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-,Jch erwarte von meinem Vater and) nichts anderes!" sprach Hedwig stolz und sah die Mutter fest an.
„Ach ja!" seufzte die. „Du bist deines Vaters Tochter!"
„Und immun muß Hugo durchaus studieren?" begehrte Hedwig auf.
„Das verstehst du nicht!" rief die Mutter hestig, denn das war ihre empfindliche Stelle.
Irr diesem Augenblicke schlug Waldmann an, der unter dem Christbanm lag, und der alte Briefträger öffnete die Xüx.
„Ein Telegramm!" sagte er und legte es auf den Tisch.
„Von Hugo!" stieß Frau Knorreck heraus und sank leichenblaß aufs Sofa zurück. Hedwig las die Adresse.
„Inspektor Britzkawc. Das i\t für Vater!"
Und schon sprang sie hinaus und über den Hof, um cs ihm zu bringen.
„Wissen Sie nicht, was drin steht?" fragte Frau Knorreck anfatmend.
„Keine Ahnung!" antwortete der Briefträger und ließ sich den Kaffee schmecken. „Von Herrn Hugo ist es nicht. Der telegraphiert doch nicht an den Herrn Inspektor. Er wird schon wissen, warum. Habe:: Sie was mitzugeben, Frau Knorreck?"
„Ich hob ihm ja' erst 5.1t Weihnachten zweihundert Mark geschickt."
„Also morgen!" nickte der alte Postbote, bedankte sich und ging ins Dorf.
Hedwig aber suchte den Vater. Der stand hinter den leeren Stallungen mitten auf dem festgesrorenen Düngerhaufen. Das war das einzige, was die Räuber dagelassen hatten. Da bog Hedwig um die Ecke.
„Ein Telegramm!" rief sie laut und schwang das Papier.
August Knorreck brauchte erst gar nicht vom Düngerhaufen herunterzutlettern. Schon war sie bei ihm. Er klemmte den Jnspeltorstock, der einen kleinen Spatel am) Ende hatte, -wischen die Knie und ritz mit einem Griff die Depesche auf.
„Er kommt!" stieß er heraus. „Schon heut mittag um zwölf. Der Wiegelt must den Schlitten geben. Thomas soll ihn holen."
„Der ist längst bei ihm," erwiderte sie und sprang mit einem Satze vom Hausen herunter, der wie ein kleines Schneegebirge vor der langen Reihe der Stalltüren lag.
„Mädel, fall nicht!" warnte der Baker und half sich mit dein Stock vorsichtig herunter. „Es ist hier glatt."
„Wenn's nur hält!" lachte sie und blieb bis an die Ecke neben ihn:.
,/Sag Mutter Bescheid!" befahl er und! gab ihi: das offene Telegramm. „Ich geh selber zum Wiegelt."
„Ich möcht mitsahren!" bat sie, beinahe schüchtern, und schilug unwillkürlich die An gen nieder. „Ich« bin so nerv- gierig, wie er arrssieht."
„Wie wird er aussehen?" fragte August Knorreck und steckte -nur erstenmal sein sorgenvolles Gesicht weg. „Wie die Herren von Winkelderg schon seit zweihundert Jahren aus-' gesehen haben!"
„Aber er war doch so lange weg!"
„Dreizehn Jahre! Was ist das für einen Mann?"
„Mer doch in Amerika!" , j (
„Da wird aucfji blost mit Wasser gekocht."
„Darf ich mit?" schmeichelte sie dem Alten um den grauen Bart.
„Meinethalben!" knurrte er gutmütig. „Mach dich zurecht. In einer halben Stunde komm ich vorgesahren."
Da stob sie eilig davon, daß ihr die Rocksäume um die schlanken Fesseln flatterten. Der Vater schaute ihr mit großem Wohlgefallen nach. Das hatte er verkehrt gedeichselt: Hugo hätte daö Mädchen und Hedwig der Junge sein müssen. Und doch war's kein Fehler. Ein herzhaftes Mädel war allemal mehr wert als ein herzhafter Junge!
Dann ging August Knorreck durch das Hostor und über den weiten Dorsplatz auf die rote Laterne zu, auf die ein schäumendes Bierglas und mit weißen Buchstaben: Franz Wiegelt gemalt waren. Lauge Schritte machte er, und fest trat er auf. Seine Gestalt war breit und wuchtig. Und wenn er den scharfen Stock nicderhicb, dann wußte der Boden wer über ihn dahinschritt.
In der Wirtsstube fand er Thomas Hauschild hinter hei: Karten hocken. Franz Wiegelt saß bei ihm und ließ sich ,chmerzloö die Groschen abknöpfen.
„Wiegelt!" sagte August Knorreck und trat an den Tisch. „Ich brauche euern Schlitten."
