„Ich komm erst nach Neujahr in die Gegend," entschuldigte sich der alte Abraham.
Gottlieb, der christliche Kompagnon des dicken Fried länders, gab Zeichen der Unruhe von sich und schielte zu Fritz von Winkelberg hinüber. Doch der hielt die Augen fest geschlossen.
„Es lvar ein reelles Geschäft, Gottlieb!" rief der Dicke. „Warum soll man nicht drüber reden dürfen. Bar gegen bar? Was willst du? Hätten wir's gemacht, lveun's nicht streng reell gewesen war? Der Bartenstein und der Levisohn hatten's doch auch gemacht, wenn wir sie nicht überboten hätten. Aber die sitzen drin und können sich nicht rühren.' Was stecken sie alles in das faule Majorat!"
„Sagen sie!" erwiderte der alte Abraham ungläubig.
„Wird schon wahr sein!" meinte Gottlieb. „Sonst hätten sie sich das schöne Geschäft nicht aus der Nase gehen lassen!"
„Was war denn das siir ein Geschäft?" fragte der alte Abraham leise.
„Wozu?" lachte der dicke Fxiedländer. „Sie werden dir's schon erzählen, wenn du nach Zdurotschin kommst. Ein seines Geschäft, ein nobles Geschäft mit dem alten Baron von Winkelberg."
„Ist er doch schon vor drei Wochen gestorben!" rief der alte Abraham.
„Wie heißt, gestorben? Seine Frau lebt doch!"
Der alte Abraham schüttelte den Kopf. Neunzig Perzent! Und der Bartenstein und der Levisohn hatten zurückstehen müssen vor dem dicken Friedländer! Das wollte ihm nicht in den Sinn. Doch er faßte sich in Geduld. Drei Tage nach Neujahr war er ja doch in Britzkawe! Aus dem dicken Iried- länder war nichts herauszulocken.
„Was war das für ein Geschäft?" fragte plötzlich Fritz von Winkelberg und beugte sich aus der Ecke vor. Sein Atem ging hörbar, und seine Finger krampsten sich unter der Reisedecke.
„Nu," lächelte der dicke Friedländer freundlich, „wenn der Herr neugierig ist, dann kann er ja nach Britzkawe fahren!" y
Da hielt der Zug in Kraschwitz. Der Schaffner erschien und fragte nach den Fahrkarten. Der alte Abraham hatte em Billett vierter Klasse.
„Sie müssen nachzahlen!" schnauzte der Schaffner ärgerlich. "
... „Die Herren werden es bezahlen!" erwiderte der alte Abrahain und wies auf Gottlieb und den dicken Friedländer
Doch die schlugen ein lautes Hohngelächter an. Sie hatten es ihm zwar versprochen, wollten es aber nicht halten, und der alte Abraham war viel zu genau und hatte viel zu viel Kinder zu Hause, um dem reichen EisenbahnsiskNs auch nur emen Groschen schenken zu dürfen. Auch hatte er noch und^hinicher'^^ Perzent gemacht. Eifrig zankte man herüber
„Wieviel macht es?" fragte Fritz von Winkelberg und ßÄ? ln die Tasche. „Eine Mark fünfzehn," antwortete der Schaffner höflich.
ZZitz von Winkelberg reichte dem Beamten ein Zweimarkstück, stieg aus, verlangte ein leeres Coup4 und mußte sich mit ernem dritter Klasse begnügen. Der alte Abraham ?ber kroch beschämt m einen Wagen vierter Gille. Daun setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
.,tzritz von Winkelberg vermochte nicht, seine Augen zu schließen. Was für em Geschäft mochte seine liebe Stiefmutter mit diesem fetten Händler gemacht haben? Und
je sich der Heimat näherte,
streckte er sich aus die Sitzbank. Er war es gewohnt. Oft schon hatte er ferne Nächte auf schlechterein Lager zu- r/ngen müssen. Hub sein Herz beruhigte sich allmählich. Als die Räder über die Bartschbrücke rollten, erhob er sich und schaute durchs Fenster. Da schob sich Sulitsch heran mit dem hohen Turm der Gnadenkirche, dem fürstlichen Park und den zahlreichen Karpfenteichen, ^^da'aufkreischten dre Zugbremsen. Auf dem Bahnsteig L^cke e sich ern reger Verkehr; die Feiertage waren noch ?buug, und das Neujahrsfest war nahe. In den Packwagen lud man dreißig mittelgroße Fässer Eilgut. Darin waren Karpfen. Durch das Gedränge bei der Sperre schoben
$ e \ bldfe und sein Geschästsgenosse Gott-
lieb. Auch der alte Abraham drückte sich von hinten her entlang Als er Fritz von Winkelberg am Fenster gewahrte, zog tt demütig ote Mütze. Das mußte ein sehr
reicher Herr sein! Der warf mit Zweimarkstücken herum, als wären es Pfennige!
