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„Es uh u ja obn klar, daß Ihnen Ihr Irrtttlit bald einlei:chten würde."
Welck>er Irrtum? Ich habe mich sckwn so oft im Leben geirrt, das) rch es längst ausgegeben habe, mir jeden einzelnen Kall zu merken.
„Neulich lvaren Sie freilich ganz unbelehrbar."
Jetzt mußte ich etwas erwidern. Die Gegen Übersitzen den fingen schon an, mich geringschätzig anzustarren. Ich lvar ein Mensch, ber beinahe eine Wette verloren, der sich geirrt hatte und der ganz unbelehrbar war!
„Lieber Freund," sagte ich, „wenn Sie mir nur erst verraten mochten, was Lie mit mir gesprochen und worin Sie recht haben wouen? Als wir uns das letzte Mal sahen, habe ich meines Wilsens-"
m Ta haben Sie meine Ansichten zu widerlegen versucht. Nicht ungelchrckt. gewiß nicht. Aber die Voraussetzungen stimmten nicht, von denen Sie ausgingen."
Das Lob. daß ich seine Ansichten nicht ungeschickt bekämpft hatte, erfreute mich. ^Die Zuhörer auf der anderen Seite konnten docl) nicht mehr das Schlimmste von mir denken. Er hätte es nur nicht gleich wieder einschränken sollen. Und welche Boraussetzun gen waren es gewesen, die nicht gestimmt hatten?
„Voraussetzungen sind meistens falsch — wenn der Gegner sie hat!" erlaubte ich mir zu scherzen.
„Niemals, sofern sie aus der Geschichte und Geographie eines Landes geschöpft lverden, wie inan es bei England kann."
England! Das traute Wort zerriß die Nebel von englischer Dichtigkeit, die mich nicht klar hatten blicken lassen. Der Doktor war ia Spezialist für Englanderoberung! Unter Freunden und Bekannten hieß er deswegen schon der Invasionsdoktor.
Und jetzt wußte ich. daß er sich auch bei unserem letzten Zu- lammentrefsen in scm strategisches Spezialfach vertieft l>atte. Ich hatte ,hm mit keiner Silbe widersprochen, weder eine Meinung mit, noch ohne Voraussetzungen gehabt, doch das konnte einer, der mit io vielen Leuten tagtäglich dieselbe Sache erörterte, schon vergcsseii.
Derjenige, mit dem er hatte wetten wollen, war auch nicht ich, wuderu ein anderer gewesen, und nicht ich hatte mich geirrt, son- bcrn — aber mochte es aus sich beruhen bleiben. Uebrigens!
dozierte der Doktor auch schon wieder munter darauf los.
,,Aus der Gcfchichtc könuen wir lernen einerseits, »nie deni cnglua-en Inselreiclw beizukonnnen ist, andererseits, lvie ihni nicht beizukommen ist. Wir aolleu nicht um Jahrhunderte zurückgcheu, Dcuu die Angriffs- und Bertcidigungsnlittel der damaligen und der heutigen Zeit sind doch zu verschieden. Den Plan Napoleons müssen imr jedoch unbedingt berücksichtigen. Er ist einem genialen vrrn entsprungen, Hai bei aller Kühnheit eine sehr reale Unler- lage und kann uns wertvolle Fingerzeige geben. Ter Mangel an geeigneten Dransportscl'issen allein verhinderte die glückliche Durchführung des großangeleglen Unternehmens."
Unter den Gegenübersitzeuden war ein altes Männchen mit einem lveißen ^chütlelbart. Dieser Bart geriet jetzt in eine pendelnde Belvegnng rurd eine brüchige Stimme sckwarrte: „Voll komnien unzutreffend!"
Ter Doktor faßte beu Alten sä-arf ins Auge.
, „vabe ich Ihre gefckwtzte Bemerkung aus meine Worte zn bc ziehen?"
