Ausgabe 
29.4.1915
 
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und Ver süffige, Landwein, b^n die Etwvoyner in großen WaUnen! herbeischleppten.

Zum ersten Male seit langer, langer Zeit hörte man »nieder- Lachen. ,T-enn zum ersten Male fühlte man sich »nieder in Sicher­heit.

Und doch . . . ganz rein war die Luft noch nicht. Hier und da am Horizont flackerte plötzlich ein Feuer auf, zitterte ein Rauchwölkchen: von Zeit zu Zeit flackerte ein fernes Knattern herüber, das im frischen Winde zerstob und einmal donnerte! eine ferne Detonation durch die Luft.

Ein paar Kilometer vor der Stadt, wo sich die Laiidstraße gabelte, lag das kleine Anwesen Jakob Eckerles des armen Jakob, wie man ihn in der ganzen Umgegend nannte. Auch der arme Jakob wußte ein Lied zu singen von den Schrecknissen die­ses Krieges. Tenn selbst in seinem armseligen Hänschen hatten' die Franzosen nach verborgenen Schätzen gesucht und in ihrer Ent­täuschung alles kurz und Tlein geschlagen.

Jakob Eckerle kam frierend und zähneklappernd aus dem Kelter hervor, in dem er drei Tage und drei Nächte gehockt hatte. Auf dem Hof hatte ein bisck>en Holz gelegen, das er sich nach und nach zusammengesucht hatte für den Winter das hatten die Franzose^ mitgenommen und an ihren großen Lagerfeuern ver­brannt. Sein Blick fiel auf die rauchgeschivärzten Balken und mlf die durchlöcherten Wände, und feucht stteg es in seinen Angen auf.

Ueber dem Tisch hing die altertümliche Messiirglampe, die noch von seinem Urgroßvater stammte. Wie sie sie zugerichtet hatten, die liebe, alte Lampe. Ein paar armselige Reste und Fetzen hingen von dem verrosteten Draht herab. In wirren Trümmern lag der Tisch am Boden, rings herum die zersplitterten Stühle. Jakob Eckerle öffnete die Tür. Das kleine Gemüsegärtchen, sein Stolz und sein Lebensunterhalt, »var zertreten und zertrampelt. Und dort, das Gewirr von Brettern und von Drähten, die traurig und hilflos in den schweigenden Morgenhimmel ragten, das lvar emmal sein Hühnerstall gewesen.

Das war der ärgste Schlag.

So schlecht es ihm gegangen war all diese Zeit, seine lieben, Ueifeigeu Hühner hatten ihn mit Eiern versorgt mrd ihni über das Schlimmste hinweggeholfen.

Nun war es auch damit vorbei. Traurig starrte der arme ^atob au» den Lehmboden; zerrissene Hühnersedern, ein paar verkrampfte kleine Hühnerkrallen, seine lieben, schönen Hühner! Und vor allem: sem lieber Hahn, sein kluger, kleiner Peter! Alles hin, alles hin!

Sein Peterle, der treu und wachsam gewesen war lvie ein Haushund, und der mit seinem possierlichen Wesen ihm manchmal die langen Winterabende verkürzt l>atte . . .

Er fichr zusammen. Horch klang das nicht wie ein leises Scharren? Und wieder derselbe dumpfe Ton . . . dort . . die Wassertonne ... er nahm den Decker herunter. Dort lag au» denk Boden zusammengekanert, schreckhaft eingeschüchtert, ein armseliges Klümpchen . . . fein Peterle.

- "Peterle!" .Die Tränen stiegen ihm in die Augen.Mein klcmes Tier, hier haben sie dich emgesperrt, die Unholde . komm, mein Peterle." Das Tier flatterte ein paarmal ängstlich und matt mit den Flügeln und sank dann lahm und schwer in seinen Winkel zurück. Jakob Eckerle beugte sich tiefer über das Fatz und griff mit der Hand hinein. Und dann hob er das Tier heraus aus »einem dumpfen Gefängnis.

