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wie Nlein-Iofine ihrem Soldaten dar Leben rettete.
Skizze von Arthur Babillotte.
Gegen Abend waren die deutschen Infanteristen in dem kleinen Geb irgSdör scheu eingerückt. Sie hatten staubige, vom Plllverdamps geschwärzte Gesichter und blickten aus müden, halb erloschmen .Augen.
Tie Kinder sprangen ihnen entgegen und unlrtngten sie, da mir Hellen Stimmen fragend, dort schüchtern eine der barten, schwieligen Hände ergreifend. Aber die Alten ftonbett mit Unstern Gesichtern unter den Türen; es um- unwillkommener Besuch, fjn diesenr kleinen, von der Welt abgeschnittenen Dorfe im Bogesenpaß, hart an der französischen Grenze, wo die Leute etn Unbeholfenes, nüchternes Pators sprachen, — in dieser einsamen Ortschaft, die in Fr Lebenszeiten selten nur von ein paar französischen Schmugglern besucht worden war, von keinem sonst, lebten rauhe, kaltherzige Menschen, die mit herrisckien, fast drohenden Worten zu ihrem Herrgott beteten und vor ihresgleichen »v-enig Achtung hegten. Ihr Sinn hielt sich zu den Franzosen, von der- deutschen.Herrschaft wollten sie nichts ivisjen.
Nun hatte der geroaltige Krieg seine Hände auch nach ihrem stillen, nüchternen Frieden ausgestreckt. Die Franzosen waren zu- rückgcschlagen worden, die Deutschen drangen ein. Da kamen sie, kräftige, verwetterte Gestalten mit wilden Bärten um die schrundigen Gesichter, in gleichen! Schritt und Tritt, trotz der ungeheuren Müdigkeit, die ihneu die Beine steif machte.
Die Alten standen unter den Türen, mit finster zusammengezogenen Brauen, manck-er ballte die Fault im Hosensack und murmelte zwischen den schwarz gerauchten Zähnen einen lästerlichen Fluch.
Was half's! Tie Deutschen kamen, nahmen Besitz von den Häusern und wollten verpflegt sein: iver sich lvidersetzte, mockite zusehen, daß es ihm zum Heile verschlug. So gaben sie, was die Franzosen bei ihrer überstürzten Flucht übrig gelassen hatten, gaben es mit widerstrebenden Händen und unfreundlichen Herzen.
Und ein paar waren dabei, die trugen besonders finstere und mheilvolle Gesichter, Sie standen in einem Gassenwinkel zu- ammen tmd tuschelten. Der Fernand Beaugard war dabei, ein »aaerer Mann, der seine vierzig Jahre ans krummem Rücken chleppte. Hatte ein Paar Augen wie ein Geier und eine mächtige Messerscharfe Hakennase über einen! schlaff herabhängenden, lan gen Schnurrbart.
„Tot müssen sie sein!" ziscktte der durch die Lücke in seiner obern Zahnreihe. „Ich sorg dafür! Und Ihr müßt's halten wie ich, wenn Ihr brave Burschen seid!"
„He, Sckiosin!" schrie er ans die .breite Hauptstraße hinaus, auf der eben die Soldaten herbeimarschierten. „Sckwftn, laß daS minim Dings, geh heim, hast nix zu suchen bei den Prussiens!"
DaS kleine Mädchen, das zutraulich einem der bärtigen Männer an der Hand hing, fuhr erschrocken zusammen; geduckt, wie unter einem Peitschenhieb, lief es aus der Schar der andern Kindern und hastete die Straße entlang zur ärmlichen Wohnung der Eltern.
Die Mutter starrd am Steinherd, mitten im brenzlichen Qualm, der schwerfällig durch den oftenen Kamin nach oben zog.
trerbjt dich draußen herum, unnützes Tingj" fuhr die häßliche Frau mit den großen Warzen auf Wangen und Nase und den tränenden Angen bas kleine Mädchen <m. „Schaff im Haus, kMr sind arme Leut'! Wir müssen auf das Unsrige lugen!