„Iaioohl. Der Napoleonische Plan hat gar keinen Wert für die Gegemvart Er war auch durchaus nicht genial, und daß er nur wegen Mangels an geeigneten Transportschiffen nicht erfolgreich war, ist säwn vollends eine Fabel."
„Ich bin mir nicht beivußt, Sie um eine Belehrnirg gebeten zu haben," wies ihn der Doktor zurecht.
Als ob er um seine Belehrungen jedesmal gebeten wurde'
„Ber einem Privatgespräch macht man seine Darlegungen nicht so laut wre Sie es getan haben."
• *1" nod > »ich« die sachlich« Brrrchtigung,
nne geschichtliche Wahrl-ett zu bekritteln."
heit is?^ Cbe " in ' tbrcbc ' *** es eine geschichtliche Wahr
..Der Schüttelbart konnte mir gefallen. So viel Widcrspruckrs- bracin^ ^ ^ >zn vasionsdoktor gegenüber niemals aufge-
sein "^ein Urteil dürfte doch ivohl maßgebender als das Ihre
kommt es nicht an, Berehrtestcr, sondern darauf, weisen Urteil richtig und wenen fallch ist."
.3“ x UCl Wagenecke wurde gekichert. Ein junges Mädchen batte m dem Wortgefecht der Männer die komische Note entdeckt
deckertalen?haben^^' bie gern lack-en. ein so erstaunliches Ent
. ^r Doktor wurde dadurch noch gereizter als durch die Widerrede des Alten, und ich nnirbe ihn bedauert l>aben, hätte er mich nicht zuvor mitlerds^s der Schadenfreude der lieben Mitmensche ,x preisgegeben, die sich nun ihm zuwandte. j
JP? dläne Napoleons dringt man nur durch ein gründ- ^Lb-^rudiun, ein, erklärte er mit hochmütiger Gebärde. „Es erfordert die eingehendste geschrckstliche Quellenforschung, die dem
wollte um , i u 0crftf&e "/ was der Franzosenkaisn-
^fültt ^'oarnm fein sehnlichste Wunsch nw
enmu blieb, den Boden EnÄryids zu betreten."
„Ninz. da sind Sie aber ans dem Holztvege!" meinte ein bie- mrer - ^<m n ni .srbeiterUeidnng „Ich bin man Laie, aber iri> weiß twm, daß der Najwleon rn England genasen und sogar da gestorben ist."
„Wir sprechen doch von Bonaparte!" rief der Doktor böse keineAnsstüM von Napoleon geredet. Machen Sic man
Doktor schnob durch die Nase vor Aufregung, denken " *° n -‘ alH>leon dem Ersten, während Sie an den Dritten
,. i tt ÖJ 71 * kgal," erwiderte der andere, mit dem Finger
^'^^^poleon in England gewesen und in England gestorben. Dabei bleibe ich." J
r, Frm», die Eugenik, wohnt ja noch da," bestätigte eine
W c ' M & te crff . "««4 -mrdrc DOH FÄ
Und sie geht immer noch gans in schwarz."
Ter Tvktor sah mich an, verzweiflungsvoll, lstlfeslehend. zuckte mu den Schultern, wie wohlwollende Neutrale zu zucken Pflegen, wenn man ihren Nat, ihren Beistand begeht Da wollte er sich unbekümmert um die unverständige Menge b - cl ?^gabe widmen, mir Über die Invasion imTimrV time 1 aurjllfk(Tcn ' mel1 id) doch in dieser Frage völlig
„Also, nimmt man sich den Plan Napoleons zur Richtschnur, die schwächsten Punkte der gcographisckfen Lage Eng- lands stutzt, fo hat auch die moderne Sttategie —"
„Tie moderne Sttategie. mein Herr, hat etlvas Besseres zu tun, unterbrach ihn ein rauher Baß.
