Lurück zur Schollt.
Roman von Ewald Gerhard Deeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Draußen fuhr ein Wagen vor, und der Herr Oberförster Kochalke mit seinen vier unverheirateten Töchtern stieg aus. Die drei ältesten hatte er schon glücklich unter die Haube gebracht. Gr selbst mar ein großer, breiter Mann mit einem langen, grauen, würdevollen Bart, und die grüne Uniform stand ihm prächtig. Die vier Mädchen waren jung und frisch und hatten hübsche, offne Gesichter.
„Diese Brut!" knurrte Karl Zdurotschin bösartig. „Das ist der Kochalke, der hier den jährlichen Heiratsmarkt arrangiert. Es ist geradezu unheimlich, wieviel unverheiratete Mädel es in Zdurotschin und Umgegend gibt. Als wenn sie aus der ganzen Welt zusaminengetromnielt wären! Nehmen Sie sich in acht! Ah, Sie sind wohl auch mit einer Einladung ^beglückt worden?"
Moritz Gossel nickte.
Jetzt trat der Oberförster herein und begrüßte Karl Zdurotschin mit einem kräftigen Handschlag. Hinter ihm drückten sich die vier Töchter durch die Dür.
„Oberförster Kochalke, das Fastnachtballkomitee," stellte Karl Zdurotschin vor, „Schulmeister Gassel aus Britzkawe, noch zu haben!" t
Nun bekam- auch Moritz Gosset einen oberförsterlichen Handschlag, den er bis ins Schlüsselbein fühlte.
„Kommst zwei Stunden zu früh, Kochalke!" rief Karl Zdurotschin.
„Muß ich wohl, Kartemann!" gab der zurück und trank einen Schluck. „Wofür bin ich denn das Komitee?"
Die vier Mädchen setzten sich an den Nebentisch und tranken zusammen einen einzigen Grog, denn sie waren durchgefroren.
Der Oberförster stellte ihnen den Britzkawer Schullehrer vor. Moritz Gassel war so höflich, sich zu ihnen zu setzen und versuchte eine Unterhaltung anzuspinnen. Denn oie vier Mädels gefielen ihm gut- Sie hatten etwas Molliges an sich und waren im Antworten schlagfertig. An ihren dunkelblonden Haaren hing noch der würzige Dust des Waldes.
Moritz Gassel bat jede um einen Walzer und erhielt von jeder zwei.
Unterdessen hatte Karl Zdurotschin die vierte Flasche angebrochen.
„Kochalke!" rief er taut und stieß mit ihm <m. „Hoch, der Heiratsmarkt soll leben! Dil bist ein ganz verfluchten Kerl. Verstehst dem Geschäft."
„Will ich'meinen!" lachte der Oberförster selbstbewußt. „Willst du eine baben?"
Karl Zdurotschin verschluckte sich vor Schreck und konnte nichts erwidern.
„Such dir eine aus!" scherzte der Oberförster. „Weit du's bist, Karlemann. Dir würd ich auch alle vier geben."
„Hilfe," schrie Karl Zdurotschin und streckte Arme und Beine von sich. ,Mer Weiber aus einmal. Bin ich ein Türke!"
„Kannst dir's ja leisten," neckte ihn der Oberförster und leerte unterdessen die Flasche. „Geh doch nach Konstantinopel und bet den Sultan an. Um die Erbschaft brauchst du nicht zu bangen."
„Verbuchtes Kroppzeug, diese Weiber!" knurrte Karl Zdurotschin, indem er sich von seinem Schreck erholte.
„Die Trauben sind sauer!" lachte der Grünrock.
Aber Karl Zdurotschin blieb ihm die Antwort nicht schuldig. Wenn er bei der vierten Flasche war, hatte er besonders viel Haare aus den Zähnen. Und sie stritten sich weiter, bald feiner, bald gröber, während Moritz Gassel am Nebentisch Süßholz raspelte. Denn die vier Oberförsterstöchter waren wirklich bildsauber und zum Anbeißen hübsch. Alle Minuten steckten sie die Köpfe zusammen und kick>erten. Das ging allemal auf Moritz Gassel, den das aber nicht störte. Allmählich fand er heraus, daß die jüngste die schönste und lustigste war. Und gerade die behandelte ihn am schlechtesten.
Dudeck, der Wirt, sck>oß die Treppe hinaus und herunter, und seine Rockschöße flogen wie im Sturme. Den armen Pikkolo zog er dreimal an den Ohren, daß er mauzte. Fortwährend wurde der Oberförster mit Meldungen und Anfragen gestört. Doch er kam nicht aus seiner Ruhe, hörte kaum hin und neckte sich mit Karl Zdurotschin, der seine Trunkfestigkeit mit hinterlistigen Anschlägen zu erschüttern gedachte.
Um diese Zeit hielt Daniel Zpuppack mit Wiegelts Kutsche vor dem Britzkawer Jnspcktorhaus. August Knorreck stand schon fertig vor der Haustür und wartete. Endlich lvaren die beiden Frauen im Hausflur. Aber die Mutter hatte ihre Granarbrosche vergessen, und Hedwig mußte siecholen.
„Hast du auch den Diamanten?" rief die Mutter ihr nach.
Doch diese Mahnung war unnötig, denn Hedwig hatte das Goldkettlein längst angelegt. Schnell nahm sie die Brosche von der Kommode und trieb Thomas Hauschild, der im Frack vor dem Spiegel stand, um sich den letzten Ballschliff zu geben, zur Eile an. Nun waren alle draußen, und August Knorreck drehte den Schlüssel um. Die Mutter und Hedwig stiegen ein. Daniel Zpuppack grinste vorn Bock herunter. Die beiden Laternen brannten, unruhig stampften die Rappen den Sand.
„Wir könnten eigentlich Herrn Gaffel abholen!" meinte August Knorreck.
„Der ist längst in Zdurotschin," antwortete der Gehilfe. „Ich Hab ihn kurz vor Tiergarten getroffen."
„Also los, nach Zdurotschin!" rief der Inspektor. „Steigen Sie nur ein, Herr Hauschild. Auf was warten Äe noch?"