Apathisch lag der Hahn in seiner Hand Mid ließ den Kopf mederbängen. Jakob Eckerle ziipfte ein paar Kräuter auS dem verwüsteten, ärmlichen Boden rmd hielt fte denl Vogel hin, der gierig danach schnappte. Er setzte das Tier behutsam auf den Boden. Es schlug ein paarmal kraftlos, »vie ungläubig, mit den Amen Flügeln, hüpfte, als ob es seine erstarrten Kräfte aufs Neue erproben wwllte, und lief mit ein paar matten Schritten, auf "we Ecke zu, in der ein paar Samenkörner liegen mochten, ^a'ob Eckerle schaute deui armen Tier lächelnd zil, das fast ohne Anfzuselsen pickte und fraß und fraß und pickte.

Der Hahn ließ seine hellen, flinken Augen in der Runde schweifen und machte dann ein paar gravitätische Schritte auf den zerbrochenen kleinen Wageii zu, dessen Trümmer in der Ecke lagen. Lann flatterte er ans das Rad, dessen zersplitterte Speickwn Kunde gaben von der nnbarmherzigen, sinnlosen, wahnsinnigen Zerstörungswut der gallischen Eindringlinge. Tas Tier schlug cm paarmal kräftig und freudig in neu erwachender Lebenslust mit fernen bunten Flügeln und schmetterte dann freudig und mun­ter sem Helles Kikeriki durch die Lust.

or Eckerle fühlte, wie ihm das Herz anfing zu klopfen beim

Anblick dieser armseligen Kreatur, die mit ihm litt und mit ihm »ühlte und mrt rhm aufatinete nach den Tagen des Leidens Und mdem er seruen Hahn zärtlich streichelte, sagte er leise schmeichelnd' gelle,-Mir schlagen uns schon durch, mein Peterle," und svie zur "lntwort krähte der Hahn zum zweitennial.

Dannim e rkte Iakob, wie ihm der Hunger an den Magenwänden nagte.So, mem Peterle," sagte er gutmütig,jetzt muß dein -verr auch emmal an sra> denken. Denn er fiubct sein Futter nicht aus dem Boden »vre du." Damit nahm er einen Sack ans, der un beachtet lregen geblieben sein mochte, spitzte den Mund zu einem ! lustigen ..carsch, rregelte sorgfältig die kleine Gartenpforte von.

fven zui und schlug den Weg ein, der in den nahen Wald führte, m bißchen Reisig und ein paar Pilze würden die Franzos« hosfentttch übrig gelassen haben und der Förster Lauterer, der dort ^üben in ferner Lichtung hauste, der würde vielleicht ein bißchen Brot und Fleisch für den armen Jakob haben.

v Dinier den Bogesen ging glühend und purpurn. die Sonne zur Ruhe. Tie bläulichen Schatten der Dämmerung senkten sich lang- smn und düster über den weiten Wald, durch den Jakob Eckerle schritt Kein Wunder, daß der Weg so lang >var, konnte er doch dre gewohnten Pfade nicht gehen, die verwüstet und zerstört waren. Baumriesen lagen quer über die Wege, wie vom Blitz gc- ''« i TJ ld)tbare Zeugen verztveifelter Kämpfe, die hier tagelang gewiltet hatten.

Endlich tauchte die Lichtung auf: dort lag das Förfterhaus. ui!! 0 v - f r e ' eichene Tür. Seltsam dunrpf und »wollend

^llten bre Schlage durch das Hans. Jakob Eckerle wartete eilt Weilchen. M^kivurdrg nrchts rührte sich. Er zog den Messinge llmgelknopf. Die Glocke schrillte aus und klang und klang, bis der Ton wimmernd in der Dunkelheit erstarb.

rrj schüttelte erstaunt den Kops und ging mit inüden

Scksntten ums Laus l-ermn. Tie Fenster standen offen. Er lugte hinein.Halloh! Halloh! Lauterer!" Niemand antwortete, nur drüben aus dem Walde kam wie höhnend das Echo seiner Stimme. ,,Hallo H allo". Und dann fiel es dein Harrenden plötz­

lich eilt: er batte schon davon gehört, daß es die Franzosen ganz re Förster abgesehen hätten. Und plötzlich ivar es

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sonders auf die. . luul n

enttveder »var der Förster geflohen, oder er war in fran­zösische Gefangenschaft geraten.