•JJ,;^oen Jahren kann eins schassen wie ein Großes, rvenn's nnr will'
^..^E'ubetrrll'ten Gesicht begann das kleine Madck>en Kartoffeln zu schalen. Aber seltsam: Nicht wie sonst war ihm das ängstlich schlagende Herzchen voll schwarzer Trübsal und Hoffnnngslosig-
sondern von einem ganz sachte schrvingenden frohen Gefühl erntllt, daß an diesem Tage, so kurz er noch war, etivas ganz Schönes und Gutes geschehen müsse . . .
Während sie sich eifrig über die Arbeit beugte, näherten sich draußen Schritte Joftne kannte sie schon, diese Sckwitte; so mar- schierte auch ihr" Soldat daher, der große, starke Mann mit dem wilden Gesicht, das doch so freundlich lächeln konnte. Sie batte ihn gleich m ihr kleines Herz geschlossen, als sie kaum seine harten Finger zwischen ihren Händchen spürte.
. ^war eS auch schon, das Gute und Schöne, das sie
W kindlicher Sicherheit geahnt hatte: Da trat er über die Schnelle, er selber, „ihr Soldat, meldete sich in kurzen Worten als Quartieraast an und ließ den schlveren Tornister von den Schultern gleiten Dann erst erkannte er das kleine Mädchen.
„?th. schau, da ist sa das kleine Vögerl, wo mir so lieb Guten Tag gesagt hat beim Einzug!" ries er mit einein fröhlichen Läck>eln Un^r dem schwarzen Bart und T>ob sie mit seinen stämmigen Annen hom bis an die rauchgeschivärzte Decke.
Die Alte stand mtt bös verkniffenen Lippen dabei und forderte dami brummend den Soldaten aus. ihr zu folgen. Sie führte ihn .^hnerleiter von Treppe unter das nwrsche Strohdach und wies ihin eme schmale Kammer an.
^ ! rLrL ac 5 tC • Cl '' "Ein Fürstenzünnier ist es gerade
i3fr,!!» l .» 1 d<tt steht darinnen, das bedeutet schon einen Znxus, Wle wir ihn gar nintnrer aeivohnt sind."
-Vann säuberte er sich vom Schmutz des Marsches und ging
Ad«! vof hinab. Vater der kleinen Joftne, der eben über die Strafe herkam. maß ihn mtt einem scheelen, feirchseligen Blicks und Verschrvaud m die Hütte, gefolgt von zloei GesinnunasaenosseM - , "tyy lni> - unralw da heroben," lachte der Sottmt. das» kleine Mädchen rm Kreise schwingend, „und finden da hübsche und saubere Dirndl n. Das inerd' ich aber fix meinem Weiberl erzählen, rvenn ich wieder heimkomm!^
„Und wie würd' sich die Elisabeth freuen, wenn sie so ein streichelnd b fÜ9te n ^ injU/ dem Kinde den braunen
^ Schwesterle haben," sagte das Kind, „dann wär' ich mmmer so allein."
Zog erstaunt die Brauen in die Stirn. „Bist denn allein? Hast^doch deine Eltern, Kind?"
>. ^bob dtt schmalen Schultern wie in einem plötzlichen ^ r0 J C ' £ rone J] fi eTcn u „ beT ?dre hagern Wangen. „Ich fürcht' mich >o vor ihnen, stammelte sie gequält. ^
^^^ssen^r deutsck-eSoldat und das welsche Kind eine tapfere Freundschaft. Sie wich nicht von seiner Seite, schritt stoä lfjT V bn§ ^ von seinen Kameraden die
Men speicheln und vergaß darüber ganz die harten Eltern. Als sie wieder nach Hause kamen, lchnte die Mutter am Tür* Pfosten und spähte nach ihr aus.
„Was hast dichdraußen herunizutreiben, faules Tina?" keifte sie ^hr entgegen. „Marsch in die Küche und Holz gespalten!"
* r- d^r," raunte der Soldat ihr zu.
ÄAwcken ab. „Tu's net, lieber Soldat die Muttex tat mich schlagen, rvenn du »wieder fort bist."
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kletterte er die stelle Hühnerleiter hinauf und sich m der engen Kammer aus die Matratze. Ueber-nüdet, wie er ivar, siel er bald in einen ttefen Schlaf.
