Ausgabe 
8.5.1915
 
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gefunden. mit weniger als dem Vierfachen war Britzkawe nicht zu halten. Tann erst suchte er sein Lager auf; doch lange wehrten die Sorgen seinen Schlaf.

V.

Die neunzig Perzent, die der dicke Friedländer in Britz­kawe gemacht hatte, ließen den alten Abraham nicht schlafen. Außerdem hatte er elf lebendige Kinder, von denen das jüngste erst ein halbes Jahr alt war. Schon am nächsten Morgen fuhr er mit dem ersten Zuge nach Luschelau urnd stiefelte dreist nach Britzkawe hinüber. Früher war er mit dem alten schäbigen Schachersack seines Vaters von Dorf zu Dorf gelaufen, jetzt hatte er eine sehr geräumige, alt­modische Reisetasche auf dem Rücken, Sie war mit sehr bunten Glasperlen bestickt und wies die schöne Inschrift auf:Christus, der ist mein Leben". Als die Sonne auf- aing, war er schon in Podraschke. Alle Bauern und Häus­ler kannten ihn. Im Vorbeigehn besuchte er schnell ein paar Kunden und fragte ganz unauffällig nach dem großen Geschäft, das der dicke Frieoländer in Britzkawe gemacht hatte. Ta er aber nur ungenügende Antworten "erhielt, blieb er nicht lange. Als er eine Stunde später bei der Britzkawer Schmiede um die Ecke bog, überholte ihn ein leichtes Korbwägelchen, das von der Chaussee herauf- aekommen war. Darauf saßen der behäbige Bartenstein und der schlanke Levisohn. Das waren zwei reiche Leute, die sich nur mit den großen Herren abgaben. Das Bauern­volk überließen sie dem alten Abraham. Ter zog vor ihnen höflich die Mütze. Tie beiden Kaufleute nickten herab­lassend, fuhren bei dem Kretscham glatt vorbei und lenk­ten um das Gut herum nach der .Hinterseite des Inspektor- Hauses.

Der alte Abraham aber ging ins Gasthaus und stellte die bunte Reisetasche aus die Bank. Tann besah er sich mit Kennermiene einen schönen saftigen Schweinsbraten, der im Ausschank stand.

Geben Sie mir von dem Kalbsbraten!" sagte er laut zu Franz Wiegelt und wies auf die braune Knusper­schwarte.

Franz Wiegelt, sein heimlicher Geschäftsfreund, ver­stand ihn schon, säbelte ein herzhaftes Stück herunter, holte em paar Flaschen Bier und setzte sich zu ihm. Ter alta Abraham nämlich kundschaftete für Franz Wiegelt die Stellen aus, wo Vieh zu verkaufen war. Dafür bekam er ein halbes Prozent und freie Zeche. Bald steckten die beiden die Köpfe zusammen und tuschelten leise, eine un­nötige Vorsicht, denn die Stube war sonst leer. Zehn Mi­nuten später wußte der alte Abraham, wie der dicke Fried­länder zu den neunzig Perzent gekommen war und daß der neue Baron gestern seinen Einzug gehalten hatte. Franz Wregelt steckte sich dann eine Zigarre an, und die Gedanken des alten Abraham umkreisten lautlos die neunzig Perzent wie die Fliegeil den Honigkuchen. Der Herr Baron hatte kem Vieh und kein Inventar! Da ließ sich vielleicht ein Geschäftchen machen, bei dem nichts weiter zu riskieren war! Es brauchten ja nicht gerade neunzig Perzent zu sein! Man konnte sich auch mit etwas weniger begnügen. Doch der Bartenstein und der Levisohn waren ihm zuvorgekom­men! Die saßen jetzt beim Baron und schraubten ihn. Denn, daß den beiden das Wasser schon bis an den Hals stand, auf den Leim kroch ihnen der alte Abraham nicht, wenn sie's auch hundertmal beschworen. Obgleich sie sehr reelle Leute waren, nahmen sie doch lieber zwanzig Perzent als zwölf! Und der Herr Baron mußte zugreisen, wenn nicht ein anderer kam, der sie unterbot. Aber so leicht fand sich keiner. Bei dem Geschäft gab es verdammt wenig Sicher­heiten, denn der Boden war Majorat und konnte nicht mehr belastet werden. Ter alte Abraham hätte sich schwer gehütet, in diese Sache auch nur einen Pfennig zu stecken. Und er hatte in seinem Schreibtisch mehr gute Papierchen liegen als man ihm auf den ersten Blick ansah. Aber bar gegen bar! Warum nicht? Inventar mußte sein! Ohne das konnte iiichts aus dem Gute herausgewirtschaftet werden. Aber der Bartenstein und der Levisohn saßen jetzt beim Herrn Baron und würden dem alten Abraham auch nicht das aller- klemste Perzentchen übrig lassen!

VTli rollte draußen das Korbwägelchen vor, und die beiden Kaujleute aus Sulitsch traten ein und verlangten Kaffee. ®te setzten sich an den Nebentisch und sprachen leise über den Inspektor, der ein grober Mensch sei und ein schrecklicher Antisemit dazu. Er hakte sie nicht zum Baron

gelassen. Denn, daß er jetzt am Helten lichten Tage noch schlief, war nur eine faule Ausrede.