Qru schwang sich ins Fenster und »vanderte durch die Räume. Alles leer, auSgestorben, wie in einer Grabkammer. Aengftlich huschten nn paar Fledermäuse auf und flatterten scheu hin und

snl! * u amimen . Küche, Keller, Vorratskammer, Boden: alles leer, ausgeraubt. Und betrübten Herzens machte er sich mit müden, schweren Schritten wieder auf den Heimweg.

Jetzt merkte er erst deutlich, wie hungrig und durstig und müde er war. Kaum daß er einen Fuß vor den andern bringen konnte: mit jedem Schrttt nahm biefe bleierne Schwere zu, die in seine» Gliedern lag. Im kalten Wind trat ihnr der Schweiß auf die g- v 2 nn raste ein plötzlicher Frostschauer über seinen

Rücken, daß er ^ich zttternd zusanunenduckte. Ein paarmal glaubte er menschliche Stimmen zu hören: ein Lachen tönte dicht neben ihm; einen Augenblick ivar es ihm,, als hüpften Irrlichter um chn herum, Lanu war plötzlich ein großes Dröhnen in seinem! Kops, und auf einmal wußte er: das lvar das Fieber... er ivar krank. Alle die Entbehrungen und die Mühseligkeiten der letzten Lage rächten sich jetzt an seinem! abgezehrten Körper. Taumelnd ging er vorwärts und stolperte über eine lange Wurzel, daß er Sr 1 ^S u flJL u 2$ Sobni fiel. Er versuchte sich zu erheben, der Irin knickte ihm ein. ,,Das ist das Ende, schoß es ihm durch den Kopf. Noch einmal richtete er sichauf. Zaudernd und schwankend stellte er sich auf die Beme und lief ein Stückchen vorivärts. Durch sein Gehirn sauste ein plötzlicher Schioindel. Instinktiv streckte er die zitternden Armje aus, um nach einem Hält zu greifen; dann ]? o /u JP2» 1 * i? 1 ? 00m bitz gefällt neben einer Eiche nieder', das Gesicht zu Boden, und dann schnmnden ihm die Sinne.

*

Der Moiid stand silbern und bleich am Himmel, als Jakob "wachte. In fernen Gliedern lag eiln fürchterliches Frostgefühl. Seine Berne waren steif, »vie erfroren. Mit unendlicher Mühe wandte er sich herum und starrte in den Himmel. Es mochte gegen o Uhr morgens sein, die Stellung des Mondes sagte es ihm Was »var doch mit ihm geschehen- . . . Richtig, er war'hier nieder- gejunken ... im Fieber, und mehrere Stunden mochte er hier gelegen haben. U,id jetzt... wie kam es nur, daß er plötzlich erwacht war? Was war geschehen? Ein seltsam fremdes Geräusch sauste vor seinen Ohren; ungläubig, fassmigslos richtete er sich ein wenig auf Und plötzlich begriff er's: hier sprach jeniand. Ganz iii seiner Nähe. Zwei Männer »varen es, die da sprachen: Fran.- zosen.

Wie lange sollen wir hier noch stehen ist der verdammten Kälte," ftagte der eine.

l,,Es dauert nicht mehr lauge, Pierre," antwortete her andere, -ich habe den Befehl des Majors dein Leutnant selbst überbracht."

Was schnupperst du da herum?" fragte der mit Pierre An- geredete. Ter andere lachte leise.

,«Jch schaue ans, ivoher der Wftid kommt, . von Nordost . . . aus der Richtung von St . ihn hören ..."

Wen?"

Ten Hahn, den Hahn vom armen Jakob."

Den haben ioir doch in die Tonne gesperrt."

Heute hat er schon ioieder gekräht . . . wir hoben ihn deut- ich gehört . . . sein Herr wird ihn befreit haben."

Und jetzt ist er eine so ivichtige Persönlichkeit geworden?"

Freilich,^er ist unser Regimentstrompeter.' . Heute n, soll er uns das Signal zuin Angriff geben."

Was redest du da?"

Der Befehl lautet: sobald das Krähen des Hahnes durch den 29ald kommt, marschieren wir von drei Seiten aus St. zu."

Tu bist sicher, daß die Pnissiens keine Ubnnnq hoben, svas »vir plonen?"

Gott sei Tank da iverden wir

nacht