soll sie holen alle miteinander! Prost!"

Moritz Gassel aber schob das Glas fort.

Da stieß jemand die Tür auf und der Oberförster Kochalke streckte den Kops herein.

Karleinann, komm!" rief er und winkte.Ohne dich geht's nicht los. Ich Hab dir den besten Platz reserviert. Mitten unter den schönsten Mädels!"

Raus, du Komitee!" brüllte Karl Zdürotschin und drohte mit seiner ungefügen Faust.Mich verkuppelst du nicht!"

D^r Oberförster verschwarck, die Tür blieb offen.

Trink, Schulmeisterlein!" mahnte Karl Zdurotschin.

Es wird mir zuviel!" stöhnte Moritz Gassel vor Hunger.

Das gibt's nicht! Mitgegangen, mitgehangen!"

Und Moritz Gassel schluckte den Wein, der ihm wie Galle schmeckte

Da schwebte durch die offne Tür eine Wolke feinster KücL-engerüche. Karl Zdurotschin schnupperte und erlvischte den Pikkolo, der arade vorbeistog, am Jackenzipfel.

Was gibt's va oben?" schrie er ihn an.

Ter Jüngling stotterts xtne Reihe ftemder Wörter herunter.

Wieviel Gänge?"

Fünf."

m .^nat sür's Abendbrot. Her damit! Und z-wei

Pullen Sekt kaltsdellen, aber französischen!"

Zwei Portionen?" fragte der Pikkolo.

Ich danke," sprach Moritz Gaffel bescheiden, obwohl ch:n der Magen fürchterlich knurrte.Ich habe schon gegessen."

Kärl Zdurotschin tat schon den Mund auf, umlüese Not­lüge öffentlich zu brandmarken, da rollte draußen der letzte Wagen vor^ Daniel Zpuppack siel mit einem Sprunge vom Bock mD riß den Schlag auf. Hedwig stieg zuerst aus. Schnell eilte sie dre Sülsen hinauf und schaute in die Gaststube cmwcr mönkljfatte sich oben geöffnet, und an ihrem weißen Halse funkelte der Brillant.

Karl Iourotschin tat vor Verwunderung den Mund wieder ffu. Der Pikkolo wartete.

,H?rr

ries Hedwig verwundert und trat in die

Tüv.Sie sitzen hier?

Moritz Gaffel spraua auf. Er schämte sich wegen der vielen leeren Flaschen, die ans dem Tische standen, und kannte poch kern Wort der Entschuldigung hervorbringen. JrS Zdurotschin starrte Hedwig unverwandt an und ver- e seine Verwunderung herunterz-rschlucken. Da erschien [laß Hauschild neben Hedwig, bot ihr den Arm und die Tür.

Donnerwetter!" rief Karl Zdurotschin und schlug aus den Tisch, daß zwei Flaschen Kopfsprung machten.Das ist ein Mädel!"

Moritz Gassel stand zwischen Tisch und Tür wie ein betrübter Lohgerber.

Wie heißt sie?" fragte Karl Zdurotschin eifrig und erhob sich mit einem Ruck.

Hedwig Knorreck," erwiderte Moritz Gaffel.Die Tochter vom Britzkawer Gutsinspektor."

Donnenvetter! Donnerwetter!" schrie Karl Zdurotschin und zog sich die Weste stramm.Hat die sich aber raus­gemacht. Neben der muß ich sitzen. Jetzt gehn wir nach oben. Schulmeisterlein, komm mit!"

Damit faßte er Moritz Gaffel unter dem Arm und wollte ihn hinaufschleppen.

Doch diesmal stieß er auf heftigen Widerstand.

Schulmeisterlein, komm mit!" schrie der Riese.Du mußt mich mit ihr bekanntmachen. Wir essen oben."

Der Pikkolo verschwand.