Sofort erhob sich der alte Abraham, grüßte höflich und verschwand mit seiner Tasche auf dem Rücken im Hausflur. Die beiden andern sahen ihm kaum nach, sie waren von dem Geschäft, das sie vorhatten, zu sehr in Anspruch ge­nommen. Eifrig schrieben sie Zahlen in ihre Notizbücher. Auch brachte Franz Wiegelt schon den Kaffee.

Ter alte Abraham aber machte einen Umweg, um nicht gesehen zu werden. Durch die Seitenpforte des Parks schlich er sich bis an das Herrenhaus. Das hohe, breite Tor lvar unverschlossen. Er drückte sich hinein, pochte leise und lauter an alle zehn Türen des Erdgeschosses, lvv die Wirtschajts- räumlichkeiten lagen, und drückte zaghaft auf die Klinken. Alles war leer. Da stieg er lautlos die Treppe hinaus, lauschte und klopfte, erst zarter, dann vernehmlicher. Die Reisetasche stellte er ans Treppengeländer. Plötzlich horchte er auf. Da wurde mit Wasser gepantscht. Er legte das Ohr an die Tür, durch die das -Geräusch kam, und krümmte den Finger.

Nu!" dachte er im stillen,man wird mir nicht gleich den Kops abreißen!"

Und er pochte herzhaft an.

Herein!" rief drinnen eine tiefe, klangvolle Stimme, und das Wasserpantschen hörte auf.

Nu!" sprach der alte Abraham zu sich selbst.Mehr als rausschmeißen kann er mich nicht!"

Dann drückte er gegen die Tür und trat vorsichtig ein. Die Ueberraschung war aus beiden Seiten gleich groß. Der alte Abraham tat den Mund weit auf und blieb stumm wie ein Feiertagskarpfen. Fritz von Winkelberg, der vor­dem Spiegel stand, unterbrach seine Toilette und schaute den Eindringling lächelnd an.

Guten Morgen, Abraham!" sagte er und wandte sich wieder zum Spiegel.Sie bringen mir wohl die zwei Mark nueder?"

Jetzt machte der Sulitscher eine linkische Verbeugung und begann etwas zu stottern, was ihm selbst unverständlich blieb.

Schon gut, schon gut," besänftigte ihn der Baron und zog sich die Weste an.Sie stören mich durchaus nicht! Was bringen Sie mir?"

(Fortsetzung folgt.)

Das weitze Tuch.

(Schluß.)

Währenddem standen die Offiziere mit vorgcstrecktcn Köpfen, die Gäste fuhren wie gejagt zur Tür hinaus, die Wirtin kreisäste wie am Spieße.Nun gilts," dachte der Fähnrich und drängte sich an den Rittmeister. Auf den: Markte lvar alles Lärmen er­storben, die Weiber waren verschwunden, und die Reuter drängten sich vor der Krugtür.Heiliger Sankt Peter, es setzt einen Tanz, aber nicht mit welschen Dirnen! Sollt sehn!"Mordblei! Meine Faust zucken wie ein gestochen Kalb. Wollen Arbeit haben!" Tie Reuter murmelten fluchend und aufgeregt durcheinander, aber m den Krug wagte sich keiner, sondern man wartete draußen arme- wersend und atemlos, bis von drinnen Bescheid wurde.

...Wachenrott," hörte mau den Rittmeister brüllen,nimm fünfzehn Kerls und diese zwei hier und dann hinter her hinter- dem Ottergezücht, was die Rösser Dampf geben wollen. Schlagt sie tn ötücfer, die Hunde! Fuhhollen, schlagt dem säubern Rat die Türen em! Wollen meine Leut besoffen machen, derweil die Teufel oben im Wald ihr verflucht Geschäft treiben. Her mit dem Bürgermeister! Soll den Brenckenfeld kennen lernen! Meinen Krug! Ah, daß Euch der Satan! Wär nicht so hart, aber das Blut von einem Egestorffer gilt mir mehr als Euer ganzer Feuer­loch voll von dem Euern! Meinen Krug, sag' ich!" und der Rittmeister zerknirschte einen grausamen Fluch über dem Wein, den er bebend vor Wut an die Lippgn führte.

Wachenrotts schnell zusammengeraffte Fünfzehn hatten die Roste aus den Ställen gerissen, den sich Bäumenden Sättel und Zaumzeug übergeworfen, die Eisenhelmc auf die struppigen Köpfe gehauen und stoben nun rasselnd und tobend zum Katharinentor hinaus. Schreien und Heulen drang aus den Häusern. Den Küster, der Sturm läuten wollte, warf man kurzerhand vom Turin hin­unter. Ter Krieg zeigte sein wahres Gesicht. In derRosV" trieb man die unglücklichen Ratsherren mit den Pallaschen zu­sammen. Brenckenfeld hatte seine Ruhe wiedergcfunden, aber sein Lächeln war das eines Teufels.

,,, i atte hinein Schimmel die Hacken in die Weichen ge­schlagen. Ein wilder Zorn über alles Lebende war in ihm. Er wollte an die Pascher allein heran und seinen Grimm über Traute und sich.selbst in Blut ersticken, Was verschlugs, wenn man ihm