Lurück zur Scholle.
Roman von Ewald Gerhard Seel ig er.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Sie halten also nicht alles für richtig, lvaS die Behörde anordnet?".
„Ganz und gar nicht!" rief Moritz Gaffel mit dem Brustton der Ueberzeugung. „Gegen die Religion will ich nichts sagen. Die mutz sein, solange man nichts Besseres hat. Aber Geographie und Geschichte und all das unnütze Zeug, was man den armen Dorfkindern einpfropsen soll. All die Leute, die die Schule beherrschen, sitzen in der Stadt. Sie haben keine Ahnung davon, daß das Land ganz andere Lebensbedingungen vorschreibt. So ein armer Bauernjunge hat keinen Schimmer davon, was eine Hypothek ist. Aber wie man einen Bruch durch einen Bruch dividiert, das muß er wissen. Er lernt niemals, wie man einen Obstbaum veredelt, wie man einen Bienenschwarm einsängt, und wie man ein Spargelbeet anlegt, aber die Flüsse von Südamerika muß er am Schnürchen hersagen können. Und zu solch einem Wahnwitz muß man sich als ehrlicher Mensch hergeben. Jetzt fängt man mit ländlichen Fortbildungsschulen an. Warum wirst man nicht einfach die beiden Lehrpläne zusammen? Dann hätte man eine richtige Standesschule für das Dorf."
„Sie haben jetzt Ferien?"
Moritz Gaffel nickte und versank in finsteres Brüten. Doch Fritz von Winkelberg ließ nicht mehr locker.
„Sie waren in Jh^r Heimat?"
„Nein! Das kann ich mir nicht leisten. Ick war nur in Sulitsch, um mich dem Herrn Kreisschulinspektor Hupfer vorzustellen. Ich habe meine neue Stelle erst vor acht Tagen angetreten. Und das ist auch so ein alter Zopf. Kann der Mann nicht zu mir kommen? Er kriegt seine Reisespesen, ich nicht. Denn wir Lehrer hab,n kein Recht. Doch es dauert nicht mehr lange, die Lehrernot haben wir schon. Es muß aber erst so weit kommen, daß kein Mensch mehr Lehrer werden will. Dann werden wieder bessere Zeiten anbrechen. Lieber Hosknecht sein als Volksschule lehrer! Da bleibt man doch wenigstens ein Mensch. Und wenn's einem nicht paßt, dann kann man die Arbeit Hin- Werfen und sich was anderes suchen."
„Dieser letzte Weg ist doch auch Ihnen nicht verschlossen?"
„Ach!" lächelte Moritz Gaffel. „Ein weggelaufener Lehrer! Wer kann den gebrauchen? Er taugt zu keiner vernünftigen Arbeit!"
Fritz von Winkelberg senkte den Kopf und schwieg. Jetzt mußte Moritz Gasse! das Gesvräch in Gang bringen.
„Sie steigen in Luschelau aus?" fragte er nach emer Meile.
Der Baron nickte.
„Ich nämlich auch!" bekannte Moritz Gassel offen.
„So?" ries Fritz von Winkelberg überrascht.
„Das ist doch selbstverständlich!" erläuterte Moritz Gassel. „Drei Schritte hinter Luschelau ist doch schon die schlesische Grenze. Und wenn mein Kreisschulinspektor in Sulitsch wohnt, kann ich doch nicht im Kreise Krotoschi.it angestellt sein!" ^ r , A
„Sehr richtig!" lachte Fritz von Winkelberg belustrgt. „Dann rennen Äe doch auch Britzkawe?"
„Britzkawe?" rief Moritz Gassel und schlug sich auf den Schenkel. „Das sollte ich wohl kennen. Da bin tch doch angestellt. Kennen Sie es auch?"
„Em wenig!" lächelte der Baron in seinen straffen, dunkelblonden Bart hinein. „Allerdings ist es schon einige Jahre her. Ich war einmal da —"
„In GesckMen?" fragte Moritz Gassel eifrig.
„Ungefähr!" nickte Fritz von Winkelberg. „Und rch wiN wieder hin." , ,
„Famos!" rief Moritz Gassel glücklich. „Da haben wir ja einen Weg. Aber was wollen Sie dort? Aus dem Gute ist niemand."
„Ich wollte mich nur nach dem großen Geschäft erkundigen, das vor vierzehn Tagen gemacht worden ist. Missen Sie etwas davon?"
„Ich bin erst acht Tage in Britzkawe," entschuldigte sich Wtoritz Gassel vorsichtig. Kaum, daß ich die Leute dem Gesicht nach kenne. Aber so viel Hab rch schon heraus, daß kein Mensch recht weiß, was aus dem Gute wird. Haben Sie denn den alten Herrn von Winkelberg gekannt?"
„Erzählen Sie nur! Es liegt mir sehr viel daran, ein nwglichst unbefangenes Urteil über diese VerlMtnisse zu hören."
„Ah, ich verstehe!" täckMe Moritz Gassel geschmeichelt. „Aber ein Urteil kann ich nicht abgeben. Ick), kann nur erzählen, waö ich gehört habe. Es ist allerdings eine ziemlich unerfreuliche Familiengeschichte, und so etwas tischt man nicht gerne auf. Aber schließlich, jeder erzählt sie."
„Ich bitte darum!" sprach Fritz von Winkelberg dringender. „Ich bin an diesen Dingen sel)r stark beteiligt, und Sie erweisen mir einen großen Dienst, wenn Sie mir alles erzählen, was Sie darüber erfahren haben."
„Ach so!" antmortete Moritz Gassel und nickte verständnisinnig. „Sie sind auch einer von denen, die sich da festgelegt haben?"
„Was erzählt man von den Winkelbergs?" bxäxigft ihn Fritz von Winkelberg und rilckte näher. „Mein Wort darauf, daß ich eS für mich behalte! Ju meinem eigenen Interesse, Sie verstehen!"
Und jetzt legte Moritz Gassel los.
„Also da war der alte Herr von Winkelberg, ein Kava» lier vom Scheitel bis *irc Sohle, adelSstolz und in sämtlichen Vorurteilen der herrschenden Klasse verbohrt. Dessen einzb- ger Sohn diente bei oer Gardeartillerie. feudal bis aufs


