Zurück zur Scholle.
Roman von Ewald Gerhard Seeliger.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Unterdessen hatte Franz Wiegelt das Pferdchen vor den Korbwagen gespannt. Doch die beiden großen Kaufleute aus Sulitsch hatten noch keine Zeit, nach Hause zu fahren. Sre zogen wieder ihre Notizbücher heraus und finden an zu rechnen. Höflich verabschiedete sich der alte Abraham.
„Werden wir's machen können?" stöhnte der behäbige Bartenstein.
„Auf zehn Jahre sind es achteinviertel Perzent!" las der andere aus seinen langen Rechenaufgaben heraus.
„Hundert Perzent hätten wir machen können," seufzte der runde Bartenstein, „wenn uns der Friedländer nicht in die Quere gekommen wäre."
„Der Schlag soll ihn treffen!" rief der schlanke Levi- sohn und klappte das Buch zu.
Als der alte Abraham in den Gutshof einbog, prallte er fast mit dein Baron zusammen, der init August Knorreck einen Gang durch das Dorf machen wollte.
„Abraham!" ries Fritz von Winkelberg heiter. „Wie in aller Welt haben Sie das arrgestellt?"
„Geschäftsgeheimnis!" lachte der alte Abraham. „Wie ist es nun mit dem Vieh, Herr Baron? Soll ich Offerte machen?"
„Na, Knorreck?" fragte Fritz von Winkelberg seinen Inspektor.
„Wenn der Herr Baron damit einverstanden sind!" sagte der.
„Der Herr Inspektor ist ein Antisemit!" behauptete der alte Abraham unverfroren. „Aber ich toerd ihm beweisen, daß es auch ehrliche Jüdden gibt!"
Damit zog er die Mütze, schulterte seine Tasche und strebte nach Luschelau. Vorsichtig fühlte er nach dem Zwanzigmarkstück. Die Reise hatte sich gelohnt. Morgen wollte er in Adelnau sein, nm Dienstleute zu mieten.
Als August Knorreck am Abend ins Zimmer trat, traf er Hedwig.
„Na, wie stehts?" fragte sie den Vater. „Geben sie das Geld?"
„Ja!" nickte er grimmig. „Aber Jud bleibt Jud! Wenn wir's von einem Christenmenschen kriegen könnten, wär mir wohler."
Hedwig senkte den Kopf und dachte nach, doch sie fand keinen. Dann deckte sie den Tisch.
VI.
Drei Tage später konnte August Knorreck dem Baron das ganze Verzeichnis des Inventars vorlegen. Schweigend Überlys er es.
//Soll i ch frflg alle s. hMllen?" fragte dann^
„Wenn der Herr Baron mich nach Breslau schicken wollten, dann schlage ich noch Prozente heraus."
„Aber freilich!" lachte Fritz von Winkelberg arglos. „Das ist nur recht und billig. Warum sollen Sie nicht auch daran verdienen!"
„Der Herr Baron haben mich mißverstanden," sprach August Knorreck und wurde rot. „Ich wollte die Prozente für den Herrn Baron herausschlagen."
Fritz von Winkelberg schwieg. Ohne es zu wollen, hatte er August Knorreck gekränkt. Doch ein Wort der Verzeihung wollte ihm nicht über die Lippen.
„Wann wollen Sie fahren?"
„Wenn der Herr Baron befehlen, noch heute!"
Wozu? Morgen ist Silvester. DaS wäre doch ein verlorner Tag. Feiern Sie das Fest in Britzkawe und reisen Sie nach Neujahr."
Damit gab sich der Inspektor zufrieden.
Am Mittag gingen sie das Dorf hinunter, um das Vorwerk Niederbrikkawe, das eine halbe Stunde entfernt hinter der ersten Ecke des Südreviers lag, zu besichtigen. Die Sonn« schien warm, und an den Grabenrändern schmolz der Schnee. Auf dem Platze vor der Kirche lärmten die Kinder, die noch immer Ferien hatten, und warfen sich mit Schneebällen. Franz Wiegelt, der drüben unter der roten Laterne stand, rückte an der Mütze. Langsam schritten sie den niedriges Kirchhofzaun entlang, hinter dem auf verfallenen Gräbern verwitterte Holzkreuze ragten, und kamen an die katholische Schule. Das war ein langgestrecktes, zusammengedrückteÄ Haus, in dessen schmalen Vorgärtchen sestverpackte Rosenbäumchen standen.
„Der alte Adelt ist tot?" fragte der Baron.
„Jawohl!" antwortete der Inspektor und wies zum Friedhof hinüber. „Der liegt schon seit acht Jahren da drüben."
„Und lvie heißt der Nachfolger?"
„Sebaldus Pohl. Er stammt Mts der Grafschaft Glatz."
„Weshalb betonen Sie das?"
„Weil er nicht paßt in die Gegend. Das ist einer, der den Katholischen herauslehrt. Mir gefällt er nicht. Er hat so eine Art, die Augen zu verdrehen, als wollte er allen Heiligen die Zehen avbeißen. Solche Leute finb mir in der Seele zuwider. Me sie mit ihrem Herrgott heucheln, so halten fies auch mit den Menschen!"
„Vorurteile, mein lieber Knorreck, nichts als Vorurteile !"
„Durchaus nicht, Herr Baron!" verteidigte sich der Inspektor. „Der alte Adelt war auch katholisch. Mit dem war auszukommen. Das war ein grader, aufrechter Kerl. Sogar wenn der Pfarrer kam, nahm er kein Blatt vor den Mund. .Ader der da drüben: Herr Pfarrer hinten, Herr Pfarrer vorn!"
„Weshalb sollte er gerade schlechter sein? Sein Bedürfnis nach dein Jenseits ist eben größer!"
ich bin der Meinung," antrvortete August Knorreck,