Ich kann mir das nicht leisten," beteuerte Moritz Gassel lebhaft und hielt sich am Türpfosten fest.Ich habe grade iwch"

Aber ich kann mir's leisten, Bruderleben!" schrie Karl Zdurotschin mit Gefühl und Selbstbewußtsein, umarmte ihn und drückte ihn an sich, daß ein paar Rippen knackten.Ich kann mir alles leisten. Wofür bin ick Karl Zdurotschin."

Damit hinkte er die Treppe hinauf und schleppte seinen kraftlosen Gast hinter sich her.

Mit lautem Halloh wurden sie empfangen. Karl Zdurotschin steuerte sofort auf die dritte Tafel zu, wo Hedwig saß, fand aber keinen Platz in ihrer Nähe. Der Oberförster kam sofort und wollte die beiden Jung­gesellen mitten unter das grüne Gemüse lotsen, das, herren­los und ausgelassen, sich am Ende der ersten Tafel ange­sammelt hatte. Doch Karl Zdurotschin stieß ihn groo beiseue und nahm mit Moritz Gassel, den er die ganze Zeit nicht von der Hand gelassen hatte, an der mittelsten Tafel Platz, von wo er unauffällig zu Hedwig, die zwischen Thomas Hau­schild und dem Vater saß, hinübersehen konnte. Dann kam der zweite Gang und Moritz Gaffel konnte sich den Teller füllen. Es war auch höchste Zeit gewesen.

Karl Zdurotschin aber vergaß Essen und Trinken und starrte Hedwig au.

(Fortsetzung folgt.)

Mer. rosenfarwer Mund . .

Eine Pfingstgeschichte von Hedwig Stephan.

Frau Junk drehte nach alter, lieber Gewohnheit den soeben erhaltenen Brief ein paarmal überlegend hin und her, studierte dre Handschrift und suchte den Poststenrpel zu entziffern.

Von wem er wohl sein mag, Annemie?^

Annemarie hob den blonden Kops und lächelte.

Ja, Mutter am Ende machst du ihn aus? Dann weißt du's gleich!"

Na ja, gewiß ich meinte doch auch nur-"

, Die Mutter ritzte behutsam mit der Strickiradel das Kuvert aut, begann §11 lesen, und ihr Gesicht mit den vielen kleinen Sorgenfältchen wurde rot vor Freude.

Ach nein, Annemie denk bloß mal Luise Brettschneider schreibt mir! Du weißt doch, die Brettschneiders, die das Gut haben m der Neumark du hast sie ja vorigen Weihnachten auch kennen gelernt sie ladet uns beide ein über die Psingst-

ferren-und der Sohn, der Landrichter, wird auch da sein

das ist doch zu reizend von ihr.' Nicht lvahr, Kind, wir nehinen doch an natürlich?"

Annemarie begegnete dem fast ängstlich auf sie gerichteten Blick der Mutter, und um ihren feingeschnittenen Mund legte sich ein herber Zug.

ich denke-aber nur, lvenn du mir ver-

iprichst, daß du dir auf diesen Landrichter nicht die mindesten Hoffnungen machst, und daß du mich nicht so herausstreichst wie eine abgelagerte Ware, die man gern lostverden möchte!"

Die Miitter sah gekränkt aus.

Herausstreichen! Als ob ich das täte! Aber tvenn ich von

dir spreche, dann kann es doch nichts Schlechtes sein-und

es Nt. mich ganz bestimmt wahr, daß der Mann sich sieuen kann, der dich mal bekommt-und ich kanns und kanns nicht ver­stehen, daß noch keiner-"

.'Muttchen, ich bitte dich laß doch dies leidige Thema! ^volch eine Perle, wie du denkst, bin ich »virklich gar niKl" Anne^ marre hatte sich erhoben. und strich der Miitter zärtlich über deii grauen Scheitel.Und jetzt will ich anfcnigcn, ettvas einzupacken du nnffft doch gennß morgen in aller Frühe schon absahren