Drunten in der Küche begann Klein-Josme ihre Arbett. Der rote Steinboden zitterte unter deii kurzen Anschlägen, ihr Atem, «ging schielt n,id knickend. Ms sie sich einen Augenblick ausrnbend Mi den Hett, lehnte, horte sie nebenan in der Stube aufgeregtes Geflüster, vpic unterschied die Stimme des Vaters, die ivar lauter und herrischer als die andern.
..V sie hörte Worte, die ihr wie Dolchstöße in das unschul- tu' er5 u^ l ^ r ? 1 'w^ 0 c Tt ?' entsetzlich für ihr reines, per-
Schr^chm daß ihr fast die Sinne schwanden in eisigem
alle sck-lafen im Dorf, diese deutschen Kanaitteii," ^ Fernand Beaugard mit einer heiseren Flüstersümme. „so fchlnckü sich ftn ie^r m die Kammer, wo einer liegt — unsere schnell i^?" ^ ^Enug, um ihnen die Gurgeln durchzu-
svi^te seinen Worten. Dann ivurde es still. Schleicheiche Schritte näherten sich der Tür — ehe Klein- ZW« slch.auftaffen sich fassen konnte, wurde die Tür zurück gestoßen. mit funkelndeii Augen stand der Vater auf der Schwelle 9 'cS.ft net weiter dein Holz? Hast wohl gelustert*)
he? Hast Freundschaft tmnacht mit dem Prussien, he?"
Wutr "6 stimme wurde krächzend in einer wild auftchießenden
u "De- willst chm verraten, was wtt Vorhaben, he ? Aber wart' ich werd dir den Mund schon stopfen!"
Mit dcrbgriffigen Fingern vackte er sie um die Handgelenke und zog sie aus der Küche. Sie hing wie leblos in seinen Händen. Sie l-atte nur den einen qualvollen Gedankwi: Guter Gott, lvas soll aus mernein armen Soldaten werden? Dann füAte sie sich in das enge Gelaß hinter dem Herd gestoßen, das sonst als Backofen diente. Die Schiebetür rasselte hinter ihr zu; sie mußte platt liegen bleiben, wenn sie den Kopf nicht anstoßen wollte ... Ein enges Fench-rchen mit einer erblindeten Sck-eibe ließ rvc-nig Lrcktt herein. 0 a 1T .' un Klein - Joftne, und die grausamen Worte des
Katers tonten fort Und fort in ihren! Obr. nmrden ttmner gellender, nmner entsetzlicher: Nnsere Messer sind sck-arf genug, um ihnen
die Gurgeln durchzuschneiden!"
Und da oben lag ihr Soldat, schlief ahnungslos, träumte viel- leicht von seiner kleinm Elisabeth. Eine kvilde Sehnsucht ergriff daö kleine Mädchen: Dort zu sein, bei diesen Menschen zu sein, mit der klerneii Elisabeth durch Wiesen und Wälder zu stteifen. im hellen Sonnenschein, und nie mehr, nie mehr die bösen Gesichter der Eltern sehen zu müssen . . .
ks bereits dunkel li'ar, ivurde die Schiebetür wieder gv- osfnct: enie braune, haariae Hand warf eine ttockne Brotrinde und eine alte Decke ln'rein. „Kannst dadriu schlafen, morgen hol' ich dich ivieder heraus", sagte die Stinnne der Mutter.
^ Dann n»ar wieder die entsetzliche Stille um sie hei'. Es uxxx ihr, als sei sie von aller Welt mrit, iveit entfernt . . . Und tfcrnn packte sie wieder die jäln' Angst um ihren Soldirten. Die Finsternis, in die das flctne Fenster nur einen ganz sck>Nfcrck)en Scknnnner le,ite. verdoppelte ihre Angst und ihre Furcht. Vielleicht war es schon geschehen, vielleicht lag er schon mit durchschnittener Keble ans dein Bett, das sie ilnn in heuchlensck)er B^weitunU igkeit an geboten batten, um ihn darauf zu ermorden ... Ein Weinkramps schüttelte fte, -onna stietz sie mit bcn «ballten Händen gegen die imlmrm- herzigenMauern, die fte gefangen lüelten . . . Dann ivurde sie
Gelauscht.