Schon hielt der Zugführer die Pfeife an die Lippen, um das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte noch je? mand über den Bahnsteig, riß das nächste Abteil auf, daS der Sperre genau gegewüberlag, und setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung. Fritz von Winkelberg hatte wieder Gesellschaft bekommen. Langsam humpelte der Zug über me Weichen auf die freie Strecke hinaus. Fritz von Winket- berg lehnte sich in die Ecke zurück und betrachtete den neuen Fahrgast, der sofort seinen Ueberrock ablegte und sich den schweiß von der Stirn wischte. Mit seinem breiten, blonden Bauernschädel und dem engen, kohlschwarzen Kandidatenrock sah er eigentlich ein bißchen komisch aus. Aber er war jung, hatte ein frisches, gesundes Gesicht und gute, treuherzige Augen. Als er sich etwas erholt hatte, zog er eine Zigarre heraus und wollte sie anstecken.
„Ich bitte," sagte Fritz von Winkelberg lächelnd, „daß Sie sich diesen Genuß bis zur nächsten Station versagen. Ich bin etwas leidend!"
„Wie Sie wünschen!" sprach der junge Mann höflich und steckte das Kraut weg. „Es macht mir selbst wenig Spaß. Ich tu's nur aus langer Weile!"
„Die könnten wir uns ja vertreiben!" schlug Fritz voll Winkelberg vor. „Sie sind Lehrer?"
„Das walte Gott!" sagte der andere und inachte eine saure Miene. „Moritz Gassel ist mein Name!"
„Sie haben einen schönen Berus!"
„Vielleicht?" meinte Moritz Gassel verbindlich. „Aber nur für den, der das nötige Talent hat."
„Sie besitzen sicher welches!"
^.Nicht die Bohne!" seufzte Moritz Gassel. Und da er ein ^chle,ier war, hielt er mit seiner kurzen Lebensgeschichte nicht lange hinterm Berge.
„Ich bin nämlich ein entgleister Landwirt. Komisch, aber wahr! Solange mein Vater lebte, ging ich auf die Land- wirtschaftsschule in Brieg. Als er starb, langte es nicht mehr. Mein ältester Bruder bekam die Wirtschaft, drüben im Kreise Nimptsch. Und ich mußte froh sein, daß mau mich aus dem iL-chullehrerseminar annahm. Da kriegt mau ja staatliche Unterstützung. Meine Abgangsprüfung bestand ich mit Ach und Krach. Wozu soll ich lügen? Es macht mir keinen spaß. Und die verdammte Schulmeisterei erst recht nrcht. Ich geb mir die größte Mühe, ich koinme mit dem kleinen Volk nicht zurecht. Sechs Monate war ich als Lehrerstellvertreter m Breslau, monatlick) fünfzig Mark Gehalt. Dann schoben sie mich plötzlich aufs Dorf ab."
„Sie werden natürlich versuchen, nach Breslau zurück- zukommen?"
m rr^i nc rehn Pferde kriegen mich dazu!" wehrte Moritz Gassel ab. „Lieber auf dem elendesten Dorfe hinter dem zehnten Walde als in der Großstadt! Da ist man nichts anderes als ein Pflasterstein Nummer soundso. Auf dem Land aber ist man ein Mensch, ein wirklicher Mensch ohne Nummer. Je weiter weg, um so sicherer. Da kommen die Inspektoren und die Schulräte sehr selten. Man ist sein freier Herr, und kann treiben, was man für richtig hält."
(Fortsetzung folgt.)
Der arme Zakob.
, .Bon Paul R o s e n h a Ij jt.
Drei Tage lang hatten sie um das Städtchen gekämpft. Um das kleine Städtchen St., das aus dem Kamm der Pogesen lag und die Grenze gegen Frankreich bezeichnete. Jetzt endlich war das lleme Nest wieder in den Häiiden der Deutschen. Tie Ei,r- wohner. atmeten aus; endlich fc* M ;c . . . Diese armen Men- schen die tagelang scheu und Minier ihren kleinen Fenstern lehockt hatten, öffneten ihre TüreDnnd ihre Fenster. Und dann strömten sie hinaus auf die schmalen, l>olprigeu Straßen, die Deutschen zu sehen. '
Aus der Bürgermeisterei wurden die Quarticrzettel verteilt ~ l ° U "wer, die eben, lärmend und sich balgend, aus der Schute kamen, brachten die große Neuigkeit atemlos mit nach Hause. Tann stürmte alles zuni Hause des Bürgermeisters. Und bald führte rede Familie un Triuniph ihren Feldgrauen nach Hause.
0ff , Abend aber gab es ein nngeheures Schmausen in St.
Alle Borrate, die man in Küchen und Kellern und Sclieunen ver- tectt gehalten hatte vor den Herren Franzosen, die kamen nun Plötzlich ans Tageslicht; geräucherte Würste, Speck, Schinkeii — dazu goldiger Honig ans den Äogesey und wür-zige Butter
Lik