Ter Toktor drehte sein Zentrum nach der rechten Flanke herum. Dem Nachbar, der dort saß, hatte er bisher noch keine Bcachiung geschenkt Allem Anschein nach war es ein neuer Geg- ner, der ohne Umschweife die Feindseligkeiten eröffnen wollte Er muß gleich vernichtend abgeschlagen werden.
„Für dir inodrriie Stratrgsr ist drr crste Napoleon noch der !>ervorragendste Lehrmeister und er wird es ür alle Zeiten sern, versicherte er mit feierlichem N,rclHruck
C,auL7und'"Molttr^-"'""' der **. „Wir halten uns an
Plan Napoleons scheiterte an seiner inneren Unzulänglichkeit, behauptete das weißbärtige Männchen - .(^poleon hin und Napoleon her -" entschied der Fahrgast im Urbeiterrock. „Er ift in England gestorben, aber erobert l-at er es niclst."
. ;'Ter Herr ift wohl ein Franzose," meinte die Dame anzüglich, ,„weil er so von Napoleon schwärmt."
Und das junge Mädchc'n in der Ecke lachte hell heraus vor Vergnügen.
Feinde ringsum: und Kämpfe zn Lande waren nicht des Doktors Spezialität.
„Wir ioerden uns £ei passender Gelegenheit weiter über unser Tlfema unterhalten," tröstete er mich, indem er aufstand. „Uebri- geno kann das Wiedersehen ein Weilchen dauern. Ich habe meine Einberufung in der Tasche."
„Tann helfen Sie nur England miteroberli," riet ich ihm. Aber^w^attisch, bitte! Nach welcl-em Plan ist nebensächlich." „Lchliene mich an!" sagte der Greis mit dem Schüttelbart, und aus emmal gar nicht mehr mürrisch, sondern mit unvcrkenn- barem Wohl,vollen. Gestatten Sie: Gehc'iinrat Professor Schulze!"
„Gleichfalls!" erklärte der Arbeiter. „Lehmann ist mein Name. Und immer feste!"
„Vielleicht treffen wir uns drüben." sprach der Herr mit der Baßsttmme. „Kapitän Steffens! Weiß einigermaßen Bescheid. Steuere ohne Lotsen fast in jeden engliscl)en Hafen."
Ter Doktor dankte, ,rnd er glaubte in den Blicken aller zu lesen, der stattlichen Frau und des hübschen jungen Mädchens, daf; man ihm zutrante, er würde bei der Invasion Englands seinen Mann stehen.
Das versöhnte ihn sichtlich, und er verließ den Wagen nicht eher, als bis n fich mit den Zurückbleibenden die .^and geschüttelt hatte.
Scharnhorsts Rat an den Rekruten.
Viele Tausende junger und älterer Leute treten jetzt als Re- krnteii ins Heer ein, um das Vaterland gegen die sie rings nm- dräuenden Feinde zu verteidigen. Gar mancher, der so aus seinem altgewohiiten Lebenskreis in ganz neue Verhältnisse kommt, gewohnt uch zunächst nicht leidjt an des Dienstes immer gleichgestellte Uhr, und der Rat eines erfahrenen Mannes, wie er sich zu be- nehnien habe, ist ihm daher von höchstem Wert. Wer könnte wohl solchen Ratschlag besser erteilen, als der große Scharnhorst, der unvergeßliche Erneuerer und eigentliche Schöpfer des modernen preußischen Heeres? In seinen Privatbriefen. die zum erstell Mal m vollständiger Sanunlung Karl Linnebach bei Georg Müller in München vor kurzem herausgegeben hat. finden sich solche Lehren fur den neuen Rekruten in den Schreiben, die er an seinen ältesten Sohn Wilhelm geschrieben. Ter junge Scharnhorst hatte zuerst Iura studiert, verließ aber angesichts der Not des Vaterlandes dieieii Beruf und trat un September 1809 beim brandeuburgischen viisareuregiment ein. Das erfte, ,vas Scharnhorst seinem Sohne