„Kleine Fuhre machen?" gab' Franz Wiegelt behäbig zurück. „Rach Zdurotschin?"
„Rach Luschelan," antwortete der Inspektor und setzte sich. „Der Herr Baron kommt."
Franz Wiegelt blieb vor Verwunderung der Mund offen stehen. Aber er machte trotzdem keine üble Figur. Secks Jahre hatte er bei den Husaren gedient, war, ohne es je erwartet zu haben, durch den Tod eines Onkels in den Besitz des größten und besten Bauerngutes von Britz- kawe gelangt, l)atte, da er ein unternehmender Mann war, das danebenliegende Kretscham gekauft, und betrieb, weil er es einmal in der Jugend gelernt hatte, nebenbei de:- Viehhandel und die Fleischerei. Seine Dauerwurst wer weit über Sulitsch und Krotoschin hinaus bekannt. Außerdem loar er Gemeindevorsteher.
„Er kommt also doch!" sagte er, nachdem er sich erholt hatte. „Ich. hätt's nicht geglaubt. Wird schon nicht lange bleiben. Das Gut ist nicht zu halten."
„Abivarten!" erwiderte der Inspektor ernst und ließ sich ein Glos Bier geben.
„Ihnen hätt ich die Fuhre umsonst gegeben," meinte Franz Wiegelt, „für den Baron kostet sie zwei Taler."
„Das ist nicht recht!" versetzte August Knorreck ärgerlich«. „Ihr solltet Euch freuen, daß die Tiere bewegt werden!"
„Tu ich. auch!" lachte der Wirt. „Aber der Baron — ."
„Was habt Ihr gegen den Herrn Baron?"
„Weil er Baron ist!" rief der stiernackige Wirt und stemmte beide Fäuste auf den Tisch. „Warum hin ich nicht Baron?"
Thomas Hauschild lachte hell auf.
„Ihr wärt mir der rechte Baron!" sagte August Knorr- eck verächtlich und wischte sich den Schaum aus dem Barte. „Spannt lieber an!"
Franz Wiegelt ging hinaus und rechnete. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Rur bei Thomas Hauschild kam er niemals auf die Kosten. Der rückte jetzt näher heran.
„Wollen Sie mit?" fragte ihn August Knorreck, der seine Hintergedanken hatte. >
„Wenn's nicht sein must?"
„Must nicht sein!" erwiderte der Jüspektor kurz, fast barsch. „Aber in Ihrem Interesse. Wenn so ein neuer Herr kommt —"
„Ich. bleib ja doch nicht hier!" sprach Thomas Hauschild hochmütig. [
„Das würd mir leid tun!" sagte August Knorreck ehrlich.
„Sie wissen ja ganz genau, was mich hier hält. Aber wenn man so wenig Entgegenkommen findet, dann verliert man allmählich die Lust. Ihre Frau ist ja auf meiner Seite, aber es hilft nichts. Wenn Sie mal ein Wort für mich cin- legen wollten!"
„Ich werde mich hüten!" rief August Küorreck mit Ueberzeugung. „Das ist Ihre Sache! Wenn Sie mit ihr ins reine kommen, soll's mich freuen. Und wenn nicht, dann werd ich mich auch nicht ärgern."
Thomas Hauschild liest traurig den Köpf hängen. Die Gedanken liefen ihm durcheinander wie die Hasen bei der Treibjagd. Endlich erwischte er einen bei den Löffeln.
„Wiegelt sagt, der Baron sitzt blö an den Hals drin. Er hat's in Sulitsch aus dem Markt gehört. Der Bartenstein und der Levisohn sollen ih!n ganz in der Hand haben."
„Ostratsch!" ries Knorreck unwillig und griff zur Mütze, denn draußen läuteten schon die Schiittcnschieuen.
Als Thomas Hanschild den achten Groschen gewonnen hatte, sauste der Schlitten das Dorf hinunter. Hedwig kutschierte auf dem Bock, neben ihr saß der Vater. Da warf Thomas Hauschild mit einem ärgerlichen Fluch, die Karten hin, bezahlte sein Bier :u:d ging hinaus. Ein paar Minuten später war sein Unmut schon verflogen. Da stand er bet Pelagia Dubin am Pfarrgutsgarten und schäkerte mit ihr über den niedrigen Zaun hinweg. Unterdessen zogen die beiden Ruppen das leichte Gefährt pfeilschnell über die alattgesrorene Straße. Die beiden Tiere waren funa> und hatten Feuer. Doch Hedwig zügelte sie kräftig!. Als sie au den kleinen Berg vor Pooraschke kamen, Hefen sie schow ganz von selbst langsamer. - ,
(Fortsetzung folgt.) ' v v ' _ r* / *"i •


